Zacharia

Article Bio Works Merits Projects www
crossroads:
Globalisierung, Hinduismus, Identität, Islam, Postkolonialismus
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Übersetzung, Erzählung, Essay, Kolumne, Kurzgeschichte)
region:
Asia, Southern and Central
country/territory:
India
created on:
October 10, 2003
last changed on:
Please note: This page has not been updated since October 3, 2011. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:
 Zacharia
Paul Zacharia. Courtesy of the artist.

Article

„Delhi ist ein Schattenspiel!“

Paul Zacharia, geboren 1945, ist einer der bekanntesten Autoren des südindischen Bundesstaates Kerala. Im Gegensatz zu Arundhati Roy oder Salman Rushdie publiziert er nicht auf Englisch sondern in seiner Muttersprache Malayalam. Literarisch hat er sich vor allem im Bereich der Kurzgeschichte hervorgetan. Zacharia ist das, was man einen klassischen „storyteller“ nennt, aber auch das journalistische Genre ist ihm nicht fremd. Insgesamt sind – die englischen Übersetzungen, Essays und Kolumnen mit eingerechnet – 30 Bücher von ihm erschienen. Er ist ein politsch aktiver Schriftsteller und Intellektueller, der sich nicht scheut, auch politisch unbequeme Positionen einzunehmen.
Paul Zacharia zählt zu den meistgelesenen Autoren im südindischen Bundesstaat Kerala. Vor allem seine Kurzgeschichten, die er in seiner Muttersprache Malayalam schreibt, sind populär. In Indien koexistieren 23 größere Landessprachen und mehrere tausend Dialekte nebeneinander. So verwundert es nicht, dass sich das Hindi als Sprache der Mehrheit bislang auf nationaler Ebene nicht hat durchsetzen können. Diesen Platz nimmt teilweise das Englische ein, die Sprache der Kolonisatoren, mit der die meisten Inder soziales Prestige, Öffnung zur Welt und Modernisierung verbinden.

Indien wurde 1947 unabhängig und der junge Nationalstaat hat bis heute auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene mit den Folgen der Kolonialzeit zu kämpfen. Auch die Geschichte der zeitgenössischen Malayalam-Literatur steckt noch in den Kinderschuhen. Ihre Anfänge waren Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre. Die Werke des 1994 verstorbenen indo-muslimischen Autors Vaikom Mohammed Basheer, in dessen literarische Fußstapfen Paul Zacharia später treten sollte, haben einen entscheidenen Anteil daran. In den siebziger Jahren erlebte die Malayalam-Kurzgeschichte einen Boom. Gerade dieses Genre schien besonders geeignet, die Probleme der indischen Postmoderne zu thematisieren und zu popularisieren: Identitätsverlust, Entfremdung und Existenzangst.

Neben N.S. Madhavan und O.V. Vijayan war es vor allem Paul Zacharia, der dem Genre zu einer Blüte verhelfen und es entscheidend prägen sollte. Als seine erste Kurzgeschichte „Ein Kind namens Unni“ erschien, studierte er an der Universität Mysore Englische Literatur und war kurz davor, seinen B.A. zu machen. Er habe das Glück gehabt, Gopalakrishna Adiga – einen Pionier der modernen Kannada Poesie-Bewegung – zum Lehrer zu haben, schreibt Zacharia in „Remembering Mysore“ über diese Zeit. Er habe ihm Mut gemacht seine erste Geschichte zu schreiben: „Es war eine Geschichte über mein Zuhause, meinen Fluss, meine Farm, und meine Kindheit. ‚Adiga Sir´ hatte den Außerirdischen in mir freigesetzt und dieser war nun bereit, Körper zu vertauschen, in Köpfe einzudringen und die geheimen Orte der Zeit zu bereisen.“

Zacharias erster Erzählsammelband kam 1969 heraus. Inzwischen kann er auf die stolze Zahl von etwa 90 Kurzgeschichten zurückblicken. Die Erzählungen bestricken durch ihren magischen Realismus, treffen mit ihrem ironischen Stil den Nerv der indischen Gesellschaft und thematisieren religiöse Zerissenheit, Wertewandel und Orientierungslosigkeit. Zu Zacharias bekanntesten Geschichten gehören: „Aarkariyam“ („Who knows"), „Kanyakumari“, „Salaam America“, „Oru Nasrani Yuvavum Gowli Sastravum„ („A Christian Woman and Astrology") und „Unni Enna Kutty“ („A Child named Unni"). Mittlerweile sind fünf Kurzromane, sieben Sammelbände mit Kurzgeschichten, zwei Drehbücher und mehrere Essay-Sammelbände erschienen. Einige davon liegen in englischer Übersetzung vor. Die Erzählung „Bhaskara Patellarum Ente Jeevithavum“ („Bhaskara Pattelar and my Life") – die Geschichte des brutalen Feudalherren Pattellar, der seinen Sklaven wie einen Hund behandelt, seine Frau umbringt und von deren Brüdern dann aus Rache selbst umgebracht wird – wurde von dem renommierten indischen Regisseur Adoor Gopalakrishnan verfilmt.

Zacharias Stilmittel sind Satire und Ironie. Mit dem ihm eigenen Scharfblick nimmt er die Leere und Starrheit gesellschaftlicher und politischer Konventionen aufs Korn. Dabei kommt ihm das liebevolle Verständnis für die Schwächen und Eitelkeiten seiner Mitmenschen nie abhanden. In „Praise the Lord“ etwa porträtiert er Joy, den Prototyp eines Malayali-Christen – Zacharia selbst ist katholischer Herkunft, – der auf seiner Gummi-Plantage ein selbstzufriedenes, lethargisches Dasein fristet. Er hat einen dicken Bauch, ein fettes Bankkonto und sein Kopf sitzt auf einem feisten Nacken, den er mit der Gewissheit aufrecht hält, dass er zu den Auserwählten gehört. Als die wahre Liebe in Form eines jungverliebten Paares in sein Leben einbricht, kommt er damit nicht zurecht. Joy ist Sinnbild für die Trägheit und Unbeweglichkeit der indischen Politik und Gesellschaft, die der Autor in seinen Essays, Interviews und Kolumnen immer wieder angeprangert hat: „Indien ist ein lethargisches und rückständiges Land.“

Zacharia gehört zu den wenigen indischen Schriftstellern, die sich vehement in zeitgeschichtliche Debatten einmischen und nicht davor zurückscheuen, die Mächtigen zu kritisieren. „In einem Albtraum sehe ich die indische Nation als Roboter, der von den Engländern in Bewegung gesetzt wurde und von Ghandi mit einer Schönträum-Software ausgestattet wurde,“ sagte er einmal. „Als Gandhi von einer Nation träumte, gab es noch keine Nation. Es gab kein Indien. Es gab nur eine Ansammlung von Königreichen und einige Verwaltungseinheiten, die von den Briten regiert wurden.“

Zacharia ist Föderalist und Demokrat und dabei ein Querdenker: „Delhi ist wie ein Schattenspiel, das viel zu weit weg stattfindet.“ Er glaubt an den säkularen Staat. In seinen Augen ist die zentralistisch-totalitäre Politik Indira Ghandis die Ursache für den aktuell erstarkenden Hindu-Nationalismus und seine anti-muslimischen Tendenzen. Zacharia hat viele Kolumnen, Kommentare und Essays veröffentlicht, die durch ihre unorthodoxen und unkonventionellen Positionen vielfach zu gesellschaftspolitischen Debatten angeregt haben.

Zacharias Engagement gegen hindunationalistische Organisationen, als 2002 durch anti-muslimische Aufständen im indischen Bundesstaat Gujarat etwa 2000 Menschen ums Leben kamen, brachte ihm eine „Hasskampagne“ ein. Auf der Website der Sekte Mata Amritanandamayi Math war zu lesen: “Zacharias giftiger Geist lässt seinen Stift nun schon seit einiger Zeit starkes Gift verspritzen. Jetzt hat er alle Grenzen des Anstandes überschritten. (...) Lasst es uns jetzt tun. (....) Versammelt so viele Menschen wie ihr könnt. (...) Hört endlich auf, nichts gegen diese gottlose Person zu unternehmen.“ Daraufhin haben mehrere Menschenrechtsorganisationen beim Präsidenten des Bundesstaates Kerala mit der Bitte interveniert, Zacharias Recht auf Meinungsfreiheit zu schützen.

Zacharias ausgeprägter Skeptizismus gegenüber der Idee einer „Mother India“ und seine kritische Sicht der von Zentralismus und hinduistischer Orientierung geprägten dynastischen Politik Indira Gandhis sowie der regierenden Parteien mag ein Grund für die große Verbundenheit sein, die er gegenüber der Malayalam-Sprache und -Kultur empfindet. Das zeigt auch sein neuestes Werk: Der Text, in dem er sich auf die Spuren der Reise begibt, die der Malayalam-Autor S.K. Pottekkad im Jahre 1949 durch Afrika und den Mittleren Osten unternahm, soll als dreibändiges Buch veröffentlicht werden.
Author: Barbara-Ann Rieck

Bio

Paul Zacharia wurde 1945 in Urulikunnam (Kottayam District) im südindischen Bundesstaat Kerala geboren. Er besuchte u.a. die St. Joseph’s English High School in Vilakkumadam, Kerala. Seine Studien am St. Thomas College in Palai, dem St. Philomonas College in Mysore und dem Central College in Bangalore schloss er 1966 mit einem M.A. in englischer Sprache und Literatur ab. Später arbeitete er als Hochschuldozent, Lektor und Manager für die Firma Ruby Tyre and Rubber Works im Coimbatore. Darüber hinaus war er als Berater für verschiedene indische Presseorgane tätig (Press Trust of India, India Today, Asianet Television) und hat sich als Drehbuchautor für das nationale Fernsehen hervorgetan. Zur Zeit schreibt er regelmäßig Kolumnen für die Zeitschriften Mathrubhumi Weekly, India Today, Malayalam Weekly, Magalam Daily und Madhyamam Daily. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Thiruvanandaapuram, Kerala.

Works

Bhaskara Pattelar und andere Geschichten

Published Written,
2004
Erzählungen. Horlemann: Bad Honnef

Der Zugüberfall

Published Written,
2004
Erzählung. In: Indien - ein Reisebegleiter. Insel-TB: Frankfurt am Main

Praise the Lord and What’s New, Pilate?

Published Written,
2002
Erzählungen. Katha Books: Indien

The Reflections of a Hen in her Last Hour and Other Stories

Published Written,
1999
Kurzgeschichten. Penguin Books: New Delhi

Wer weiß?

Published Written,
1998
Kurzgeschichte. In: Meine Welt, Zeitschrift des Deutsch-Indischen Dialogs. Verband: Köln

Die letzte Vorstellung

Published Written,
1997
Erzählung. In: Meine Welt, Zeitschrift des Deutsch-Indischen Dialogs. Verband: Köln

Die Lehrerin Annamma

Published Written
Essay. In: Die Horen, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. (Heft Nr. 188) N. W. Verlag: Bremerhaven

Merits

1978 Kerala Sahitya Akademi Award
1993 Katha Award for Creative Fiction
1995 Katha Award for Translation

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

body.city

New Perspectives from India

(19 September 03 - 16 November 03)

Www

Interview auf rediff.com

´The Indian citizen is not committed to a nation except when they have a stupid cricket match with Pakistan´. Paul Zacharia im Gespräch mit Shobha Warrier