Brian Massumi

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crossroads:
Übersetzung, Körper, Kapitalismus, Philosophie, Politik
region:
America, North
country/territory:
Canada
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June 10, 2008
last changed on:
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Gehen als kontrolliertes Fallen

„Wenn Du gehst“, so beginnt die Einführung zu einem Interview mit dem kanadischen Philosophen Brian Massumi, „ist jeder Schritt eine Bewegung des Körpers gegen das Fallen – jede Bewegung ist gefühlt als mögliche Freiheit, gleichwohl bewegen wir uns im Einfluss der Gravitation der Erde. Wenn wir unseren Weg durch die Welt gehen, gibt es unterschiedliche Einflüsse, Zwänge und Freiheiten, die uns voran bringen und ins Leben werfen.“ Aus dieser Perspektive gesehen ist unser Gehen ein kontrolliertes Fallen. Wir können der Gravitation nicht entkommen, sind ihr aber nicht gänzlich ausgeliefert. Es gibt einen Spielraum der Bewegung und Bewegung selbst ist nicht statisch gedacht: im Navigieren der Bewegung entstehen Freiheit, Veränderung, Hoffnung, Handlungsspielraum, Virtualität, aus der Neues entstehen kann.
In Heiner Müller’s Hamletmaschine gibt es den Satz: „Die Revolte beginnt als Spaziergang“. Er verweist auf den in der Bewegung – und in unserem Zusammenhang müsste man verdeutlichen: in der Bewegung des Denkens – verborgenen politischen Sprengstoff. Dieser gehört im Denken Massumi’s zu den oben genannten Begriffen unerlässlich dazu. In brillanter Formulierung und eben mit der für den Kanadier typischen Bewegung des Denkens, zugleich auf das Individuum bezogen und auf die Gesellschaft, wird folgender Satz inzwischen gern in Programmheften zitiert: „Ein individuelles Leben ist eine serialisierte, kapitalistische Mini-Krise, ein Desaster, das Deinen Namen trägt.“

Es überrascht nur wenig zu entdecken, dass Brian Massumi das berühmte Werk „Tausend Plateaus“ der französischen Denker Gilles Deleuze und Felix Guattari ins Englische übersetzt hat. Eine Spur dieses starken Einflusses auf sein eigenes Denken finden die deutschsprachigen Leser in seinem Beitrag im 1993 von Clemens-Carl Härle für den Merve-Verlag, Berlin, herausgegebenen Band „Karten zu ‚Tausend Plateaus’“.

Massumi lehrt an der Universität Montreal am Institut für Kommunikation. Seine Forschungsschwerpunkte lassen sich mit Stichworten wie Philosophie des Virtuellen, Theorien des Bewusstseins, neuen Technologien des Bildes und Philosophie der Wahrnehmung umreißen. Als Autor und Herausgeber arbeitete er zu Deleuze und Guattari in Veröffentlichungen wie „A User’s Guide to Capitalism and Schizophrenia: Deviations from Deleuze and Guattari“ (1992) und „A Shock to Thought: Expression after Deleuze and Guattari“ (2002). Massumi’s bislang wichtigstes Werk ist jedoch „Parables for the Virtual: Movement, Affect, Sensation“ (2002). Im Zentrum dieses Entwurfs einer Kulturtheorie steht wiederum die Bewegung als Spielraum für Veränderung und möglicher subversiver Kraft von Kultur.

Von einem Versuch, gewohnten Denkschwerpunkten durch navigierende Bewegung des Denkens zu entkommen, zeugt Briam Massumis Teilnahme am Projekt „Wörterbuch des Krieges“, einer „Plattform zur Herstellung von Begriffen“, die einer Allgegenwart des Krieges die denkerische Stirn zu bieten wollte. Massumi’s Beitrag hatte den Titel „Perception Attack“ und wurde im Februar 2007 in den Sophiensaelen in Berlin vorgestellt.

Das Projekt „Wörterbuch des Krieges“ suchte eine Verbindung zwischen Denken im Sinne des „Herstellens von Begriffen“ (G. Deleuze) und Performance zu eröffnen und die herkömmliche Form des Vortrages zu verlassen. In der Zusammenarbeit mit der ebenfalls kanadischen Künstlerin und Philosophin Erin Manning nimmt diese experimentelle Recherche in „The Sense Lab“ eine konkrete Form an, in der die direkte Verbindung zum künstlerischen Schaffen Mittelpunkt steht. Gemeinsam spürten Manning und Massumi bereits auf einem Workshop des Steirischen Herbstes 2006 mit dem Titel „Wenn Haut schneller ist als Worte“ dem von Massumi schon begrifflich behandelten Verhältnis von Bewegung und Körper choreografisch nach. In „The Sense Lab“ wird diese Arbeit fortgesetzt und die herkömmliche Zweiteilung von Forschung und künstlerischem Schaffen radikal hinterfragt.

Brian Massumi ist einer der eher seltenen Denker, denen man wünschen möchte: „keep on going.“
Author: Dietrich Sagert

Bio

Kanadischer Philosoph, Kulturtheoretiker und Sozialkritiker, Studium der französischen Literatur und Doktorat an der Universität Yale, anschließend Studien an der Universität Stanfort, USA; übersetzte „Mille Plateaux“ von G. Deleuze und F. Guattari in Englische, lehrt am Institut für Kommunikation der Universität Montreal, ebendort leitet er mit Thierry Bardini das „Radical Empiricism laboratory“, Zusammenarbeit mit Erin Manning u.a. an „The Sense Lab“ der Concordia Universität.

Works

Veröffentlichungen (Auswahl)

Published Written
Ed. with Erin Manning). Technologies of Lived Abstraction. MIT Press book series. n/a (Ed. with Michael Hardt and Sandra Buckley. ) Theory Out of Bounds. University of Minnesota Press book series, 1993-2007 (Ed.), The Matrixial Borderspace: Essays by Bracha Ettinger. Minneapolis: University of Minnesota Press, 2007 Parables for the Virtual: Movement, Affect, Sensation. Durham: Duke University Press, 2002, second printing 2003 (Ed.), A Shock to Thought: Expression After Deleuze and Guattari. London/New York:Routledge, 2002 Exhibition catalogue. (Ed. with Catherine de Zegher), Bracha Lichtenberg Ettinger: The Eurdyice Series. New York: The Drawing Center, 2002 (Ed.), The Politics of Everyday Fear. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1993 A User’s Guide to Capitalism and Schizophrenia: Deviations from Deleuze and Guattari. Cambridge, Mass.: MIT Press, 1992; fifth printing 2003 (With Kenneth Dean), First and Last Emperors: The Absolute State and the Body of the Despot. New York: Semiotexte/Autonomedia, 1992

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

IN TRANSIT 2008

Singularities | Einmaligkeiten

(11 June 08 - 21 June 08)

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