Nicolás Echevarría

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crossroads:
Metropole, Schamanismus
genre(subgenre):
Film (Dokumentarfilm, Spielfilm)
region:
America, Central
country/territory:
Mexico
city:
Mexico City
created on:
May 14, 2003
last changed on:
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Auf der Suche nach Mexikos Identität

Der 1947 in Tepic im Bundesstaat Nayarit geborene Nicolás Echevarría gehört zu Mexikos ‚artistas malditos’: zu jenen Talenten, denen kurzfristig eine Chance gegeben wird und die danach wieder vergessen werden. So zählen seine Dokumentarfilme der siebziger Jahre, die er mit Unterstützung der Regierung López Portillo drehte, zwar zu den Klassikern des ethnografischen Films in Mexiko, aber sein wegweisendes Spielfilm-Debüt „Cabeza de Vaca“ musste er gegen die jahrelange Obstruktion der Filmbürokratie realisieren. Obwohl er damit großen Erfolg hatte, gelang es ihm erst ein Jahrzehnt später, seinen zweiten Spielfilm zu verwirklichen: „Vivir mata“ (2001).
Ursprünglich wollte der 1947 im Norden Mexikos geborene Nicolás Echevarría Musiker werden. Seine Professoren am Konservatorium haben ihm auch eine verheißungsvolle Karriere vorausgesagt. Doch damals, Ende der sechziger Jahre, gibt es neben den kämpferischen Studentenorganisationen eine Aufbruchbewegung, die nach neuen Daseinsformen sucht und sich deshalb in die Berge, zu den spirituellen Wurzeln, zur magischen und mythischen Welt der indianischen Ureinwohner zurückzieht. Ihr schließt sich der Musikstudent an und lernt María Sabina, die ‚mujer espíritu’, kennen. Sie weist ihm den Weg zur Mystik und zu den synkretistischen Glaubensformen der Indios. Er bricht das Musikstudium ab und beginnt – nach einer kurzen Einführung ins Filmhandwerk – die Welt der Indios filmisch festzuhalten und „etwas von ihrer Lebensphilosophie und ihren verborgenen Werten sichtbar zu machen“.

„Dabei geht es mir keinesfalls um Folklore oder Ethnologie“ – so bekennt er – „sondern um die Erfahrung von Kräften der Veränderung und um die grundsätzliche Frage nach unserer Identität: wer sind wir, und wie wir uns gegen die Überfremdung aus dem Norden wehren können?“ Nicht nur diese Fragestellung, sondern auch der sorgfältige Umgang mit den ästhetischen Mitteln unterscheidet die Kurzfilme Echevarrías von der Masse der ethnografischen oder anthropologischen Filme, die gerade in Mexiko entstehen. Er legt größten Wert auf die Kamerabewegungen, auf die innere Stimmigkeit des Montagerhythmus, auf das Spiel von Licht und Schatten. Und er reduziert den Kommentar auf das Nötigste, verzichtet oft ganz auf ihn, denn für ihn ist wichtig, „dass die Dinge für sich selbst sprechen“.

Einen ersten Höhepunkt erreicht er 1978 mit „María Sabina“. In diesem langen Dokumentarfilm porträtiert er die ‚mujer espíritu’, eine der letzten heilkundigen Priesterinnen der Indios. Es gelingt ihm in diesem beispiellosen Zeugnis, in die Geheimnisse der indianischen Kosmogonie vorzustoßen.

In zwei weiteren Arbeiten kreist er die Kultur der mexikanischen Urbevölkerung ein: „Poetas campesinos“ (1981) und vor allem „Niño Fidencio, el taumaturgo de Espinoza“ (1982). War der Wunderheiler von Espinoza wirklich ein Wundertäter oder nur ein Kurpfuscher, ein Prophet oder ein Scheinheiliger? Hat er wirklich so manche probate Methode heutiger Heilkunst vorweggenommen? Auf diese Fragen gibt Nicolás Echevarría zwar keine endgültige Antwort, aber er beleuchtet das ungewöhnliche Phänomen dieses legendenumwobenen und fast wie ein Heiliger verehrten Mannes von vielen Seiten und mit der Sympathie eines Künstlers, dem das Transzendentale durchaus vertraut ist und der dabei doch an die Grenzen des Dokumentarfilms stößt.

Er hoffte, den Moment der Initiation eines Schamanen dokumentieren zu können. Weil ihm dies nicht gelingt, versucht er diesem Problem in einem Spielfilm nachzugehen, und beginnt den ‚Leidensweg’ von „Cabeza de Vaca“ einzuschlagen, einen der seltenen Versuche, die Zeit der spanischen Eroberung zu rekonstruieren. Alvar Núñez Cabeza de Vaca, Schatzmeister des Königs, strandet 1528 mit den Resten seines Expeditionscorps an der Küste Floridas. Bei einem Überfall wird er von Indianern gefangen genommen und zum Sklaven eines Schamanen gemacht. Von ihm lernt er allmählich Sprache, Gebräuche und Sitten der Ureinwohner. Er fasst Vertrauen und findet neue Kräfte in der übersinnlichen Welt des Medizinmanns. Zu seiner Überraschung gibt ihm der Schamane eines Tages die Freiheit. Und nun beginnt eine lange Reise, auf der er allmählich den Zwiespalt der Kulturen in sich selbst zu begreifen lernt.

Mit „Cabeza de Vaca“ ist Nicolás Echevarría 1991 einer der aufregendsten Debütfilme der neunziger Jahre gelungen: ein großes historisches Fresko über die Zeit der Kolonisierung und einen der ersten Versuche der Verständigung zwischen Spaniern und Indianern. Für den Zusammenprall von indianischem Schamanismus und spanischer Vernunft hat er mitunter bizarre Bilderwelten geschaffen. Das grandiose Schlussbild besiegelt die historische Allianz von Entdecken und Erobern: die Unmöglichkeit des Verständnisses der Kolonisatoren für die sie befremdende Kultur. Mit diesem Werk hat Echevarría gar nicht erst versucht, den Konventionen des historischen Erzählkinos gerecht zu werden, sondern hat sie gesprengt und neue Maßstäbe für den filmischen Umgang mit der selten dargestellten Kolonialgeschichte Mexikos gesetzt.

Das hat ihm allerdings bei seiner weiteren Filmarbeit wenig genützt. Die für politische Konjunkturen anfällige Kinematografie kennt kaum Kontinuität. Aber es gibt nur wenige überragende Talente in Mexiko, die derart marginalisiert wurden wie Nicolás Echevarría. Er muss sich in den neunziger Jahren mit Broterwerb begnügen, als eine neue Generation von Filmemachern antritt, die er mitinitiiert hat. Er verfolgt seine Themen konsequent und auf Video weiter und erhält gut zehn Jahre nach seinem Erfolgsdebüt endlich die Gelegenheit zu seinem zweiten Spielfilm: „Vivir mata“ (2001), nach einem Drehbuch von Juan Villoro, immerhin einer der wichtigsten mexikanischen Gegenwartsautoren.

Nicolás Echevarría verlässt die ihm vertraute Thematik und versucht sich mit dem gesellschaftlichen Lügengeflecht auseinander zu setzen. Doch die Geschichte von den beiden Protagonisten – eine Rundfunkmoderatorin und ein Schriftsteller – die sich auf dieser Grundlage begegnen und wieder verfehlen, will nicht so recht überzeugen. Sie ist in komplizierten Sprüngen und Rückblenden angelegt und verliert dabei die inhaltliche Dichte. Auch verfügt der Film nicht über die ästhetische Originalität der früheren Arbeiten. Er hinterlässt den Eindruck, dass hier eines der großen Talente des mexikanischen Kinos Anschluss an die Entwicklung sucht und dabei allzu viele Kompromisse eingegangen ist.
Author: Peter B. Schumann 

Bio

Am 18. August 1947 in Tepic/ Nayarit geboren, beginnt Nicolás Echevarría zunächst Malerei und Architektur in Guadalajara zu studieren und nimmt nach seiner Übersiedelung nach Mexiko-Stadt 1969 ein Musikstudium am Staatlichen Konservatorium, in der Kompositionswerkstatt von Carlos Chávez, auf. 1970 gründet er zusammen mit Mario Lavista die Improvisationsgruppe ‚Quanta’ und experimentiert hier vor allem mit elektroakustistischer Musik. Im New Yorker Millennium-Film-Workshop’ lernt er 1971/72 das Filmhandwerk kennen, dreht seine ersten beiden Kurzfilme und auf Video „El status político de la isla de Puerto Rico“. Nach seiner Rückkehr beginnt er das bereits Ende der sechziger Jahre entstandene Interesse für die Ursprungskulturen Mexikos mit der Kamera zu vertiefen. Auf sehr sensible Weise hält er in einem halben Dutzend Kurzfilmen den indianischen Kosmos mit seinen religiösen, ästhetischen und mystischen Manifestationen fest: „Judea – Semana Santa entre los coras“ (1973), „Eureka“ (1974), „Hikure-tame, peregrinación del peyote entre los huicholes“ (1975), „Los conventos franciscanos en el antiguo señorío teochichimeca“; „Hay hombres que respiran luz“ (alle 1976); „Flor y canto: Museo Nacional de Antropología“ (1978).

Die mittellangen und abendfüllenden Filme, die er in den folgenden Jahren dreht, machen ihn bald zu einem der wichtigsten Dokumentaristen des Landes und begründen eine neue Form des ethnografischen Films in Mexico: „María Sabina: mujer espíritu“ (1978), Tesgüinada: Semana Santa tarahumara (1979), Poetas campesinos (1980), Niño Fidencio, el taumaturgo de Espinoza (1981), „San Cristóbal, la monumentalidad en la plástica mexicana“ (1985). In den USA dreht er 1983 zusammen mit Alan Lomax die fünfteilige Fernsehserie „American Patchwork Project“, die inzwischen zu einem Klassiker der ethnografischen Fernseh-Dokumentation wurde.

Danach übernimmt er die Ton- und Musikgestaltung sowie die Kamera bei „El día que murió Pedro Infante“ von Claudio Isaac und dreht von nun an zumeist auf Video, weil ihm keine anderen Chancen geboten werden: in Zusammenarbeit mit Octavio Paz „Sor Juana Inés de la Cruz o Las trampas de la fe“ (1987) über die erste emanzipatorische Frauengestalt Mexicos sowie 1989 „De la calle, De película und Los enemigos“. Fünf Jahre dauern die qualvollen Auseinandersetzungen mit der mexikanischen Filmbürokratie, bis es ihm endlich gelingt, seinen ersten Spielfilm „Cabeza de Vaca“ (1990) zu realisieren.

Trotz dieses viel gerühmten Debüts kann er seine Filmkarriere zunächst nicht fortsetzen, sondern arbeitet in den neunziger Jahren auf Video hauptsächlich für mexikanische Kulturinstitutionen und für das Fernsehen: „Las puertas del tiempo: Museo Nacional de Antrología“ (1992), „Ballet Nacional de México“, „Madero vivo“ (beide 1993), „La Pasión de Iztapalapa“ (1995), „Viaje redondo: semblanza de Luis González y González“ (1996), „La Cristiada: Testimonios de una epopeya“ (1997), eine Serie in fünf einstündigen Kapiteln über dem bewaffneten Konflikt zwischen der katholischen Kirche und dem Staat, sowie die Maler-Biografie „Gunther Gerzso“ (1999). Erst 2001 kann er wieder einen Spielfilm drehen: „Vivir mata“. 2002 erhält er ein Stipendium der Guggenheim-Stiftung und bereitet das Projekt „El misterio de la calavera de crystal“ vor.

Works

Vivir mata

Film / TV,
2001

Cabeza de Vaca

Film / TV,
1990

Niño Fidencio, el taumaturgo de Espinoza

Film / TV,
1981

Poetas campesinos

Film / TV,
1980

María Sabina: mujer espíritu

Film / TV,
1978

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)
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Cabeza de vaca