Okyohn Lee

Article Bio Projects
crossroads:
Erinnerung, Heimat, Identität
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Fotografie, Installation)
region:
Europe, Western, Asia, Eastern
country/territory:
Germany, Korea, South (Republic of Korea)
created on:
June 30, 2003
last changed on:
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Okyohn Lee

Article

Farbe, Form und Zeit

Okyohn Lee, 1949 in Busan, Südkorea geboren, studierte in Seoul, wo sie in den siebziger Jahren zur künstlerischen Avantgarde gehörte. 1984 verlegte sie ihren Wohnsitz nach Berlin. Mit den Mitteln der Installation und der Fotografie arbeitet sie seit Anfang der neunziger Jahre in langfristigen Projekten an Themen wie „Global Intershop“, „Mixturen“, „Kaleidoskop“, „Die Himmel“ und „Die Eichen“.
Okyohn Lee wurde 1949 in der südkoreanischen Hafenstadt Busan geboren. Ein Geschichtsstudium an der Sogang-Universität in Seoul schloss sie 1972 mit dem B.A. ab und wandte sich darauf bei einem Studium der Kunstgeschichte an der Hongik-Universität in Seoul der westlichen Malerei zu. Gleichzeitig gehörte sie zur Avantgardeszene in Seoul und begann 1974, auch künstlerisch zu arbeiten. Zwar besaß sie keine akademische Künstlerausbildung, aber dennoch wurde ihre erste Arbeit im Nationalmuseum in Seoul gezeigt und auch prompt für die Teilnahme an der Biennale in Paris nominiert. „Ich war mir gar nicht im Klaren darüber, ob ich künstlerisch arbeiten sollte. Ich besuchte den Graduiertenstudiengang auf der Kunsthochschule und studierte Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Aber nach diesem Anlass bekam ich viele Angebote für Gruppenausstellungen usw., und da fiel dann die Entscheidung, und ich habe Kunst gemacht.“ (Interview vom 20.12.02)

Okyohn Lee charakterisiert diese Jahre in Seoul als intensiv gelebte Zeit des Aufbruchs und der Begegnung mit Menschen, mit neuen und ungewöhnlichen Ideen, mit europäischer und US-amerikanischer Kunst, Filmen und Literatur, die zu eigenen Experimenten und Erfahrungen führten. In jener Zeit arbeitete Okyohn Lee auf großflächigen Leinwänden mit Sand und anderen Objekten, was sie heute „Objektmalerei“ nennt. Ihre großformatigen Sandbilder wurden 1976 in São Paulo bei der 13. Biennale gezeigt. 1977 beendete sie das Studium mit einer Magisterarbeit über „Nach-Malerische Abstraktion der sechziger Jahre in den USA“ und nahm danach einen Lehrauftrag an der Hanseung-Fachhochschule für Kunst und Design in Seoul an, den sie bis 1983 innehatte. Für Okyohn Lee verbindet sich die abstrakte Kunst eines Barnett Newman oder Ellsworth Kelly mit der asiatischen, vom Taoismus geprägten Haltung zur Natur, weil Wesentliches und Philosophisches vollkommen sichtbar werden.

1984 übersiedelte Okyohn Lee nach Berlin; seit 1989 tritt sie auch wieder als Künstlerin in Erscheinung. Durch die Künstlerweiterbildung am Studiengang Bildende Künste der Hochschule der Künste (jetzt: Universität der Künste) kehrte sie noch einmal in den universitären Bereich zurück. Hier regte sie das Projekt „Heimat in der Erinnerung“ an, in dem sie mit Kommilitonen aus anderen Ländern die Erfahrungen als „Künstlernomaden“ mit Heimat, Erinnerung, Identität und kollektiver Zugehörigkeit an ganz konkreten Themen wie etwa „Wohnen und gewohnt werden“ reflektierte. Sie resümiert: „Das Wort Herkunft zu sprechen, bedeutet immer, dass etwas aus einem festen Zusammenhang herausgelöst ist, das man als selbständig zu definieren versucht, wobei man sich aber auf ethnische, geographische, politische, ideologische und sprachliche Kategorisierungen bezieht. Solange diese feste Verwurzelung die Welt aufteilt und Unterschiedlichkeit verursacht, kann man über die Behauptung, man sei ein ungebundener Einzelmensch, nicht reden wie über das Wetter, nachlässig und ohne Anstrengung.“ (Aus der Zertifikatsarbeit der Künstlerin zu diesem Projekt).

Schon in diesem Projekt finden sich Ansätze zu späteren Arbeiten, wie Okyohn Lee ihre Themen überhaupt langfristig und geduldig entfaltet, ihnen Zeit, Raum und Mühe widmet, damit sie die ihnen gemäßen Ausdrucksformen findet. Über die Hypothese von einer universellen Wertschätzung der Farben Rot und Gold fand sie zur Realisierung ihrer Installation „Global Intershop“, die 1995 erst im Haus der Kulturen der Welt, dann im Goethe-Institut in Seoul gezeigt wurde. Das grundlegende Interesse galt den Farben, die sie an vielen Orten der Welt in gleicher Funktion fand: Aufmerksamkeit erregend und Kostbarkeit signalisierend. Sie beobachtete diese Fakten allenthalben, sammelte Fundstücke, ließ das Projekt reifen und gab ihm schließlich eine Form: nicht endgültig oder abschließend, denn Veränderungen und Erweiterungen sind in ihrer Arbeit erwünschte Faktoren.

Im konzentrierten Sammeln und Archivieren entdeckt sie „die Tendenz der Dinge“, wie sie 1998 der Berliner Morgenpost sagte: „Erst dadurch sehe ich alle Aspekte der Welt. Und nur wenn ich das Wesen einer Sache begreife, kann ich Spuren sichern.“

Okyohn Lee arbeitet „in langen Spannen“ an den Themen, die sie künstlerisch interessieren. So gibt es verschiedene Folgen zu diesen Themen, deren äußere Formen variieren. Zu den schon in den achtziger Jahren begonnenen Arbeiten zählt „Die Himmel“, entstanden als Fotografien des „allgegenwärtigen Himmels“, der „jedermanns eigene Sache“ ist und sich dabei nicht gleich bleibt. „Er ist so unterschiedlich wie die Menschen in der Welt und wie es unterschiedliche Orte auf der Welt gibt. Irgendwann habe ich angefangen, diese unterschiedlichen Himmel jedes Ortes, den ich besuchte, fotografisch zu bewahren. \... Ich sammle diese Himmel als immaterielle Objekte, als colourfields, und lege sie in Form von Farbfotostreifen nebeneinander. Der Himmel weist ein einheitliches Zeichensystem auf, in welchem Klimaunterschiede, Farben- und Lichtvielfalt reflektiert werden. In gewissen Sinne wird der Himmel so Orientierungspunkt inmitten der unüberschaubaren Vielfältigkeit der Gegenwart. Irgendwann hält dieses hermetisch abgegrenzte Nebeneinanderstehen nicht mehr und bricht plötzlich auseinander. Die Himmel zerstreuen sich und es beginnt eine surreale Reise durch Orte und Zeiten.“ (Aus einem Text von Okyohn Lee zu „Die Himmel“; auszugsweise abgedruckt im Katalog zu „HeimatKunst“.)

Okyohn Lee erkennt die Unterschiede „ihrer“ Himmel ganz genau, kann durch die Farbe des Himmels den Ort der Aufnahme bestimmen: ein Streifen Lila deutet auf eine Küste – „Feuchtigkeit und Trockenheit und Sonnendünnheit“ rufen die Farben hervor, während das satte Blau mancher Himmel über Berlin auf das „Preußischblau“ verweist. Die Subtilität der Unterschiede im Zeichensystem des Himmels erfordert die Entwicklung einer besonderen Sensibilität, damit diese nicht in der Beliebigkeit einer Farbskala untergehen, sondern die Regelhaftigkeit der Farbtönung preisgeben. Wie etwa das durch die Feuchte des Meeres erzeugte Lila am Himmel über der Küste Kretas.

Und obwohl Okyohn Lee die Ähnlichkeit in ihren Fotografien auf „unheimlich mühsamen Wegen eigentlich bis zum Ende treibt“, ist das „aber trotzdem nicht echt. Weil wir das in ein anderes Medium wandeln.“ Diese Art von Übersetzungsarbeit folgt feinsten Unterscheidungen. „Einige Sachen sind überhaupt nicht erkennbar, wenn man dafür keine Sensibilität entwickelt hat.“ Und doch bleibt es Verabredung, denn: „das ist Kunst“ (Interview vom 20.12.02) Nur erlaubt diese Art von Arbeit auch noch andere Aussagen: die Installationen verweisen auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten, lassen Aussagen über Regionalität und Universalität zu, geben in den langen Beobachtungszeiträumen subtile Regeln preis, die mit den gesammelten Materialien im Archiv belegt werden könnten. Aber ein solches Geschenk macht diese Kunst nur einem Betrachter, der sich auf sie einlässt und ihr mit Achtung und Geduld begegnet.

Zunächst trifft dieser Betrachter z. B. bei einer der Installationen aus den „Mixturen“ auf eine Serie von gleichen Flaschen, die auf Plexiglasgestellen zwischen Doppelfenstern stehen. Die Flaschen sind mit unterschiedlichen Fruchtsäften gefüllt, wobei die rötlichen Säfte aus den nördlichen Regionen stammen, die gelblichen aus dem Süden. Okyohn Lee mischt diese Säfte, die sich, wie sie zu ihrer Verwunderung über einen Zeitraum von nun sieben Jahren beobachten konnte, gar nicht so sehr verändern, obwohl sie in ihrem Atelier der Sonne stark ausgesetzt sind. Und das Licht ist ebenso Bestandteil dieser Arbeit, wie die anderen Materialien: es fällt durch die mit einem lebendigen Stoff gefüllten Flaschen und wärmt den Raum mit dem Abglanz sonnengereifter Produkte, die einmal dazu bestimmt waren, eine andere Art von Wohlbefinden in aufnahmebereiten Körpern zu erzeugen. Eine „Übersetzungsarbeit“, die Durchsichtigkeit und Transparenz aus der Überlagerung und den Mischungsverhältnissen von eher grobstofflichen Mitteln schafft, deren Farbe im Licht erglüht und den Beschauer umhüllt.

Die Serie von Arbeiten unter dem Titel „Die Eichen“ entstand, um zu zeigen, dass kein einziges Blatt einem anderen gleicht, dass es keinen Prototyp für die Schnittform eines Eichenblattes gibt. Mit der Erkenntnis der Differenzierung wächst auch die vom Anderssein. Mittels fotografischer Doppelbelichtung wird jedes Blatt mit dem Herkunftsbaum verbunden und mit der Umgebung: der Stadt, einem Park, dem Wald, Fußgängern, Spaziergängern, leeren Straßen: eine Dokumentation des Hier und Jetzt. Die Arbeiten faszinieren durch ihre Vielfalt und durch die Ruhe der Betrachtung in dieser Bestandsaufnahme von Differenz eines überall auf der Welt verbreiteten Phänomens. Okyohn Lee resümiert: „Meine Eichensammlung wächst und wuchert allmählich im Laufe der Zeit und wird schließlich ein großer, weltumfassender imaginärer Wald werden.“

Auch die Arbeiten im Umfeld des Themas „Kaleidoskop“ sind aus Überlagerungen entstanden, weil Okyohn Lee anfangs versuchte, aus unterschiedlichen Arten ein visuelles Mischungsverhältnis zu erzielen. Dann aber konzentrierte sie sich auf den Britzer Dahliengarten, den sie seit 1998 jährlich besucht und fotografiert. Daraus schuf sie die Serie „Blumen“. Fotografie ist für sie ein Instrument mit nützlichen Eigenschaften, auf das sie nicht verzichten kann. In Mehrfachbelichtung erzeugte Fotos werden am Computer eingescannt und weiter bearbeitet: Schicht für Schicht wird genau wiederholt – ein äußerst mühseliger Prozess, wie die Künstlerin sagt, weil die einseitige Bewegung anstrengend ist. Die Farben der Dahlien „mischen sich, wie wenn ich malen würde“, und wie in der herkömmlichen Technik entsteht in Schichten das abstrakte Bild, die fotografische Malerei. Nach den dabei entstandenen grafischen Strukturen gefragt, antwortete die Künstlerin: „Das kommt mit. Ich habe eigentlich nicht so viel Interesse an Strukturen. In erster Linie interessiert mich die Farbmischung.“ (Interview vom 20.12.02) Es sind klare Schichten in einem überlagerten Bild, die ihre Durchlässigkeit behalten und gleichzeitig Bewegung und Tiefe verleihen. Die Fotografie begann bei den konkreten Dingen, durch die Belichtung und die Bearbeitung verschwindet das Dingliche und löst sich aus dem Materiellen. Dazu äußerte Okyohn Lee: „Mein Ziel ist nicht nur einfach Schönheit \..., das ist die sogenannte Stille, die schon immer in der Malerei ein Grundthema ist. Auch die sogenannte Schönheit ist überhaupt für mich ein Thema gewesen. All das Wesentliche existiert als Farbe, und als ein Gegenstand mit Farbe ist am intensivsten die Blume. Daher kommt das.“ Diese Arbeiten können wie ein gebändigter, strukturierter Rausch aus Farbe gesehen werden, und jedes Bild kann ganz unterschiedliche Assoziationen auslösen.

Die Zeit selbst ist Bestandteil der Kunst von Okyohn Lee. Mit vielen ihrer Themen ist sie bereits seit Anfang der neunziger Jahre beschäftigt, und sie entwickeln sich auch in der Zeit. Am Beginn steht eine geistige Begegnung, nicht etwa ein Konzept. Die Inspiration „ist immer plötzlich, aber was hinter dem Unbewussten steckt, das kommt erst irgendwann danach heraus. Man sagt, das sei eine Idee. Aber Idee, das sieht aus, als wäre es bewusst und planmäßig, doch so geschieht das nicht. Naja, man sagt, als Künstler sieht man die Zeit voraus. Das heißt, man sieht es nicht bewusst voraus, sondern man spürt irgendetwas und dann begegnet man einer bestimmten Form, etwas Künstlichem. Das kommt einem wie eine Übersetzung vor.“ – „Aber was ich so sehe: wenn man nicht wirklich in sich drin ist, kann man etwas nicht wirklich realisieren.“
Author: Beate-Ursula Endriss

Bio

Okyohn Lee wurde 1949 in Busan im Süden Koreas geboren. Nach dem Abschluss (B.A.) eines Studiums der Geschichte an der Sogang-Universität in Seoul 1972 wandte sie sich als Graduierte an der Kunsthochschule der Hongik-Universität dem Studium der westlichen Malerei zu, das sie 1977 mit dem M.F.A. abschloss. Okyohn Lee gehörte zur künstlerischen Avantgarde Koreas und arbeitete mit Objekten und großflächigen Leinwänden. 1974 wurde sie mit ihrer ersten Arbeit, die in einer Ausstellung im Nationalmuseum in Seoul gezeigt wurde, für die Biennale in Paris nominiert. 1976 nahm sie mit ihren großformatigen Sandbildern an der 13. Biennale in São Paulo teil. Hin und her gerissen zwischen praktischer künstlerischer Tätigkeit und ihrem Interesse an Kunsttheorie, schrieb sie ihre Magisterarbeit über „Nach-Malerische Abstraktion der 60er Jahre in den USA“, übersetzte Artikel für Kunstzeitschriften und lehrte von 1979 bis 1983 an der Hanseung-Fachhochschule für Kunst und Design in Seoul. 1984 verlegte sie ihren Wohnsitz nach Berlin und absolvierte von 1989 bis 1991 ein Studium der Künstlerweiterbildung der Fakultät Bildende Kunst an der damaligen Hochschule der Künste (HdK, heute Universität der Künste) in Berlin. 1991 initiierte sie an der HdK das Projekt „Heimat in der Erinnerung“ mit ausländischen Künstlern. 1992 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats, 1995 installierte sie ihren „Global Intershop“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin und im Goethe-Institut in Seoul. 1996 beteiligte sie sich an Instalscape in der Kunsthalle von Taegu in Korea. Und 1998 folgte eine Ausstellung im Kumho Museum of Art in Seoul. Das Jahr 1999 verbrachte sie durch ein Arbeitsstipendium im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf; stellte im Jahr 2000 im Museum für Naturkunde und Vorgeschichte in Dessau aus und beteiligte sich im gleichen Jahr an HeimatKunst im Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Ein Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Salzwedel durch das Land Sachsen-Anhalt schloss sich 2001 an und im Jahr 2002 wurden „Die Eichen“ im Johann-Friedrich-Danneil-Museum in Salzwedel gezeigt.
Seit 1984 lebt und arbeitet Okyohn Lee in Berlin.

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Heimat Kunst

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

(01 April 00 - 02 July 00)