László Márton

Article Bio Works Merits Projects www
crossroads:
Erinnerung, Gerechtigkeit, Geschichte, Holocaust, Macht, Tradition
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Übersetzung, Novelle, Roman)
region:
Europe, Eastern
country/territory:
Hungary
created on:
January 24, 2007
last changed on:
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information provided by:
László Márton

Article

Das Leben ist ein Panoptikum des Zufalls

László Márton ist einer der großen Erzähler Ungarns und ein geschätzter Übersetzer, der u. a. Goethe, Kleist, Novalis, Grillparzer, Benjamin sowie Gedichte des Barock aus dem Deutschen ins Ungarische übersetzt hat. Aus den Erzählmustern und Satzstrukturen der barocken und romantischen deutschsprachigen Literatur erhielt er entscheidende Impulse für sein eigenes schriftstellerisches Schaffen. Márton siedelt seinen Stoff gerne im Historischen an und verhandelt Erfahrungen des mittel- und osteuropäischen Lebens, die bis heute Gültigkeit haben. Dabei wirft er die Frage auf, wie „man sich mit der Tradition auseinandersetzen kann, ohne dabei konservativ zu sein oder reaktionäre Utopien zu hegen“. Fragen der Form sind ihm dabei wichtiger als die der Thematik: „Ich halte nicht die Thematik für so wichtig, vielmehr den Radikalismus der Form, der Ausdrucksweise und der Sicht“, so Márton. Entsprechend sind seine Texte eine faszinierende Mischung aus barocker Opulenz und wohl durchdachtem postmodernen Erzählkonzept, ausufernden Schachtelsätzen, schwarzem Humor und Elementen der Fantastik. Es sind Verwirrspiele, gebaut aus wahren Geschichten und den Unwahrheiten einer schier unerschöpflichen Fantasie.
„Die Größe eines Schriftstellers erweist sich dort, wo erkennbar wird, dass er zugleich weiß und begreift.“ Dieser Satz, den László Márton über den bosnischen Autor und Literaturnobelpreisträger Ivo Andri? schrieb, gilt auch für ihn: László Márton ist ein Autor, der in jedem seiner Sätze „weiß und begreift“. In seinen Büchern geht es nie nur darum, eine interessante oder unterhaltsame Geschichte zu erzählen. Ihm geht es um Erkenntnis und um Einblick in die Mechanismen des Lebens und der Welt.

In „Die wahre Geschichte des Jacob Wunschwitz“ aus dem Jahr 1997 etwa, wird das Wesen von Geschichte verhandelt: die Frage, ob der Lauf der Welt und die Schritte des Menschen von Vorhersehung gelenkt sind oder vom Zufall, die Frage, „in welchem Moment es sich entscheidet, dass jemand Akteur einer Geschichte werden wird und wodurch das, was geschieht oder geschehen ist, auch rückwirkend mit seiner Person in Verbindung zu bringen ist“. Hier fragt Márton auch, wie sich die „wahre Geschichte“ eines Menschen erzählen lässt. Im Zentrum des zwischen Glaubensspaltung und Dreißigjährigem Krieg spielenden Buches steht der Meißener Tuchfärber Jacob Wunschwitz, ein „nüchtern denkender, verständiger und wahrheitsliebender Mann“ von 37 Jahren, der durch „zwanghaften Zufall“ in das Zentrum eines Bürgeraufstands gerät und schließlich unschuldig geköpft wird.

Eigentlich ist der Protagonist Jacob Wunschwitz im Jahre 1603 in seine Vaterstadt Guben gekommen, um ein Haus zu verkaufen. Als die Gubener Bürger und Zunftvertreter, die vom Rat der Stadt ihrer verbrieften Rechte beraubt und um ihre Einkünfte gebracht worden sind, ihn um Hilfe bitten und zu ihrem Anführer wählen, wird sein Aufenthalt für Jacob Wunschwitz zu einem Kampf gegen die Willkür der Obrigkeit.

Der Stoff des Romans weist deutliche Parallelen zu Heinrich von Kleists Erzählung „Michael Kohlhaas“ auf, die Márton u. a. ins Ungarische übersetzt und so mit zu der Kleist-Renaissance im Ungarn der neunziger Jahre beigetragen hat. Tatsächlich fand Márton die Geschichte des Jacob Wunschwitz in derselben Chronik, der Heinrich von Kleist einst seinen Kohlhaas-Stoff entnahm. „Ich bin vom gleichen Schritt ausgegangen, wie beim Tanz, aber in eine andere Ecke geraten“, schreibt er hierzu. Während Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas den Rechtsbruch der Obrigkeit mit einem Rechtsbruch beantwortet, versucht Mártons bedachtsamer Jacob Wunschwitz bis zuletzt, den Gubener Bürgern auf dem Wege des Gesetzes zu ihrem Recht zu verhelfen – um den Preis seines Lebens.

Wenn Recht zu Unrecht wird, wenn Gesetzmäßigkeit und Gesetzwidrigkeit einander ablösen, wie kann ein einzelner Mensch dann noch sein Recht behaupten? Márton geht es nicht darum, „den Stab über die aus heutigen Augen barbarisch anmutenden Gesetze und Ungesetzlichkeiten früherer Zeiten zu brechen“. Indem er seinen Jacob Wunschwitz in einer Passage des Romans ins 20. Jahrhundert versetzt und ihn im Jahre 1950 an Stelle Wilhelm Piecks seine Unterschrift unter das Gesetz über die Bildung eines Ministeriums für Staatssicherheit setzen lässt, entsteht ein Eindruck geschichtlicher Kontinuität. Im Grunde ist immer alles gleich, scheint die These. Wenig hat sich im Lauf der Geschichte geändert. Geht es den Mächtigen um ihre Macht, zählt Gerechtigkeit und „Lauterkeit“ nichts.

Erzählt wird die zeitlose Geschichte von Jacob Wunschwitz mit satten, kräftigen Bildern von der Plastizität der Gemälde Pieter Breughels. Sie changiert zwischen barocker Opulenz, archaischen Motiven und „Unwahrheiten, wahrhaftiger als jede Wahrheit’“, enthält eine Vielzahl weit verzweigter, ineinander verschlungener Erzählstränge und eine schier überbordende Fülle an Figuren, Stoff und Episoden, die Márton meisterlich beherrscht. Seine Erzählweise verrät nicht nur den umfassend gebildeten Autor mit großem historischen und enzyklopädischen Wissen, sondern auch den Kenner der deutschen Literatur des Barock und der Romantik. Das Zeitalter des Barock war für Márton zu Zeiten des sozialistischen Ungarn mit seinen engen Grenzen eine räumliche und zeitliche Zuflucht. Heute, in der postsozialistischen Ära, geht es ihm weniger hierum als um einen Austausch im Raum des kulturellen Gedächtnisses: Die beste Art, mit dem Erbe von Romantik und Moderne umzugehen, so Márton, sei es, diesen besonderen geschichtlichen Zeiträumen aus der Gegenwart etwas zurückzugeben.

Die Themen Gerechtigkeit und Willkür, Gesetzmäßigkeit und Gesetzwidrigkeit greift Márton auch in seinem Roman „Die schattige Hauptstraße“ aus dem Jahr 1999 auf. Hier fragt er, wie sich nach den ungeheuerlichen Verbrechen von Auschwitz von der Verfolgung und Ermordung der Juden erzählen lässt: „Je mehr sie sich ereignet haben, je mehr jene, welche sie begingen, sie tatsächlich begangen haben, desto weniger sind sie geschehen, da nicht einmal ihre Banalität sie im Rahmen menschlichen Handelns begreiflich werden lässt.“ Márton entscheidet sich gegen eine linear erzählte Geschichte und wählt den Weg der Imagination: Als Ausgangspunkt für seinen Roman nimmt er eine Sammlung von Fotografien aus dem Studio von Ignác Halász, „die seit dem Sommer 1944 kein Sterblicher zu Gesicht bekommen hat“, und versucht, die auf den Fotos Abgebildeten erzählerisch zu retten, dem Schleier des Verschweigens und Vergessens Bruchstücke der Vergangenheit zu entreißen. Er beschwört ihr Leben mit Hilfe der Fantasie herauf, spielt Varianten der Rettung durch.

Im Mittelpunkt der „Schattigen Hauptstraße“ stehen Aranka Róth, ein etwa zwölfjähriges Mädchen, das die Mittelschule der Großgemeinde mit Stadtrang besucht, und Gaby G?z, ein sechzehnjähriges Mädchen, das als Lehrling in Ignác Halászs Fotostudio arbeitet und deren Vater eine Gastwirtschaft gehört. Beider Geschichten werden in Ausschnitten erzählt, an einem Tag, der Jahre umfasst, und verzweigen sich immer weiter in die Geschichten weiterer Figuren, die die Mittelschule, das Gasthaus, das Fotoatelier oder den Burggarten bevölkern. Wie schon im „Jacob Wunschwitz“ mündet jede „wahre Geschichte“ eines Menschen in unzählige weitere Geschichten anderer und in eine Erfahrung der Ausgrenzung und Freiheitsbeschneidung. So entsteht ein Mosaik aus biografischen Bruchstücken, Rückblenden und Vorwegnahmen, die aufzeigen, wie die Toten zu Lebzeiten von ihren Mitmenschen durch die „Judengesetze“ getrennt, aber auch, wie sie verbunden waren. Ein anspruchsvolles Buch, das zweierlei verdeutlicht: Alles, „was uns im Rückblick als unveränderliche, starre Tatsache vor Augen tritt“, ist „in Wahrheit, das heißt im Strudel der Ereignisse, voller Ungewissheit und Unwägbarkeit“. Und das Leben ist ein „Panoptikum des Zufalls“, in dem alles mit allem unentwirrbar zusammenhängt.
Author: Katharina Narbutovic

Bio

Geboren 1959 in Budapest, wo er Hungarologie, Germanistik und Soziologie studierte. Von 1983 bis 1990 war Márton Lektor beim Helikon-Verlag, seitdem lebt er als freier Schriftsteller und Übersetzer. Er debütierte 1984 mit einem Erzählband, auf den zahlreiche Veröffentlichungen und Auszeichnungen folgten, darunter 1997 der Attila József Preis und 2004 der „Lorbeerkranz der Republik Ungarn“. Daneben hat Márton sich als Übersetzer deutscher Literatur einen Namen gemacht. Zwei seiner Erzählungen hat er im Original auf Deutsch verfasst: „Die fliehende Minerva oder Die letzten Tage des Verbannten: Eine Erzählung“ (1997) sowie „Im österreichischen Orient“ (2005). 1995 bis 1996 war Márton Gast des Literarischen Colloquiums Berlin und von 1998 bis 1999 war er Gast des Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Im Sommer 2010 hielt er die "Siegfried-Unseld-Professur" der Humboldt-Universität zu Berlin.

Works

Sonderzeichen Europa

Published Written,
2009
Mit Yoko Tawada. Zeichnungen und Holzschnitte von Christian Thanhäuser Ottensheim/Donau : Ed. Thanhäuser

Das Versteck der Minerva

Published Written,
2008
Aus dem Ungar. von Eva Zádor und Wilhelm Droste. Folio-Verlag: Wien/Bozen

Im österreichischen Orient

Published Written,
2005
Erzählung.Thanhäuser: Ottensheim, 2005 (im Original auf Deutsch erschienen)

Die schattige Hauptstraße

Published Written,
2003
Roman. Zsolnay Verlag: Wien 2003

Die wahre Geschichte des Jacob Wunschwitz

Published Written,
1999
Roman. Zsolnay Verlag: Wien 1999

Die fliehende Minerva oder Die letzten Tage des Verbannten: Eine Erzählung

Published Written,
1997
Erzählung. Ludwig Hartinger (Hrsg.), Edition Thanhäuser: Ottensheim 1997 (im Original auf Deutsch erschienen)

Titel in ungarischer Originalausgabe (Auswahl)

Published Written
Erzählungen. Nagy-budapesti Rém-üldözés (Die Groß-Budapester Schreckensjagd) 1984 Roman. Menedék (Asyl) 1985 Dramen. Lepkék a kalapon (Schmetterlinge am Hut) 1987 Studien. Kiválasztottak és elvegyül?k (Auserwählte und Vermengte) 1989 Roman. Tudatalatti megálló (Haltestelle im Unterbewusstsein) 1990 Schauspiel. Carmen 1991 Roman. Àtkelés az üvegen (Glasüberquerung) 1992 Trauerspiel. A nagyratör? (Der Ehrgeizige) 1994 Erzählungen. A Nagy-budapesti Rém-üldözés és más történetek (Die Groß-Budapester Schreckensjagd und andere Geschichten) 1995 Essay. Az ábrázolás irányváltozása (Die richtungslose Darstellung) 1995

Merits

1991 Tibor-Déry-Preis
1997 Attila-József-Preis
2007 Sándor-Márai-Preis.

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Europe Now | Europe Next

(01 August 06 - 31 July 07)

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Aufsatz in Hungarian Quarterly

Where´s the Storyteller Running Off to?

Internationales Literaturfestival Berlin (ilb)