Farhad Moshiri

Article Bio Works
additional name:
Shirin Aliabadi
crossroads:
Konsumverhalten, Urbanität
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Malerei, Videokunst)
region:
Middle East
country/territory:
Iran (Islamic Republic of)
created on:
February 14, 2004
last changed on:
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Article

Islam goes Pop

Farhad Moshiri, geboren 1963 in Shiraz, Iran, beschäftigt sich mit der Zeichensprache des urbanen Alltags. Seine Beschreibungen der Gegenwart sind von scharfer Beobachtung und Witz geprägt.
Zunächst scheinen es Gegensätze zu sein, die sehr unterschiedlichen Systemen angehören und verschiedenen Regeln unterliegen: die Reliquie und der Warenfetisch; Kleiderordnungen, die durch religiöse Gebote geregelt sind, und die popkulturellen Codes der Mode. Dass sich diese Gegensätze aber im urbanen Alltag einer Großstadt wie Teheran gegeneinander verschieben, Bedeutungen tauschen und Lesarten aufbrechen, thematisiert Farhad Moshiri in seinen Arbeiten, oft in Teamarbeit mit seiner Frau, Shirini Aliabadi. Humor prägt ihren Blick und ein großes Gespür für das Bizarre, das aus der Begegnung einer Kultur, die aus Gründen der religiösen und der politischen Machterhaltung noch immer mit vielen Bildverboten und Regelungen der Blickbeziehungen arbeitet, mit den visuellen Zeichen einer globalisierten Wirtschaft entsteht.

2004 haben die beiden ein Heft herausgegeben „Battleground of the Cultural Invasion 2004“, das die Eingriffe der Zensur durch das „Ministry of Culture and Islamic Morals“ auf den Magazin-Seiten iranischer und ausländischer Zeitschriften dokumentiert. Die von der Zensur manipulierten Werbeanzeigen und Modeseiten wirken wie ein Dadaismus, Collagen von unfreiwilliger Komik. Da sind die Beine und Arme, die unbekleidet aus einem Kostüm herausschauen, in poppige Pixel oder Streifen aufgelöst. Anderen Modellen fehlen Hals oder Kopf, sodass die übrig gebliebene Jacke wie eine Ausschneidefigur für Kinder wirkt. Das Verstellen des Blicks auf nackte Knie, Schultern, den Körper einer Duschenden oder den Bauch einer Schwangeren scheint die Grenzen, die es festigen will, dauernd zu karikieren und auszustellen.

Auf der letzten Seite ihrer Publikation kehren Farhad Moshiri und Shirini Aliabadi den Spieß um und werben für ihre Edition „Chador“, die jetzt mit all den Attributen besetzt wird, die bisher den verbotenen Körperbildern zugerechnet wurden: „Exotic“, „Mysterious“, „Shocking as seen on TV“ ist die Verpackung bedruckt. Der Tschador, bisher identifiziert mit der Einhaltung religiöser Vorschriften, wird verwandelt in einen Warenfetisch und ein Kultobjekt. Das ist nicht nur ein der Popart entliehener Trick der Verfremdung, sondern auch die Reaktion auf einen Alltag, in der die Symbole ihre Bedeutung verändern.

Farhad Moshiri studierte in Kalifornien und kehrte 1991 in den Iran zurück. Den Versuch, Tradition und Moderne mit ideologischen Argumenten als unvereinbar auseinander zu dividieren, unterläuft er mit unterschiedlichen Strategien. Seine große Installation „Living Room Ultra Mega X“, die er in der Ausstellung „Entfernte Nähe“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt aufgebaut hat, ist Karikatur einer gegenwärtigen Elite, die sich für die Repräsentation von Reichtum und Macht aus dem Fundus der Vergangenheit bedient. Geschichte wird dabei zu einem lächerlichen Kostüm. Ganz anders dagegen bringt er Vergangenheit und Gegenwart in einer Serie von Gemälden zusammen, die monumental und überlebensgroß Tonkrügen gelten. Archaik und Moderne kommen dort auf dem Grund der Leinwand in großer Einfachheit und Schönheit zusammen.

Der „Living Room Ultra Mega X“ verspottet die Kultur einer neureichen Schicht. Alles ist vergoldet in diesem Salon: die Sofas und Sessel im ohnehin schon überladenen Stil von Louis XV, das Bett und die Bettdecke, die Vitrine, der Ghettoblaster, der CD-Player. Nichts lässt sich in dieser Vergoldung noch benutzen: weder die Fernbedienung, noch das Handy, der Spielzeug-Roboter oder der Samowar. Es ist eine Sammlung von Kitsch aus unterschiedlichen Epochen, – weder die Schäferfigur des Rokoko fehlt, noch die Kopie nach der Antike – eingesoßt in der Goldfarbe, sodass jede Differenz der Kulturen verloren geht und nur die Potenz des Geldes übrigbleibt.

Dennoch wird diese Übertreibung auch genossen, nicht nur als Aufführung einer Posse, sondern auch als purer Überfluss. Bei Moshiri bleibt die Kunst Spiel, weder von kritischen Ansprüchen noch von mystischen Bedeutungen belastet. Albern zu sein und von märchenhaftem Glanz zu träumen, sind zwei Eigenschaften, die gegen Strenge und eine erzwungene Moral revoltieren. Es sind die Tricks des Narren, die Moshiri hier benutzt.

Seine Bilder von großen Krügen dagegen, die Farhad Moshiri auf Leinwand in vielen übereinandergelegten Schichten aus Farben gemalt hat, sind erfüllt von Begeisterung über die Schönheit und Geschichtlichkeit dieser Formen. Die Krüge sind plastisch gemalt und von objekthafter Präsenz; ihre Körper scheinen teils beschrieben, besetzt mit kalligraphischen Zeichen, Gedichten und Schlüsselworten der Erinnerung, teils sind die Leinwände selbst von einem Krakelee durchzogen, das den Lasuren der Keramik gleicht. Diese Bilder sind Formen der Verehrung einer Vergangenheit, in der Kunst noch nicht von Handwerk geschieden war und die Funktion einer Form wichtiger als jede Repräsentation war. Sie bilden das Gegenteil von Statussymbolen und damit einen Gegenpol zu den vergoldeten Sammlungen der Warenfetische der Gegenwart.

Moshiri sammelt auch Keramik: Ihre bauchigen Volumen und klaren Konturen aber zum Bildgegenstand zu wählen, ist eine weitreichende ästhetische Entscheidung. Denn anders als das sonst von ihm verwendete und zitierte Material sind sie frei von ideologischen Besetzungen und der Vereinnahmung der Zeichen in einem Kampf der Kulturen. Sie bilden für den Betrachter ein einfaches und starkes Gegenüber. Fast könnte man glauben, dass sie von Stille erfüllt sind in einer sonst lauten Welt.
Author: Katrin Bettina Müller

Bio

Farhad Moshiri, geboren 1963 in Shiraz, Iran, studierte von 1981 bis 1984 Kunst und Film am California Institute of the Arts in Valencia, Kalifornien. Seit seinem Abschluss beschäftigte er sich vorrangig mit Malerei und Videokunst, wobei er sich als scharfer und kritischer Beobachter der iranischen Gegenwartskultur erweist.
Moshiri lebt und arbeitet in Teheran.

Works

Ausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2004 „Solo Exhibition“ Kashya Hildebrand Gallery, Chelsea, New York. 2003 ARCO Madrid; „Sharjah Biennial“ Modern Art Museum, U.A.E.; „Rooseum“ Centre for Contemporary Art, Malmo, Schweden; OIC Curator: Kuala Lampur; „Continous stroke of a breath“ Harvard, Boston. 2002 „Painting Exhibition Zen, Teheran. 2001 „Installation Heaven 13“ Vanak ST., Teheran. 2000 „Painting Exhibition 13“ Vanak ST., Teheran. 1999 „Painting Exhibition“ Bokhara Gallery, Teheran.