Dennis O'Rourke

Article Bio Works Projects
crossroads:
Außenseiter, Kolonialismus, Prostitution, Rassismus, Sexualität
genre(subgenre):
Film (Dokumentarfilm, Spielfilm)
region:
Australia and New Zealand
country/territory:
Australia
city:
Brisbane, Queensland
created on:
May 26, 2003
last changed on:
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Dennis O'Rourke
Dennis O´Rourke © Martin Cohen - Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.

Article

Der Steinewerfer

"Man könnte das so beschreiben: Meine Filme sind wie Steine, die man in die Mitte der Straße wirft, und die Menschen müssen einen Weg um den Stein herumfinden." (O´Rourke)

Der 1945 in Brisbane, Queensland (Australien), geborene Dennis O’Rourke ist einer der erfolgreichsten und gleichzeitig streitbarsten australischen Dokumentarfilmer der Gegenwart. Für seine sozialkritischen und provozierenden Documentary Fictions "Half Life" und "Cunnamulla" erhielt er u.a. Preise auf den Filmfestivals in Berlin, Hollywood und Florenz. Dennis O’Rourke interessiert sich besonders für gesellschaftliche Randgruppen.
Diese Einschätzung seiner eigenen Werke verwundert keineswegs, denn Dennis O’Rourke liebt die Kontroverse, seine Themen und ihre Darstellung sind provokativ, und viele seiner Hauptpersonen sind Außenseiter der Gesellschaft. Egal, ob O’Rourke seine Beziehung mit einem Thai-Barmädchen in "The Good Woman of Bangkok" (1991) zeigt, die Wirkung der US-Nukleartests im Pazifik auf die Bewohner der Marshall-Inseln in "Half Life" (1985) oder eine Reportage über Bürger des australischen Städtchens "Cunnamulla" (1999), O’Rourke versteht es, seine Geschichten aus tausend kleinen Details zusammenzusetzen, die immer wieder Debatten um Moral und Wahrheit hervorrufen.

O’Rourkes erster Film "Yumi Yet" (1976) ist der Beginn einer Serie von Dokumentarfilmen, die sich mit den Ureinwohnern Papua Neuguineas und Australiens beschäftigen, mit Unterdrückung sowie ökonomischen, sozialen und politischen Problemen. "Yumi Yet" zeigt die Feiern zum Unabhängigkeitstag von Papua Neuguinea in einer skurrilen Montage von Musik, Stimmen, Radioübertragungen, Bildern traditioneller Bräuche sowie britischem und australischem Kolonialismus.

In "Ileksen" (1978) wird das Chaos während der ersten unabhängigen Wahl Papua Neu-Guineas beschrieben, in der die Einwohner versuchen, das britische Wahlsystem in ihr Land zu importieren. "Yap... How Did You Know We’d Like TV?” (1980) beschäftigt sich mit der Frage, welche politischen und sozialen Konsequenzen die Einführung des Fernsehens auf die Inseleinwohner hat. "Couldn’t Be Fairer" (1984) thematisiert Rassismus, Alkoholismus, und die immer noch andauernde politische Unterdrückung der australischen Aborigines.

Zahlreiche Auszeichnungen, wie z.B. den Friedensfilmpreis bei der Berlinale 1986, durfte O’Rourke für seinen ein Jahr vorher entstandenen Dokumentarfilm "Half Life" entgegennehmen. Darüber hinaus gewann er den Preis der Leserjury der Berliner Stadtzeitung "Zitty". "Half Life", einer der kontroversesten Filme O’ Rourkes, beschreibt die Auswirkungen des Abwurfs einer amerikanischen Wasserstoffbombe 1954 im Pazifik. Weil die Zivilbevölkerung nicht evakuiert wurde, starben viele Menschen oft nach jahrzehntelangem Leiden. Mit authentischem Material entlarvt O’Rourke in seinem Film Zynismus und Heuchelei einer skrupellosen Großmachtpolitik.

Um das Thema Ignoranz vermeintlich "unterentwickelter" Kulturen geht es in der Dokumentation "Cannibal Tours" (1988). Eine Gruppe europäischer Touristen begibt sich auf eine anthropologische Reise durch Papua Neuguinea und trifft dabei auf "primitive" Einwohner. Die Begegnung ist geprägt von Vorurteilen, führt aber zu der schließlich zu der Erkenntnis, dass die Unterscheidung zwischen "primitiver" und "zivilisierter" Kultur unsinnig sind.

Für die Art und Weise seiner Darstellung von Minderheiten wurde O’Rourke häufig kritisiert. Besonders seine Filme "The Good Women of Bangkok" (1992) und "Cunnamulla" (2000) lösten heftige Kontroversen aus. Während einige Kritiker ihn für die Nähe zu seinen Protagonisten bewundern, warfen andere ihm Verallgemeinerung und Stereotypisierung vor.

"The Good Women of Bangkok" ist ein gutes Beispiel für O’Rourkes Arbeitsweise, die sich nicht an die gängigen Regeln des Dokumentarfilms hält. Die Geschichte spielt in Bangkok, dem Mekka des Sex-Tourismus. O’Rourke ging selbst ein Verhältnis mit einer Prostituierten ein und gab dabei vor, auf der Suche nach "wirklicher" Liebe zu sein. Seinen Kritikern ist diese Form der Recherche; sie warfen dem Filmemacher Ausnutzung und Täuschung vor.

Rassismus und Ignoranz sind die dominanten Themen in O’Rourkes aktuellem Film, "Cunnamulla", benannt nach einem kleinen Ort in Queensland, Australien, in dessen Gemeinde er gedreht wurde. Der Film zeigt die Diskussionen zweier junger Mädchen über Sex; einen Jungen, der über seinen ersten Aufenthalt im Gefängnis berichtet; den Lokal-Radiosprecher, der über seinen großen Traum spricht: eine Fernsehkarriere in Townsville. Dieser Film wurde 2001 als bester Dokumentarfilm mit dem Hollywood Discovery Award ausgezeichnet. Die Jury begründete ihre Entscheidung mit der erstaunlichen Unbefangenheit der verschiedenen "Akteure" vor der Kamera.


Veranstaltungen im HKW:

Das Bild fremder Kulturen im Film
Filmreihe im Rahmen der Ausstellung "Der geraubte Schatten"
Samstag, 24. März 1990
Shark Callers of Kantu

Sonntag, 8. April 1990
Half Life

Mittwoch, 23. Oktober 1991
Mittwochskino
Im Dschungel
Cannibal Tours

Mittwoch, 20. Mai 1992
Mittwochskino
Dreckiges Dutzend
Half Life / Halbwertzeit

Mittwoch, 24. Mai 1995
Mittwochskino
Dokumentarfilme
The Good Woman of Bangkok / Die gute Frau von Bangkok

Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt

Author: Gabriele Gillner 

Bio

Dennis O’Rourke wurde am 14. August 1945 in Brisbane, Australien, geboren. Während seiner Kindheit lebte er hauptsächlich in ländlichen Kleinstädten, bevor er ein katholisches Internat besuchte. Mitte der sechziger Jahre brach er nach zwei Jahren das Studium ab und reiste in die Outbacks Australiens, auf die Pazifischen Inseln und nach Südostasien. Er arbeitete als Farmarbeiter, Verkäufer und Cowboy, verdiente sein Geld auf einer Ölplattform und heuerte als Matrose auf einem Schiff an. Während dieser Zeit brachte er sich selber das Fotografieren bei und begann als Fotojournalist zu arbeiten. 1970 entschloss er sich nach Sydney zu gehen, um dort Filme zu drehen. Die Australian Broadcasting Corporation stellte ihn zuerst als Gärtner, später als Kameramann an.

Von 1975 bis 1979 lebte O’Rourke in Papua Neuguinea, das sich zu dieser Zeit im Prozess der Dekolonisierung befand. Er arbeitete für die neue, unabhängige Regierung und unterrichtete die Bewohner von Papua Neuguinea in dokumentarischen Filmproduktionstechniken. Seinen ersten Film "Yumi Yet – Independence for Papua New Guinea", stellte er 1976 fertig. Dieser Film erregte großes Interesse, löste viele Diskussionen aus und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Dennis O’Rourke ist Vater von fünf Kindern und lebt in Canberra, Australien.

Works

Cunnamulla

Film / TV,
1999

Homo Heights

Film / TV,
1998

The Pagode da Tia Beth

Film / TV,
1993

The Good Woman of Bangkok

Film / TV,
1991

Cannibal Tours

Film / TV,
1988

Australian Daze

Film / TV,
1988

Half Life – a Parable for the Nuclear Age

Film / TV,
1985

Couldn’t Be Fairer

Film / TV,
1984

The Shark Callers of Kantu

Film / TV,
1982

Yap ... How Did you Know We’d Like TV

Film / TV,
1980

Ileksen – Politics in Papua New Guinea

Film / TV,
1978

Yumi Yet – Independence for Papua New Guinea

Film / TV,
1976

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Image of Alien Cultures in Films

(13 March 90 - 15 April 90)