Arturo Ripstein

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crossroads:
Antisemitismus, Exil, Gender, Prostitution
genre(subgenre):
Film (Melodrama, Spielfilm)
region:
America, Central
country/territory:
Mexico
created on:
May 27, 2003
last changed on:
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Arturo Ripstein
Arturo Ripstein © Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.

Article

Extremes Melodrama

Der 1943 in Mexiko-Stadt geborene Arturo Ripstein gilt als der international erfolgreichste mexikanische Filmemacher. Schon seine ersten Filme basieren auf literarischen Vorlagen wichtiger lateinamerikanischer Autoren wie Marquez und Fuentes. Seine größten internationalen Erfolge und Auszeichnungen erringt er seit den achtziger Jahren in Zusammenarbeit mit seiner Frau Paz Alicia Garciadiego als Drehbuchautorin.
Der 1943 in Mexiko-Stadt geborene Arturo Ripstein, Sohn des Filmproduzenten Arturo Ripstein, gilt heute als der erfolgreichste mexikanische Filmemacher und als der einzige Regisseur, der es würdig ist, in die Fußstapfen Luiz Buñuels zu treten. Seine Filmkarriere beginnt der junge Arturo mit 19 Jahren denn auch auf dem Set von Buñuels "Der Würgeengel" (1962), mit dem ihm bis zu dessen Tod eine tiefe Freundschaft verbinden sollte. Für die Arbeit als Regieassistent bekommt er kein Geld und auch keine Erwähnung im Abspann - 35 Jahre später wird er mit dem mexikanischen "Nationalpreis für die Künste" geehrt, eine Auszeichnung die vor ihm als Regisseur nur Buñuel zuteil wurde. Wenn heute in Mexiko ein Film produziert und der Name Ripstein damit in Verbindung gebracht wird, ist das die Garantie für eine Starbesetzung, für Unterstützung auf allen Ebenen und für ausreichende Finanzierung.

Hatte Arturo Ripstein schon früh Gelegenheit, von der Arbeit mit einem der größten Regisseure zu profitieren, drehte er 1965 seinen ersten eigenen Film, den Western "Tiempo de morir", auf der Basis eines Drehbuchs von Gabriel Garcia Marquez und Dialogen von Carlos Fuentes. In der Folge adaptierte Ripstein noch in mehreren Filmen Werke berühmter lateinamerikanischer Autoren.

"El castillo de la pureza" entstand 1972 auf einer Vorlage eines Buches von Joss Emilio Pancheco. In der surrealistischen Familienparabel hält der Rattengift- und Insektenvertilgungsmittelproduzent Gabriel seine Frau und seine beiden Kinder 18 Jahre lang eingeschlossen, damit sie nicht durch die Außenwelt korrumpiert werden. Während er nach innen jede Übertretung streng ahndet, isst er selbst außerhalb seiner Wohnung das Fleisch, das er seiner Familie verbietet, geht zu einer Prostituierten und macht einer jungen Verkäuferin sexuelle Angebote. Arturo Ripstein enthüllt Schritt für Schritt die Geheimnisse und zwanghaften Bigotterien einer geschlossenen Familienwelt. Die Rebellion der halbwüchsigen Kinder läuft ins Leere, Gabriel wird von der Verkäuferin angezeigt. Der Versuch, sein Haus anzuzünden, misslingt, und er kommt ins Gefängnis. Während Gabriel im Gefängnis sitzt, wartet die Familie auf die Rückkehr des Vaters.

Auch in dem 1973 wieder auf einer Vorlage von Pancheco entstandenen Film "El Santo Oficio" geht es um Klaustrophobie, drückende Geheimnisse und angenommene (falsche) Identitäten. Der Film handelt von einer jüdischen Familie, die vor der spanischen Inquisition nach Mexiko geflohen ist und Ende des 16. Jahrhunderts in die Hände der dortigen Inquisitoren gerät.

In "El lugar sin límites" (1977) schildert Ripstein die tragische Geschichtes eines Transvestiten, der in einem Bordell wohnt. Das Haus wird von seiner Tochter geleitet, die die Frucht der einzigen heterosexuellen Beziehung seines Lebens ist. Die Rechte an der Geschichte hatte schon Buñuel erworben. Ripstein arbeitet die Geschichte um und mixt daraus einen Cocktail der Leidenschaften und Frustrationen, der Ambitionen und Rachefeldzüge. Mit "El lugar sin límites" biegt er wieder auf die Straße des mexikanischen Melodrams ein, die er seit den achtziger Jahren ausgiebig entlang wandert.

"Imperio de la fortuna" aus dem Jahr 1985 markiert den Beginn der langjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit Ripsteins mit seiner Frau Paz Alicia Garciadiego. Über ihre gemeinsame Arbeit flachste der Regisseur, dass seine Frau als Katholikin die Sünde in die Drehbücher einbrachte, während er als Jude das Thema Schuld beisteuerte.

"Imperio de la fortuna" erzählt die Geschichte von Dionisio Pinzón, der eine paralysierte Hand hat und eigentlich kaum etwas vom Leben erwartet. Durch Hahnenkämpfe und Glücksspiel wird er jedoch plötzlich reich, lernt die schöne Caponera kennen und zieht mit ihr über die Jahrmärkte. Skrupellos nutzt er seine Macht gegenüber den Wettenden und auch gegenüber seiner Frau aus. Doch die emanzipierte Caponera weist ihn in seine Schranken. So unglücklich die Verbindung auch ist, als Caponera stirbt, schießt sich Pinzón eine Kugel in den Kopf. Ripstein erzählt die Geschichte in den Tönen der "Schwarzen Serie" als Reise in die Hölle des Ehrgeizes und der Wollust.

In "La reina de la noche" / "Königin der Nacht" (1994) treibt Arturo Ripstein das Melodrama ins Extrem. Die Ingredienzien beziehen Ripstein und Garciadiego aus der Biografie der legendären mexikanischen Sängerin Lucha Reyes. Der Film vereint Schönheit und Tragödie in einer wahren Geschichte. Lucha Reyes wurde in einem Bordell geboren, musste schon früh dort auftreten, singt "opera lirica" in der ganzen Welt, verliert die Stimme, um als Mariachi-Sängerin eine triumphale Rückkehr zu erleben.

Der Film zeigt in mehreren Plansequenzen Mexiko in den Jahren 1936 bis 1944. Während in Europa eine Welt untergeht, und in den USA die neue Welt noch nicht wirklich entstanden ist, zieht Mexiko entthronte Könige, revolutionäre Künstler, exilierte Revolutionäre, Snobs und Neureiche an. Die Nächte werden von rauschenden Festen und Orgien bestimmt. Hier ist auch das Reich der schönen Sängerin Lucha Reyes, die versucht der schwierigen und schmerzhaften Beziehung zu ihrer tyrannischen Mutter zu entkommen. Doch Lucha findet nirgends den Trost und den Halt, den sie braucht. Auch die Beziehung zu dem Impressario und Lebemann Pedro Calderon, mit dem sie versucht, eine "normale Familie" zu simulieren, gibt ihr nicht den erhofften Frieden. Calderon verlässt sie wegen ihrer krankhaften Eifersuchtsanfälle. Während die alte Welt in Europa in einem Inferno untergeht, geht Lucha Reyes an ihrem eigenen Inferno zu Grunde.

Mit "Profundo Camesí" wenden sich Ripstein und Garciadiego erneut einer "l´amour fou" nach einer wahren Begebenheit zu, die Leonard Kastle schon 1969 unter dem Titel "The Honeymoon Killers" verfilmt hatte. Im Mexiko des Jahres 1949 gibt die junge übergewichtige Krankenschwester Coral Fabre ihre beiden Kinder in ein Waisenhaus, um mit dem Lebemann Nicholás Estrella zusammen zu leben. Für ihn täte sie auch die ausgefallensten Dinge, denn er ähnelt einem französischen Schauspieler, den sie anbetet. Ripstein macht aus dieser Konstellation eine Geschichte ohne Helden, ohne Logik und ohne Happy End. Mit staunendem, doch unbarmherzigem Blick folgt er dem psychopathischen Paar.

"Nichts ist wie eine ´amour fou", sie haut einen um, korrumpiert und verändert ... nichts reißt alles nieder und ruiniert das Haus der sozialen Ordnung. Nichts ist schnoddriger, frevelhafter oder häretischer. Nichts ist menschlicher," (Yahoo, DVD Shopping: All Movie Guide) so fasst Arturo Ripstein die Dynamik zusammen, die er in diesem Film explodieren lässt. Das bringt ihm und seiner Frau 1996 drei Preise bei den Filmfestspielen in Venedig ein.

Und auch sein jüngster, 2002 beim Filmfestival in Venedig gezeigter Film „La virgen de la lujuria“ erzählt die Geschichte einer Liebe bis zum Wahnsinn: Die verführerisch schöne Lola, Prostituierte im Mexiko City der vierziger Jahre, entflammt für einen Catcher, der sie nicht liebt, und wird vom Kellner des Cafés Ofelia angebetet, den sie zurückweist. Quälend ist ihr Schmerz, bis sie Gefallen findet am sadomasochistischen Spiel mit dem Kellner. Aus Qual wird Lust. „Ripstein entwirft eine klaustrophobische, theatralische Szenerie, kokettiert mit dem Pulp-Melo, und dreht sich dann doch nur im Kreis seiner ironisch akzentuierten Domina- Phantasmagorie. Mit Dokumentaraufnahmen von Franco-Auftritten versucht er das Fenster zur Zeit aufzumachen, was jedoch eine äußerlich angeheftete Geste bleibt“, urteilte die Süddeutsche Zeitung in einer der ersten Kritiken zum Film (SZ, 6. September 2002).

"El coronel no tiene quien le escriba" wird 1999 in Cannes für die "Goldene Palme" vorgeschlagen. Der Oberst wartet, während seine alte und kranke Frau ihm immer die gleiche Frage stellt: "Wann essen wir?" Er wartet auf seine Pension, die ihm seit mehreren Jahren versprochen ist. Jeden Freitag wartet er auf den Brief, der die Überweisung ankündigt. Das ganze Dorf weiß, der Oberst wartet vergeblich. Der Postangestellte, seine Frau, alle wissen, dass nichts mehr kommen wird. Doch würdevoll gekleidet in seinen Anzug möchte der Oberst sich das nicht eingestehen.

Der Film basiert wie schon "Tiempo de morir" auf einem Klassiker Gabriel Garcia Marquez´. Anders als "Profundo carmesí" und "La reina de la noche", die vor Gefühl nur so triefen, beschreibt Ripstein hier vorsichtig die Liebe zweier alter Menschen. Die Farbgestaltung und das Licht tauchen diese Liebe in eine wunderbar melancholische Stimmung.

In der Komödie "Le perdición de los hombres" wechselt Ripstein das Tempo. Der Film gewinnt "Die Goldene Muschel" des Festivals von San Sebastian und wird auch mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet, Paz Alicia Garciadiego erhält den Preis für das beste Drehbuch. Der Titel ist dem mexikanischen Sprichwort "das Verderben der Männer sind die Frauen" entnommen. In der Variante dieser schwarzen Komödie geht der Protagonist an Frauen und Baseball zu Grunde. Zwei Frauen kämpfen um den Leichnam des Mannes, den sie sich im Leben geteilt haben - mit einem überraschenden Ausgang.
Author: Ulrich Joßner

Bio

Arturo Ripstein wurde am 13.12.1943 in Mexiko-Stadt als Sohn des Filmproduzenten Alfredo Ripstein geboren. Schon früh lernte er so die Welt des Films kennen und beschloss, selbst Regisseur zu werden. Mit 19 Jahren begann er seine Filmkarriere als Regieassistent bei Buñuels Klassiker "Der Würgeengel" (1962). Seinen ersten eigenen Film "Tiempo de morir" drehte er 1965 auf der Basis eines Drehbuchs von Gabriel Garcia Marquez und Carlos Fuentes. In der Folge arbeitete Ripstein mit einer Reihe weiterer wichtiger lateinamerikanischer Autoren zusammen. Joss Emilio Pancheco lieferte die Vorlage zu "El castillo de la pureza" (1972) und "El santo Officio"(1974); José Doloso zu "El lugar sin límites" (1977); Vincente Leñero zu "La tía Alexandra" (1978) und Luis Spota zu "Cadena Perpetua" (1978).

Mit "Imperio de la fortuna" (1985) begann die Zusammenarbeit mit seiner Frau Paz Alicia Garciadiego, die das Drehbuch nach einen Roman Juan Rulfos schrieb. Zusammen mit seiner Frau errang Ripstein seine größten Erfolge. "Principio y fin" (1994), das auf einem Roman ihres Freundes Nagib Mahfouz basierte, gewann die "Goldene Muschel" beim Festival in San Sebastian. Ihr "La Reina de la noche" aus dem gleichen Jahr war in Cannes für die "Goldene Palme" nominiert. "Profundo Carmesí" errang 1996 in Venedig zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis für das beste Drehbuch. 1997 erhielt Arturo Ripstein den mexikanischen "Nationalpreis für die Künste", den außer ihm als Filmemacher nur Buñuel gewann.

Auch sein 1996 produzierter Film "El evangelio de las maravillas" wurde in Cannes gezeigt. Dort wurde "El coronel no tiene quien le escriba" (1999), der auf einem Roman von García Márquez beruht, für die "Goldene Palme? nominiert. "La perdicion de los hombres" / "Das Verderben der Männer" wurde 2000 in San Sebastian mit der "Goldenen Muschel" als bester Film ausgezeichnet. Ripsteins Ehefrau Paz Alicia Garciadiego erhielt den Preis für das beste Drehbuch. Auch "Así es la vida", der bisher letzte Film der beiden, gewann im Jahr 2000 beim Festival in Havanna den Spezialpreis der Jury und den Preis der Filmkritiker.

Works

La virgen de la lujuria

Film / TV,
2002

Le perdición de los hombres

Film / TV,
2000

Asi es la vida/Such Is Life

Film / TV,
2000

El coronel no tiene quien le escriba

Film / TV,
1999

El evangelio de las maravillas

Film / TV,
1997

Profundo carmesí

Film / TV,
1995

La reina de la noche/Die Königin der Nacht

Film / TV,
1994

Principio y fin

Film / TV,
1993

La mujer del puerto

Film / TV,
1991

Mentiras piadosas/Barmherzige Lügen/Fromme Lügen

Film / TV,
1988

El imperio de la fortuna

Film / TV,
1985

Cadena perpetua

Film / TV,
1978

El lugar sin límites

Film / TV,
1977

Lecumberri, el palacio negro

Film / TV,
1976

El santo oficio

Film / TV,
1974

El castillo de la pureza

Film / TV,
1972

La hora de los niños

Film / TV,
1969

Tiempo de morir/Zeit des Sterbens

Published Written,
1965

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)