Arundhati Roy

Article Bio Works Merits www
crossroads:
Ökologie, Macht, Politik
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Drama, Essay, Filmdrehbuch, Roman)
region:
Asia, Southern and Central
country/territory:
India
city:
Kerala, Kottayam
created on:
May 14, 2003
last changed on:
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Arundhati Roy
Arundhati Roy

Article

Die Kämpferin

Arundhati Roy, 1961 im ostindischen Bengalen geboren und in Kerala aufgewachsen, schrieb nach einem Studium der Architektur zunächst Drehbücher. Mit ihrem Erstlingsroman „Der Gott der kleinen Dinge", für den sie u.a. mit dem renommierten Brooker-Preis geehrt wurde, erzielte sie weltweit einen beispiellosen Erfolg. Seither hat die in Neu Delhi lebende Autorin als kritische politische Essayistin weithin Gehör gefunden.
Arundhati Roy wurde am 24. November 1961 in Bengalen in die unglückliche Ehe ihrer Mutter Mary Roy und eines hinduistischen Teepflanzers geboren. Sie wuchs in Aymanam auf, einem Dorf unweit von Kottayam in Kerala, wo ihre Mutter die Grundschule ‚Corpus Christi‘ leitete. Mary Roy wurde in Indien durch einen Musterprozess bekannt, in dessen Folge sich das indische Erbrecht nachhaltig zu Gunsten der Ehefrauen änderte.

Nach Beendigung der Schule ging Arundhati Roy mit 16 Jahren nach Neu Delhi, wo sie zunächst in einer Squattersiedlung lebte, dann aber ein Studium an der Delhi School of Architecture aufnahm. Sie heiratete Gerard Da Cunha, einen Studienkollegen und ging mit ihm für eine Weile nach Goa. Sie kehrte nach Neu-Delhi zurück, ihre Ehe wurde geschieden, und sie bekam am National Institute of Urban Affairs eine Stelle als Forschungsassistentin.

Ein Stipendium ermöglichte ihr einen achtmonatigen Aufenthalt in Florenz, um dort die Restaurierung von Kunstdenkmälern und historischen Stadtkernen zu studieren. Zurück in Delhi, wurde ihr bewusst, dass sie schreiben wollte. In dieser Zeit lernte sie ihren späteren Ehemann, den Filmemacher Pradip Krishen, kennen, der sie für seinen Dokumentarfilm „Massey Sahib" vor die Kamera holte. Arundathi Roys erste Auftragsarbeit als Filmautorin war der Begleittext zu Ashish Chandols Dokumentarfilm „Wie das Nashorn zurückkehrte". Dann schrieb sie das Drehbuch zu einer 26-teilige Fernsehserie unter dem Titel „Banyam Tree". Die Drehzeit war erst halb um, als jedoch das Projekt wegen finanzieller Schwierigkeiten der Produktionsfirma aufgegeben werden musste. Für ihr Buch zu dem Dokumentarfilm „In Which Annie Gives it Those Ones" erhielt Arundhati Roy den National Award für das beste Drehbuch. In diesem von Pradip Krishen verfilmten Buch wirft Arundhati Roy einen scharfen Blick auf die indische Studentenschaft.

Als Flop erwies sich der nach ihrer Vorlage realisierte und auf dem Londoner Filmfestival vorgestellte Dokumentarfilm „Electric Moon", bei dem Arundhati Roy auch als Ausstatterin fungierte. Die misslungene Realisierung ihres Drehbuches gab Arundhati Roy den Anlass, ihren ersten Essay zu veröffentlichen, dem 1994 „The Great Indian Rape-Trick" („Der große indische Vergewaltigungstrick" – ein Wortspiel zwischen „rope" = Seil und „rape") folgte, eine sehr harte Auseinandersetzung mit dem Film „Bandit Queen" von Shekhar Kapur, wobei sie sich vor allem an Kapurs Behauptung rieb, er habe die „Wahrheit" über Phoolan Devis Leben verfilmt. Eine Auseinandersetzung, die ein Gerichtsverfahren nach sich zog.

Als Romanautorin debütierte Arundhati Roy mit dem 1997 erschienen Band „The God of Small Things" / „Der Gott der kleinen Dinge", der direkt nach der Veröffentlichung Furore machte, u.a. weil die Rechte mit $ 1.000.000 verkauft wurden – das höchste Honorar, das jemals für ein Erstlingswerk eines indischen Autors gezahlt wurde und eine Bezahlung, die sie auf finanzieller Ebene mit Schriftstellern wie Salman Rushdie oder Vikram Seth gleichsetzte.

In Indien war die Erstauflage innerhalb von wenigen Tagen ausverkauft. Die Schilderung der Liebe zwischen einer Geschäftsfrau der Oberklasse und ihrem „unberührbaren" Faktotum wurde allerdings als Skandal wahrgenommen und brachte der Autorin eine Anklage wegen Untergrabung der öffentlichen Moral ein.

Das Buch erschien zeitgleich in der gesamten englischsprachigen Welt und wurde mittlerweile in 32 Sprachen übersetzt. Im Oktober 1997 wurde Arundhati Roy für ihr Werk mit dem renommierten Brooker-Preis geehrt.

Aus der Sicht der Zwillinge Esthappen und Rahel, die in einer „Patchwork-Familie" in Kerala aufwachsen, erzählt „Der Gott der kleinen Dinge" die Geschichte von Hoffnung und Versagen, von Aufbruch und Scheitern, von Schuld und deren Konsequenzen. Die Erzählung ist nicht linear, sondern wird durch Ereignisse fortgetrieben, die als Bilder im Gedächtnis der Erzählerin Rahel eingeschrieben sind. So war es nicht nur die Geschichte und ihr tragisches Ende, die die Leser faszinierte, sondern auch der literarische Stil, der dem Thema des Zerbrechens von alten Bindungen und Strukturen angemessen ist.

Doch der Roman erregte auch so viel Missfallen, dass Arundhati Roy wegen der Liebesszene im letzten Kapitel ihres Buches in Indien vor Gericht zitiert wurde, weil die Liebe zwischen einer Geschäftsfrau der Oberklasse und ihrem „unberührbaren" Faktotum noch immer einen Skandal darstellte, der die Obszönität gesellschaftlicher Verhältnisse bloßlegte. Zurückgekehrt von einer Lesereise, die sie durch die ganze Welt führte, wies Arundhati Roy Spekulationen über ihr weiteres literarisches Schicksal zurück und stellte regelrecht in Frage, ob sie je wieder einen Roman verfassen würde. Stattdessen griff sie ernsthaft in die politischen Auseinandersetzungen ein. Sie schrieb Essays über den Bau der indischen Atombombe und warnte vor den absehbaren Folgen; sie schloss sich dem Kampf gegen den Narmada-Staudamm an und schrieb nicht nur gegen das geplante Vorhaben, sondern demonstrierte vor Ort mit Tausenden der von Umsiedlung bedrohten Anwohner und sah sich nun nicht nur einem Gerichtsverfahren, sondern auch einer Haftstrafe ausgesetzt. Das Geld, das sie für den Brooker-Preis erhielt, spendete sie Gegnern des Narmada-Staudamm-Baus.

Sie nahm an Symposien über die Verteilung der Wasservorräte der Erde teil, schrieb gegen die ökonomische Ausbeutung natürlicher Ressourcen in jeder Form und in mehreren Artikeln auch gegen den Afghanistan-Krieg, den sie im Zusammenhang mit den imperialistischen Bestrebungen multinationaler Konzerne sieht.

Diese Artikel sind nicht nur in Indien, sondern auch im britischen Guardian sowie in Deutschland im Spiegel und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen. Sie zeichnen sich durch die Unmittelbarkeit von Arundhati Roys Betrachtungsweise, ihren unerschütterlichen Mut und eine beherzte Sprache aus, die Missstände beim Namen nennt und vor keiner tieferen Analyse zurückschreckt. Sie geht den Dingen auf den Grund, deshalb sind ihre Arbeiten meist sehr lang, aber dennoch erfrischend leicht zu lesen.

Was immer Arundhati Roy in Zukunft tun mag, sie wird wie bisher nur das tun, was ihr richtig erscheint und wofür sie sich mit dem ganzen Gewicht ihrer Persönlichkeit einsetzen kann.

Author: Beate Ursula Endriss

Bio

Suzanna Arundhati Roy wurde am 24. November 1961 als Tochter von Mary Roy, einer Christin aus Kerala und einem Hindu-Teepflanzer in Bengalen geboren, und wuchs in Aymanam bei Kottayam in Kerala auf, wo ihre Mutter eine Grundschule leitete. Nach Beendigung der Schule ging sie im Alter von 16 Jahren nach Neu-Delhi und lebte zunächst in einer Slumsiedlung. Später nahm sie ein Architekturstudium auf. Sie heiratete Gerard Da Cunha, doch die Ehe scheiterte nach fünf Jahren. Danach arbeitete Arundhati Roy im National Institute of Urban Affairs in Neu-Delhi, wurde von Regisseur Pradip Krishen für eine kleine Filmrolle „entdeckt“ und entschied sich während eines mehrmonatigen Italienaufenthalts für den Schriftstellerberuf. Sie plante mit Pradip Krishen, mit dem sie mittlerweile verheiratet ist, eine 26-teilige Fernsehserie, die dann aber nicht verwirklicht wurde, und schrieb zwei Filmdrehbücher („In Which Annie Gives it Those Ones" und „Electric Moon“), veröffentlichte Essays und schließlich 1997 den Erfolgsroman „Der Gott der kleinen Dinge“. Seither engagierte sie sich politisch, unter anderem gegen den Bau der indischen Atombombe, den Narmada-Staudamm, oder den als Terrorjagd verbrämten Krieg in Afghanistan. Bei ihrem Kampf gegen die Übermacht multinationaler Konzerne, gegen verfestigte Denkweisen, gegen die Übergriffe der USA wirft Arundhati Roy rückhaltlos alles in die Waagschale: ihre Prominenz, ihre Persönlichkeit, ihr Können und ihre Kraft. Deshalb wird ihre Stimme nicht nur in Indien gehört, sondern auch in den USA und in Europa.

Works

Aus der Werkstatt der Demokratie

Published Written,
2010
Originaltitel: Listening to Grasshoppers. Field Notes on Democracy. S. Fischer

The Shape of the Beast: Conversations with Arundhati Roy

Published Written,
2008
Penguin, Viking: New Delhi

The ordinary person´s guide to Empire

Published Written,
2004
Essays. Flamingo: London

The checkbook and the cruise missile

Published Written,
2004
Gespräche. South End Press: Cambridge

Public power in the Age of Empire

Published Written,
2004
Essays. Seven Stories Press: New York

Wahrheit und Macht

Published Written,
2004
Interviews. btb: München

War talk

Published Written,
2003
Essays. South End Press: Cambridge

In Which Annie Gives it Those Ones

Published Written,
2003
Drehbuch. Penguin Books: New Delhi

Angriff auf die Freiheit? Die Anschläge in den USA und die „Neue Weltordnung“. Hintergründe, Analysen, Positionen

Published Written,
2002
Wolfgang Haug (Hrsg.). Mit Beiträgen von Noam Chomsky, Eduardo Galeano, Arundhati Roy, u.a. 2. Auflage. Trotzdem Verlagsgenossenschaft: Grafenau

Die Politik der Macht

Published Written,
2002
Essays. btb: München

The Algebra of Infinite Justice

Published Written,
2001
Essays. Viking: New Delhi

Das Ende der Illusion. Politische Einmischungen

Published Written,
1999
Essays. Blessing: München

The Cost of Living

Published Written,
1999
Essays. Modern Library: New York

Uniform civil code

Published Written,
1998
Essays. Indian Social Institute: New Delhi

Der Gott der kleinen Dinge

Published Written,
1997
Roman. Blessing: München

The Soviet intervention in Afghanistan

Published Written,
1987
Essays. Assoc. Publ. House: New Delhi

Merits

1989 National Award für das beste Drebuch
1997 Brooker Prize for Fiction
2001 Großer Preis der Weltakademie in Paris
2004 Sydney Peace Prize

Im Januar 2006 verweigerte Arundhati Roy aus politischen Gründen die Annahme des indischen Sahitya Akademi Literaturpreises.

Www

Essay auf Spiegel online

"Krieg ist Frieden"

Essay in der Frankfurter Rundschau

"Das schwindende Licht der Demokratie"

Artikel im Guardian

Arundhati Roy faces arrest over Kashmir remark (Okt. 2010)