Tanya Ury

Article Bio Works Merits Projects Images www
crossroads:
Familie, Gender, Geschichte, Holocaust, Identität, Körper, Rassismus
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Fotografie, Installation, Performance, Videokunst)
region:
Europe, Western
country/territory:
England (UK), Germany
city:
Köln
created on:
May 8, 2003
last changed on:
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information provided by:
Tanya Ury

Article

„In der Kunst sollte man so weit gehen, wie es möglich ist.“

Tanya Ury, 1951 in London geboren, lebt seit 1993 in Köln, wo ein Teil der Familie wohnte, bevor sie wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt wurde und fliehen musste. In ihrer Kunst arbeitet Tanya Ury mit ihrer jüdisch-deutschen Identität, den Themen Holocaust, Wiederaneignung dieser geschichtlichen Epoche, Rassismus und die Rolle der Frau in diesen historischen Zusammenhängen verlorener Menschlichkeit.
Tanya Ury lebt in Köln. Sie erinnert sich daran, dass ihre Großmutter und ihre Mutter Kölnisch Wasser benutzt haben. 1993 ließ sie auf ihren Oberschenkel die Zahl 4711 tätowieren. Als sie später erfuhr, dass die Widerstandskämpferin Milena Jesenska im KZ Ravensbrück die Nummer 4714 und deshalb den Spitznamen „4711 - Kölnisch Wasser“ erhalten hatte, wusste sie, dass die Zahl und die Tätowierung für sie stimmen. Tanya Ury ist Jüdin.

Die Videoperformance „Kölnisch Wasser“, die die Künstlerin 1993 zum ersten Mal präsentiert hat, zeigt auf einem Monitor die Dokumentation dieser Tätowierung. Während der Arbeit sprechen Tanya Ury und der Tatookünstler über die Geschichte des Nationalsozialismus, über Deutschland und über die Stadt Köln. Über die zweite Spur des Videos ist die Stimme der Künstlerin zu hören. Sie singt das Lied von der Lorelei und verschiedene Karnevalslieder. Auf zwei weiteren Monitoren sieht man einen Striptease Tanya Urys. Die dunkelhaarige Künstlerin trägt eine blonde Langhaarperücke und ist in Leder gekleidet. Zwischendurch geht sie unter die Dusche. Der Striptease wird von zwei Kameramännern aufgenommen, die sich auch gegenseitig filmen. Ein vierter Monitor gibt das Publikum wieder, das den Striptease und den Vorgang der Tätowierung beobachten.

In der auf Video aufgezeichneten Performance „Golden Showers“ von 1997 ließ sich die Künstlerin in einer stundenlangen Geduldsprobe mit Blattgold überziehen. Stück für Stück legt der Restaurateur das Gold um den nackten Körper, das ihn schließlich schützend wie ein Mantel umhüllt. Diese langwierige Prozedur, das Blatt-für-Blatt-auf-die-Haut-legen, hat etwas Beruhigendes, so als wenn Wunden versorgt werden würden und endlich heilen könnten. Am Ende ist nur noch die Zahl 4711 sichtbar. Das Video hat keinen Ton. „Manchmal muss man ganz schrill schreien“, sagte Tanya Ury in einem Interview im Radio Köln im April 2000, als sie auf das Provozierende in ihrer Kunst angesprochen wurde. Dabei ist ihre Stimme, die in vielen ihrer Arbeiten zum Hinhören zwingt, sanft und weich.

Tanya Ury beschäftigt sich mit ihrer jüdischen Geschichte, mit ihrer Geschichte als jüdische Frau, aber auch mit Ausgrenzung und Rassismus gegenüber anderen Minoritäten. Sexualität spielt in vielen ihrer Arbeiten eine ambivalente, vieldeutige Rolle. Häufig stellt die Künstlerin die Sinnlichkeit ihres Körpers dem Voyeurismus des Betrachters gegenüber. Der Betrachter wird zum Voyeur, weil die Künstlerin es so will und den Voyeurismus inszeniert: Ihr Striptease in „Kölnisch Wasser“ ist zwar live, findet aber nicht direkt vor dem Publikum statt. Zwischen Tanya Ury und dem Publikum ist ein anderer Raum. Die Kamera gewährt den Einblick.

In verschiedenen Arbeiten verbindet Tanya Ury die Themen Holocaust und Pornografie. Zwei Fotos, die im Kontext mit „Golden Showers“ entstanden, heißen „Blue Danaé“ und zeigen das mit Blattgold überzogene Geschlechtsteil der Künstlerin. In der Fotoarbeit „Triptych for a Jewish Princess Second Generation“ von 1996 trägt sie über der nackten Haut einen Luftwaffenmantel aus Leder. Zum mittleren Foto gehört eine Textcollage mit eigenen und fremden, zum Teil sehr provozierenden Sätzen zum Thema Familie, Holocaust und Faschismus. „Every woman adores a Fascist. The boot in the face, the brute“ (Sylvia Plath) lautet einer davon. „Erotik und Sinnlichkeit werden in unserer Gesellschaft missbraucht, Sex wird von Liebe getrennt,“ sagt Tanya Ury. „Die Menschen treffen sich nicht um sich zu lieben, sondern um Sex zu haben.“ Ihre Videoarbeit „Hotel Chelsea – Köln“ von 1995 umkreist in vielen Variationen dieses Thema.

Tanya Urys Arbeiten sind voller Anspielungen und Bilder. Eine 21-teilige Fotoserie von 2000 heißt „Jack the Ladder“. Übereinandergehängt bildet sie in sieben dreiteiligen Sprossenelementen eine Leiter von 3,5 Meter Höhe. Die Bildfragmente zeigen im Spiel von Licht und Schatten eine junge chinesische Frau vor einem orientalischen roten Teppich. Die schwarze Strumpfhose unterstreicht ihre Nacktheit. Man sieht Glassplitter und Nägel, Laufmaschen mit rotem Nagellack, Messer.
„Jack the lad“ ist ein gebräuchlicher Begriff im Englischen und meint den Hansdampf, den frechen Spitzbuben, „ladder“ bezeichnet die Leiter sowie die Laufmasche. Und „Jack the ladder“ erinnert natürlich auch an „Jack the Ripper“.

Diese Arbeit ist im Kontext mit verschiedenen in London und Deutschland gegen Minoritäten verübten Bombenanschlägen entstanden. 2000 explodierte an einer Bushaltestelle in Düsseldorf, an der wie jede Woche zur gleichen Zeit eine Gruppe russischer Juden wartete, eine Nagelbombe.

Weiter gedacht, stellt „Jack the Ladder“ auch eine Anspielung auf die Geschichte der Jakobsleiter dar, mit der Tanya Ury seit Jahren arbeitet. Jakob, der seinen Bruder um sein Erstgeborenenrecht betrügen wollte, musste fliehen und träumte im Exil von einer Treppe mit Engeln, die in den Himmel reichte. In einer zweiten Begegnung mit Gott kämpft er mit einem Engel um den Segen Gottes. Die Künstlerin ist mit der Geschichte nicht einverstanden: „Ich habe ein Problem mit diesem Verhalten“, sagt Tanya Ury, „ mit dieser Art und Weise zu kämpfen. Man will den Himmel mit solchen Methoden.“ Wie wäre es besser getan? „Mit Beten und Geduld fände ich richtiger,“ lautet die schlichte Antwort.
Author: Cornelia Gerner

Bio

Tanya Ury wurde 1951 in London geboren. Nach ihrem Schulabschluss arbeitete sie in vielen Berufen, unter anderen als Köchin und Pflegerin. 1985 bis 1988 studierte sie in Exeter (GB) Bildende Kunst, 1989 in Köln. 1988 trat sie erstmals mit künstlerischen Arbeiten an die Öffentlichkeit. 1990 beendete sie ihr Studium mit einem Master of Fine Art in Reading. 1989 erhielt Tanya Ury das Erasmus-Stipendium und 1991-92 das Colin Walker Fellowship of Fine Art an der Hallam University in Sheffield. Seit 2010 ist sie Doktorandin bei Prof. Ernst van Alphen am Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leiden (LUICD).

Works

GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

Exhibition / Installation
2011 (18.3.-26.6) "Kunst und Gedenken. Kölner Künstler/innen mit Arbeiten zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus", Installation der Video-Performance Fury, NS-DOK-Zentrum Köln, Köln (24.2) „Große Kunstausstellung NRW“, halb dimensionale Gedichte, Düsseldorfer Museum Kunst Palast, Düsseldorf 2010 (10.7) ZEHN JAHRE, semi detached – half dimensional poems, Plattencover-Design von Ury (1989-2010), kjubh KUNSTVEREIN, Köln (21.12 – 12.6.2011) “The Weight of the Words” (Online-Ausstellung), Poker Poems, kuratiert von Pedro Torres, Spanien 2009 (5.2.-15.3.) “Art of Emergency”, Sibling Rivalry - Geschwisterliche Rivalität, Artneuland, Berlin (19.3.-24.5) “Freizeit im Faschismus”, Theme Park Reconstructed, NS-Dokumentationszentrum, Köln 2008 (15.2-30.3) „Politics”, Künstlerhaus Dortmund, Trains unterlegt mit digital-elektronischen Musikpartitur von Till Rohmann & 6 Photos (30 x 42 cm, Serie Fading into the Foreground (24.-26.4) 6 Photos (13 x 18 cm) aus der Serie XX, Kommen Sie Nach Hause 9, Kunst und Design, Köln (25.4.-15.5) World-Ex-Position 08, Who’s Boss: Boss Rune (T-Shirts) & Röslein Sprach… (DVD), Open Space, Wien 2007 In Pursuit: Art on Dating, ISE Cultural Foundation Gallery, New York, USA Diaspora and Troubles, Kunstbunker Tumulka, München 2006 Promised Land, Jahresausstellung, Kunstverein Rosenheim, Rosenheim 2005 "Stets gern für Sie beschäftigt…" ifa Galerie, Berlin, Germany und Prora Dokumentationszentrum, Kunstverein Rosenheim, Rosenheim Traum und Trauma, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2004 Lies Lust Art & Fashinon, Podewil, Berlin Rolf Steiners "Die weite Welt" Museum Ludwig, Köln 2003 "Das Recht des Bildes...". Jüdische Perspektiven in der modernen Kunst, Museum Bochum 2002 Ambivalenz (Ambivalence). Frauenmuseum, Bonn Ambivalenz auf Tournee (Abivalence on Tour): Galerie Münsterland Emsdetten, Kunstmuseum Bochum 2001 Termini Technici. Trinitatis Kirche, Köln 2000 Frauen-Blicke (with Anna Halm-Schudel). In Focus Galerie am Dom, Köln Heimat Kunst. Haus der Kulturen der Welt, Berlin Gegen den Strich (Against the Grain). Museum Ludwig, Köln Aesthetik 1,2,3. 68Elf Galerie Photoszene, Köln 1999 Crosslinks. (Videothek), Berliner Marstall Menschen wie Du und Ich (People like you and me). Kölnisches Stadtmuseum, Köln Davka. Kulturbrauerei Prenzlauer Berg, Berlin Das Jüdische Zentral-Labyrinth. Berlin 1998 Outfit & Identity. Internationale Photoszene Köln, Kunsthaus Rhenania Jüdisches Leben in Berlin. Centrum Judaicum Not Black and White (mit Doris Frohnapfel). Fotogalerie Brotfabrik, Berlin 1997 Hotels (mit Doris Frohnapfel). SCHULZ, Köln Mensch 2000. HochBunker, Köln-Ehrenfeld 1996 Whitechapel Gallery, London 1995 Coincidence. Ignis Europäisches Kulturzentrum, Köln 1992/93 British Telecom New Contemporaries on Tour: Orion in Newlyn, Cornerhouse in Manchester, Angel Row in Nottingham, Orpheus in Belfast, ICA in London

EINZELAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

Exhibition / Installation
2010 (19-22.8) Installation der Video-Performance Fury, Eröffnung 19 Uhr, 19. August, kjubh KUNSTVEREIN, Dassel Strasse 75, Köln (D) 2009 (10.12) Die Seelen meiner toten Verwandten. Der jüdische Familienachlass Ury-Unger - verloren im Stadtarchiv, Solo Power-Point-Präsentation: Gewissen, in der Reihe „Jüdische Impressionen“, EL-DE-Haus NS-DOK-Zentrum, Köln (11.9) „Bitter Süß“, Video - Früharbeiten: Trilogie (Lilith, Passion Play, Song of Songs), Break the Silence, Incommunicado, Bühne der Kulturen, Köln (9.1) Getta Life - Nimm das Leben in die Hand und Holding the Baby, Video-Screenings: False Premises - Das Lebkuchenhaus, Kölnisch Wasser (Split-Screen Video), Blind Spot, Fotoausstellung: Sibling Rivalry - Geschwisterliche Rivalität & Zwei Porträts von Peter Zadek, 7.12.2008–28.1.2009, Reihe „Jüdische Impressionen“, Arkadas Theater, Bühne der Kulturen, Köln (25.-26.3) Avant-Garde Dating. Performance-Video Touch Me Not und Power-Point-Präsentation Selbstportrait einer Selbsthassenden Jüdin, Gastdozentur am Fakultät für Kreative und Kritische Studien (deutsche) der Universität British Columbia, Kanada 2006 Fortnight of Solo Shows, Ben Uri Gallery, The London Jewish Museum, Großbritannien 2002 Hermes Insensed. 68 Elf Galerie, Köln Jacob’s Ladder. HochBunker, Köln-Ehrenfeld 2001 Insensed. Hotel Seehof, Zürich 1999 Golden Showers. Installation, The Lux Cinema Foyer, London 1997 Golden Showers live Video / Performance. Schauraum, Köln Golden Showers. Installation Stadtbibliothek, Münster 1996 Triptych for a Jewish Princess Second Generation. Foyer of the Feminale FrauenFilm Festival, Köln

Merits

1990 British Academy Award, Stipendium für einen Masters in Fine Art,
Reading Universität, Großbritannien
1990 Stipendiatin, Media Centre, South Hill Park, Berkshire, Großbritannien
1991-92 Colin Walker Fellowship in Fine Art (Stipendiatin & Gastdozentur) Sheffield Hallam University, Großbritannien
1996 Hotel Chelsea – Köln, VIVA 8 Festival, Preis Best Confrontational Video London, Großbritannien
2002 Stipendium der Kunststiftung NRW, für die Ausstellung Jacob’s Ladder, im Hochbunker Köln-Ehrenfeld
2006 British Council Reise-Stipendium für c.sides Festival, Jerusalem, Israel
2007 Promised Land: Beelzebularin erhielt eine Auszeichnung im Rahmen der Preisverleihung der International Jewish Artists of the Year Awards, Ben Uri Gallery, The London Jewish Museum of Art, Großbritannien
2007 ”Avant-Garde Dating“, einwöchige Wooloo-Performance-Residency mit Laurel Jay Carpenter während des Art Forums in der Galerie „New Life Shop“, Berlin

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

TRAUM UND TRAUMA

Moving Images and the Promised Lands

(02 December 05 - 18 December 05)

Heimat Kunst

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

(01 April 00 - 02 July 00)

Www

Kurzer Lebenslauf vom Verleger

Tanya Ury: Homepage

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"Franco and Elke J."