Frédéric Bruly Bouabré

Article Bio Works Projects
crossroads:
Identität, Kolonialismus, Schrift
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Zeichnung)
region:
Africa, Western
country/territory:
Côte d'Ivoire
city:
Abidjan
created on:
May 31, 2003
last changed on:
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Article

Die Toten, die Wolken geworden sind

Die Welt, ein großer Text: In seinen Zeichnungen verwebt der 1923 geborene Künstler Frédéric Bruly Bouabré, der in Abidjan an der Elfenbeinküste lebt, unentwegt das Kleine mit dem Großen. Im Muster von Orangenschalen kann er die Karten der Erde und des Himmels entdecken, und jede runde Form ist zugleich ein Gesicht und eine Erdkugel.
Gefundene und erfundene Zeichen, Entschlüsselungen und Verschlüsselungen, Deutungen und Rätsel: Die eine Ebene der Erzählung weiß immer ein wenig mehr und anderes als die andere. Der Gestus der meist nur spiel- oder postkartengroßen Werke ist stets der einer Erläuterung und Kommentierung. Alles, was sichtbar ist, ist auch lesbar. Aber zugleich ist diese ständige Entzifferung der Welt auch eine Verzauberung und Belegung mit Sinn. Denn in eben dem Maße, in dem Frédéric Bruly Bouabrè in den Schriftbändern, die seine Zeichnungen rahmen, den Inhalt erläutert, spielt er auch mit seiner Rolle als Erzähler.

Darstellungsmethode findet man in der Archäologie und der Ethnologie, also eben jenen Wissenschaften, mit denen sich die Kolonialmächte ein Bild von Afrika machten. Frédéric Bruly Bouabré erzählt, als sei die ganze Welt ein gigantisches Museum, an dem jedes Ding ein Schildchen mit Erläuterungen trägt. Doch die vermeintlich einfache Behauptung einer Wahrheit wird dabei oft wieder ironisch gebrochen; nicht allein, weil Bouabré oft mehr als eine Bedeutung für ein Zeichen gelten lässt. Er kostet die Macht der Definition aus, denn das genau ist es, was er sich zurücknimmt von der Deutungshoheit einer kolonialen Geschichte.

Seine Zeichnungen sind mit Farbstiften und Kugelschreiber auf kleinen Kartons notiert: Das sind weniger die Instrumente des Künstlers als vielmehr des Schülers. Die einzelne Zeichnung ist zwar klein, dafür aber fast immer Teil einer großen Serie, die sich manchmal über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinzieht. So lässt der in Bildern-Erzählende trotz der Bescheidenheit in der Wahl der Mittel nie einen Zweifel an seiner weltumspannenden Geste. Die Sonne und die Erde stehen am Anfang seiner Kosmogenie in dem Zyklus "Antique Art Africain", der schon im Titel Afrika das zurückgibt, was die koloniale Geschichtsschreibung den eroberten Kulturen nicht zugestehen wollte – ein historisches Bewusstsein mit einem tradierten Formenfundus.

Frédéric Bruly Bouabré kam 1923 in Zéprégüuhé an der Elfenbeinküste zur Welt. Er gehört dem Stamm der Bété an, der drittgrößten Population des Landes, und wurde in einer katholischen Schule erzogen. Er liebte die französische Sprache und Literatur und arbeitete bei der Marine und der Eisenbahn im Senegal. Den Beginn seiner Kunst datiert er mit dem Erlebnis einer Vision, als er sieben Sonnen um die uns bekannte Sonne kreisen sah, am 11. März 1948. Seither bezeichnet er sich als ein Suchender, der seine Betrachtungen in seinen Büchern und Zeichnungen festhält. Seine Kosmogonie ist dabei ebenso christlich beeinflusst wie von anderen Mythen gespeist und geht mit den unterschiedlichen Quellen sehr versöhnlich um. Lange hat er in erster Linie für seinen Stammesverband gezeichnet; die Intellektuellen des Staates an der Elfenbeinküsten nahmen von Frédéric Bruly Bouabré Kunst wenig Notiz.

Nach Europa kam er 1989 mit der Ausstellung "Magiciens de la terre" im Centre Pompidou in Paris. Seitdem haben seine Zeichnungen einen internationalen und globalen Kunstbegriff erweitert. Denn sein Weltverständnis traf hier auf einen Mangel, der zuletzt von den Spätromantikern artikuliert worden war – die Sehnsucht, die Natur und die Welt der Gegenstände selbst wie eine Schrift voller Sinn zu entziffern. Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, das mit Schrecken auf das Ausmaß seiner Naturzerstörungen zurückblickte und Fortschritt nur noch mit großen Zweifeln betrachten konnte, war ein solches Weltverständnis wieder begehrt. Und wenn man es auch selbst nicht leben konnte, so war doch zumindest die Freude groß, es woanders aufgehoben zu wissen.

Deshalb urteilt der Kunsthistoriker Olu Oguibe über den Erfolg Bouabrés in Europa sehr hart: "Bouabrés Werke werden heute im Westen (...) geschätzt, weil die Arbeiten (...) außerhalb der Parameter konventioneller westlicher Kriterien liegen und daher unabsichtlich zweifelhafte, pervertierte Wünsche und Erwartungen wecken. Formal entziehen sie sich den Normen des Westens; sie symbolisieren die begehrte Entfernung zwischen dem Westen und Afrika, und sie befriedigen das Verlangen nach Phantasien, Fetischen und Schamanismus."

Zweifellos befriedigen Bouabrés Werke das Verlangen nach dem Anderen. Doch zugleich bauen sie einer falschen Verklärung auch vor durch ihren eigenen Witz und die List des Erzählers.

Viele Zeichnungen sind datiert, sogar auf Stunden und Minuten genau. Auf einer Ausstellung 1993 im Berliner Haus der Kulturen der Welt stammte der älteste Block der Zeichnungen von 1977. Es waren erotische Zeichnungen, die zum Beispiel vom Zeugungsakt der großen Tiere und der blutsaugenden Sexualität der Vampire erzählten. Die Vorfahren des Penis tauchten als eigenständige, aber an der Spitze kastrierte Figuren auf, Sexualakte zwischen schwarzen und weißen Männern, zwischen einem Schäfer und seinem Schaf. Mit diesen Bruchstücken einer langen Geschichte von Abstammung und Transformationen zwischen den Arten, Geschlechtern und Rassen illustrierte Bouabré zugleich seinen Glauben an einen Stoffwechsel, über den wir alle miteinander verwandt sind.

Einen ähnlichen Gedanken transportiert die Serie "La Decouverte des nos mortes devenues nuages" (Die Toten, die Wolken geworden sind). Auf blauem Feld erscheint jeweils ein Gesicht, entstanden aus den verdunsteten Flüssigkeiten der Erde, die wiederum mit den Ausscheidungen der Menschen und ihren sterblichen Überresten getränkt ist. Diese Wolkenbilder wiederum gleiten wie ein Schatten hinter einer anderen Porträt-Galerie her, "Les grandes Figures", entstanden zwischen 1983 und 1992, die "Hohe Diplomatie und Berühmte Persönlichkeiten" auflistet: Montgomery Clift, Adolf Hitler "in einem Meer von Blut, das durch ihn vergossen wurde", Ronald Reagan, der Papst, Breschnew, Kardinal Ratzinger und Diplomaten Britaniens und Südafrikas. In dieser sehr speziellen Mischung reagiert Bouabré auf die eigentümliche Popularität, die Stars, Diktatoren und andere Politiker miteinander verbindet. Wie Andy Warhol sammelt er die Ikonen des Populären; nur dass seine Bilder immer zugleich voll des Staunens darüber sind, dass ein Einzelner so mächtig werden kann.

Oft entschlüsselt Boubré seine Striche, Winkel und Dreiecke ähnlich wie im europäischen Mittelalter in der Heraldik, der Kunde von den Wappen, die Zeichen gedeutet wurden. Menschen, Häuser, Dörfer, Festungsmauern, Erdkreis: Schematisierung und Abstraktion schaffen sehr schnell die Verbindung vom Einzelnen zum Ganzen. In der Deutung und Definition seiner Symbole mischt er dabei durchaus westliche und eigene Quellen. Seine Werke sind ebenso sehr Tradition wie deren Erfindung. Der Kontext der Deutung ist beweglich und in ihm findet sich die Ikonographie des Christentums, afrikanische Mythen und islamische Erzählstränge.

Frédéric Bruly Bouabré schreibt seine Geschichten auf Französisch. Seinem eigenen Stamm fehlt eine Schriftkultur. Auf der Documenta 2002 in Kassel war sein "Alphabet Bété" (1991/92) ausgestellt, das den Hieroglyphen ähnelt: Bouabré hat für phonetische Einheiten, Silben der Bété-Sprache, über 400 aufwändige Zeichen erfunden. Dem Alphabet ist ein Text vorgeschaltet, in dem Bouabré schreibt: "Das Alphabet ist der unbestrittene Pfeiler der menschlichen Sprache. Es ist der Herd, wo das Gedächtnis des Menschen lebt. Es ist ein sehr wirksames Rezept gegen das Vergessen, den gefürchteten Faktor der Unwissenheit. (...) Afrika wurde missachtet, weil es angeblich der ´Kontinent ohne Schrift’ ist. Das heutige Instrument, dass Schwarzafrika als sein Arbeitsinstrument betrachtet, ist europäisch und in Wirklichkeit die ´Speerspitze´ des Kolonisatoren." So steckt in seinem Alphabet Bété zum einen die Erkenntnis, dass die Entwicklung einer kulturellen Identität in der Gegenwart von der schriftlichen Tradierung abhängig ist. Zum anderen aber erzählt das System vom Verlust jener Zeit, in der eine Kultur ohne Schrift auskam. Im Zeichen ´No 379´ für die Silbe ´Zro´ verfolgt ein schwarzer Mann einen weißen Mann mit Gewehr. Das Gedächtnis und die Überlieferung, die Bouabré in seinem Alphabet Bété sichert, ist in den ästhetischen Transformationen von den Spuren der Gegenwart und einer gewalttätigen Geschichte ebenso geprägt wie von der langen Herleitung der Inhalte.
Author: Katrin Bettina Müller 

Bio

Frédéric Bruly Bouabré wurde 1923 in Zéprégüuhé an der Elfenbeinküste geboren. Er war Beamter der französischen Kolonialmacht, später der Republik Elfenbeinküste. Heute lebt und arbeitet er in Abidjan.

Works

Bird Watching

Exhibition / Installation,
2007
Gruppenausstellung. De Vishal - ruimte voor beeldende kunst, Haarlem, Niederlande

Ikon Gallery

Exhibition / Installation,
2007
Einzelausstellung. Birmingham, Großbritannien

THE 1980s - A TOPOLOGY

Exhibition / Installation,
2006
Gruppenausstellung. Museu Serralves - Museu de Arte Contemporânea, Porto, Portugal

Frédéric Bruly Bouabré - Connaissance du monde - 1977-2005

Exhibition / Installation,
2006
Einzelausstellung. Mamco - Musée d´art moderne et contemporain, Genf, Schweiz

100 % Africa

Exhibition / Installation,
2006
Gruppenausstellung. Guggenheim Museum, Bilbao, Spanien

Arts of Africa

Exhibition / Installation,
2005
Gruppenausstellung. Grimaldi Forum, Monaco

African Art Now: Masterpieces from the Jean Pigozzi Collection

Exhibition / Installation,
2005
Gruppenausstellung. Museum of Fine Art Houston, Houston, USA

Africa Remix - Art contemporain d’un continent

Exhibition / Installation,
2004
Gruppenausstellung/Wanderausstellung. Museum Kunst Palast, Düsseldorf; Hayward Gallery, London, Großbritannien; Centre Georges Pompidou, Paris, Frankreich; Mori Art Museum, Tokio, Japan

Les Afriques

Exhibition / Installation,
2004
Tri Postal, Lille, Frankreich

Je m’installeaux abattoirs!

Exhibition / Installation,
2004
Gruppenausstellung. Les Abattoirs, Toulouse, Frankreich

Documenta 11

Exhibition / Installation,
2002
Gruppenausstellung. Kassel

Dany Keller Galerie

Exhibition / Installation,
2002
Gruppenausstellung. München

The Short Century

Exhibition / Installation,
2001
Gruppenausstellung/ Wanderausstellung. Museum Villa Stuck, München; Haus der Kulturen der Welt, Berlin; PS1, New York

Zeitwenden

Exhibition / Installation,
2000
Gruppenausstellung. Kunstmuseum Bonn, Bonn

100 Ans d´art contemporain

Exhibition / Installation,
2000
Gruppenausstellung. Palais des Beaux Arts de Bruxelles, Brüssel, Belgien

Dessins choisis

Exhibition / Installation,
2000
Gruppenausstellung. Alliance Èthio-Francaise, Addis Abeba, Äthiopien

Museum Ludwig

Exhibition / Installation,
1999
Gruppenausstellung. Köln

Art Visionnaire

Exhibition / Installation,
1999
Gruppenausstellung. Halle Saint Pierre, Paris, Frankreich

Galerie du Jour FIAC 1999

Exhibition / Installation,
1999
Gruppenausstellung. Quai de Branly, Paris, Frankreich

Galerie Jule Kewenig

Exhibition / Installation,
1997
Einzelausstellung. Köln

2. Johannesburg Biennale

Exhibition / Installation,
1997
Gruppenausstellung. Johannesburg, Südafrika

Ghwangju Biennale

Exhibition / Installation,
1997
Gruppenausstellung. Ghwangju, Süd-Korea

São Paulo Biennale

Exhibition / Installation,
1996
Gruppenausstellung. São Paulo, Brasilien

Sydney Biennale

Exhibition / Installation,
1996
Gruppenausstellung. Sydney, Australien

Mondes

Exhibition / Installation,
1995
Einzelausstellung mit Alighiero e Boetti, American Center, Paris, Frankreich

Biennale di Venezia

Exhibition / Installation,
1995
Gruppenausstellung. Venedig, Italien

TransCulture

Exhibition / Installation,
1995
Gruppenausstellung. Palazzo Giustinian Loli (Fondazione Levi), Venedig, Italien

Musées des arts d´Afrique et d´Océanie

Exhibition / Installation,
1995
Gruppenausstellung. Paris, Frankreich

Big City

Exhibition / Installation,
1995
Gruppenausstellung. Serpentine Gallery, London, Großbritannien

Dialogue de Paix

Exhibition / Installation,
1995
Gruppenausstellung. Palais des Nations, Genf, Schweiz

Ginza Art Space

Exhibition / Installation,
1994
Einzelausstellung. Shiseido Co. Ltd, Tokio, Japan

Dia Center for the Arts

Exhibition / Installation,
1994
Einzelausstellung. New York, USA

Rencontres Africaines

Exhibition / Installation,
1994
Gruppenausstellung. Institut du Monde Arabe, Paris, Frankreich

Identita: e rappresentazioni cartografiche

Exhibition / Installation,
1994
Gruppenausstellung. Museo Luigi Pirogni, Rom, Italien

Portikus

Exhibition / Installation,
1993
Einzelausstellung. Frankfurt

Haus der Kulturen der Welt

Exhibition / Installation,
1993
Einzelausstellung. Berlin

Museum Ludwig

Exhibition / Installation,
1993
Einzelausstellung. Aachen

Kunsthalle Bern

Exhibition / Installation,
1993
Einzelausstellung. Bern, Schweiz

Tresor de voyage

Exhibition / Installation,
1993
Gruppenausstellung. Biennale di Venezia, Venedig, Italien

La grande Vérité, les astres africains

Exhibition / Installation,
1993
Gruppenausstellung. Musée des Beaux-Arts, Nantes, Frankreich

Grapholies

Exhibition / Installation,
1993
Gruppenausstellung. Biennale Abidjan, Abidjan, Elfenbeinküste

Out of Africa

Exhibition / Installation,
1992
Gruppenausstellung. Saatchi Collection, London, Großbritannien

Résistance

Exhibition / Installation,
1992
Gruppenausstellung. The Watari-Um Foundation for Contemporary Art, Tokio, Japan

Découvertes

Exhibition / Installation,
1992
Gruppenausstellung. Grand Palais, Paris, Frankreich

Africa Hoy

Exhibition / Installation,
1991
Gruppenausstellung. Centro Atlantico de Arte Moderno, Las Palmas, Spanien

Africa Now

Exhibition / Installation,
1991
Gruppenausstellung. Groningen Museum, Holland; Centro Cultural de Arte Contemporana, Mexiko

Magiciens de la Terre

Exhibition / Installation,
1989
gruppenausstellung. Centre Georges Pompidou, Paris, Frankreich

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Short Century

Independence and Liberation Movements in Africa

(18 May 01 - 29 July 01)

Artists of the World

(24 January 90 - 30 January 94)