Okwui Enwezor

Article Bio Works Merits Projects www
crossroads:
Geschichte, Moderne, Postkolonialismus
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Curating Art)
region:
Africa, Western, America, North
country/territory:
Nigeria, United States of America
created on:
June 4, 2010
last changed on:
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Okwui Enwezor
Okwui Enwezor. Photo: Sebastian Bolesch

Article

„Nicht Nationalitäten beschäftigen mich, sondern Ideen“

Okwui Enwezor, geboren 1963 in Kabala, Nigeria, ist einer der einflussreichsten Kuratoren und Theoretiker im gegenwärtigen Kunstbetrieb. 1998 wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als er als erster Vertreter eines nichtwestlichen Landes für die künstlerische Gesamtleitung der documenta bestellt wurde. Er schaffte es 2002, mit einer sowohl medial wie regional vielfältigen Ausstellung in Kassel einen neuen Besucherrekord zu erzielen. Der eigentlichen Ausstellung gingen dabei fünf internationale „Plattformen“ voraus, die das Format einer repräsentativen Schau sowohl theoretisch wie konzeptuell auf eine globale Ebene erweiterten.
Enwezor wuchs in Enugu im östlichen Nigeria auf. Anfang der 1980er-Jahre ging er nach Amerika, wo er am Jersey City State College einen B.A. in Politikwissenschaften erlangte. In dieser Zeit begann er, sich für Kunst zu interessieren und stellte bei zahlreichen Ausstellungen fest, dass afrikanische Künstler im Kunstbetrieb unterrepräsentiert waren. Aus dieser Auseinandersetzung begann Enwezor sein Profil als Kunstkritiker zu entwickeln und zu schärfen. Er trug schließlich wesentlich dazu bei, dass der internationale Kunstbetrieb seine starke Fokussierung auf den euroamerikanischen Zusammenhang überwand und sich nicht nur kommerziell, sondern auch intellektuell globalisierte. Besonders wichtig erwies sich die Gründung der Zeitschrift „Nka – Journal of Contemporary African Art“, die an der Cornell University erscheint und zu einem Sprachrohr der postkolonialen Kritik und Theoriebildung wurde. Begrifflich legt Enwezor dabei immer wieder Wert auf eine Unterscheidung zwischen der ökonomischen Globalisierung, die im Wesentlichen die Vormachtstellung alter Eliten verstärkt, und einer wahrhaften Internationalisierung nicht nur des Kunstbetriebs, die auf Teilhabe an politischen, sozialen und kulturellen Sphären zielt. In diesem Zusammenhang reflektierte er das Format, das er selbst häufig bespielte: „Mega-Exhibitions and the Antinomies of a Transnational Global Form“ lautet der Titel einer seiner Vorträge, den er 2002 in New York hielt.

Seit Mitte der neunziger Jahre ist Okwui Enwezor vorwiegend als Kurator tätig, parallel dazu hat er intensiv publiziert. 1995-96 war er Direktor der zweiten Johannesburg-Biennale, die er unter den anspielungsreichen Titel „Trade Routes: History and Geography“ stellte. 2001 eröffnete in der Villa Stuck in München die Ausstellung „The Short Century. Independence and Liberation Movements in Africa, 1945-1994“, die anschließend in Berlin, Chicago und New York gezeigt wurde. Sie bot den bis zu diesem Zeitpunkt umfassendsten Überblick über das spät- und postkoloniale Kunstschaffen auf dem afrikanischen Kontinent und war von den beiden zeithistorischen Daten der Panafrikanischen Konferenz in Manchester 1946 einerseits und dem Wahlsieg des ANC in Südafrika 1994 andererseits gerahmt.

Ein wichtiger Teil seiner Beschäftigung galt dabei der Fotografie, was sich in der Ausstellung „In/Sight. African Photographers 1940 to the Present“ niederschlug.

Mit Aufsätzen wie „Between Two Worlds: Postmodernism and African Artists in the Western Metropolis“ und „The Enigma of the Rainbow Nation: Contemporary South African Art at the Crossroads of History“ hat er selbst wesentlich zu der theoretischen Begründung seiner Ausstellungspraxis beigetragen. Dazu kommen Einzelpublikationen wie “Reading the Contemporary: African Art from Theory to the Marketplace” . 2002 erschien in deutscher Sprache der von ihm gemeinsam u.a. mit Ute Meta Bauer herausgegebene Band „Experimente mit der Wahrheit. Rechtssysteme im Wandel und die Prozesse der Wahrheitsfindung von Versöhnung“, in dem zentrale Themen behandelt werden, die 2010 in der von ihm kuratierten Themenstrecke auf dem Berlin Documentary Forum 1 ebenfalls eine prominente Rolle spielen.

Okwui Enwezor ist gegenwärtig Dekan und Vizepräsident des San Francisco Art Institute. Zwei neue Bücher erscheinen in Kürze: ”The Postcolonial Constellation: Contemporary Art and the Global Stage” und “Archaeology of the Present: The Postcolonial Archive, Photography and African Modernity”. Er lebt in New York, Chicago und London und besitzt sowohl die nigerianische wie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. „Nicht Nationalitäten beschäftigen mich, sondern Ideen“ – so prägnant und einfach beschreibt Okwui Enwezor seine Position.
Author: Bert Rebhandl

Bio

Okwui Enwezor wurde 1963 in Calabar, Nigeria, geboren. Seit Oktober 2011 ist er Direktor am Haus der Kunst in München.

Works

Events of the Self: Contemporary African Photography from the Walther Collection

Published Written,
2010
Steidl

Contemporary African Art Since 1980 

Published Written,
2009
Mit Chika Okeke-Agulu. Damiani Editore

Archive Fever: Uses of the Document in Contemporary Art

Published Written,
2008
ICP/Steidl

Antinomies of Art and Culture: Modernity, Postmodernity, Contemporaneity 

Published Written,
2008
Hrsg. mit Terry Smith, Nancy Condee. Duke University Press

Reading the Contemporary: African Art from Theory to the Marketplace

Published Written,
1999
Olu Oguibe und Okwui Enwezor (Hrsg.), Institute for International Visual Arts: INIVA, London und MIT Press, 1999

Künstlerische Leitung/Kuratierte Ausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
The Rise and Fall of Apartheid, International Center for Photography, New York (2012); 7th Gwang-ju Biennale (2008), Gwang-ju, Süd-Korea; Bienal Internacional de Arte Contemporáneo de Sevilla (2006-07), Sevilla, Spanien; documenta 11, Kassel (1998-2002); 2nd Johannesburg Biennale (1996–1997), Johannesburg, Südafrika; Archive Fever: Uses of the Document in Contemporary Art, International Center of Photography, New York City, USA; The Short Century: Independence and Liberation Movements in Africa, 1945–1994: Museum Villa Stuck, München und Gropius Bau, Berlin, Museum of Contemporary Art Chicago, und P.S.1 and Museum of Modern Art, New York, USA; Century City, Tate Modern, London, Großbritannien; Mirror’s Edge, Bildmuseet, Umeå, Schweden; Vancouver Art Gallery, Vancouver, Kanada, Tramway, Glasgow, Schottland; Castello di Rivoli, Turin, Italien; In/Sight: African Photographers, 1940–Present,:Guggenheim Museum; Global Conceptualism, Queens Museum, New York, Walker Art Center, Minneapolis, Henry Art Gallery, Seattle, USA; List Gallery at MIT, Cambridge, Großbritannien; David Goldblatt: Fifty One Years, Museum of Contemporary Art, Barcelona, Spanien; AXA Gallery, New York, USA; Palais des Beaux Art, Brüssel, Belgien; Lenbach Haus, München; Johannesburg Art Gallery, Johannesburg, Südafrika; Witte de With, Rotterdam, Niederlande; Echigo-Tsumari Sculpture Biennale, Japan (Co-Kurator); Cinco Continente: Biennale of Painting, Mexico City, Mexiko (Co-Kurator); Stan Douglas: Le Detroit, Art Institute of Chicago, USA

Merits

Frank Jewett Mather Award für Kunstkritik von der College Art Association (2006)

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Meeting Points 6

Contemporary Art Festival from the Arab World

(12 January 12 - 14 January 12)

Berlin Documentary Forum 1

New practices across disciplines

(02 June 10 - 06 June 10)

The Short Century

»Das kurze Jahrhundert«

(18 May 01 - 29 July 01)

Www

Interview auf ZEIT online

Enwezor will Haus der Kunst «entmystifizieren». Artikel von Britta Schultejans (29.11.2011)

Artikel auf ZEIT online

Ein Mann mit starken Nerven. Von Claudia Herstatt (09.03.2011)

Interview auf Süddeutsche.de

Denk ich an New York. Von E. Vogel (19.01.2011)

Okwui Enwezor auf universes-in-universe.de

Artikel im art Magazin

Jenseits des Weißwurstäquators. Artikel von Birgit Sonna (19.01.2011)

Artikel auf Spiegel.de

Ich rede auch mit Malern. Von Jürgen Hohmeyer und Susanne Weingarten (24.07.2000)