Lisl Ponger

Article Bio Works Projects www
crossroads:
Gender, Identität, Politik
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Film, Fotografie)
region:
Europe, Western, America, South
country/territory:
Germany, Austria, Brazil
created on:
September 1, 2004
last changed on:
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Lisl Ponger
Lisl Ponger. Courtesy: the artist

Article

Die konstruierte Folklore

KÜNSTLERSTATEMENT/ POSTKARTENPROJEKT DES HAUSES DER KULTUREN DER WELT 2007 „Was mich zurzeit bewegt, ist die Beziehung zwischen künstlerischer Produktion und politischem Diskurs - wo die Überlappungen, Verbindungen und Risse zwischen diesen zwei Wahrnehmungsformen stattfinden, die beide Diskurse analysieren, sie vorgeben und Wissen produzieren. Beide ziehen ihre Fragen aus sachlichen Untersuchungen, die mit politischen und wirtschaftlichen Kontexten verbunden sind, obwohl es der Kunst möglich ist, eine weniger lineare Logik anzuwenden. Folglich kann Kunst Wissen produzieren, das als Text wahrgenommen werden kann, der dann als Grundlage für politische Aktion dienen könnte, wenn der Kunst mehr Zutrauen entgegengebracht würde. Der Prozess der Sichtbarmachung ermittelter Inhalte in Filmen und inszenierten Fotografien wirft immer bestimmte Probleme auf: Fragen nach der eindeutigen Natur von Propaganda im Vergleich zu einem vielschichtigen Charakter von Verwandlung. Anders gesagt: Kunst im Dienst der Politik im Vergleich zu kodierter Kunst, die aus dem genannten Grund nicht so einfach verstehbar ist. Ebenso interessiert bin ich an einer Kritik der Stereotypen des Anderen und wie diese erreicht werden kann ohne diese (die Stereotypen, d. Red.) zu kopieren und sie so weiter in das visuelle Gedächtnis einzuschreiben. In Kürze: Die Repräsentation der Politik und die Politik der Repräsentation." (Lisl Ponger) Die 1947 in Nürnberg geborene, in Wien ansässige Künstlerin Lisl Ponger zählt zu den auffallendsten Filmemacherinnen und Fotografinnen im deutschsprachigen Raum. Ihre Werke kreisen um Themen wie Fremdheit und Identität, die Beschränktheit des westlichen Blicks auf andere Kulturen sowie um die Frage, was diese Beschränktheit für unsere Wahrnehmung bedeuten könnte. So gesehen, ist Pongers künstlerischer Ansatz grundsätzlich kritisch. „Wir reisen zu den schönsten Orten“, hat die Künstlerin einmal gesagt, „doch was wir sehen, ist immer nur das, was wir erwarten: die Folklore.“
Es ist nicht einfach, das umfangreiche, in mehr als dreißig Jahren entstandene Werk der Fotografin und Filmemacherin Lisl Ponger auf einen bestimmten Nenner zu bringen. Auf der anderen Seite gibt es durchaus einige, zugegebenermaßen eher abstrakte Konstanten, mit deren Hilfe man die Arbeit der 1947 in Nürnberg geborenen, seit Anfang der siebziger Jahre in Wien lebenden Künstlerin beschreiben könnte. Da ist einmal die Hinwendung zum Anderen, Alltäglichen, Unbeachteten, die das Fremde nicht nur aufzeigt, sondern zur Basis der Wahrnehmung macht und es dadurch wieder in die Sphäre des Vertrauten überführt.

Dieses grundsätzliche Prinzip funktioniert sowohl beim Blick auf gewohnte Lebenswelten als auch bei der Analyse von Illustrationen der Andersartigkeit - zum Beispiel bei den Fotoserien, die Ponger an für westliche Augen „exotisch“ wirkenden Orten angefertigt hat, in Städten wie Damaskus und Kairo oder in Äthiopien und Dakar. Für Ponger ist der Exotismus immer auch eine Frage der Perspektive, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie sich auch schon ausführlich mit ethnographischen Darstellungen beschäftigt hat. Die im Westen verbreitete Sicht auf andere Kulturen lässt die Fremdheit noch fremder erscheinen, als dies nötig wäre - das ist einer der Punkte, an denen Ponger ansetzt, um die Verhältnisse ein wenig umzudrehen. Anders ausgedrückt: Die Abweichung von der Norm, so Ponger, ist stets untrennbar mit der Norm selbst verbunden - zieht man das eine in Zweifel, so rückt auch das andere plötzlich sehr viel näher. Eines ihrer auch kommerziell erfolgreichsten Bücher ist der 1993 erschienene Fotoband „Fremdes Wien“, in dem Ponger die Vielfalt der Kulturen und Nationalitäten in der österreichischen Hauptstadt abbildete.

Trotz dieses dezidiert politischen künstlerischen Ansatzes, ist Pongers Vorgehensweise ausgesprochen subtil. Auf der Documenta 11 in Kassel 2002 war die Künstlerin mit einer Fotoserie vertreten, die unmittelbar nach den Ausschreitungen auf dem G-8 Gipfel in Genua im Jahr davor entstand. Obgleich an drastischen Motiven damals wahrlich kein Mangel herrschte, dominieren in Pongers „Sommer in Italien“ die ruhigen, stillen, sich erst auf den zweiten Blick erschließenden Bilder von scheinbar völlig unspektakulären Schauplätzen: ein geschlossenes Eisengitter mit amtlichen Siegel, eine improvisierte Absperrung mit Carabinieri-Flatterband, ein verplombter Kanaldeckel - das genügt Ponger allemal als Situationsbeschreibung.

Ende der sechziger Jahre zog Lisl Ponger nach Wien, wo sie zunächst die Graphische Lehr- und Versuchanstalt absolvierte. Danach arbeitete sie eine Zeitlang als Fotografin, dokumentierte unter anderen die frühen Aufführungen der Wiener Aktionisten und Performer wie Otto Muehl, Hermann Nitsch und Peter Weibel. Ab 1974 lebte sie für vier Jahre in den USA und in Mexiko und entdeckte dort das Medium Film für sich. Zurück in Wien drehte sie eine Reihe von konzeptuellen Super 8 Filmen, so etwa „Souvenirs“ (1981), „Tendencies to exist“ (1984), „Train of recollection“ (1988), „Semiotic Ghosts“ (1990) und „Passagen“ (1996), in denen sie Spielfilmelemente vermischte mit frei assoziativen, dem Strukturalismus verpflichteten Szenen, die sich in Montagetechnik um Licht und Schatten, Rhythmus und Bewegung, Raum und Bildraum drehten. Auch hier blieb sie im Grundthema treu: das Transitorische, Wandelbare, Uneindeutige in der Konstruktion von Identitäten, Zugehörigkeiten und individuellen Abgrenzungen.

1991 veröffentlichte Ponger den Bildband „Doppleranarchie“ mit Fotos der Wiener Kunstszene aus den wilden Jahren von 1967 bis 1972, 1995 folgte das Buch „Xenographische Ansichten“, 1999 legte sie gemeinsam mit Felicitas Heimann die „Wiener Einstellungen“ vor, ein Fotoband auf Basis eines rekonstruierten Stadtplans des jüdischen Wiens der dreißiger Jahre. Ein Jahr davor hatte sie zusammen mit Peter Handke den Text-Bildband „Ein Wortland“ publiziert, eine lyrisch-dokumentarische Reise durch altösterreichische Gebiete, die sich in die vier Abschnitte Kärnten, Friaul, Istrien und Dalmatien gliederte. Auch in ihrem filmischen Schaffen überwiegen nun die dokumentarischen Arbeiten. Darüber hinaus verfolgt Ponger immer wieder auch feministische Ansätze, zum Beispiel bei dem Buch „Frauen in Wien“, dem 1999 erschienenen ersten Band des Projekts „Frauen sichtbar machen“ des Frauenbüros der Stadt Wien, auf den zwei Jahre später ein Fotobuch über Migrantinnen in Wien folgte. Lisl Ponger lebt und arbeitet in Wien.
Author: Ulrich Clewing

Bio

Geboren 1947 in Nürnberg
1967 Umzug nach Wien, Besuch der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt
1974-78 Aufenthalt in den USA und in Mexiko
1988 Österreichischer Förderungspreis für Filmkunst.
1994 Würdigungspreis für Filmkunst
Mitglied der Wiener Secession
Gastprofessur für Künstlerische Fotografie an der Universität für Angewandte Kunst 1998/99 und 2001/02

Works

Filme

Film / TV
2004 Phantom Fremdes Wien 35 mm, (blow up von S8), 27 min 1999 déjà-vu 1996 Passagen 1990 Semiotic ghosts 1988 Train of recollection 1987 Substantial shadows 1986 Sound of space 1985 Container-contained 1984 Tendencies to exist 1983 Film-an exercise in illusion II 1982 Souvenirs 1981 The four corners of the world 1980 Film-an exercise in illusion I 1979 Space equals time-far freaking out

Ausstellungen

Exhibition / Installation
2007 Lisl Ponger. Imago Mundi. Landesgalerie Linz am Oberösterreichischen Landesmuseum, Linz, Österreich 21 Positions. Austrian Cultural Forum, New York, USA Zerrspiegel. Sixpackfilm, Wien / Österreich - Votivkino, Wien, Österreich 2006 Neuerwerbungen für die Sammlung 2006. Neue Galerie Graz, Graz, Österreich Lisl Ponger. Beute. Charim Galerie, Wien, Österreich Wahre Bilder. FO.KU.S, Foto Kunst Stadtforum, Innsbruck, Österreich Krieg der Knöpfe - Kinder und die Welt des Krieges. Ursula Blickle Stiftung, Deutschland Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste Wien, Wien, Österreich Grosser Bahnhof. Wien und die weite Welt. Wien Museum, Wien, Österreich Mozart. Zeitgenössische filmische und fotografische Annäherungen zum Phänomen Mozart. Museum Moderner Kunst - Stiftung Wörlen Passau, Passau Why Pictures Now. Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, MUMOK, Wien, Österreich Qua e lá / Hier und dort. Andreas Dworak, Branko Lenart, Elfriede Mejchar, Michael Michlmayr, Lisl Ponger, Beate Schachinger, Eva Brunner-Szabo - Gert Tschögl. Palazzo Costanzi, Sala comunale d´arte, Triest, Italien Hier und Dort (Qua e La). Fotogalerie Wien, Wien / Österreich - Palazzo Costanzi, Sala comunale d´arte, Triest, Italien Es ist schwer das Reale zu berühren. Videoarchiv. Grazer Kunstverein, Graz / Österreich - Kanal B, Berlin 2005 Buchpräsentation und Plakatausstellung: Arbeitswelten. Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien, Wien / Österreich - museum in progress, mip, Wien, Österreich Zur Tektonik der Geschichte. Forum Stadtpark Graz, Graz, Österreich Präsentation CharimGalerie. Art Cologne 2005, Köln / Deutschland - Charim Galerie, Wien, Österreich Projekt Migration. Kölnischer Kunstverein, Köln, Deutschland Wahrer als wahr. Alte und neue Mythen des Gedenkens. Charim Galerie, Wien, Österreich Phantombilder. Sixpackfilm, Wien / Österreich - Top Kino, Wien, Österreich Labyrinth Trap. Niederösterreichisches Dokumentationszentrum für moderne Kunst, DOK, Sankt Pölten, Österreich Realitäten ll. Gesellschaftswerte. Fotogalerie Wien, Wien, Österreich Identitäten. Forum Schloss Wolkersdorf, Wolkersdorf, Österreich Police. Festival der Regionen 2005. Geordnete Verhältnisse / Ordered states, Österreich - Landesgalerie Linz am Oberösterreichischen Landesmuseum, Linz, Österreich State of the Art. 1. Zentrale SoS Botschaft und Ausstellungsraum, Wien, Österreich Präsentation Charim Galerie. Charim Galerie, Wien, Österreich ViennAfair 2005, Wien, Österreich Das Neue 2. Augarten Contemporary, Wien, Österreich Huis Clos. Roomer´s Sight. IG Bildende Kunst, Wien, Österreich World Café (2). Tanzquartier Wien, Wien, Österreich Die Regierung. Paradiesische Handlungsräume. Vereinigung Bildender KünstlerInnen, Wiener Secession, Wien, Österreich 2004 Black Atlantic. Haus der Kulturen der Welt, Berlin Double Game / Triple Gain. Charim Galerie, Wien, Österreich Interventionen gegen Rassismen. IG Bildende Kunst, Wien, Österreich Lisl Ponger. Place Myths, from gray to sunny. Charim Galerie, Wien, Österreich SHAKE Linz & Nice. Staatsaffäre / Affaire d´Etat. O.K Centrum für Gegenwartskunst, Linz, Österreich - Villa Arson, Centre National d´Art Contemporain, Nizza, Frankreich Tour-ismos. La derrota de la disensión / Tour-isms. The Defeat of Dissent. Fundació Antoni Tàpies, Barcelona, Spanien Dak’Art, la Biennale de l’art africain contemporain, 6ème édition. Secrétariat Général de la Biennale de Dakar, Dakar, Senegal Destiny Deacon / Lisl Ponger. Salzburger Kunstverein, Salzburg, Österreich Trading Places ¬ points of encounter between art and migration. Pump House Gallery, London, UK Gegen-Positionen. Künstlerinnen in Österreich 1960-2000. Museum Moderner Kunst - Stiftung Wörlen Passau, Passau Backstage Tourismus - Reisebüro. Forum Stadtpark Graz, Graz, Österreich Lisl Ponger. Phantom fremdes Wien 1991/2003. Wien Museum, Wien, Österreich Kulturpreisträger des Landes Niederösterreich 2003 für Bildende Kunst und Medienkunst. Niederösterreichisches Dokumentationszentrum für moderne Kunst, DOK, Sankt Pölten, Österreich 2003 Frauenbild. Fotografie, Skulptur und Video aus der Sammlung des Niederösterreichischen Landesmuseums. Niederösterreichisches Landesmuseum, Sankt Pölten, Österreich The Bourgeois Show - Social Structures in Urban Space. Dunkers Kulturhus, Helsingborg, Schweden Mimosen-Rosen-Herbstzeitlosen. Künstlerinnen. Positionen 1945 bis Heute. Kunsthalle Krems, Krems an der Donau, Österreich Die Verklärung des Un-Gewöhnlichen. Charim Galerie, Wien, Österreich Formen der Organisation. Galerija Škuc, Ljubljana, Slowenien Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, HGB, Leipzig ZUGLUFT. Aktuelle Kunst aus Wien. museum in progress, mip, Wien, Österreich Präsentation: Zugluft / Aktuelle Kunst aus Wien. Kunst Zürich 2003, Zürich, Schweiz AUSWAHL: 2002 Documenta 11, Kassel 2001 Künstlerhaus Wien "Du bist die Welt" (Beteiligung) 2001 AK Galerie / Fotoarbeiten 1999 Ethnographisches Museum Genf, 1998 Central Saint Martins Art School, London 1996 Museum für Völkerkunde Wien, 1993 Kunsthalle Exnergasse Wien

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Postkarten Projekt

(01 March 07 - 31 December 08)

Black Atlantic

(17 September 04 - 15 November 04)

Www

CD «ImagiNative»

Auszug
produziert im Rahmen des Black Atlantic -Projektes des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, 2004