Serhat Karakayali

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crossroads:
Bürokratie, Identität, Interkulturalismus, Kapitalismus, Kolonialismus, Menschenrechte, Migration, Postkolonialismus, Rassismus
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation)
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Debatte, Essay, Kritik)
Performing Arts (Performance)
region:
Europe, Western
country/territory:
Germany
created on:
October 30, 2008
last changed on:
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Wer hat noch behauptet, die erste türkischstämmige Einwanderergeneration sei türkisch-deutsch und die zweite deutsch-türkisch? Demnach ist Serhat Karakayali türkisch-deutsch. Er wirkt viel jünger als auf Fotos, trägt einen lässigen zwei-Tage Bart und hat verschmitzte Augen. Zunächst ist er reserviert. Seine Geschichte sei doch nichts besonderes, meint er. Doch dann legt er los, seine Zurückhaltung verfliegt, er sprudelt. Karakayali redet von sich, die Verhältnisse sind ein Teil seiner Geschichte. Sein Leben gerät, während er immer lauter und lebhafter erzählt, zu einer Blaupause für die Geschichte der Migration in Deutschland. Wir gehen zurück in die Zeit vor Kanak Sprak und türkischem Hiphop, vor Fatih Akin und Cem Özdemir, als der durchschnittliche Deutsche Türken noch mit Knoblauch in Verbindung brachte.
Als sein Vater Ende der sechziger Jahre nach Deutschland kommt, kann man hier noch keine Paprika kaufen, lacht er. Seine Eltern lassen sich in Duisburg nieder, ein frühes Berlin-Neukölln, entstanden im Dunstkreis von Thyssen-Krupps Schwerindustrie. 1971, im Jahr seiner Geburt, ist Duisburg-Marxloh bereits ein Stadtteil im Wandel. Der „Ausländeranteil“ steigt, die deutsche Bevölkerung zieht weg. Bis hierhin entspricht alles dem Klischee. Seine Mutter arbeitet erst als Grundschul-, dann als Gymnasiallehrerin und lässt sich scheiden. Sie beziehen eine Marxloher Wohnung mit Rokokkomöbeln und einem Vorgarten, Karakayali ist fünf Jahre alt.

Vom katholischen Kindergarten geht es auf eine Grundschule, die von vielen Kindern anderer Herkunft besucht wird. Hier, sagt er, „war ich der ‚Normalfall’, auf dem Gymnasium wollte ich es sein.“ Tatsächlich aber ist er dort anfangs der einzige Schüler mit Migrationshintergrund. Seine Lehrerempfehlung für das Gymnasium wird von dem Schuldirektor durchgestrichen und in eine Empfehlung für die Realschule umgewandelt. Seine Mutter entscheidet sich gegen das Schulurteil und für die Bildungslaufbahn ihres Sohnes.

Insgesamt zeichnet er ein Bild westdeutscher 70er Jahre Normalität. Das Umfeld der Mutter ist bildungsbürgerlich, eine „Lehrerkultur“. Zwar kann er ohne Visum nicht mit seiner Klasse nach Holland zum Tulpengucken, aber dafür adoptiert ihn die deutsche „Oma Anna“ als Enkel. Weihnachten wird immer mit Oma Anna gefeiert. Vielleicht sagt er, hat sie auch mal was „Komisches“ gesagt. Aber das habe er vergessen, schließlich habe er so viel über die deutsche Geschichte gelernt. Oma Anna erzählt von den Judendeportationen, ihr Mann von den Kriegsgefangenenlagern.

Er hat in dieser Zeit die Auseinandersetzung mit Migrationsthemen gemieden. Er wollte nicht auf etwas festgelegt werden, das ihm bisher nur als Defizit angerechnet wurde. Dann beginnen die dunklen 1990er Jahre. Deutschland wird wiedervereinigt. Im Sauerland wird ein Asylheim niedergebrannt, der Fall ist nur einer von vielen rechtsextremen Anschlägen auf Asylanten, die weniger in der kollektiven Erinnerung haften. Befremden und Angst unter den Migranten nehmen zu. Begriffe wie „Asylantenflut“ und „Sozialhygiene“, verwendet für die Abschiebung straffälliger Ausländer, kursieren.

1997/98 schließt Karakayali sein Studium ab. Als ein paar Freunde und Bekannte, darunter der Dichter Feridun Zaimoglu, 1998 in Frankfurt Kanak Attak gründen, schließt er sich Kanak Attak an. Er greift, sagt er, Themen wieder auf. Die Bewegung schreibt es sich auf die Fahnen, die „Kanakisierung“ von Menschen durch rassistische Zuschreibungen anzugreifen.

1998 tritt das Duo Schröder-Fischer an und fördert zivilgesellschaftliche Initiativen für Migranten. Kanak Attak publiziert ein Manifest, organisiert politische Veranstaltungen und bringt Themen wie Multikulturalität, Rassismus und Illegalität künstlerisch und satirisch auf die Bühne. 2001 feiert Kanak Attak in der Berliner Volksbühne mit der Multimedia-Revue „Dieser Song gehört mir“ einen riesigen Erfolg. Karakayali steht mit auf der Bühne. Das Laientheater rutscht in die nationale Presse, wird in der Süddeutschen Zeitung und im Spiegel besprochen. Kanak Attak sei als Modell so erfolgreich, dass man von einer „KA-Gruppen-Sozialisation“ sprechen könne, scherzt er.

2007 erscheint „Empire und die biopolitische Wende“, herausgegeben gemeinsam mit Marianne Pieper, Vassilis Tsianos und Thomas Atzert, eine Analyse des modernen Kapitalismus, und 2008 „Gespenster der Migration“, seine Dissertation zur Geschichte illegaler Migration in Deutschland. Gespenster, weil Migration immer etwas Bedrohliches habe und gleichzeitig schwer fassbar sei. Illegal, das könne letztlich aber auch jeder werden – sogar bereits Eingebürgerte, wie der Fall der mehreren tausend Deutsch-Türken zeige, die vor wenigen Jahren aufgrund ihrer doppelten Staatsbürgerschaft ausgebürgert wurden.

Karakayali engagiert sich nicht nur als Autor erfolgreich, sondern agiert zunehmend als Künstler und Kurator. 2008 trat er in der Inszenierung „Illegal“ in den Münchner Kammerspielen auf. Für das Musikprotokoll im Rahmen des Steirischen Herbsts 2008 präsentierte er gemeinsam mit dem Multimedia-Künstler Sebastian Meissner die Installation „lost spaces“.

Für das „wichtigste Projekt der letzten zwei Jahre“ hält er jedoch „Die Wüste der Moderne“. Das Programm, 2008 gemeinsam mit der künstlerischen Leiterin Marion von Osten und Tom Avermaete im Haus der Kulturen der Welt in Berlin umgesetzt, zeigt, dass das koloniale Nordafrika ab den 1930er Jahren als Labor europäischer Modernisierungsfantasien diente und die europäische Moderne aus den Entwicklungen des Kolonialismus hervorging. Die Ausstellung, so Karakayali, solle weiterwirken und wird im Frühjahr in Casablanca zu sehen sein, danach sind Stationen in Kairo und Tel Aviv geplant. Die gemeinsame Arbeit mit Künstlerinnen und Künstlern wie Peter Spillmann, Marion von Osten und Brigitta Kuster seit der Ausstellung „Projekt Migration“ im Kölnischen Kunstverein 2005 hat sich als eine produktive Form der Produktion und Präsentation von Wissen abseits des Mainstreams herausgestellt. 2008 gründen sie das Institut für postkoloniale Kultur und Wissen, das CPKC.

An welchen Projekten er derzeit noch arbeite, frage ich. An vielen. Was die Buchprojekte betrifft, so gehe es mit einer Einführung zum griechisch-französischen Politologen Nicos Poulantzas weiter. Nächstes Jahr wird das Buch zum Projekt „In der Wüste der Moderne“ erscheinen.



Aus einem Interview der Autorin mit Serhat Karakayali im November 2008.
Author: Heike Gatzmaga

Works

Gespenster der Migration

Published Written,
2008
Bielefeld: transcript Verlag

Empire und die biopolitische Wende

Published Written,
2007
Hgg. mit Marianne Pieper, Vassilis Tsianos und Thomas Atzert, Frankfurt: campus

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

beyond multiculturalism?

Fragen an die Einwanderungsgesellschaft

(04 June 09 - 06 June 09)

In der Wüste der Moderne

Koloniale Planung und danach

(29 August 08 - 26 October 08)

Www

"Kanaken für einen Tag" (taz)

taz-Artikel von Daniel Bax zu der Multimedia-Revue von Kanak Attack "Dieser Song gehört mir" in der Berliner Volksbühne 2001

Webseite Kanak Attack

Webseite Recht auf Legalisierung

Beschreibung der Installation Lost Spaces

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Lost Spaces
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Lost Spaces

Text zur Installation (Englisch)
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