Eko Nugroho

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crossroads:
Kommunikation, Subkultur, Urbanität
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Comic, Graffiti)
region:
Asia, Southeast
country/territory:
Indonesia
city:
Yogyakarta
created on:
September 22, 2005
last changed on:
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information provided by:
Eko Nugroho

Article

Agenten und Boten

Der indonesische Künstler Eko Nugroho

Der junge indonesische Künstler Eko Nugroho ist ein Netzwerker und Teamworker. Mit Wandbildern an öffentlichen und privaten Orten, aber auch mit Comics, Computeranimationen und Fanzines, arbeitet er an der Erweiterung des öffentlichen Raums. Seine Figuren wirken fantastisch und wie Agenten von anderen Sternen; ihr Anliegen aber ist es vor allem, kommunikative Strukturen zu erobern.
Die Form sieht wie ein Ufo aus, das auf die Erde zufliegt, und so hat sie der indonesische Künstler Eko Nugroho in seinen Bildern tatsächlich schon dargestellt.Weil aber durch ein schmales Fenster in der umgedrehten Schüssel zwei Augen blicken, erinnert sie auch an die Helme von Rittern und Astronauten und nicht zuletzt an die Verhüllung einer Frau durch eine Burka. Die Form düst mit all ihren möglichen Bedeutungen durch die Bildwelten von Eko Nugroho. Sie steht auf dem Titelblatt eines Comics und verweist auf die Verwandlungen der Köpfe und Wesen in dem Heft. Sie ist auch auf einem Wandbild gelandet, das der junge Künstler zusammen mit Jugendlichen aus einem Nachbarschaftsheim in Berlin Kreuzberg auf die Außenwand eines Hauses gemalt hat. Sie markiert einen von zwei Köpfen, die beide maskiert und bewehrt aus einem Körper wachsen. Bei einem Kopf schaut nur der Mund aus der Rüstung, beim anderen nur die Augen. Zum einen stehen Mund und Augen hier für Sehen und Sprechen und die Umsetzung von Erfahrungen - so spielt das Bild auf die Aktivitäten des Nachbarschaftsheimes an, denn hier wird Migranten des Bezirks mit Sprachkursen, Formularen, aber auch im Umgang mit deutschem Amtsjargon geholfen. Zum anderen sind die beiden verfremdeten Köpfe typisch für das Universum von Nugrohos Figuren: Fast jede Gestalt ist da hinter Masken verborgen, versteckt, geschützt, getarnt.

Niemandem und nichts ist zu trauen; nichts bleibt, was es zuerst zu sein scheint: Die Figuren, die den indonesischen Künstler durch Comics und Wandbilder, Zeichnungen, Stickereien, Objektbilder und Computeranimationen begleiten, entspringen einer Welt, die von Gewalt und Attentaten erfüllt ist. Nicht klar ist, ob sie Realität spiegeln oder bloß panikerfülltes Fantasma sind. Zugleich bewegen sich die Figuren, die wie in den Produktionen der Fantasy-Industrie und des Science-Fiction aus menschlichen Gliedern und Maschinenelementen zusammengesetzt sind, auf der Kippe zum Lächerlichen und Komischen. Ihre latente Bedrohlichkeit ist als Pose durchschaubar, als Spiel und übertriebene Geste.

Eko Nugroho ist 1977 in Yogyakarta in Indonesien geboren. Die bildende Kunst ist für ihn ein offenes Feld, das ebenso viel mit Kunstgeschichte wie mit den Kulturen des Alltags und den Codes von Subkulturen zu tun hat. Seine Kunst ist in hohem Maße urban: Die Großstadt ist für ihn ein Raum, in dem sich verschiedene Formen der Kommunikation ständig überlagern, kreuzen und widersprechen. Die Sprache der Kleidung, die Sprache der Architektur, die Geschichten der Unterhaltungsmedien, die Wege der politischen Nachrichten: Sie alle durchdringen sich in einem öffentlichen Raum, in den Nugroho mit kleinen Schritten eindringen und in dem er auf vielfältige Weise operieren will.

Kunst als kommunikativen Prozess zu begreifen ist ihm wichtiger als die Ausbildung einer eigenen künstlerischen Handschrift. Kommunikation beginnt für Nugroho mit einem interaktiven Prozess, nicht erst mit dem fertigen Werk. Entsprechend ist er ein Teamworker und Netzwerker: er initiierte etwa die Galerie „Daging Tumbuh“, die sich halbjährlich als fotokopiertes Heft mit Zeichnungen, Comics und Geschichten vieler Freunde und Künstler fortsetzt. Auch gibt er mit Vorliebe bei den traditionellen Handwerksbetrieben Yogyakartas Stickereien nach von ihm gezeichneten Entwürfen in Auftrag - schon deshalb, weil er so erfährt, wie sie sich in der Ausführung verändern und wie andere die Vorlagen deuten. Für seine Computeranimationen arbeitet er eng mit Computerfachleuten und Musikern zusammen. Ebenso gut fügt es sich in das Bild, dass er sich bei seinen Malereien an Wänden privater und öffentlicher Gebäude von den Kommentaren interessierter Passanten und Beobachter leiten lässt. So begreift er den Raum der Stadt als ein riesiges anonymes Orchester, dessen Töne er auffängt, punktuell verstärkt und weiterbearbeitet.

Seine Bildsprache ist fantastisch und kleinteilig und erhält gleichzeitig Omnipräsenz durch ihr Erscheinen auf zahlreichen verschiedenen Bildträgern. Nugrohos Anliegen ist es, mit seinem Werk an vielen Orten aufzutauchen und den öffentlichen Raum zu infiltrieren - nicht nur dort, wo „Kunst“ über dem Eingang steht. Diese Strategie ist die Antwort des Künstlers auf einen indonesischen Alltag , der einerseits orthodox streng und hierarchisch geregelt ist, andererseits aber auf der Ebene der Zeichen von der Globalisierung und ihrem westlichen Wertesystem überschwemmt wird.

Gelegentlich bezeichnet Eko Nugroho Indonesien als ein kleines Land - klein im Verhältnis zum Selbstbewusstsein seiner Nachbarn, klein gemessen am Selbstvertrauen, das Tradition und Bildung dem Einzelnen zugestehen. Er erzählt von seinen Großeltern, die ein langes Leben in der Diktatur gelehrt hatte, das Thema Politik auszublenden, weil Position zu beziehen grundsätzlich als bedrohlich galt. Noch immer wird in Indonesien Anpassung als gesellschaftliches Ethos vermittelt. Konsens ist, dass man sich nach der Schule möglichst um einen Job in einer staatlichen Verwaltung bemühen soll, mit einer Pension bis ans Lebensende. Noch immer gilt die Autorität der Uniform und einer traditionellen Kleiderordnung, die mit vielen gestickten Applikationen den gesellschaftlichen Rang des Trägers ausdrückt. Eine Zeitlang, berichtet Eko Nugroho, waren bestickte Kleidungsstücke auch unter den modernen Straßengangs üblich. Wenn er seine Entwürfe in alten Handwerksbetrieben oder von neueren Maschinenstickereien ausführen lässt, bedient er sich also einer Struktur, die gleichermaßen von traditionellen gesellschaftlichen Schichten wie der einheimischen Subkultur genutzt wurde.

Die Angst, mit den Mächtigen aneinander zu geraten; die Angst, etwas laut zu sagen; die Angst, öffentlich Position zu beziehen: Sie spielen im politischen und gesellschaftlichen Klima Indonesiens eine große Rolle. Was Eko Nugroho mit seinen zahlreichen Arbeitsprojekten versucht, kann man als Erweiterung des öffentlichen Raums und als Schaffung neuer kommunikativer Netze und Plattformen begreifen. Die kleinen Figuren, die über die winzigen Seiten seiner Comichefte und die weit gespannten Panoramen seiner Wandbilder wuseln, sind fast so etwas wie Agenten oder auch Vorboten, die neue Nachrichtenwege ausbauen und sich der verschiedenen Codes vergewissern. Vor allem darin liegt ihr kritisches Potenzial.

Die Geschichten, mit denen die Öffentlichkeit bespielt wird, sind fast sekundär gegenüber ihrer Herstellung. Nugrohos Comics sind oft sehr knapp: In „fight me!“ zum Beispiel werden in drei Bildern jeweils große Begriffe wie Wahrheit, Sex, Geburt oder Realität umkreist. Die Botschaften sind skurril und überraschend, sie leben von körperlichem Schock und ungeahnten Verwandlungen. In der Episode „Sex“ zum Beispiel schließt ein Mann sich an, indem er sich einen Stecker ins Ohr steckt, in „we see the truth“ fallen einem Gesicht wörtlich die Augen aus dem Kopf und landen auf der Zunge, in „reality“ verbirgt sich unter dem Helm, aus dem eben noch ein menschliches Gesicht schaute, schon der lachende Schädel des Todes.

Sowohl in den Elementen seiner zusammengesetzten Figuren wie in den unterschiedlichen Techniken Nugrohos verbinden sich low und high tech. Mit seinen unaufwändigen und kostengünstigen Produktionsweisen möchte sich Nugroho die Unabhängigkeit von staatlichen Zuwendungen ermöglichen. Eko Nugroho beobachtet mit Vorsicht, welche Künstler finanziell gefördert werden und sieht in der Verteilung der Mittel ein Instrument staatlicher Kontrolle. Deshalb ist es ihm umso wichtiger, an eigenen Distributions- und Kommunikationswegen zu arbeiten.

Katrin Bettina Müller, September 2005

Author: Katrin Bettina Müller

Bio

1977 born in Yogyakarta, Indonesia
Lives and works in Yogyakarta, Indonesia



Works

Exhibitions

Exhibition / Installation
2005 “Have We Met?” Japan Foundation Forum, Tokio, Japan 2005 “3 Young Contemporaries,” Valentine Willie Fine Art, Kuala Lumpur, Malaysien 2004 “Welcome Back Mayo’nnaise,” Cemeti Art House , Yogyakarta, Indonesien (Einzelausstellung)

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Räume und Schatten

Zeitgenössische Kunst aus Südostasien

(30 September 05 - 20 November 05)

Www

Online Diary des Hauses der Kulturen der Welt

Eko Nugroho in Kreuzberg
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Circus inside the tin