Cesaria Evora

Article Bio Works Video
crossroads:
Insel, Sehnsucht
genre(subgenre):
Musik (Morna)
region:
Africa, Western
country/territory:
Cape Verde
city:
São Vicente
created on:
May 15, 2003
last changed on:
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Cesaria Evora
Cesare Evora © Eric Mulet - BMG Köln Musik GmbH

Article

Melancholie aus São Vicente für die ganze Welt

Die 1941 auf São Vicente (Kap Verde) geborene Cesaria Evora ist die wichtigste Vertreterin der traditionellen kapverdischen "Morna". Schon als Teenager sang sie die wehmütigen Weisen in den Hafenkneipen ihrer Heimatstadt Mindelo. Heute verkaufen sich die Platten der "barfüßigen Diva" millionenfach auf der ganzen Welt, und ihre Tourneen führen den Megastar aus Mindelo, wo sie immer gelebt hat, in ausverkaufte Häuser im Pariser Olympia bis nach New York in die Carnegie Hall.
Cesaría Evora - eine Weltmusikkarriere im Zauberland zwischen Hafenkneipe und Medienrummel: Da kämpft sich die "Königin der Morna", stets begleitet von Handtäschchen und Brandyflasche, vierzig Jahre lang durch die kapverdischen Bars, verzaubert Nacht für Nacht eine Handvoll Matrosen mit ihrem Gesang aus tiefster Seele, um dann fast über Nacht in Paris zum Sensationserfolg zu werden.
Wenn man sie nur sehen und nicht hören würde, wie sie auf der Bühne steht, ziemlich klein, ziemlich pummelig, barfuß und überhaupt nicht elegant in ihrem einfachen Kleid, dann könnte man sich schon fragen, warum Zuschauer auf der ganzen Welt mittlerweile bis zu 100 Mark für eine Eintrittskarte bezahlen, um die fast sechzigjährige Sängerin zu sehen. Sie kommen vor allem wegen dieser Stimme, die tief geerdet ist und doch schwebt und in immer neuen Variationen über "Sodade", d. h. Traurigkeit und Sehnsucht, singt und hinwegtröstet. Es hat lange gedauert, bis die kapverdische Sängerin Cesaria Evora bis nach Paris, New York oder Berlin gekommen ist. Ein Märchen, wie es heute nur ein globalisierter Musikmarkt schreiben kann: Eine schlichte, dunkelhäutige, nicht mehr junge Frau aus einfachen Verhältnissen steigt allein aufgrund ihres Gesangs zur größten Berühmtheit ihres Landes auf. Seit Mitte der neunziger Jahre ist Cesaria Evora sogar im Besitz eines Diplomatenpasses, den ihr der Premierminister eigenhändig verliehen hat. Denn die "Stimme der Kapverden" kennt im Gegensatz zum Premierminister jeder.

Cesaria Evora wurde 1941 auf São Vicente in der Hafenstadt Mindelo geboren. Ihre Mutter war Köchin, ihr Vater, ein Straßenmusiker, starb, als sie 7 Jahre alt war. Ihre Mutter trank nicht, rauchte nicht und "sumpfte nicht rum". Cesaria raucht, trinkt und sumpft rum, erst 1994 ? nachdem sie längst als "barfüßige Diva" Weltruhm erlangt hatte ? lässt sie sich vom Cognac scheiden. Davon ist sie im Alter von siebzehn Jahren noch weit entfernt, als sie durch die Bars der Hafenstadt zu tingeln beginnt und für ein paar Escudos oder ein paar Gläser Wein singt. Ihre musikalischen Anfänge finden sich im "Day and Night", einem von allen Bevölkerungsschichten besuchten Lokal, wo sich jeden Abend Seeleute aus der ganzen Welt zu den heimkehrenden Fischern gesellen. Es wird gesungen und getanzt: Walzer, Foxtrott, Contredanse und natürlich die einheimischen Tänze wie die Funana, die Coladeira und eben auch die Morna.

Die wehmütigen Lieder ? die dem portugiesischen Fado verwandt klingen, aber auch den Puls afrikanischer und brasilianischer Rhythmen anklingen lassen ? sind im 19. Jahrhundert in den Tanzhallen und Hafenkneipen des Archipels entstanden, als die Inseln noch unter portugiesischer Kolonialherrschaft standen. Die ursprünglich unbewohnten Inseln im Atlantik dienten einst als berüchtigte Außenposten im Sklavenhandel zwischen afrikanischer Westküste und Europa oder Amerika, als Cesaria Evoras Heimatstadt, Mindelo auf der Insel San Vicente, als Schiffsstation und Kohlenbunker des Transatlantikverkehrs einen kurzen Aufschwung erlebte. Für die bunte Bevölkerungsmischung aus den Nachfahren von Sklaven, Seeleuten, Händlern und Abenteurern bringen die Mornas das melancholische Lebensgefühl und Trennungsschicksal von Generationen zum Ausdruck. Denn das harsche Sahel-Klima mit monatelangen Dürreperioden und die knappen natürlichen Ressourcen der seit 1975 unabhängigen Inselrepublik zwingen auch heute zwei Drittel der KapverdianerInnen dazu, in der Diaspora zu leben.

"Morna ist unsere Religion und unsere Therapie", behauptet Paulino Vieira, einer der bekanntesten Musiker der Inseln, "sie beruhigt uns und erlaubt uns, die Schwierigkeiten zu vergessen". Kernstück der Mornas sind die Liedtexte, die aufgrund ihres lyrischen Gehalts auch alleine als Gedichte stehen können. Die traditionell zu Gitarre oder Piano vorgetragenen, von einem Instrument namens Cavaquinho synkopierten Lieder kreisen um ein Gefühl von Verlust, das der Musiker und Morna-Theoretiker Vasco Martins geschichtlich so herleitet: "Sodade" - mit "Traurigkeit, Sehnsucht" nur unzureichend übersetzt ? sei später Reflex der Versklavung und Ausdruck der Sehnsucht nach einem unnennbaren Ursprung. Sie richtet sich auf das "weit entfernte Land", wie es auch Cesaria Evora besingt. "Wir kennen den geografischen Ort dieser terra longe nicht", spekuliert Martins, "vielleicht ist es Afrika. Es ist nicht nur das Land der Emigration, sondern zugleich das verlorene Land. Selbst wenn wir kein klares Bewusstsein mehr davon haben, ein Volk von Sklaven zu sein, unsere Seele, unsere Art zu singen, beruhen auf dieser Irrfahrt."

Schon bald macht sich Cesaria Evora einen Namen als Interpretin der Morna. Musik und Texte erzählen von ihren Vorfahren, die noch als Sklaven verkauft wurden, von der Wüste, die die Inseln verschlingt, von der Armut und von der portugiesischen Diktatur, die viele ihrer Landsleute in die Emigration treibt. Ihre Lieder beschwören die Ausweglosigkeit des Lebens in den Hafenbars von Mindelo und tauchen ein in die Trauer um verlorene Liebhaber. Das Mindelo der sechziger Jahre ist ein Melting Pot und wird deshalb auch "kreolisches Rom" genannt: Afrikaner, Brasilianer, Kubaner, Portugiesen und Spanier machen hier Station und hören Cesaria in den Hafenkneipen der Stadt. Die vielfältigen kulturellen Einflüsse prägen aber auch ihre Musik. Mit 20 Jahren ist sie im ganzen Land im Radio zu hören. "Cize", wie ihre Freunde sie nennen, gilt als Verkörperung des kapverdischen Inselgefühls. Ihre Lieblingskomponisten und -dichter wie Amilcar Cabral, Theophil Chantre oder B. Leza sind Nationalhelden.

Auf den großen internationalen Erfolg muss die "Queen of Morna" allerdings noch lange warten. Auf einer Konzerttournee in Lissabon lernt Cesaria Evora 1985 den jungen Kapverdischen Produzenten José Da Silva kennen. Die Begegnung sollte ihre Karriere entscheidend verändern. Silva überredet sie, in Paris das Album "La diva aux pieds nus" (1988 ) aufzunehmen. Bald darauf gastiert sie erstmals in dem berühmten Pariser Club "New Morning". Von da an geht es steil aufwärts. Ihre 1992 erschienene Platte "Miss Perfumado" verkauft sich 300.000 Mal. 1993 macht die mittlerweile 52-jährige ihre erste große internationale Tournee. Das Album "Cesaria" (1995) schließlich bringt ihr in Frankreich die goldene Schallplatte und die erste von vier Nominierungen für den "Grammy Award". Dann folgt eine große Amerikatournee. Man vergleicht Cesaria Evora mit Billie Holiday. 1995 entdeckt der jugoslawische Komponist Goran Bergovic die "Stimme aus den Kapverden" und lässt sie in Emir Kusturicas Kultfilm "Underground" den Tango "Ausencia" singen. Damit nicht genug: Francois Kevorkian, einer der berühmtesten DJ?s der Welt, macht 1998 einen House-Remix von einem ihrer traditionellen Titel, "Sangue de Beirona". Seitdem ist Cesario Evora auch in der New Yorker Clubszene ein Renner.

Ihre nächste Platte produziert sie gemeinsam mit kubanischen und brasilianischen Musikern in Havanna. Mit "Café Atlantico" gelingt ihr der Aufstieg in den Olymp der World Music-Interpreten: In Frankreich mehrfach platinveredelt, erhält sie dafür auch den "Victoire de la musique" (ein Pendant zum deutschen "Echo"). Nun ist sie auf den Titelseiten der ganzen Welt, hat TV-Auftritte, u.a. in der "David Letterman"-Show. Ihre Tourneen in Europa, U.S.A. und Kanada sind ausverkauft.

Obwohl sie jetzt ein Nomadenleben führt, bleibt Cesaria Evora ihren kapverdischen Wurzeln treu. "Café Atlantico" ist ihrer Heimatstadt Mindelo gewidmet, wo auch ihr großes Haus ist. Dort empfängt sie Freunde und Familienangehörige, serviert traditionelle Landesgerichte und genießt den späten, langerwarteten und verdienten Erfolg.

Feierte die Sängerin auf "Cafe Atlantico" die ozeanischen Verbindungen der Kapverden mit Brasilien und Kuba, so führt Cesaria Evora diese musikalische Entdeckungsreise auf "São Vicente di Longe", was soviel heißt wie "São Vicente - Cesarias Heimatinsel - aus der Ferne betrachtet", noch weiter. Wie immer finden sich neben stimmungsvollen und melancholischen "Mornas" auch lebendigere "Coladeiras". Darüber hinaus hat sie ihr Repertoire um kubanischen Sones, brasilianische Sambas und amerikanischen Gospel erweitert. In Verbindung mit ihrem lusophonen und afrikanischen Erbe ist so ein ganz eigener musikalischer Kosmos entstanden. Aufgenommen in Havanna, Paris und Rio de Janeiro und mit über 60 Musikern eingespielt (darunter Caetano Veloso, Petro Guerra, Chucho Valdez sowie ein Duett mit Bonnie Raitt), bietet "São Vicente di Longe " ein perfektes Wechselbad zwischen Leichtigkeit und schwebender Melancholie. Die aufwändige Produktion hatte nichts mehr mit den Produktionsbedingungen zu tun, unter denen Cesarias frühe Alben entstanden und dieser neu gewonnene Arbeitskomfort hat nichts an ihrer Sensibilität geändert. Noch immer pocht Cesaria entschieden auf ihre innere Unabhängigkeit. Das Album entwickelt sich organisch und fügt Assoziation zu Assoziation, geht auf verschlungenen Pfaden vom Oberflächlichen zum Intimen. Auch wenn sie mittlerweile zur privilegierten Kaste der Weltstars gehört und den spät erworbenen Reichtum durchaus genießt, in ihren Lieder gelingt es ihr immer wieder, den Stoff zu wirken, aus dem sich Schmerzen, Träume, Trost und Hoffnung nähren.


Veranstaltungen im HKW:
Sonntag, 19. November 1995
Cesaria Evora
Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt

Donnerstag, 18. September 1997
Cesaria Evora, Kapverden
/Cabo Verde
Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt

Donnerstag, 24. Juni 1999
Cesaria Evora
Café Atlantico
Veranstalter: Transatlantico


Bio

Cesaria Evora, die Dame, die immer barfuß auf der Bühne steht, stammt aus Mindelo von der kapverdischen Insel São Vicente, wo sie am 27. August 1941 zur Welt kam. Schon im Alter von 17 Jahren sang sie in den Bars der Insel und wurde im ganzen Land bekannt. Trotz dieses Erfolges hörte sie wegen finanzieller Probleme in den siebziger Jahren auf zu singen. Mitte der achtziger Jahre ging sie mit dem Sänger Bana nach Lissabon, wo sie den Produzenten José Da Silva traf, mit dem sie 1988 im Alter von 47 Jahren ihr erstes Album "La Diva Aux Pieds Nus" in Paris aufnahm. Den endgültigen internationalen Durchbruch schaffte sie schließlich 1992 mit "Miss Perfumado". Ihre 1999 erschienene CD "Cafe Atlantico" verkaufte sich weltweit mehr als eine Million Mal.

Works

Rogamar

Published Audio,
2006

Voz d´Amor

Published Audio,
2003

Sangue de Beiron 2x12

Published Audio,
2003
Maxi-Singles

São Vicente di Longe

Published Audio,
2001

Café Atlantico

Published Audio,
1999

Carnaval de São Vincente

Published Audio,
1999

Nova Sintra

Published Audio,
1998

Sodade O Melhor de Cesa

Published Audio,
1998

Best of Cesaría Evora

Published Audio,
1998

Cabo Verde

Published Audio,
1997

Live At Olympia

Published Audio,
1996

At The Olympia

Published Audio,
1996

Cesaría

Published Audio,
1995

Sodade Les Plus Belles Mornas

Published Audio,
1994

Miss Perfumado

Published Audio,
1992

Destino di Belita

Published Audio,
1990

Mar Azul

Published Audio,
1990

La Diva Aux Pieds Nus

Published Audio,
1988
video

"Sabor de Pecado"

von der CD "São vicente di longe"
BMG Köln Musik GmbH
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Promotion video

(CD "São vicente di longe")
BMG Köln Musik GmbH
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"Nutridinha"

BMG Köln Musik GmbH
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