Padmini Chettur

Article Bio Works Projects
crossroads:
Identität, Körper, Moderne, Schönheit, Tradition
genre(subgenre):
Performing Arts (Tanz / Bharata Natyam, Tanz / Choreografie)
region:
Asia, Southern and Central
country/territory:
India
created on:
March 15, 2005
last changed on:
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Article

Reduktion und Zeitgenossenschaft

Padmini Chettur ist Tänzerin und Choreografin. Auf der Basis des klassischen südindischen Tanzstiles Bharata Natyam hat sie eine reduzierte, zeitgenössische Stilform entwickelt, die dem traditionellen Tanzerbe neue Wege zeigt. Ihre Arbeit ist in Indien sehr umstritten und wird von konservativen Kreisen als zu radikaler Bruch mit der Tradition abgelehnt. Ohne Unterstützung westlicher Kultureinrichtungen könnte Chettur, die in Indien lebt und arbeitet, ihre Projekte deshalb kaum realisieren.
Padmini Chettur verkörpert in ihrer Arbeit beinahe exemplarisch aktuelle Auseinandersetzungen zwischen lokaler Traditions- und globaler Innovationskultur. Ausgebildet wurde sie über zehn Jahre in der etwa 200 Jahre alten aus Südindien stammenden klassischen Solo-Tanzform des Bharata Natyam. Doch hat sich Chettur für ihre eigenen Arbeiten von diesem Repertoire an Gesten, Gebärden, Haltungen und mythischen Erzählungen weitgehend losgesagt und ein nicht weniger formstrenges, aber stark verdichtetes und reduziertes Vokabular ersonnen. Damit setzt sie sich auch von der zweiten prägenden Lehrzeit ab, die sie als Tänzerin in der Tanzkompanie der „Mutter des modernen indischen Tanzes“ Chandralekha absolvierte. Chandralekha, die Themen wie Frauenrechte oder Industrialisierung mit den Mitteln des klassischen Tanztheaters verarbeitet, gilt in Indien als einzige national wie international unangefochtene Choreografin. Wer jedoch wie Chettur aus dem reichen, aber eben auch engen Korsett der zahlreichen überlieferten Stilformen ausbrechen will, hat es schwer in Indien.

Chettur geht diesen Schritt mit großer Stringenz. Sie lässt neben der formalen auch die thematische Orientierung hinter sich, um ganz auf die Raffinesse und Magie vollendeter Bewegungskultur zu setzen. In „Fragility“, ihrem ersten abendfüllenden Stück (2001), ging es um eine Gratwanderung zwischen Bewegung und Stillstand, zwischen Selbstbehauptung und Verletzlichkeit, zwischen Versenkung und Mitteilung. Auslösend war die Frage: „Warum sollten wir immer nur das machen, was geläufig ist? … Ich wollte mit ‚Fragility’ die Erfahrung der Verletzlichkeit zeigen, vom Bild der Perfektion, des Hübschen im Tanz wegkommen und das tänzerische Vokabular so weit ausdehnen, dass ich meinen Körper neu herausfordere. Ich war auf der Suche nach Augenblicken, bei denen selbst das Publikum den Atem anhalten würde”, so die Künstlerin in einem Gespräch.
Dieses Stück, welches bei der Uraufführung in Indien einen Skandal mit anschließendem Kritikerstreit auslöste, hatte nur entstehen können, weil zahlreiche starke Partner aus Europa – Schaubühne Berlin, Théâtre de la Ville Paris und ‚Theater der Welt 2002 in NRW“ – als Koproduktionspartner beteiligt waren. In Indien selbst erhält Chettur so gut wie keine öffentliche Unterstützung ihrer Arbeit.
Dabei ist „Fragility“ keineswegs von transkultureller Beliebigkeit oder „Anbiederung an einen westlichen Festivalgeschmack” geprägt, wie ihr Kritiker in Indien erbittert vorhalten. Vielmehr sind in den fast zähflüssig verlangsamten Bewegungsphrasen, die sich im Wesentlichen auf geometrisch klar und winklig angeordnete Armhaltungen und ein abstraktes Spiel mit Vertikale und Horizontale, Stehen und Liegen konzentrieren, durchaus Spuren der klassischen Raumkomposition zu finden. Auch die Dominanz des Solistischen ist unübersehbar – die beinahe genießerische Ziselierung jeder einzelnen Bewegung ist beim Bharata Natyam Hauptaufgabe der Tänzerin. Und ganz und gar unterschieden von allem landläufigen Modern Dance ist in „Fragility“ die subtile Fußarbeit mit ihren abgestuften Kontrasten zwischen dem Kontakt von Ferse oder Ballen, flacher Sohle oder halber Spitze, Ausdrehung oder Anwinkelung. Die ganze legendäre Bodenhaftung traditioneller Tanz- und Bewegungskulturen wird in dieser Sogkraft der Füße geradezu leuchtend sichtbar.
So verkörpern die vier Tänzerinnen eine Form der äußersten Konzentration, der übergenau kalkulierten Bewegung und der sehr selbstbewussten Abgrenzung von ihrer künstlerischen Biografie. Doch verraten sie sich oder das klassische Erbe in keinem Augenblick an irgendeine diffuse „Modernität“. Eher schon definiert sie eine „spezifische Moderne“ im Sinne Geeta Kapurs. Die indische Kulturkritikerin weist verallgemeinernde Begriffe wie etwa „die Moderne“ vehement zurück. Alle kulturelle Äußerung sei zeitgenössisch, und wenn schon von Moderne die Rede sein solle, dann zumindest von „several modernisms“, von mehreren Formen der Moderne – je nachdem, auf welchen Traditionen sie fuße und wovon sie sich absetze. Chettur aber betreibt eben gerade nicht kulturhistorische „exploitation“, sondern führt die Tradition mit sicherem Schritt zu einer neuen Klassizität.
Author: Franz Anton Cramer

Bio

Padmini Chettur wurde 1970 geboren. Bereits als Kind begann sie mit ihrer Ausbildung im traditionellen indischen Tanzstil Bharata Natyam. 1991 wurde sie Mitglied der Tanzkompanie von Chandralekha, der berühmtesten Tanztheaterchoreografin Indiens. Sie arbeitete neun Jahre lang in diesem Kontext, ehe sie 1999 ihr erstes eigenes Solo vorstellte: „Wings and Masks“. Es folgten ‚Brown“ und das Duett „Unsung“. Das Stück für vier Tänzerinnen „Fragility“ folgte 2001, ihr dreiteiliger Soloabend „Solo“ entstand 2003. Residenzen hielt sie u. a. in England und der Niederlande.

Works

Paperdoll

Production / Performance,
2005

Solo

Production / Performance,
2003

Fragility

Production / Performance,
2001

Unsung

Production / Performance,
1999

Brown

Production / Performance,
1999

Wings and Masks

Production / Performance,
1999

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Über Schönheit

Ausstellung, Tanz, Workshops, Konferenz

(18 March 05 - 15 May 05)