Juan Downey

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crossroads:
Ökologie, Überschreitung, Grenzerfahrung, Identität, Kolonialismus, Postkolonialismus, Ritual, Spiritualität, Stereotyp, Wahrnehmung, Zivilisation
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation, Multimedia, Videokunst)
region:
America, South
country/territory:
Chile
created on:
November 9, 2008
last changed on:
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Juan  Downey
Juan Downey. Courtesy of Marilys Downey

Article

Der Perspektivenwechsler

Die Ausstellung „Rational / Irrational“ im Haus der Kulturen der Welt ist tiefschwarz abgedunkelt. Wer die Ausstellungshalle betritt, steuert auf ein überirdisch weißes Kunststoff-Ufo zu. Im inneren Ring sind Zeichnungen eingelassen, der äußere Ring lädt zum Sitzen ein. Wer möchte, rutscht von Bild zu Bild. Ist das eine dottergelbe Kuppel, die in Violett versinkt? Oder ein gelber Planet mit violettem Ring, der durch ein nachtdunkles Universum fliegt? Eine Zeichnung erinnert an die spiralförmige Struktur eines Schneckenhauses, eine andere an eine Sonnenfinsternis. Gemein ist der Serie, dass die Zeichnungen konzentrisch angelegt sind. Sie wirken wie schlichte Mandalas.
Die Zeichnungen stammen von Juan Downey, der in den 1970er Jahren als ein Stern der Video-Art am Kunsthimmel aufstieg. Die Serie ist während meditativer Sessions des Künstlers 1976/77 im Orinoco/Amazonas entstanden. Vielleicht in einem der traditionellen Häuser der Yanomani, dem Shabono, die der Architekt Downey bewunderte. Seit er 19 Jahre alt war, meditierte er. Die Suche nach dem Selbst, dem Sinn und dem Kosmos finden sich in seinen persönlichen Aufzeichnungen dieser Zeit wieder, in denen er darlegt, wie er während der Meditation über seinem Kopf und in seinem „Hirn“ ein Licht sieht, das spiralförmige Farbspuren hinterlässt. Es entsteht ein weißer Raum, ein Abgrund, in den er sich hineinbegeben, aber den er auch erfassen möchte. Ist dies, fragt er, das „Prinzip des Lebens selbst?“

Downeys Tagebucheintrag und seine Zeichnungen lassen sich gut aus dem Geist der späten Sixties und Seventies heraus verstehen. 1976/77 ist ein mystisches Erkennen mit wissenschaftlichem Anspruch en vogue. Die „Amazonas-Mandalas“ bringen die Kosmologie der Yanomani mit Downeys persönlicher Spiritualität in Einklang. Sie dokumentieren, dass Downey versuchte, sich den Yanomani und deren konzentrischer Weltsicht spirituell zu nähern.

Downey setzte sich in seinen Videoarbeiten auf eine spielerisch-ironische Weise mit der westlich-kolonialen Wahrnehmung des „Anderen“ auseinander. Anfang der siebziger Jahre klemmte sich der aus Chile stammende Video-Pionier ein erstes Modell der tragbaren Videokamera unter den Arm und brach von New York aus auf, um „in Südamerika dem eigenen Selbst zu begegnen“ - das war der Beginn seiner berühmten Videoserie „Trans Americas“, die er bis zu seinem frühen Tod 1993 in über 30 Bändern und Installationen festhielt.

Das Video „The Laughing Alligator“ (1979), das die Kuratorin Valerie Smith in dieser Ausstellung zu den meditativen Zeichnungen in Beziehung setzt, zählt zu dieser Reihe. Es zeigt Rituale und Zeremonien der Indios. So folgt die Kamera einem tanzenden Yanomani, gleitet an seinem Körper auf und ab, schwenkt auf seine stampfenden Füße. Plötzlich wird die Aufnahme unterbrochen, Downey steht vor einem grauen Vorhang und berichtet von seinen Erlebnissen im Amazonas. Dann blickt der Zuschauer aus einer wackelnden Kameraperspektive auf einen Yanomani, der einen Pfeil auf ihn richtet. Downey sagt „Der Ethnologe hat mich vor der Wildheit dieser Indianer gewarnt.“ Der Indio steht unbewegt. Downey richtet seine Kamera auf ihn und kommentiert: „Die Kamera ist auch eine gefährliche Waffe.“ Kurz darauf drückt er dem Yanomani die Kamera in die Hand.

In den 1960er Jahren waren etliche Forscher in den Amazonas aufgebrochen. Sie porträtierten die Yanomani als sexlüsterne Wilde oder blutrünstige Kannibalen. Zu den Forschern zählte Jacques Lizot, ein Schüler des Soziologen Claude Lévi-Strauss. Das ebenfalls im Rahmen der Ausstellung Rational / Irrational gezeigte Video „The Abandoned Shabono“ (1978) zeigt Lizot und Downey im Gespräch. Das traditionelle Yanomani-Haus zerstöre, so Downey, nicht die Reinheit des Regenwaldes. Darauf entgegnet Lizot, die Industriegesellschaften fußten nun einmal auf der Zerstörung anderer Rassen und die Indianer könnten nicht geschont werden. „Sie sind“, antwortet Downey dem Ethnologen, „der Prophet der Erde!“

Wissenschaft, Macht und Zerstörung: ein fatales Dreieck. Downey versuchte, seine Welt mit der der „Anderen“ in Einklang zu bringen. Das Gemeinsame zu suchen. „The Abandoned Shabono“ richtet den Finger nicht auf die Anderen, sondern auf die Eigenen.
Author: Heike Gatzmaga

Bio

Der Pionier der Videokunst Juan Downey wurde 1940 in Santiago, Chile geboren. 1961 erhielt er einen B.A. der Architektur von der Katholischen Universität in Chile. 1963 ging er für zwei Jahre nach Paris, wo er im S.W. Hayter Atelier 17 Gravurtechniken erlernte. 1965 siedelte er nach New York um und studierte am Pratt Institute in New York, wo er später auch unterrichtete. Neben seinen Videoarbeiten produzierte Downey Installationen, Zeichnungen und Performances. Nach seiner Entdeckung der tragbaren Videokamera Sony Portapack begann Downey seine diversen Videoserien. Ab 1971 reiste er regelmäßig in den Amazonas. „Trans Americas“ (ab 1971, anderen Quellen zufolge ab 1973) und der Dokumentarfilm „Yanomani Healing One“ (1977) reflektieren seine Auseinandersetzung mit der Kultur der Yanomani-Indianer Süd-Venezuelas, die sowohl ethnologisch wie autobiografisch angelegt war und westliche Sichtweisen dekonstruierte. In „The Thinking Eye” nutzte er die Videotechnik, um sich mit dem „Selbst” innerhalb kultureller, politischer und ökonomischer Systeme auseinanderzusetzen. Ende der 1980er Jahre begann Downey, mit der multimedialen Welt zu experimentieren. Dabei entstanden „Bachdisk“ (1988) und „Hard Times and Culture: Part One, Vienna fin de siècle”, sein letztes Werk, in dem er den Untergang des Österreichisch-Ungarischen Reiches mit der Entwicklung der Psychoanalyse in Verbindung bringt. Downey erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter Stipendien von der Guggenheim Foundation und der Rockefeller Foundation. Er starb 1993 im Alter von 53 Jahren an Krebs.

Works

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Established
2008 Archivo Sur , Futura, Prag, Tschechische Republik / Todas as historias, Museu Serralves - Museu de Arte Contemporânea, Porto, Portugal / Arte Vida: Actions By Artists Of The Americas, 1960-2000, El Museo del Barrio, New York, USA / 2007 Visiones del paraiso - Utopias, Distopias, Heterotopias, Espacio 1414, Santurce, Puerto Rico / AMERICAN VIDEO-ART, LAZNIA - Centre for Contemporary Art, Danzig, Polen / 2006 Estrecho Dudoso , Fundación Ars Teor Etica, San José, Costa Rica / Primera generación. Arte e imagen en movimiento, 1963-1986, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía MNCARS, Madrid, Spanien / Colección grabado MAC - talleres matrices y nuevas orientaciones, MAC Museo de Arte Contemporáneo. Universidad de Chile, Santiago, Chile / 2005 The Art of the Print, Art Museum of the Americas, Washington D.C., USA / El Coleccionista, Galería Animal, Santiago, Chile / 2004 Ambulantes. Cultura portátil, Centro Andaluz de Arte Contemporáneo (CAAC), Sevilla, Spanien / Across Borders, Bryce Wolkowitz Gallery, New York, USA / 2003 banquete_ , MediaLab Madrid, Madrid, Spanien / Banquete?Metabolism and Communication, ZKM Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe / 2002 Los 60 en la colección de grabados del MAC, MAC Museo de Arte Contemporáneo. Universidad de Chile, Santiago, Chile / II Bienal Internacional de Arte de Buenos Aires, Museo Nacional de Bellas Artes, Buenos Aires, Argentinien / 2001 49th International Art Exhibition Venice Biennale / Biennale di Venezia, Venedig, Italien / Grabados Chilenos De La Colección Permanente Del MAC, MAC Museo de Arte Contemporáneo. Universidad de Chile, Santiago, Chile / 2000 The End: An Independent Vision of Contemporary Culture, 1982-2000 Exit Art, New York, USA / 1999 Selección de Grabado, Colección Permanente,MAC Museo de Arte Contemporáneo. Universidad de Chile, Santiago, Chile / 1998 New Video Acquisitions: Four Voices , MoMA - Museum of Modern Art, New York, USA / 1992 Eye for I : autoportraits vidéo = video self-portraits, Musée d´art contemporain de Montréal, Montreal, Kanada / 1977 documenta 6, Kassel / 1975 IX BIENNALE DE PARIS, Paris, Frankreich

Einzelausstellungen (Auswahl)

Established
2005 Juan Downey, Nohra Haime Gallery, New York, USA / 1993 Rewe: Juan Downey, Herbert F. Johnson Museum of Art, Ithaca, USA

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Rational/Irrational

(08 November 08 - 11 January 09)
images
Mediation