Daniel Díaz Torres

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crossroads:
Alltag, Armut, Identität
genre(subgenre):
Film (Dokumentarfilm, Spielfilm)
region:
America, Central
country/territory:
Mexico
city:
Havana
created on:
May 29, 2003
last changed on:
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Nichts ist fiktiver als das Leben selbst

Daniel Díaz Torres, 1948 in Havanna geboren, gehört seit den achtziger Jahren zu den bedeutendsten Regisseuren Kubas. Seit Beginn der Wirtschaftskrise in den frühen neunziger Jahren ist er einer der wenigen, die auf ein ununterbrochenes Filmschaffen verweisen können. Seine Komödien, die in der kubanischen Alltagsrealität wurzeln, haben stets einen Hang zum Absurden und verschafften ihm den Ruf eines Meisters des hintergründigen Humors. Díaz Torres lebt in Havanna.
Seit einigen Jahren erscheinen Filme aus Kuba auf dem europäischen Markt, die mit erstaunlicher Offenheit und skurrilem Humor die politischen und sozialen Verhältnisse ihres Landes zeichnen. Ob sie nun die Diskriminierung Homosexueller durch unfreiwillig komische Hardliner der Partei aufs Korn nehmen („Erdbeer und Schokolade“), ob die Protagonisten auf der Leinwand Marihuana rauchen („Das Leben – ein Pfeifen“) oder sich über die Desorganisation in der kommunistischen Bürokratie lustig machen („Guantanamera, Kubanisch reisen“) – stets drängt sich die Überzeugung auf, Vergleichbares hätte in den Ländern des Ostblocks nicht gezeigt werden können.

Subtile Kritik an den Verhältnissen im eigenen Land, zuweilen aber auch bitterböse Satire zeichnet besonders das Kino des 1948 geborenen Daniel Díaz Torres aus. In den neunziger Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Beginn der – noch immer andauernden – euphemistisch "Spezialperiode" genannten größten Wirtschaftkrise in der Geschichte des Landes, enthalten Díaz Torres auf den ersten Blick ausgelassen-burleske Komödien auch sozialen Sprengstoff. Dennoch ist Díaz Torres, als einer der wenigen Regisseure seines Landes auch in Zeiten finanzieller Knappheit, die gerade eine aufwändige Industrie wie das Kino besonders hart trifft, scheinbar unbehelligt in der Lage, "genau das Kino zu machen, das mir gefällt. Ich versuche, eine Linie zu verfolgen, die humoristisch ist, aber mit einem intelligenten Humor, nicht einem schwerfälligen, abgedroschenen. Es schwingt immer eine gewisse Ironie mit. Und diese Ironie ist stets auch Selbstironie und Ironie gegenüber dem System, in dem wir leben."

Doch auch dieser Freiheit des künstlerischen Ausdrucks sind Grenzen gesetzt. “Innerhalb der Revolution: alles. Gegen die Revolution: nichts.” So lautete die Losung, die Fidel Castro 1961 in einer Rede an die Intellektuellen prägte. Die Festlegung dessen, was nun “innerhalb” und was “gegen” sei, hängt jedoch von der momentanen politischen Windrichtung ab, die die Exegese der Kunstwerke beeinflusst. Zwar gibt es auf Kuba keine Zensur- oder Kontrollinstanz, zumindest nicht nach offizieller Verlautbarung. Tiefer als Daniel Díaz Torres selbst hat dennoch kein kubanischer Filmemacher zu spüren bekommen, was es bedeutet, in der Kategorie “gegen” verortet zu werden. Als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 in Kuba eine ideologische Paranoia ausbrach, veröffentlichte er die Satire „Alicia am Ort der Wunder“.

Obwohl der Film bereits in den achtziger Jahren während der Stoffentwicklung von offizieller Seite abgesegnet worden war, galt er den Parteikadern in der veränderten weltpolitischen Konstellation nun als konterrevolutionär. Die Premierenvorstellung wurde mit Funktionären und linientreuen Claqueuren erst künstlich ausgebucht, dann ausgebuht und der Film wurde jahrelang mit der Begründung ´mangelnder Erfolg beim Publikum´ nicht mehr aufgeführt. Ungewollte Komik der Affäre: Eine exilkubanische Radiostation aus Miami übertrug die Tonspur des Skandalfilms – als Hörspiel.

Abenteuerlich ist die Gratwanderung zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem in einem Land, das seine Künstler nach wie vor einer Zensur aussetzt. Um weiter als Regisseur tätig sein zu können, ist Díaz Torres vorsichtiger geworden. Ähnlich wie bei Carlos Sauras Filmen vor der demokratischen Öffnung Spaniens muss man bei seinen neueren Filmen zwischen den Zeilen lesen oder hinter die Bilder schauen. Wenn Concha (Coralia Veloz) in „Hacerse el Sueco“ / „Der Cuba Coup“ in einem Nobelrestaurant vor dem Hauptgang vier Dosen Coca Cola auf einmal bestellt, denn: “man weiß ja nie, was noch passiert”, so ist das sicher nicht (nur) eine Anspielung auf die Chilischoten im Essen.

Ebenso unvorhersehbar sind kubanische Filmproduktionen aber auch aus einem ganz anderen Grund: sie basieren dank der Auflösung im ganzen Land zu einem Großteil auf Improvisation. Einigermaßen überrascht war etwa Peter Lohmeyer, der deutsche Hauptdarsteller in „Kleines Tropikana“ / „Tropicanita“ und „Hacerse el Sueco“ / „Der Cuba Coup“, als ihm der Regisseur vor den Dreharbeiten telefonisch den Auftrag gab, einen Teil der Requisiten und Kostüme im Handgepäck aus Deutschland mitzubringen, da sie innerhalb der vom Import abgeschnittenen Karibikinsel nicht beschafft werden konnten. Auf der Einkaufsliste standen mehrere SS-Uniformen, allerlei Nazi-Devotionalien, schwedische Fußballtrikots, die Gesamtausgabe von Pippi Langstrumpf sowie ein deutscher Reisepass. Man mag sich das Erstaunen des kubanischen Zollbeamten vor Augen führen.

Erfahrungen aus den Dreharbeiten beweisen, dass es nicht nur abenteuerlich ist, in Havanna “den Schweden zu spielen”, wie die wörtliche Übersetzung des Titel der zweiten Zusammenarbeit zwischen Díaz Torres und Lohmeyer lautet. Heutzutage einen Film auf Kuba zu drehen, ist an sich schon Stoff für einen Abenteuerfilm.

Arbeitsbedingungen, die für einen Außenstehenden oder nur punktuell Mitarbeitenden einen pittoresken und absurden Reiz haben mögen, sind für einheimische Filmschaffende lästig und ermüdend. Dies erklärt die verstärkte Emigrationswelle kubanischer Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren in den vergangenen Jahren. Díaz Torres, der mit seinen Filmen inzwischen die gesamte Welt bereist hat, wird häufig gefragt, ob ihn ein Angebot aus dem Ausland nicht interessiere, ob er nicht die Existenz eines Hollywood-Regisseurs vorzöge. Doch er betont stets die Bedeutung der kubanischen Realität für sein Filmschaffen und weist derartige Gedankenspiele von sich: "Zunächst ist es ja nicht so einfach, von heute auf morgen zum Hollywood-Regisseur zu werden. Aber selbst wenn eine Fee käme und mich in einen solchen verwandeln wollte, ich würde es ablehnen. Ich bin Kubaner, und daher ist auch mein Kino zutiefst kubanisch. Mein Land mit seinen gesamten Schwierigkeiten und Widersprüchen ist es, was meine Kreativität stimuliert – gewissermaßen der Rohstoff meiner Arbeit."

Dieser unmittelbare Bezug zur Realität ist es auch, was als durchgehendes Stilelement das gesamte Oeuvre des Regisseurs durchzieht. Schließlich war die "Wiege" des Filmemachers die Redaktion der Kinowochenschauen des kubanischen Filminstituts und daraus resultierte die Arbeit auf dem Gebiet des Dokumentarfilms. Ein Einfluss, der auch sein Werk im fiktionalen Bereich entscheidend geprägt hat. Dennoch verschließt sich seine Kinoästhetik einer semidokumentarischen oder naturalistischen Wirklichkeitsdarstellung, wie sie das lateinamerikanische Kino vorausgehender Jahrzehnte kennzeichnete. In der Tradition einer fast barock ausufernden Volksphantasie, die viele Künstler der Karibikinsel über die Jahrhunderte an den Tag legten, gleitet Díaz Torres´ Kino immer wieder auch in eine tropische Kunst des Fabulierens, wie etwa in der Revolutionssatire „Alicia en el pueblo de Maravillas“, in der hyperbolische Zerrbilder sich zu phantastischen Spekulationen und Verschwörungsgespinsten gesellen. Wer das karibische Naturell kennt, wird jedoch wissen, daß auch diese phantastische Dimension einen Platz in der Wirklichkeit hat. Oder, wie es der Regisseur ausdrückt: zuweilen ist nichts fiktiver als das Leben selbst.
Author: Florian Borchmeyer

Bio

Daniel Díaz Torres wurde 1948 in Havanna geboren. Neben einem 1970 abgeschlossenen Studium der Politikwissenschaft an der Universität Havanna arbeitete er seit 1968 beim kubanischen Filminstitut ICAIC als Regieassistent, Kritiker und Dozent. Zudem unterrichtete er Filmkunde an der Universität von Havanna und leitete Regie- und Drehbuchseminare in Kuba und verschiedenen Ländern der Welt. 1975 führte er in dem Dokumentarfilm „Libertad para Luis Corvalán“ / „Freiheit für Luis Corvalán“ Regie und tat sich auch in der Folge zunächst eher im dokumentarischen Bereich hervor. Dies wurde durch seine Tätigkeit als Leiter der lateinamerikanischen Kinowochenschau des kubanischen Filminstituts ICAIC gefördert, die er bis 1981 ausübte. Seit der Gründung der lateinamerikanischen Filmschule von San Antonio de los Baños bei Havanna im Jahre 1986 ist er dort leitender Dozent. Die Verbindung aus eigenem Schaffen und der Vermittlung cineastischen Handwerks an eine jüngere Generation von Filmemachern aus seinem Land und seinem Kontinent ist ein Prinzip, von dem der Regisseur trotz wachsenden internationalen Erfolgs und zahlreicher Angebote aus dem Ausland nicht abrücken möchte.

Seinen ersten abendfüllenden Spielfilm „Jíbaro“ präsentierte er 1985; aber erst 1991 verhalf ihm sein dritter Spielfilm „Alicia am Ort der Wunder“ zu internationaler Anerkennung und brachte ihm unter anderem das renommierte Stipendium des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin ein. Zunächst aber verursachte diese schwarze Komödie den größten Kinoskandal in der Geschichte Kubas. In der politisch heiklen Periode des Zusammenbruchs des Sozialismus in Europa wurde eine Satire auf die Revolutionsbürokratie als konterrevolutionär empfunden und nach einer einzigen Vorstellung verboten.

Seit 1997 arbeitet der Regisseur bevorzugt mit dem deutschen Darsteller Peter Lohmeyer zusammen. „Kleines Tropikana“ – deutscher Verleihtitel „Tropicanita“ – ist eine Kriminalkomödie, macht sich aber auch in hintergründiger Weise über die Scheinheiligkeit und Doppelmoral des heutigen Kuba lustig. Der Film erhielt den besonderen Preis der Jury beim Festival von Havanna und wurde für den Premio Goya, den "spanischen Oscar", nominiert. Durch die Mischung aus Realismus und Absurdität in „Hacerse el sueco“ / „Der Cuba Coup“ führte die zweite Zusammenarbeit mit Lohmeyer Díaz Torres bei kubanischen Zuschauern zu fast konkurrenzloser Popularität.

Mit überwältigender Mehrheit sprachen sie ihm im Jahr 2000 beim Festival des Neuen lateinamerikanischen Kinos in Havanna den Publikumspreis zu. Der von Deutschland koproduzierte Film, der viele Wochen lang in den Kinos mehrerer deutscher Großstädte zu sehen war, festigte den Ruf des Regisseurs auch auf der anderen Seite des Atlantiks und verleiht Díaz Torres den Rang des momentan produktivsten Regisseurs seines Landes. Er ist der einzige, der es trotz der erheblichen wirtschaftlichen und ideologischen Schwierigkeiten auf der sozialistischen Insel geschafft hat, regelmäßig Kinofilme zu drehen, ohne Konzessionen kommerzieller oder ideologischer Art machen zu müssen.

Works

Hacerse el sueco

Film / TV,
2000

Tropicanita

Film / TV,
1997

Quiéreme y verás

Film / TV,
1995

Alicia en el pueblo de maravillas

Film / TV,
1991

Crónica informal desde Caracas

Film / TV,
1989
Dokumentarfilm

Otra mujer

Film / TV,
1986

Jíbaro

Film / TV,
1985

Vaquero de montañas

Film / TV,
1982
Dokumentarfilm

Los dueños del río Madera

Film / TV,
1980
Dokumentarfilm

La casa de Mario

Film / TV,
1978
Dokumentarfilm

Encuentro en Texas

Film / TV,
1977
Documentation

Granma

Film / TV,
1976
Dokumentarfilm

Libertad para Luis Corvalán

Film / TV,
1975

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Blueprints 2000

Cultures in dialogue

(01 May 97 - 18 November 00)