Laura Padgett

Article Bio Works Merits Projects Images www
crossroads:
Alltag, Identität
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Fotografie, Videokunst)
region:
America, North, Europe, Western
country/territory:
United States of America, Germany
created on:
July 18, 2003
last changed on:
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Laura Padgett

Article

Ungewöhnliche Blicke auf das Gewöhnliche

Die 1958 in den USA geborene Laura Padgett ist in ihren Fotografien und Video-/Filmarbeiten auf der Suche nach dem ungewöhnlichen Blick auf das Alltägliche, Gewöhnliche. Durch die Fragmentierung scheinbar vertrauter Umgebungen schafft sie neue Blickweisen und lässt so eine neue Identität des Erlebten entstehen. Padgett lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.
Während eines Aufenthaltes in den Jahren 2001/2002 machte sich Laura Padgett in London an die Verfolgung einer Spur, die sie bei einem vorherigen Besuch in dieser Stadt entdeckt hatte. Sie stieß damals auf ein privates Museum, das etwas äußerst Seltenes bietet: einen „authentischen“ Eindruck eines bestimmten Zeitpunkts der englischen Kulturgeschichte. Abseits der großen staatlichen Sammlungen, die beauftragt sind, die Präsentation ihrer Exponate dem jeweils aktuellen Stand des historischen Bewusstseins anzupassen, entdeckte sie das Sir John Soane’s Museum, das seit dem Todestag des Stifters, eines gefeierten Architekten, die auch im Arrangement unveränderte Sammlung südländischer Erinnerungen von englischen Reisenden enthält. Antike Mitbringsel, bildungsbeflissene Andenken, Skizzen von Ruinen, kurz: authentische Eindrücke mediterraner Sehnsüchte des frühen 18. Jahrhunderts. Eine wahre Fundgrube für die kleinen Nebensächlichkeiten, die oft den wahren Grundstock historischer Erinnerung ausmachen.

Für solche Nebensächlichkeiten hat Laura Padgett ein Auge. Sie misstraut dem ersten Eindruck, der Opulenz des Monumentalen, der Leuchtkraft des Prominenten. Die Wahl des Unscheinbaren, aber auch die Wahl einer seltenen Perspektive, einer ungewöhnlichen Sichtweise auf das Objekt, macht ihre Arbeit interessant und faszinierend. Dabei blendet sie das Heute aus: Es sind nicht Luftbefeuchter oder Steckdosen, schon gar nicht die Neugier japanischer Touristen, auf die sie unser Auge lenkt. Die Rockschöße einer Porzellanfigur, ein zerknäueltes Schokoladenpapier, die blinden Fenster eines Museumsraumes ohne identifizierbare Exponate: Dies alles führt zu einer Fragmentierung des Erklärungsrahmens, durch den wir normalerweise solche Objekte betrachten. Das Haus wird in seiner Architektur nicht fassbar, das Museum verliert seine Identität als Bewahrer der Zeugnisse vergangener Epochen. Dagegen gewinnt das einzelne Objekt seine Individualität zurück. Es scheint, als ob Padgett, die sich sehr für den Umgang mit Historie interessiert, hat sagen wollen: Es gibt sie nicht, die einheitliche, klar katalogisierbare, visuelle Geschichte.

In dem Zyklus „morning glories“ von 2000/2001, Padgetts erster ausführlicherer Beschäftigung mit den Möglichkeiten der Farbfotografie, zeigt sie sozusagen Menschen in ihrer Abwesenheit. Laura Padgett hat diese Aufnahmen während eines Aufenthaltes in Wales gemacht, in dem Hotelzimmer, das sie bewohnte. Wir sehen ein Interieur, in seiner grandiosen Opulenz faszinierend und doch zugleich beängstigend. Rote, gelbe, blaue Blumen, ein Blütenmeer auf Stoffen und Tapeten, in dem man ohnmächtig zu werden droht. Tageslicht erhellt das Zimmer, und dennoch scheint dieses Licht nie auszureichen, um die unheimliche, aus der Vergangenheit stammende Aura des Ortes ausleuchten zu können. Auf einigen Aufnahmen brennt eine elektrische Lampe. Zusätzliches Licht, nötig, um den Tag ertragen zu können. Die Unwirklichkeit einer rauschhaft trägen Schwere entzieht beinahe jeden Sauerstoff. Die Menschen, die hier wohnten, sind gegangen oder gestorben. Nach und nach, Bild für Bild erschließt sich die Einheit des Raumes, wie in der Erinnerung an eine lange verdrängte Geschichte beginnt das Zimmer zu erzählen. Ein Buch, ein Mantel, ein benutztes Bett – hier atmete, schlief, lebte ein Mensch. Elemente, separiert aus ihrem alltäglichen Bedeutungszusammenhang, versehen mit der Aura und Würde des Besonderen. Zurückgegeben an die Phantasie des Betrachters, der damit beginnt, den Dingen ihre Bedeutung zurückzuerstatten.

Häufig fügt Laura Padgett ihren Bildern oder Bilderzyklen Texte bei, die den Bildinhalt weniger kommentieren als vielmehr ergänzen, ihn mit einer weiteren Ebene versehen. In dem Zyklus „coming back“ von 1996 fügt sie fünf Schwarzweißfotografien Texte hinzu. Auf den Bildern sind keine Menschen zu sehen, wohl aber die Spuren menschlichen Verhaltens: Ein winterfest gemachter Zierbrunnen, eine leere Stuhlgruppe, ein nummeriertes Scheunentor, ein mit dem doppeldeutigen Wort „left“ beschrifteter Markierungsstein. Die einfachen Sätze, den Bildern bei- oder zwischen sie gestellt, eröffnen dem Betrachter den Raum für eine weitere, vielleicht seine eigene Geschichte. Zu dem Bild des verpackten Zierbrunnens, dem eine einfache Wasserpumpe gegenübersteht und dem Foto des mit der Zahl „5“ beschrifteten Scheunentores heißt es: „It happened again.“ Was geschah zum wiederholten Male? Die Vorbereitung des Gartens auf den Winter? Das Verlassen eines lieblichen Anwesens, die Erkenntnis dauerhafter Unbewohnbarkeit, der Überdruss an der Betrachtung zweckfreien Divertissements? Der Betrachter wird in das Bild hineingesogen, der Bildgegenstand verliert seinen ausschließlich gegenständlichen Charakter. Darüber hinaus, so die Künstlerin, stehen die Bilder untereinander in einem inhaltlichen Bezug und verweisen zudem auf externes Material (Gedichte, Bilder usw.). Es geht um Verlassen, um das, was bleibt, wenn man geht, um das reale und romantisierende Erinnern. Und in der Tat reflektieren die Arbeiten auch die persönliche Geschichte Laura Padgetts. Die Bilder dieses Zyklus wurden in zwei Ländern gemacht, den USA und Deutschland.

Gegenüber den fotografischen Arbeiten tritt das filmische Schaffen Padgetts eher in den Hintergrund. Von 1986 bis 1988 hat sie sich ausführlicher diesem Medium gewidmet und drei Kurzfilme und einen 40-minütigen Film über Hildegard von Bingen gedreht – z.T. waren diese Produktionen auch auf dem Oberhausener Festival zu sehen. In jüngster Zeit hat sie die Arbeit mit diesem Medium wieder aufgenommen.
Author: Stefan Zednik

Bio

Laura Padgett wurde 1958 in Cambridge/USA geboren. Sie studierte zunächst 1976-80 Malerei am Pratt Institute of Art and Design in Brooklyn, New York, 1983-85 Film und Fotografie bei Peter Kubelka und Herbert Schwöbel an der Staatlichen Hochschule für Bildende Kunst (Städelschule) in Frankfurt am Main. 1990-92 unterrichtete sie als Dozentin für Fotografie und Kunsttheorie an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Erwerb des Magistergrades (MA) für Kunstgeschichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt a. M. 1994-99 arbeitete sie als Dozentin für Fotografie an der Bauhaus-Universität in Weimar, im Februar/März 2000 als Gastdozentin am Falmouth College of Arts (Großbritannien). Weitere Gastvorlesungen am Yale College, Wrexham und am Mount Ida College, Boston, Massachusetts/USA. 2001-02 war Laura Padgett Dozentin an der Akademie für bildende Künste der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Künstlerische Vorbilder oder Fotografen, denen sie Wertschätzung entgegenbringt, sind für sie Eugène Atget, Walker Evans, Charles Sheeler, Ben Shahn oder Garry Winogrand. Laura Padgett lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Works

Publikationen

Published Written,
2003
1989 „Kunst in Frankfurt 1989“, zu „150 Jahre Fotografie“, Frankfurter Kunstverein 1991 „Listen“, Heft 25, Herbst 1991, Frankfurt am Main, (Foto/Text Arbeiten auf S. 1, 4, 18, 28, 34, 52) 1992 „Frauen/Kunst/Wissenschaft“, Heft 14 (Fotografie), Oktober, Jonas Verlag, Marburg (Laura Padgett zu ihrer Arbeit S. 101-104) „Listen im Portikus“, Katolog zur Ausstellung Nr. 41, hrsg. v. Listen und Portikus, Frankfurt am Main 1994 „Laura Padgett“, in: „Telltales“, Forum der Frankfurter Sparkasse von 1822, Frankfurt am Main „Telltales“, Katalog zur Ausstellung im Forum der Frankfurter Sparkasse, 1994, Frankfurt am Main „Kunst in Frankfurt: Positionen aktueller Kunst der 80er und 90er Jahre“, Katalog hrsg. v. Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, 1994 1995 „Found Object“, issue 5, spring Center for Cultural Studies, City University of NY Graduate Center, New York, NY 1995 (Beitrag von Laura Padgett, S. 102-105) „Found Object“, issue 6, fall 1995 Center for Cultural Studies, City University of NY Graduate Center, New York, NY (Umschlagfoto und Fotografien auf S. 2-7, 14,33, 126-27) „Sequenz Katalog“, Dokumentation der Ausstellungen 1-10, Sequenz, Frankfurt am Main 1996 „Laura Padgett: home made“, Bad Ems „Prospect 96 - Photographie in der Gegenwartskunst“, Katalog zur Ausstellung des Frankfurter Kunstvereins und der Schirn Kunsthalle, Edition Stemmle „foto text text foto“, Katalog zur Ausstellung im Museum für Moderne Kunst, Bozen, Frankfurter Kunstverein und Fotomuseum Winterthur, Edition Stemmle 1997 „home made“, hrsg. v. Künstlerhaus Schloss Balmoral, Bad Ems, 1997 1998 „Photoconcept“, Katalog zur Sonderausstellung auf der 50. Frankfurter Buchmesse, hrsg. v. d. Frankfurter Buchmesse (Kurator Klaus Honnef) 1999 „Herzogin Anna Amalia Bibliothek – Kulturgeschichte einer Sammlung“, Fotobeitrag zum Rokokosaal, hrsg. v. d. Stiftung Weimarer Klassik, Carl Hanser Verlag, München 2000 „Heimat Kunst“, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, hrsg. v. Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2001 „Desire“, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung bei der Ursula Blickle Stiftung, Kraichtal und Galleria d’Arte Moderna, Bologna, hrsg. v. Peter Weiermair, Edition Oehrli, Zürich 2002 Laura Padgett: „Badengehen“ in: Frauen und Film (Stroemfeld Verlag) Heft 63 2003 „D’Après“, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, GAS Art Gallery, Turin „conversation pieces“, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Städel Museum, Frankfurt/Main Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main/Basel, 2003

Group exhibitions

Exhibition / Installation,
2000
1989 „Kunst in Frankfurt“, Frankfurter Kunstverein 35. Internationale Westdeutsche Kurzfilmtage, Oberhausen 1990 „Women’s Films of the 80s“, Melbourne und Sydney, Australien 1991 37. Internationale Westdeutsche Kurzfilmtage, Oberhausen 1992 „Listen im Portikus“, Portikus, Frankfurt am Main 43. Internationales Filmfestival, „Film Video“ Montecatini Terme, Italien Viper Filmfestival, Bern 1994 „Fünf x Fotografie aus Frankfurt“, Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main 4. International Week of Experimental Film, Madrid 1996 „Prospect 96 – Photographie in der Gegenwartskunst“, Frankfurter Kunstverein/Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main „fototextfoto“, Museum für Moderne Kunst Bozen/Bolzano „3x3 Stipendiaten des Künstlerhauses stellen aus“ 3.Teil, Künstlerhaus Schloß Balmoral“, Bad Ems 1997 „essentielle Nebenprodukte“, Haus am Lützowplatz, Berlin „fototextfoto“, Frankfurter Kunstverein und Fotomuseum Winterthur 1999 „Pleasure principle“, Kunstamt Kreuzberg / Bethanien, Berlin „Focus Trier“, Städtisches Museum Simeonstift, Trier „Die Liebe zu den Dingen,“ Kino Arsenal, Berlin 2000 „Heimat Kunst“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „Baggage“, mit Joanna Jones, The Gallery, Falmouth College of Art & Wrexham Arts Centre, Großbritannien „From Bauhaus to Boston“, mit Bill Kipp, The Gallery at Mount Ida College, Boston, Massachusetts, USA 2001 „Desire“, Ursula Blickle Stiftung „Mega Pearls,“ Haus am Kleistpark und Galerie weisser elefant, Berlin (CD-Rom) Recovered and Restored Film Festival (S-8 Section), Cineteca di Bologna 2002 „Desire“, Galleria d’Arte Moderna, Bologna I 2003 „D’Après“, Galleria Civica d’Arte Moderna e Contemporanea, Turin „Art Cubicle“, Galerie & Projekte Mathias Kampl, Berlin „Kleine Formate“, Galerie Martina Detterer, Frankfurt am Main 2004 „Art Cubicle“, Galerie & Projekte Mathias Kampl, München „Querschnitt_Sezione Trasversale“, GAS Art Gallery, Turin Galerie Seitz & Partner, Berlin „Relating to Photography“, Highlights aus privaten Sammlungen, Fotografie Forum International, Frankfurt am Main „Kleine Formate“, Galerie Martina Detterer, Frankfurt am Main 2005 „Wohnen“, reel to real Filmprogramm, Mousonturm, Frankfurt am Main „Stabwechsel“, Galerie im Park, Burgdorf, Schweiz

Solo exhibitions

Exhibition / Installation,
2000
1991, 1993 Galerie Sequenz, Frankfurt am Main 1994 „Telltales“, Forum der Frankfurter Sparkasse von 1822, Frankfurt am Main 1995 „conditions of contingency“, Galerie Hübner und Thiel, Dresden 1996 „common occurrences“, Galerie KunstRaum – Klaus Hinrichs, Trier 1998 „systematische Erneuerungen“, dirty windows, Berlin 1999 „Marginalia“, Goethe Institut, Warschau „Foto-Text Arbeiten“, Galerie KunstRaum – Klaus Hinrichs, Trier „ein Moment der Klarheit – an enlightened Moment“, Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar „surface reduction“, Presse- und Informationsamt, Frankfurt am Main 2001 „Raumaufnahmen“, Paul Galerie, Bremerhaven „morning glories“, AusstellungsHalle Schulstrasse 1A, Frankfurt am Main 2002 „don’t miss“, Frankfurt am Main 2003 „conversation pieces“, – Städelmuseum, Frankfurt am Main „improbabilities“, Galerie Seitz und Partner, Berlin 2004 „vorübergehende Ortschaften“, Galerie Martina Detterer, Frankfurt am Main 2005 „inside-out“, Galerie Seitz und Partner, Berlin

Merits

1996/97
Balmoral Stipendium, Künstlerhaus Schloss Balmoral, Bad Ems

2001/2002
Atelierstipendium der Hessischen Kulturstiftung in London

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Heimat Kunst

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

(01 April 00 - 02 July 00)

Www

Laura Padgett - morning glories

Wer spricht? Zu Laura Padgetts stillen Fotografien

The artist´s website

images
"Sir John Soane´s Museum in London"
"Sir John Soane´s Museum in London"