Gilberto Gil

Article Bio Works Projects www
crossroads:
Politik, Revolution
genre(subgenre):
Musik (Brazil Pop, Pop, Reggae, Rock, Samba)
region:
America, South
country/territory:
Brazil
created on:
June 14, 2006
last changed on:
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Gilberto Gil
© Priscila Azul

Article

Der ästhetische Revolutionär

Der ästhetische Revolutionär im Ministersessel. Keine Karriere verlief wie die Gilberto Gils. Er und seine Freunde begannen einen popmusikalischen Umsturz. Im Brasilien der Militärdiktatur brachten sie Rock und Avantgarde in die Charts und setzten sich damit einer politischen Verfolgung aus, die sie bis ins Exil trieb. Gil schaffte es später, neben einer weiterhin unvergleichlich facettenreichen musikalischen Vita in der Politik Karriere zu machen.
„Caetano & Gil" - Streicht man die Geschichte der populären Musik Brasiliens ab Mitte der 60er auf zwei Namen zusammen, so bleibt dieses Duo und das ist in mancher Hinsicht ungerecht. Ungerecht gegenüber dem nur scheinbar konventionelleren Ansatz eines Chico Buarque oder der Exzentrik Tom Zés, ungerecht gegenüber Milton Nascimento und Lô Borges, die fernab der schillernden Zentren ihr ganz eigenes Ding machten, ungerecht gegenüber Jorge Bens versöhnenden Grooves und Ivan Lins intensivem Soul-Jazz, ja auch ungerecht gegenüber jenen, die ihren Weg nach den prägenden Werken all dieser Künstler suchen mussten.

Doch finden sich eben all die Facetten der anderen in den alles umschließenden Werken dieser beiden. Aber liegt nicht in der Nennung des Doubles an sich die wahre Ungerechtigkeit? Nie wird es „Gilberto & Veloso“ heißen. Stets bleibt Gilberto Gil an zweiter Stelle. Er ist der Stillere, selbst heute, obgleich er seit Januar 2003 das Amt des brasilianischen Kulturministers bekleidet. Doch möglicherweise ist es ihm ganz recht so, vielleicht braucht Gil eine Position, die ihm einen gelegentlichen Rückzug aus dem grellsten Scheinwerferlicht ermöglicht und aus der heraus er reflektieren kann und neue Schritte wagt. Betrachtet man Gilberto Gils Geschichte, so scheint ihn genau diese Fähigkeit auszuzeichnen.

Am 26 Juni 1942 erblickt Gilberto Passos Gil Moreira in Salvador Bahia das Licht der Welt. Er wird in ein gebildetes bürgerliches Umfeld hineingeboren. Vater José Gil Moreira ist Mediziner und seine Mutter Claudina Passos Gil Moreira Lehrerin. Der junge Gil wächst in Ituaçu auf. Ihn prägt weniger afroamerikanische Musik als die Akkordeon-Lieder des Forro, jene Klänge des brasilianischen Nordostens. Sie hält er, wie er später erzählt, für irdische Schöpfungen, während die klassische Musik dem jungen Gilberto als im Himmel von Engeln gemacht erscheint.

Aus diesen frühen Empfindungen erwächst eine Leidenschaft, die ihn schon zu Anfang der 60er als Gitarre spielenden Singer-Songwriter auf die Bühnen treibt. 1962 singt er im Fernsehen, wo ihn auch der junge Veloso entdeckt. 1963 erscheinen eine EP im Bossa Stil und eine Single. In demselben Jahr macht ein gemeinsamer Freund Gil und Veloso miteinander bekannt. Gil beschreibt später diesen Moment mit dem Gefühl, einen wahren Kameraden getroffen zu haben. Für Jahre werden die beiden in ihren künstlerischen Ambitionen unzertrennlich. Mit Maria Bethânia, Gal Costa und Tom Zé bildet sich eine Gruppe, die bereits 1964 im Fernsehen zu sehen ist. Schon bald bilden sie das Herz der Tropicalismo-Bewegung. Ihre Musik löst den Bossa Nova ab, indem sie die Dissonanzen elektrischer Gitarren mit Samba, Folk und Psychedelia verbindet. Die anspielungsreichen Texte orientieren sich an angloamerikanischem Popslang, konkreter Poesie und der Ästhetik des Nouvelle Vague Kinos. Das führt zu Widerspruch in Musikestablishment und Politik.

Es ist Elis Regina, die 1966 dem jungen Songwriter den Weg bereitet. Ihre Version von Gils „Louvação" wird zum nationalen Hit. Gil gibt seiner ersten LP denselben Titel, bald darauf folgt das erste von drei unbetitelten Alben. Auf diesem frühen Klassiker definiert er bereits, was das gemeinsame „Tropicalia" Album 1968 als Statement formuliert. Gil ist mit „Tropicalia" nicht wirklich zufrieden, er ist schon einen Schritt weiter. Hendrix und die Black Power Bewegung führen ihn erstmals zur expliziten Auseinandersetzung mit seiner Identität als Schwarzer sowie der Situation der Schwarzen in Salvadors Armenvierteln.

Inmitten des Tropicalismo-Rauschs beginnt sich Brasiliens Militärdiktatur an den politischen Positionen und Gesten der Szene zu stoßen. Gil und Veloso werden im Februar 1969 ohne Angabe von Gründen verhaftet und eingesperrt. In seiner Gefängniszeit beschäftigt sich Gil mit Meditation, östlicher Philosophie und makrobiotischer Ernährung - Dinge, die fortan sein Leben beeinflussen. Nach ihrer Freilassung werden die beiden aufgefordert, das Land zu verlassen. Sie begeben sich im Juli 1969 nach London ins Exil. In England tritt Gil 1970 auf dem Isle of Wright Festival auf und veröffentlicht ein Album, welches die Nähe des Tropicalismo zum Rock unterstreicht. Am 14. Januar 1972 kehrt Gil aus dem Exil nach Rio zurück. Sein im selben Jahr folgendes Album „Expresso 2222" zollt sehr lebendig den Folk-Traditionen, insbesondere dem Forro, Tribut. In der Folge zeigen seine Werke zusehends eine Tendenz zum Spirituellen und Philosophischen, während die Musik zuerst im Licht einer Auseinandersetzung mit ihren afrikanischen Quellen und dann von Reggae und Funk geprägt erscheint. Es entstehen Meisterwerke wie „Refazenda“ (1975), „Refavela“ (1977) und „Luar“ (1981).

Am 24 Juni 1976 kommen die Tropicalistas Gil, Caetano, Gal Costa und Maria Bethânia zusammen, um als Doces Bárbaros eine Reihe furioser Konzerte zu geben, die auf LP und Film gebannt werden. 1977 spielt Gil auf dem zweiten Festival Mundial de Arte e Cultura Negra in Lagos, Nigeria, wo er Fela Kuti, Stevie Wonder und weitere Musiker kennen lernt, die seine Musik nachhaltig beeinflussen. Danach tourt er regelmäßig durch Europa und die USA. Zwischen 1978 und 1979 zieht er nach Los Angeles. Er steht 1980 für mehrere Shows mit Jimmy Cliff auf der Bühne und nimmt 1984 ein Stück mit den Wailers auf.

Im Januar 1987 tritt Gil in seiner Geburtstadt Salvador den Posten des Präsidenten der Gregório de Matos Foundation an, was ihn de facto zum Leiter der kulturellen Belange Salvadors macht. Nun beginnt seine politische Karriere, die ihn 1988 von seinem Posten zurücktreten lässt, um sich als Bürgermeister in den Stadtrat von Salvador wählen zu lassen, was ihm mit der höchsten Stimmenzahl aller Kandidaten gelingt. Er fungiert dort als Präsident des Komitees für Umweltschutz und verbleibt bis 1992 auf seinem Posten. In diesem Jahr erscheint mit „Parabolicamara" eine seiner besten und erfolgreichsten Platten seit Jahren. Er tourt extensiv und beginnt danach mit Veloso die Aufnahmen für „Tropicália 2", das 1993 eine Rückkehr gleich einem musikalischen Aufbruch in eine neue Zeit verheißt. Weitere starke Platten folgen, etwa 1997 die intellektuelle, gleichwohl sehr eingängige „Quanta", welche von aufwendigen Shows begleitet wird und deren Livemitschnitt „Quanta Gente Veio Ver" 1999 einen Grammy erhält. Gil bleibt politisch wie musikalisch aktiv, kollaboriert 2001 höchst erfolgreich mit Milton Nascimento und gibt im selben Jahr Konzerte mit Ryuichi Sakamoto und dem Jobim-Morelenbaum Quartett. 2002 finden die Doces Bárbaros für zwei umjubelte Shows wieder zusammen. Im Januar 2003 tritt Gilberto Gil das Amt des Kulturministers in der neu gewählten Regierung von Luiz Inácio Lula da Silva an, im gleichen Jahr erhält er bei der Latin-Grammy Verleihung den Personality Award. Neben seiner politischen Tätigkeit entwirft er 2004 das Konzept für die Show und das Album „Eletracústico" und unterrichtet an der Universität von São Paulo. Dass er in dieser Vielfältigkeit lebt, ohne dass seine vielen Aktivitäten ihn auszehren, verdankt er neben seiner außergewöhnlichen Kreativität einer besonderen, tief in sich ruhenden Kraft, die ihn einzigartig macht unter den Popgrößen dieser Welt.

Author: Oliver Tepel

Bio

Gilberto Gil wurde am 26 Juni 1942 in Salvador, Bahia, als Gilberto Passos Gil Moreira geboren. Seit der Kindheit musikbegeistert, tritt er zu Beginn der 60er als Singer-Songwriter auf und veröffentlicht 1963 seine erste Platte. Um ihn und Caetano Veloso formiert sich in der zweiten Hälfte der 60er die Tropicalia Bewegung. Sie bedeutet Brasiliens Antwort auf aktuelle Rocksounds und löst als bedeutender Stil den Bossa Nova ab. Nach einer Verhaftung durch Brasiliens Militärdiktatur 1969 verbringt Gil 1970 - 72 im britischen Exil. In den 70ern wird er zur unangefochtenen Größe in Brasiliens Popszene, experimentiert mit Folk, Rock, afrikanischen Rhythmen, Reggae und Funk. Er bleibt auch in der Folge höchst erfolgreich und kommt bis heute auf 11 goldene und 5 Platin Schallplatten. Neben der musikalischen startet er 1987 eine politische Karriere, die ihn vom Kulturbeauftragten der Stadt Salvador bis auf den Posten des Brasilianischen Kultusministers bringt, welchen er seit Januar 2003 bekleidet. 2005 erhält er den Polar Music Prize, der als inoffizieller Nobelpreis der Musik gilt.

Works

KAYA N´GAN DAYA

Published Audio,
2002
Wea Music

SÃO JOÃO VIVO

Published Audio,
2001
Wea Music

AS CANÇÕES DE "EU, TU, ELES"

Published Audio,
2000
Warner Music Brasil

GIL E MILTON

Published Audio,
2000
Gilberto Gil/ Milton Nascimento Warner Music

O SOL DE OSLO

Published Audio,
1998
Pau Brasil

QUANTA GENTE VEIO VER

Published Audio,
1998

QUANTA

Published Audio,
1997
Warner Music

GILBERTO GIL UNPLUGGED

Published Audio,
1994
Warner Music

TROPICÁLIA 2 - CAETANO VELOSO E GILBERTO GIL

Established,
1993
Caetono Veloso/ Gilberto Gil

PARABOLICAMARÁ

Published Audio,
1992
Wea Music

O ETERNO DEUS MU DANÇA

Published Audio,
1989
Wea Music

REALCE

Published Audio,
1987
Wea

SOY LOCO POR TI, AMÉRICA

Published Audio,
1987
Wea

GILBERTO GIL EM CONCERTO

Published Audio,
1987
Geléia Geral/ WEA

GILBERTO GIL AO VIVO EM TOKYO

Published Audio,
1987
Geléia Geral

DIA DORIM NOITE NEON

Published Audio,
1985
Wea

RAÇA HUMANA

Published Audio,
1984
Wea

EXTRA

Published Audio,
1983
Wea

UM BANDA UM

Published Audio,
1982
Wea

LUAR

Published Audio,
1981
Wea

NIGHTINGALE

Published Audio,
1979
Elektra/ WEA

GILBERTO GIL AO VIVO - MONTREUX INTERNATIONAL JAZZ FESTIVAL

Published Audio,
1978
Elektra/ WEA

ANTOLOGIA DO SAMBA-CHORO - GILBERTO GIL e GERMANO MATHIAS

Published Audio,
1978
Phonogramm

REFAVELA

Established,
1977
Phonogram

REFESTANÇA - GILBERTO GIL e RITA LEE AO VIVO

Published Audio,
1977
Gilberto Gil / Rita Lee Som Livre

DOCES BÁRBAROS - CAETANO VELOSO, GILBERTO GIL, GAL COSTA e MARIA BETHÂNIA

Published Audio,
1976
Caetano Veloso / Gal Costa / Gilberto Gil / Maria Bethânia Phonogram

EXPRESSO 2222

Published Audio,
1972
Phonogram

BARRA 69 - CAETANO VELOSO E GILBERTO GIL AO VIVO

Published Audio,
1972
Pirata/ Phonogram

GILBERTO GIL

Published Audio,
1971
Famous/ Phonogram

GILBERTO GIL

Published Audio,
1969
Philips

GILBERTO GIL

Published Audio,
1968
Philips

LOUVAÇÃO

Published Audio,
1967
Philips

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Brasil - Copa da Cultura

(14 June 06 - 14 June 08)

IN TRANSIT 2006

Tanz - Performance -Musik

(24 May 06 - 04 June 06)

Www

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