Ranjit Hoskote

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crossroads:
Erinnerung, Geschichte, Globalisierung, Identität, Interkulturalismus, Kolonialismus, Menschenrechte, Multikulturalität, Politik, Transformation, Zeit
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Curating Art)
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Übersetzung, Dichtung, Essay, Kolumne, Kritik)
region:
Asia, Southern and Central
country/territory:
India
created on:
May 9, 2008
last changed on:
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Ranjit Hoskote
Ranjit Hosktote. © Ilija Trojanow

Article

Hinterlasst uns etwas

„Eine Empfangsstation”, so charakterisiert Ranjit Hoskote Dichtung in einem Interview. Sie kann sich in Frequenzen aller Art eintunen, ohne dass der Dichter sich dessen bewusst sein muss, was empfangen wird – er wartet, empfängt, kristallisiert, spinnt ein zusammenhängendes aber offenes Ganzes. Der in Mumbai/Indien geborene Poet, Kulturkritiker und freischaffende Kurator klinkt sich einfach ein und nimmt wahr, was in der Luft herumschwirrt, scheint es. Das Statement wirft ein klares Licht auf sein Werk und Selbstverständnis. Er ist ohne Eitelkeit, denn er nimmt ja nur wahr. In seine Wahrnehmung fallen von Geschichte, Kunst und Politik informierte Bilder, die er verwebt, bis sie metaphorische oder archetypische Züge tragen, ohne dabei ihre Wandelbarkeit zu verlieren.
Was von seinen frühen Jahren bekannt ist, lässt sich leicht erzählen. Ranjit Hoskote wurde 1969 in Mumbai geboren, wo er auch heute noch lebt. Er besuchte die Bombay Scottish School, das Elphinstone College und die University of Bombay. Schon in dieser Zeit nimmt Hoskote die Fäden auf, die sich später durch sein kritisches, künstlerisches und kuratorisches Werk ziehen: Er macht seinen Bachelor in Politikwissenschaft, wechselt dann zu Englischer Literatur und Ästhetik. Sinn für und Interesse an diesen Themen bestimmt sein Werk, zieht sich wie ein Geflecht durch sein gesamtes Schaffen, das seit den frühen 1990ern viele Wege in die Öffentlichkeit gefunden hat.

Selbstverständlich schreibt er in allen Formen, sei es Poesie, politischer oder kunstkritischer Essay, auf Englisch. Er sei frei von Formen kultureller Schuld, meint er hierzu: „Dank der älteren Generation ist der Krieg schon geführt …Englisch ist in Indien angewachsen, es ist in jedem Fall unmöglich, es mit der Wurzel auszureißen. Es gibt einfach eine Klasse von Indern, die Englisch als Muttersprache sprechen und schreiben.“

Hoskote zählt zu einer neuen Generation postkolonialer Dichter in Indien. Während die Generation der indischen Unabhängigkeitskämpfe noch weitgehend in den indischen Landessprachen schrieb, fällt seine, die jüngere Generation urbaner, kosmopolitischer Dichter auf ihre Kulturen und den Sprachenreichtum Indiens mehr als Referenz zurück. Diese ist nur Teil eines schier unerschöpflichen Repertoires, derer sie sich bedienen. Das gilt insbesondere für Hoskote, der sich zwischen den Genres, Kulturen und Zeiten frei bewegt – oder von allem bewegt wird. Seine Gedichte sind ebenso politisch wie seine politischen und kulturwissenschaftlichen Schriften lyrisch sein können.

So schreibt er in seiner Abhandlung über interkulturelle Kommunikation „Beyond the House of Wonders“: „Ich dachte, diese Präsentation könnte den Charakter einer traditionellen lyrischen Form annehmen: des Klagelieds, des Jammers, der Aufzeichnung von Verlust.“ Typisch, dass er auf seinem kunstgeschichtlichen Streifzug bei dem Delfter Meister Johannes Vermeer aus dem 17. Jahrhundert beginnt. Hoskote lässt nichts aus, oder wie sein Freund und Ko-Autor Ilija Trojanow formuliert: Er sei von „eklektischer Eigensinnigkeit“ und streife etwa in seinem Gedichtband „The Sleepwalker´s Archive“ (Mumbai, 2001) das „Kloster Pernegg, Lawrence von Arabien … die Verbotene Stadt in Peking, Seleukos Niketor, Flaubert, Chopin und Magritte, Kabir, Minotaurus und Mujaheddin, Benares und Wittgenstein.“

Gemeinsam mit Ilija Trojanow hat Hoskote auch seine schärfsten politischen Schriften verfasst. So stellte sich das Künstlerduo, das sich bei einer Lesung Trojanows in Mumbai kennen lernte, unmittelbar vor dem Irakkrieg in einem gemeinsamen Statement gegen den unilateralen Kriegszug der USA. „Who Cares for Human Rights? - Remember, It´s a Just War” erwähnt, dass der “gottesfürchtende” George W. Bush mit der Idee des „gerechten Kriegs“ unterstützt wurde von einer Gruppe US-amerikanischer „Gurus und Media-Pandits“, zu denen unter anderem auch der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington zählte. Dessen Buch „Der Kampf der Kulturen“ hatte fünf Jahre vor den Anschlägen von 9/11 einen unausweichlichen Zusammenprall zwischen dem Islam und dem Westen prophezeit. Huntington entwirft in seinem Standardwerk ein fatales Bild der Globalisierung – genährt von einem starren der Kultur.

Der im Afghanischen- und Irakkrieg erprobte „groteske Nonsens der Freien Welt“ war es auch, der Hoskote und Trojanow Jahre später bewogen haben muss, ein offensichtliches Antibuch zu Huntington zu entwerfen. „Kampfabsage – Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen“, erschienen 2007 in deutscher Sprache, ist ein weiterer Streifzug durch Zeiten, Kulturen und ihre Prozesse. Das Buch, das zunächst als wissenschaftliches Werk gedacht war, wurde im Laufe der Zeit immer populärwissenschaftlicher. Beide wollten „mehr als die ohnehin nur 2000 Leser erreichen, die solche Schriften ohnehin lesen“, so Hoskote. Das Buch sei, sagt Trojanow, wirklich gemeinsam geschrieben. Jeder einzelne Satz darin. Eindrucksvoll belegen die Autoren hier, wie etwa die europäische Renaissance ihre Impulse aus dem Osten erhielt, die Fabel oder die Musik der Troubadoure, aber auch, woher die Gabel eigentlich stammt. Kulturen, so der Tenor, sind im Fluss, nicht statisch. Und die heutigen Werte der westlichen Kultur wären ohne den Osten, ohne den Buddhismus oder den Islam nicht denkbar: „Je größer ein Fluss, desto irreführender sein Name.“
„Hinterlasst uns etwas“ schreibt Hoskote in seinem Gedicht „An die Sanskritdichter“: „Hinterlasst uns diese Fäden zum Entwirren, Besticken: geheime Botschaften, geschrieben in Weiß auf Weiß unter den unerledigten Wochen …Hinterlasst uns diese Puzzleteile früherer Leben.“ (in: Die Ankunft der Vögel, 2006)

Denkbar wäre Hoskotes Werk nicht ohne seine schier unerschöpflichen Bezüge, ohne die Hinterlassenschaften der Alten, ohne ihre Fäden, die er bis an die Grenzen des Surrealen zieht. Aber Hoskote ist vor allem ein Künstler der Gegenwart, die sich – wie der in „Kampfabsage“ beschworene Fluss – aus der Vergangenheit speist. Dafür spricht nicht nur sein politisches Engagement. Auch als Kurator bewegt sich Hoskote im Bereich zeitgenössischer Kunst mit einer klaren Vorliebe für „intermedia art“.


Die Zitate stammen von einem Interview mit dem Autoren im Haus der Kulturen der Welt, 2008, und aus dem The Virtual Writing University Archive (http://at-lamp.its.uiowa.edu/virtualwu/index.php/archive/record/ranjit_hoskote_interview/)
Author: Heike Gatzmaga

Bio

Ranjit Hoskote wurde 1969 in Mumbai geboren. Er besuchte die Bombay Scottish School, dann das Elphinstone College, wo er seinen Bachelor in Politikwissenschaften abschloss. An der University of Bombay führte er seine Studien mit einem MA in Anglistik und Ästhetik fort. Seit den frühen 1990er Jahren begann Hoskote, seine Gedichte zu publizieren. Sie erschienen in zahlreichen indischen und internationalen Magazinen, u.a. in Poetry Review (London), Wasafiri, Poetry Wales, The Iowa Review, Green Integer Review, Fulcrum, Rattapallax, Lyric Poetry Review, West Coast Line, Kavya Bharati und Indian Literature. Seine Gedichte erschienen auch in Die Zeit, Akzente, Neue Zürcher Zeitung (NZZ), Wespennest und anderen. Er war Kunstkritiker der Tageszeitung The Times of India (1988-1999), Autor und Kolumnist der Tageszeitung The Times (1993-1999). Von 2000 bis 2007 war er Kunstkritiker, Feuilletonist und Redakteur von The Hindu und ihrer Zeitschrift Folio, sowie des The Hindu Sunday Magazine. Hoskote verfasste außerdem zahlreiche Monografien, Essays und eine Biografie des Malers Jehangir Sabavala. Er war Präsident des Poetry Circle Bombay (1992-1997) und ist heute Generalsekretär des PEN All-India Centre und Mitherausgeber seiner Zeitschrift Penumbra. Sein schriftstellerisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Sanskriti Award for Literature (1996), mit dem ersten Preis der Poetry Society All-India Poetry Competition des British Council (1997), dem Sahitya Akademi Golden Jubilee Award (2004) und dem Raza Award for Literature der S.H. Raza Foundation (2006). Als Kurator hat er seit 1994 13 Ausstellungen zeitgenössischer indischer und asiatischer Kunst konzipiert und organisiert. Außerdem ist er Ko-Kurator der 7. Gwangju Biennale in Südkorea (2008). Derzeit hält er ein Stipendium von Sarai CSDS (Centre for the Study of Developing Societies) in Neu Delhi. Er lebt und arbeitet in Mumbai/Indien.

Works

Kuratierte Ausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2009/10 ´Detour: Five Position Papers on the Republic´ Chemould Prescott Road, Bombay 2009 ´Retrieval Systems´ Art Alive, New Delhi ´The Pursuit of Intensity: Manu Parekh, Selected Works 2004-2009´ Foundation B&G and Tao Art Gallery ´Shrapnel´, Foundation B&G and Tao Art Gallery, Bombay ´ZIP Files´, Foundation B&G & Tao Art Gallery, Bombay, 2009 and Foundation B&G & Religare Arts Initiative, New Delhi 2008 ´To See is To Change: A Parallax View of 40 Years of German Video Art´ ;Jnanapravaha & Chemould Prescott Road, Bombay The 7th Gwangju Biennale (Artistic Director: Okwui Enwezor; Curators: Ranjit Hoskote and Hyunjin Kim; Gwangju, South Korea 2007 ‘Aparanta: The Confluence of Contemporary Art in Goa’. A survey exhibition. Old Goa Medical College Building, Panjim/Goa 2006 Strangeness. Anant Art Gallery, Kalkutta, Indien Aparanta: The Confluence of Contemporary Art in Goa. Old Goa Medical College Building (Escola Medica e Cirurgica de Goa), Panjim, Indien 2005 Visions of Landscape. The Guild Art Gallery, Mumbai, Indien Jehangir Sabavala: A Retrospective. The National Gallery of Modern Art: Mumbai und New Delhi, Indien 2002 Clicking into Place. Sakshi Gallery, Mumbai, Indien (Indischer Teil der trans-asiatischen Ausstellung Under Construction. Siehe unten) (Co-Kurator) Under Construction. Verschiedene Veranstaltungsorte in Asien/ Japan Foundation Forum/ Tokyo Opera City Art Gallery, Tokio, Japan 2001 The Bodied Self. Gallery Sans Tache, Mumbai, Indien Labyrinth/ Laboratory. Japan Foundation Asia Center, Tokio, Japan The Active Line. The Guild Art Gallery, Mumbai, Indien 2000 Making An Entrance. Mumbai, Indien Intersections: Seven Artistic Dialogues between Abstraction and Figuration. The Guild Art Gallery, Mumbai, Indien Family Resemblances: Nine Approaches to a Mutable Self. The Birla Academy of Art & Culture, Mumbai, Indien 1997 Private Languages. Pundole Art Gallery, Mumbai, Indien 1994 Hinged by Light. Pundole Art Gallery, Mumbai, Indien

Publikationen (Auswahl)

Published Written
Pale Ancestors. Gedichte von Ranjit Hoskote und Bilder von Atul Dodiya; Bodhi Art, Mumbai 2008; Kampfabsage. Gemeinsam mit Ilija Trojanow. München: Random House/ Karl Blessing Verlag, 2007 The Crafting of Reality: Sudhir Patwardhan, Drawings. Mumbai: The Guild Art Gallery, 2008 The Dancer on the Horse: Reflections on the Art of Iranna GR. London: Lund Humphries/ Ashgate Publishing, 2007 Die Ankunft der Vögel, München: Carl Hanser Verlag, 2006 Vanishing Acts: New and Selected Poems 1985-2005. Neu Delhi: Penguin Books India, 2006 Baiju Parthan: A User´s Manual. Mumbai: Afterimage, 2006 The Crucible of Painting: The Art of Jehangir Sabavala. Mumbai: Eminence Designs/ National Gallery of Modern Art, 2005 Sudhir Patwardhan: The Complicit Observer. Mumbai: Eminence Designs/ Sakshi Gallery, 2004 (Hrsg.) Reasons for Belonging: Fourteen Contemporary Indian Poets. Neu Delhi: Viking, 2002 The Sleepwalker’s Archive. Mumbai: Single File, 2001 The Cartographer’s Apprentice. Mumbai: Pundole Art Gallery, 2000 Pilgrim, Exile, Sorcerer: The Painterly Evolution of Jehangir Sabavala. Mumbai: Eminence Designs, 1998 Zones of Assault. Neu Delhi: Rupa & Co., 1991

Merits

2004
Sahitya Akademi Golden Jubilee Award
1997
British Council/Poetry Society of India Annual Competition
1996
Sanskriti Award for Literature

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

RE ASIA

Ausstellung, Filme, Literatur, Tanz, Konferenz

(13 March 08 - 18 May 08)

Www

Who Cares for Human Rights?

Essay von Ranjit Hoskote/Ilija Trojanow auf der Website Counterpunch (Englisch)

Gedicht auf ZEIT online

An die Sanskritdichter

Besprechung auf Deutschlandfunk/Büchermarkt

Wie Zusammenfluss von Kulturen funktioniert - "Kampfabsage" von Ilija Trojanow und Ranjit Hoskote
Von Eva Schobel (10.12.2007)

Essay auf Countercurrents.org

The Mob As Censor (13.04.2004)

Essay for the Anthology of Art

November 2001