Mathilde ter Heijne

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crossroads:
Gewalt, Identität, Körper, Katastrophe
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation, Videokunst)
region:
Europe, Western
country/territory:
Germany, Netherlands
city:
Amsterdam, Berlin
created on:
May 9, 2003
last changed on:
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Mathilde ter Heijne

Article

Entfernung aus dem Bild

Es ist eine Welt voller Konflikte, Unruhe und Gewalt, durch die die 1969 in Straßburg geborene Mathilde ter Heijne in ihren Videos und Installationen führt. Sie benutzt dabei Material aus den politischen Tagesnachrichten ebenso wie Zitate aus Spielfilmen, die um die Liebe kreisen. Beide Elemente verbindet das Katastrophische in der Bearbeitung durch die niederländische Künstlerin.
Revolutionäre Manifeste aus Kuba. Bekanntmachungen der Nationalen Befreiungsfront FLN aus Algerien. Begegnungen mit der Securitate in Rumänien. Malcom X´s Anklage gegen den weißen Mann. All das mischte sich in akustischen Tondokumenten mit Dialogen aus Spielfilmen, die um die besitzergreifenden Gesten der Liebe kreisten, in der Soundinstallation „1, 2, 3 ... 10. Wie niet weg is, is gezien.", die Mathilde ter Heijne 2000 in der Ausstellung „Heimat Kunst" im Haus der Kulturen der Welt aufbaute. Wie passt das zusammen, die Akkumulation von nationalen, religiösen und rassistischen Konflikten überall auf der Welt, mit zutiefst intimen Szenen? Das eine Thema scheint Strategien der Globalisierung zu fordern und Denkansätze in ökonomischen und politischen Kategorien zu verlangen, das andere Thema wird als privates behandelt und unter den Stichworten der Sexualität und Psychoanalyse betrachtet.

Mathilde ter Heijne aber setzt dort an, wo sich die beiden Sphären berühren. In ihrer Übermittlung durch die Medien beispielsweise. In der Dramaturgie der Bilder von der Gewalt. In ihrem bedrohlichen und vernichtenden Griff nach dem Körper und der Identität des Einzelnen. In der Auslöschung des Anderen. Ob die niederländische Künstlerin dokumentarisches oder fiktionales Material benutzt: Die Katastrophe ist immer schon geschehen.

„Made in Korea", „Made in Taiwan", „Made in Spain", „Handle with Care", steht außen auf den Kartons gedruckt, die sie seit 1998 in ihren Installationen benutzt. Der Lagerraum wird zur Metapher einer globalisierten Gegenwart und zur Notunterkunft von Entwurzelten. Die Kartons reichen, um auf das Netz der Handelswege zu verweisen, denen alle anderen Beziehungen zwischen den Kulturen folgen. Die Künstlerin aus den Niederlanden reagiert damit auf das Erbe eines alten Kolonialreiches. Manchmal dringen Tonspuren von Liebesfilmen durch das Sammelsurium („N.W.OWTG", 1999), manchmal erlauben Plastiklinsen einen Blick in das Innere („Life inside storage", „Express GmbH", 1998). Dort sieht man kleine Figuren kreisen, ausgeschnitten aus Zeitungsseiten und an Mobiles aufgehängt. Wie Spielzeug muten sie an, aufzustellen in einem Papiertheater für Kinder. Man erkennt spielende Jungen, Frauen mit kleinen Kindern und viel Gepäck, flüchtende Familien, Soldaten, niedergeschlagene Demonstranten, Tote, Verzweifelte. Die blinden Passagiere in den Transportkisten der Warenwelt kommen von überall dort, wo das Leben vieler bedroht ist.

Für die CD-Rom „Indifferent to the truth” (1999) hat Mathilde ter Heijnje die Lagerräume und andere Orte der Unbehausung gezeichnet und wieder mit den Figuren der Vertriebenen und Heimatlosen besetzt. Ein Mausklick stellt das ursprüngliche Bild wieder her, aus dessen Kontext sie ausgeschnitten wurden. Die Entfernung aus dem Bild wiederholt im Medium den Akt der Auslöschung und führt die Verfügungsgewalt über die Bilder vor, die zur Ware auf dem Markt der Informationen geworden sind.

In der Arbeit „Poster" (2000) reihte die Künstlerin die Vorlagen mit den herausgeschnittenen Figuren nebeneinander auf: Ein unregelmäßiger Tunnel fraß sich durch den Stapel Papier, wie die Spuren eines Schusses oder von Feuer. Die Gewalt findet in der Ästhetik von Mathilde ter Heijne ein eigenes Echo.

Im gleichen Jahr entstanden Videos und Installationen, in denen Mathilde ter Heijne mit lebensgroßen Puppen, ihren Doppelgängerinnen, zu arbeiten begann. Hände und Gesicht waren Abgüsse ihrer selbst, auch die hochgesteckten Haarknoten glichen ihr aufs Haar. Solche Double kommen im Film meist ins Spiel, wenn es auf die Katastrophe zugeht, den Sturz aus dem Fenster, den tödlichen Unfall. Eine der Puppen saß im Regenmantel, fast mit einem Besucher zu verwechseln, in einer Ecke der Berliner Galerie Arndt & Partner und hörte „Ne me quitte pas" aus ihrem kleinen Radio. Hinter einer Wand lief das Video „Mathilde, Mathilde...". Drei französische Spielfilme, in denen eine Frau namens Mathilde das Ende der Liebe nicht überleben will und sich umbringt, hatten Mathilde ter Heijne die Idee der Vervielfältigung und Aufspaltung in Teile einer Rolle nahegelegt. Einen der filmischen Selbstmorde von einer Mathilde, die von einer Brücke springt, zitiert sie im Video. Doch sie ahmt die Dramaturgie des Spielfilms nicht einfach nach, sondern dekonstruiert die Szene. Im Mittelpunkt steht plötzlich die Mühe, den Dummy ihrer selbst über das Brückengeländer zu werfen. Verwischte Zeitlupenbilder verfremden den Sturz.

„Mathilde, Mathilde" führt den Selbstmord in effigies aus: ein exorzistisches Spiel, um die Rolle des weiblichen Leidens und Opfers von sich abzuspalten. In einer zweiten Installation schauen gleich zwei ihrer Doppelgängerinnen („The chosen ones", 2000) ihrem Selbstmord im Kino zu. So potenziert sich noch einmal die Inszenierung für das Auge des Betrachters: Das Subjekt, das sich vernichtet, will dafür ein vielfaches Bild seiner selbst in anderen hinterlassen. Im Video „Suicide Bomb”, (2000) wird die Puppe auf einem verlassen Sportplatz von zwei special effects Agenten in die Luft gejagt. Dazu wird ein Text veröffentlicht mit Informationen über den Anteil von Frauen in Selbstmordattentaten der Tamil Tigers oder der PKK Kurdistans. Damit ist Mathilde ter Heijne wieder zum politischen Kontext der Gewalt zurückgekehrt. Selbstzerstörung als Form des Protestes und die Neuschreibung des Märtyrertums hat Mathilde ter Heijne auch weiter in der Arbeit „For a better world" (2001) beschäftigt, die auf Recherchen über Selbstverbrennungen basiert.

Beängstigend nah an die Realität und die Situation des Schocks im Jahr 2001 hat Mathilde ter Heijne ihre Arbeit geführt. Ihre Untersuchungen umkreisen ein Feld, das beinahe vergessen lässt, dass es sich um die Recherchen einer Künstlerin und nicht einer Terrorismusforscherin handelt. Ihre häufige Beteiligung an Ausstellungen spiegelt auch den Hunger des Kunstbetriebes, sich in die aktuelle Situation einzuschalten.
Author: Kathrin Bettina Müller

Bio

Mathilde ter Heijne wurde 1969 in Straßburg geboren. Sie studierte in Maastricht an der Stadsakademie (1988 - 1992) und in Amsterdam an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten (1992 - 1994). 1998 kam sie mit einem Stipendium an das Künstlerhaus Bethanien nach Berlin. Sie arbeitet in Amsterdam und Berlin.

Works

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Imagination Becomes Reality, Part I.", Sammlung Goetz, München „Realität“, Seedamm Kulturzentrum, Pfäffikon, Schweiz „Art Forum Berlin 2005“, Art Forum, Berlin „Bremer Freiheit“, Künstlerhaus, Bremen „Greater New York 2005“, P.S.1 MoMA, Long Island, USA „MADONNA“, Kunst Haus, Dresden „Laocoonte devorado. Arte y violencia política”, Domus Artium 2002, Salamanca, Spanien „Wonder Woman”, 49 Nord 6 Est - Frac Lorraine, Metz, Frankreich 2004 „Das Böse“, Guardini Galerie, Berlin „Selbstportrait / Identität“, Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg „Ingrid Calame / Mathilde ter Heijne / Jörg Wagner“, Kunstverein Hannover „Die Zehn Gebote“, Deutsches Hygiene-Museum, Dresden „L´Air du Temps – collection printemps/été 2004“, Migros Museum, Zürich, Schweiz „Duo Track“, Vlaams-Nederlands Huis, Brüssel, Belgien „Narcissus / New visions on self-representation“, Crac Alsace - Centre rhénan d´art contemporain, Altkirch, Frankreich „Innocence & Violence“, Ar/ge Kunst Galerie Museum, Bolzano, Italien 2003 „Silent Screams Difficult Dreams", Galerie Arndt & Partner, Berlin „Love Magazin4“, Vorarlberger Kunstverein, Bregenz, Österreich „Turbulence“ Museum voor Moderne Kunst, Arnheim, Niederlande „Taktiken des Ego“, Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg „Der Rest der Welt“, Alexander Ochs Galleries, Berlin „M_ARS - Kunst und Krieg“, Neue Galerie, Graz, Österreich „Captività“, BnD Studio Contemporanea, Mailand, Italien „Realities and Histoires d´Amour“, Kunstverein Ulm, Ulm 2002 „The Collective Unconsciousness”, Migros Museum, Zürich, Schweiz 2001 „I am Someone Else“, The Chapel, Amsterdam, Niederlande „Futureland“, Museum Abteiberg, Mönchengladbach „Berlin – London“, Institute of Contemporary Art, London, Großbritannien „Get that Balance“, Kampnagel, Hamburg „Double Trouble“, Borusan Centre for Culture & Arts, Istanbul, Türkei „The Big Nothing“, Kunsthalle, Baden-Baden, Deutschland „Akt 1, Akt 2, Akt 3“, Kunsthalle Exnergasse, Wien, Österreich „The Peoples Art / A Arte do Povo”, Witte de With, Rotterdam, Niederlande „Christmas Show”, Galerie Arndt & Partner, Berlin „Accrochage”, Galerie Arndt & Partner, Berlin 2000 „Samenscholing“, Bonnefantenmuseum, Maastricht, Niederlande „Heimat Kunst“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „Real/Unreal Perception“, Studio d’Arte Contemporana, Rom, Italien „Buren“, Stedelijk Van Abbemuseum, Eindhoven, Niederlande „Neighbours“, Van Abbemuseum, Eindhoven, Niederlande „\re:songlines“, Halle für Kunst e.V., Lüneburg 1999 „Glück & Casino“, Kunst- und Medienzentrum Adlershof (KMZA), Berlin „17. Newsletter“, Galerie Arndt & Partner, Berlin „City Pity“, DAAD-Galerie, Berlin „Come in and Find Out, Volume 2“, Podewil, Berlin „Collectie Altena/Boswinkel“, Stedelijk Museum, Schiedam, Niederlande „Subreal“, Inmo Gallery, Los Angeles, USA „City Pity“, Workhouse, Liverpool Biennial, Liverpool, Großbritannien 1998 „Mutatis Mutandis“, Broerskerk, Zwolle, Niederlande „One Step Forward“, Liste 98, Basel, Schweiz „Plastische Ideen“, Galerie Martina Detterer, Frankfurt am Main „Transparantie“, Oude Kerk, Amsterdam, Niederlande 1997 „Heb ik iets van je aan?“, Begane Grond, Utrecht, Niederlande „Prix NI“, Galerie Nouvelles Images, Den Haag, Niederlande „Eté 97“, Centre Genevois de Gravure Contemporaine, Genf, Schweiz „Hora est“, Stedelijk Museum, Sittard, Niederlande 1996 „Peiling“, Stedelijk Museum, Amsterdam, Niederlande „Epos“, Perdu, Amsterdam, Niederlande „Germinations 9“, Villa Arson, Nizza, Frankreich „Collectie OCE“, Bonnefantenmuseum, Maastricht, Niederlande

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Mathilde ter Heijne - Expanded Paint Tools”, Sammlung Goetz, München „Suicide Bomb“, Susanne Vielmetter, Los Angeles, USA 2004 „Mathilde ter Heijne”, VIAFARINI, Mailand, Italien 2002 „Mathilde ter Heijne – TRAGEDY“, Migros Museum, Zürich, Schweiz „Mathilde ter Heijne: Number One“, Galerie Arndt & Partner, Berlin 2000 „Mathilde ter Heijne“, Galerie Martina Detterer, Frankfurt am Main „Mathilde, Mathilde...“, Galerie Arndt & Partner, Berlin „89 – 98“, Galerie de Expeditie, Amsterdam, Niederlande 1999 „Indifference to the Truth“, Künstlerhaus Bethanien, Berlin 1998 „On a Night Like This“, Galerie de Expeditie, Amsterdam, Niederlande „Life Inside Storage“, The Lab, Galerie Arndt & Partner, Berlin 1997 „Dutch Courage“, Lasca Gallery, Los Angeles, USA 1996 „Many True Stories“, Berchkerk, Deventer, Niederlande „Storage of Imagination“, Het Glazen Huis, Amsterdam, Niederlande 1995 „Wherever I lay my head...“, Gemeentemuseum, Helmond, Niederlande

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Heimat Kunst

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

(01 April 00 - 02 July 00)
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