Arturo Saucedo

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genre(subgenre):
Musik (elektronische Musik)
region:
America, Central
country/territory:
Mexico
city:
Mexico City
created on:
May 16, 2003
last changed on:
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Unbeirrter Idealist

Mit dem Festival "Tecnogeist" und einer Adaption der Love Parade hat sich Arturo Saucedo in Mexiko City als einer der wichtigsten Veranstalter von Avantgarde- und elektronischer Musik etabliert. Seit über zehn Jahren spürt der 1960 geborene, studierte Philosoph als Kurator und Journalist aktuellen Strömungen, archaischen Überlieferungen und möglichen neuen Verbindungen nach. Er war für die Musik des mexikanischen Pavillons bei der Expo 2000 mitverantwortlich und stellte die Bands für das MEXartes-Festival im Haus der Kulturen der Welt 2002 zusammen. Konsequent bewegt sich Saucedo im kreativen Underground, Ideen zählen für ihn mehr als kommerzielle Erfolge.
"Es war 1989, als unser Avantgarde-Radio unter dem Dach eines populären Senders auf Sendung ging", erinnert sich Arturo Saucedo, "die Idee dahinter war, Entwicklungen der mexikanischen Gegenwarts-Kultur zu begleiten und zu dokumentieren." Ermöglicht wurde das Radioprogramm zunächst durch eine damals aktuelle politische Bewegung in Mexiko-Stadt, doch bald entwickelte es ein charismatisches Eigenleben. Der Horizont weitete sich über die Stadtgrenzen hinaus und das Team um Saucedo knüpfte Kontakte in Provinzhauptstädte wie Monterrey, Tijuana, Merída oder Oaxaca. "Im Prinzip begann ich seinerzeit mit der Recherche progressiver, aber auch traditioneller Musik im ganzen Land – und natürlich parallel dazu auch in der übrigen Welt."

Auch das Musikprogramm des MEXartes-Festivals im Haus der Kulturen der Welt ist Ergebnis dieser fortwährenden Recherche. "Es ist für mich ganz selbstverständlich, Künstler mit traditionellen oder historischen Schwerpunkten wie La Negra Graciana oder Jaramar neben modernen Rock wie ’Nine Rain’ oder progressive Elektronik-Produzenten zu stellen und damit der gegenwärtigen Separierung der Szenen entgegen zu arbeiten."

In den vergangenen dreizehn Jahren hat Saucedo nichts von seiner Neugier und seinem Ideal der unerwarteten Begegnungen eingebüßt. Kommerzieller Mainstream interessiert den Journalisten, Veranstalter und Kurator Jahrgang 1960 nicht. Ein Philosophiestudium schloss er mit einer Arbeit über Nietzsche ab, seitdem sind alle seine Unternehmungen vom intensiven Blick unter die Oberfläche geprägt. Schon Mitte der achtziger Jahre gründete Saucedo das Magazin "Atonal", dessen programmatischer Titel sich an das gleichnamige freie Kompositions-Prinzip anlehnte. Die darauf folgende, tägliche Radio-Show konnte sich trotz ihrer radikal modernen Attitüde so erfolgreich etablieren, dass sie gewissermaßen den Grundstein für alle zukünftigen Aktionen Saucedos bildete. Einige seiner Ideen sollten später eine so starke politische Sprengkraft entwickeln, dass sie tatsächlich das gesellschaftliche Leben in der Mega-Metropole beeinflussten.

Schon Saucedos Radio trat als Sponsor für Underground-Konzerte auf, die mitunter mehrere tausend Zuschauer lockten. "Damals wuchs mein Interesse, größere Events zu konzipieren und selbst zu veranstalten", beschreibt Arturo Saucedo seine Entscheidung, einerseits als Journalist über die Pop-Avantgarde zu berichten, andererseits sie auch direkt auf die Bühne zu bringen. Im renommierten Palast der schönen Künste produzierte er 1995 ein gemeinsames Konzert mit der damals wichtigsten Elektronik-Band des Landes, dem “Orquesta Sinfónica Nacional de Mexico“ und drei Multimedia-Künstlern. Einen weiteren Meilenstein setzte er, als er mit Hilfe des Goethe-Institutes die “Einstürzenden Neubauten“ für einige Auftritte nach Mexiko holte. Wie viele junge DJs und Partymacher erobert auch Saucedo für manche seiner Veranstaltungen neue Räume. Unkommerzielle Musik findet in Mexiko-Stadt kaum offizielle Spielorte und daher meist in Lagerhallen oder einem aufgegebenen Varieté-Theater statt.

Mit der Zeit wurde Arturo Saucedo in vielen Szenen heimisch, changierte eifrig zwischen Punk und Hochkultur, morbidem Gothic- und engagiertem Latin-Rock. "Vielen Leuten, die mich vor Jahren in einer dieser Szenen kennen lernten kommt das, was ich heute mache, merkwürdig vor", grinst Saucedo, "aber für mich bedeutet es einfach die Fortsetzung derselben Idee. Sie beginnt bei Stockhausen und reicht über die ’Einstürzenden Neubauten’ bis zur Fusion archaischer Folk- und moderner Techno-Musik wie bei ’Nortec Collective’." Nebenbei konnte er feststellen, wie viele der heute etablierten Techno-DJs inzwischen ihre Wurzeln in der Underground-Kultur vergessen haben. "Sie verlangen nach Businessclass-Flugtickets, besten Hotels und fünfstelligen Gagen." Selbstverständlich will Saucedo solchen Entwicklungen keine Plattform bieten, konsequent sucht er lieber den Austausch mit der deutschen Szene als im nahe gelegenen Amerika.

Im Frühjahr 2000 landete Arturo Saucedo seinen bislang nachhaltigsten Coup. Unter dem Titel "Tecnogeist" feierten 36.000 Menschen auf dem zentralen Platz der Stadt eine euphorische Open Air-Party. Sie ging in die Geschichte Mexiko Citys ein, denn bis zu diesem Zeitpunkt unterlagen öffentliche Veranstaltungen gleich welcher Art einer strikten Sperrstundenregelung und auf dem "Zocalo", zwischen Regierungsgebäuden und der täglich gehissten National-Flagge, fanden zuvor allenfalls Protestkundgebungen oder Märkte statt. Für Saucedo war das Fest auch Auftakt für die Diskussion über ein allgemeines Konzept metropolitanen Lebens. "Was wir anstreben ist keine puristisch-folkloristische Stadt", grenzt sich Saucedo zu linken wie rechten Parteien ab, "und schon gar nicht eine Stadt, in der sich das Leben zwischen Kirchen abspielt und der Rest den Unternehmern überlassen wird."

Seit seinem furiosen Start entwickelt das Tecnogeist-Festival alljährlich in Konferenzen und Workshops neue, Genre übergreifende Ideen, einen mexikanisch-deutschen Kulturtransfer und bisweilen mutige Utopien. Dabei behält Kurator Saucedo stets auch Aspekte der Kultur-Industrie im Blick. "Ich versuche immer, ein bestimmtes Thema zur Diskussion zu stellen und es gleichzeitig in alle möglichen Richtungen zu verankern. Das reicht von ästhetischen Fragen über Probleme der Kreation und Distribution zeitgenössischer Musik bis zu Vor- und Nachteilen neuer Technologien."

Selbst der liberalen Kommunalregierung war die anarchische Party auf dem "Zocalo" zu unbequem, 2001 versuchte sie das suspekte Spektakel kurzfristig zu verbieten. Doch Saucedo setzte, wiederum mit Hilfe des Goethe-Institutes, seinen "Tecnogeist" durch, wenn auch an einem anderem, beinahe ebenso zentralen Ort. Im Frühjahr 2002 hatte Saucedo die lange gepflegten Kontakte in die Berliner Techno-Szene vertieft und seine Position in Mexiko so gestärkt, dass er nach zähen Verhandlungen erstmals eine "Love Parade" in der Hauptstadt veranstalten konnte.

Entschlossen hält Saucedo an seinen Visionen fest. "Wir haben das Recht, auf der Straße und im öffentlichen Raum zu feiern, und zwar nicht nur mit einer Flasche in der Hand, sondern auch mit DJs, PA-Systemen usw." Hinter der ungebrochenen Motivation steckt neben Ideologie auch eine ganz persönliche Befriedigung. "Die Parade gibt mir das Gefühl einer dionysischen Party. Alle sind durchdrungen vom Geist der Musik und feiern in einer Art gemeinsamen, spirituellen Identität. So wird studierte Philosophie plötzlich Realität."

"Das ungewöhnliche ist ja nicht, dass ich Philosophie und Nietzsche studierte", meint Arturo Saucedo mit einem Hauch von Selbstironie, "sondern das ich ´raus ging und die Kommunikation mit Menschen suchte. Viele Studenten bleiben in ihrem kleinen akademischen Mikrokosmos, aber ich habe immer die Auseinandersetzung über meine Gedanken mit dem Rest der Welt angestrebt." Die Gefahr, als Rufer in der Wüste überhört zu werden ist vergleichsweise gering, steht man alleine an einer Straßenkreuzung. Saucedos Groß-Veranstaltungen wie die Love Parade bergen dagegen ein hohes finanzielles Risiko, dass sich 2002 auch durch Sponsoren nicht mehr decken ließ. "Nach den Kämpfen mit der Regierung hat sich natürlich keine Firma mehr getraut, ihren Namen mit uns in Verbindung zu bringen. Sie haben Angst davor, in einer subversiven Ecke zu landen." Selbstverständlich findet Saucedo es "nicht besonders komfortabel, Geld mit seinen Ideen zu verlieren. Aber wenn du deinen Job wirklich liebst und Vertrauen in die Dinge hast, die du tust, kannst du nicht einfach damit aufhören."
Author: Norbert Krampf  

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)