Zhang Yuan

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crossroads:
Außenseiter, Konflikt, Rebellion
genre(subgenre):
Film (Doku-Fiktion)
region:
Asia, Eastern
country/territory:
China
city:
Beijing
created on:
March 19, 2006
last changed on:
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Randgänger in der Mitte

Der Regisseur Zhang Yuan, geboren 1963 in Nanjing, bewegt sich mit seinen Filmen über Randgänger der chinesischen Gesellschaft im Schnittbereich von Dokumentation und Fiktion. Als seine frühen Filme auf schwarze Listen gerieten und zensiert wurden, reüssierte er vor allem auf internationalen Filmfestivals. Mit seinen jüngeren Filmen ist es ihm gelungen, zum chinesischen Filmestablishment zu zählen.
Anlässlich der Berlinale hat sich der Potsdamer Platz in Berlin in einen aufregenden und kosmopolitischen Ort verwandelt. Zhang Yuan, der hier wie ein Sonderling wirkt, weiß damit offensichtlich wenig anzufangen. Obwohl er stets lächelt, macht er sich auf Empfängen eher schlecht. Für Interviews steht er zwar zur Verfügung, lässt sich jedoch nur eine wortkarge Antwort entlocken. Die Zurückhaltung des "Enfant terrible" der Pekinger Filmakademie ist möglicherweise aus seiner bewegten Geschichte zu erklären.

Mit seinem neuesten Film „Little Red Flowers“ hat er erneut ein Werk des chinesischen Kultautors Wang Shuo verfilmt, der hierzulande durch seine Romane „Oberchaoten“ und „Herzklopfen heißt das Spiel“ bekannt geworden ist. „Little Red Flowers“ bewegt die Zuschauer. Sie stellen viele Fragen an den anwesenden Regisseur. Etwa, wo Zhang Yuan den kleinen Hauptdarsteller gefunden habe, wo der Film spiele, warum er offen ausgehe.

„Little Red Flowers“ handelt von dem vierjährigen Qiang, einem Jungen mit runden und schlauen Augen. Kurz nach der Gründung der Volksrepublik wird er von seinem Vater in einem der typischen Kindergärten abgegeben. Wie viele Kinder kommt er nur am Wochenende nach Hause. Am Anfang wirkt der Kindergarten bunt und lustig, die Spiele und Rituale scheinen magisch. Doch bald stellt sich heraus, wie schwer es Qiang fällt, in Reih und Glied zu spazieren, auf Kommando zu schlafen oder zu essen, was ihm vorgesetzt wird. Seinen Kameraden werden täglich rote Papierblumen als Orden angesteckt, da sie sich als gut funktionierende Mitglieder dieser kleinen Gemeinschaft bewährt haben. Doch so gern Qiang eine dieser Blumen hätte: Er geht immer leer aus. Er kann sich nicht allein anziehen, macht ins Bett und widerspricht den Kindergärtnerinnen. Mit einem charmanten Trotz bringt er die Kindergärtnerinnen gegen sich auf und zieht die übrigen Kinder auf seine Seite. Als es ihm gelingt, seinen Freunden weiszumachen, eine der Kindergärtnerinnen sei ein verkleidetes Monster und fresse Kinder, droht eine kleine „Palastrevolution“.

„Little Red Flowers“ mag harmlos wirken – er becirct mit süßem Streichersoundtrack und pittoresken Farben – aber Zhang Yuans kleiner Held ist ein Mini-Rebell gegen das chinesische Erziehungsideal der fünfziger Jahre. Zhang Yuan schließt hier deutlich an die Konflikte seiner früheren Rebellenfiguren an, die sich immer allmählich in das Herz der Macht katapultieren. „Ich interessiere mich für die Zentren“, sagt er im Interview.

So zeigt sein Dokumentarfilm „The Square“ (1994) den Alltag auf dem Platz des Himmlischen Friedens fünf Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung. Während „East Palace West Palace“ (1996) seinen Ausgangspunkt in einer öffentlichen Toilette, einem Schwulentreffpunkt bei der Verbotenen Stadt nimmt, ist „Little Red Flowers“ zu großen Teilen in der Verbotenen Stadt gedreht.

Auch die Auseinandersetzung schwacher oder an den Rand gedrängter Figuren mit institutionalisierter Macht ist ein Thema Zhang Yuans. Schon in seinem ersten Film „Mama“ (1991), einem halb fiktionalen, halb dokumentarischen Film über die Beziehung einer Mutter zu ihrem behindertem Sohn, filmte Zhang Yuan in Behindertenheimen und –schulen und zwang seine fiktionale Geschichte zu einer Interaktion mit der Realität. Ähnlich ging er in dem preisgekrönten Film „Seventeen Years“ (1999) vor. Für den Film über eine zu Unrecht Inhaftierte, der nach siebzehn Jahren überraschend Hafturlaub gewährt wird, durfte er als erster chinesischer Filmemacher überhaupt in chinesischen Gefängnissen drehen.

Ende der neunziger Jahre begann Zhang Yuan sich trotz massiver Kritik von Kennern des unabhängigen chinesischen Kinos dem kommerziellen Liebesfilm zuzuwenden. Dennoch hat er nie aufgehört zu zeigen, was chinesische Autoritäten bis heute als „ungesundes Interesse“ an sozialen Missständen betrachten. Dem Leben der Marginalisierten nachzuspüren sei eine Strategie, sagt er, die die Dynamik einer Gesellschaft schonungsloser enthülle als jede andere. Mit „Little Red Flowers“ ist Zhang Yuan seinem Lebensthema wieder näher gekommen. Gleichzeitig erreichen seine Filme mittlerweile nicht nur ein westliches, sondern auch ein chinesisches Publikum. Sie spielen im chinesischen Kino und finden Zuschauer, die anspruchsvolle Arthouse-Produktionen allenfalls von raubkopierten DVDs kennen.

Eine Eigenart ist Zhang Yuans Filmen in seinem Kampf um das chinesische Publikum in den letzten Jahren verloren gegangen: seine stilistische Liebe zur Wirklichkeit, seine Lust am Dokumentarischen, die er mit vielen seiner Generationsgenossen teilte. Zhang Yuan studierte Ende der achtziger Jahre an der Pekinger Filmakademie und machte seinen Abschluss 1989. Wie viele Filmemacher der sechsten Generation – Wang Xiaoshuai, He Jianjun und später Jian Zhangkle und Liu Hao – war er tief beeinflusst von den Vorkommnissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Er gehörte zur ersten Generation chinesischer Intellektueller, die ein großes Misstrauen gegen die Autoritäten und einen völlig eigenen Begriff von Unabhängigkeit entwickelten. Ihnen war es unmöglich geworden, in den sicheren Strukturen der staatlichen Filmstudios zu arbeiten. Statt das oft nostalgische Chinabild der Filmemacher der fünften Generation weiter zu kultivieren, war es das Kredo der sechsten Generation, der Wirklichkeit mit erschwinglicher Technik und rauer, bewegter, oft schlingernder Kamera auf den Leib zu rücken. Sie drehten notfalls heimlich an authentischen Orten und schmuggelten die Filmnegative aus dem Land, um die Postproduktion im westlichen Ausland fertig zu stellen.

„Ich habe den Untergrund verlassen“, gibt Zhang Yuan heute achselzuckend zu. Dennoch liegen ihm seine Helden von früher, die Arbeitslosen, Prostituierten, Künstler, Musiker, Taschendiebe, Kleinkriminellen und Lumpenproletarier, noch immer am Herzen. Auf die Frage, was aus seiner Ästhetik der Wahrheit geworden ist, antwortet er in der Presselounge des Berlinale-Palastes lakonisch: „Vielleicht drehe ich bald wieder einen Dokumentarfilm“. Dann lehnt er sich in den dicken Poltern der Lounge zurück und lässt die Augenlider fallen. Ob er müde oder gelangweilt ist, vermag man nicht mit Sicherheit zu sagen. Er wird erst munter, als es im Gespräch um Peking geht, um die Geschwindigkeit, den Abriss alter Viertel, die breiten Straßen und die Hochhäuser, die überall wie Pilze aus dem Boden sprießen. Eine Stadt randvoll mit Wirklichkeit, eine Stadt, in der einem die Themen nur so zufliegen. Der Wunsch kommt auf, dass Zhang Yuan nach einem Film wie „Little Red Flowers“ zu dieser Wirklichkeit zurückfindet.

Aus einem Interview der Autorin mit Zhang Yuan im Januar 2006

Author: Susanne Messmer

Works

Little Red Flowers

Film / TV,
2006

Hainan Hainan

Film / TV,
2002

I love you

Film / TV,
2002

Green Tea

Film / TV,
2002

Jian Jie

Film / TV,
2002

Miss Jin Xing

Film / TV,
2000

17 Years

Film / TV,
1999

Crazy English

Film / TV,
1999

Demolition and Relocation

Film / TV,
1998

East Palace, West Palace

Film / TV,
1996

Sons

Film / TV,
1995

The Square

Film / TV,
1994

Beijing Bastards

Film / TV,
1992

Mama

Film / TV,
1990

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

China - Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Ein Projekt zur zeitgenössischen Kunst Chinas

(24 March 06 - 14 May 06)
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Film still aus "East Palace, West Palace"
Film still aus "East Palace, West Palace"