Jean-Marie Teno

Article Bio Works Projects Video
crossroads:
Geschichte, Kolonialismus, Sprache
genre(subgenre):
Film (Dokumentarfilm, Kurzfilm, Spielfilm)
region:
Africa, Central, Europe, Western
country/territory:
Cameroon, France
city:
Paris
created on:
May 29, 2003
last changed on:
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Jean-Marie Teno
Jean-Marie Teno

Article

Eine eigene Sprache für die eigene Geschichte finden

Der 1954 in Kamerun geborene Filmemacher Jean-Marie Teno lebt seit 1977 in Frankreich. Er gehört zu der Generation der "jungen" afrikanischen Filmemacher in den neunziger Jahren, der mit seinen engagierten Dokumentationen, Kurz- und Spielfilmen den Blick der Afrikaner und auch der Europäer für Kolonialismus und Neokolonialismus, für Migration, Diktatur und Machtmissbrauch in Afrika schärfen will.
"Die Europäer sollten mehr über Afrika wissen," sagt Jean-Marie Teno. In seinen Kurz-, Dokumentar- und Spielfilmen hat der heute in Paris lebende Filmemacher viel dazu beigetragen, den blinden Fleck auf der Landkarte der europäischen Wahrnehmung etwas aufzuhellen. In welchem Medium auch immer er arbeitet, Teno erweist sich als ein scharfer Kritiker autoritärer Regime, wie er sie in seinem Heimatland Kamerun und in anderen afrikanischen Staaten erlebte. Dabei thematisiert er immer auch die koloniale Vergangenheit und die neokolonialen Verhältnisse heute. Auch in seinem eigenen Metier!

Genau wie Afrikas politisches Feld noch weitgehend von den ehemaligen Kolonialmächten bestimmt wird, wird auch seine Kinoproduktion wesentlich von den früheren Metropolen und von der Europäischen Union finanziert. "Stellen Sie sich ein menschliches Wesen vor, das in einer riesigen Mülltonne herumstolpert, der Kopf steckt in den Wolken, er ist unfähig, auch nur die geringste Kontrolle über die Bewegungen seines Körpers auszuüben. Dieses Wesen würde man Chaos nennen." Jean-Marie Teno stellt in seinem Film "La tête dans les nuages" / "Der Kopf in den Wolken" aus dem Jahre 1994 die Folgen der Moderne und die Regression der afrikanischen Gesellschaften dar. Zwar wurde dieser kurze Dokumentarfilm in der kameruner Hauptstadt Yaoundé gedreht, aber er könnte ebenso gut eine ganze Menge anderer afrikanischer Städte beschreiben: Abfallhaufen am Straßenrand, arbeitslose Akademiker, unbezahlte Beamte, zur Norm erhobene Korruption, ständiges Elend. Für Jean-Marie Teno sind "die Kolonisierung, die zivilisatorischen Gedanken, die Unabhängigkeiten, dann das humanitäre Gerede nur Vorwände, Theaterstücke, damit Afrika jener Ort bleibt, den die ausländischen Mächte in Seelenruhe ausplündern können."

Die Dokumentation "L´Afrique, je te plumerais" (1993) beginnt mit der Veröffentlichung eines offenen Briefes an den Kameruner Präsidenten Biya im Jahr 1990, der die Einberufung einer Nationalen Konferenz fordert und zur sofortigen Verhaftung des Autors führt. Die Erzählung macht sich dann an die Aufarbeitung der Kameruner Geschichte: die Kolonialgeschichte, die mit der ersten deutschen Mission beginnt; die ersten Schulen und die französische Besetzung nach dem ersten Weltkrieg; bis zur politischen Unterdrückung in der postkolonialen Gegenwart Kameruns-Afrikas.

Die Erzählerstimme Tenos aus dem Off erklärt seine Intention: "Ich wollte die Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen der unerträglichen Vergangenheit und der kolonialen Gewalt von gestern herausfinden, um zu verstehen, warum ein Land, das einst aus wohl-strukturierten traditionalen Gesellschaften bestand, als Staat versagt."

"L´Afrique, je te plumerais" handelt von der "Macht der Wörter", wie es der deutsche Titel zum Ausdruck bringt. Dabei bedient er sich verschiedenster Konventionen, mixt Elemente der Satire, Komödie und Musik mit simpler Didaktik und neorealistischer Kamera. Metacinematisch wendet Teno kolonialistische Propagandafilme gegen sich selbst. Durch eine kunstvolle Legierung zeitgenössischer Bilder mit Fiktion, genauso wie mit wichtigen Zeitdokumenten und sorgsamen Rekonstruktionen will der Filmemacher das Recht der Afrikaner, auf eigenen Ausdruck zurück erobern. Entscheidend dafür ist es, sich seiner eigenen Geschichte bewusst zu werden.

So erinnert Teno an den Sultan Njoya, der in zwölf Jahren Arbeit ein eigenes Alphabet aus 80 Symbolen entwickelte und 1913, als Kamerun noch eine deutsche Kolonie war, eine eigene Druckerei eröffnete. Zu einer Zeit, in der die orale Tradition dominierte, wollte er in Bamun, der Sprache des Königreichs, schreiben. Er versprach seinen Untertanen: "Ich werde euch ein Buch geben, das ohne einen Ton spricht." Um seine Sprache zu lehren, richtete er sogar Schulen ein. Er revolutionierte die Landwirtschaft, indem er europäische Pflanzen, die in Afrika bis dahin unbekannt waren, einführte. Er begann mit dem Aufbau einer Zivilverwaltung mit einem Geburts- und Todesregister und gründete eine Religion.

Eigentlich wollte Teno einen Film über das Kameruner Verlagswesen machen. Doch angesichts der brutalen Unterdrückung politischer Demonstrationen, die er in seiner Heimat erlebte, entschied er sich, "Sprache als Mittel der Befreiung und Beherrschung zu untersuchen." Denn indem man "eine Sprache konfisziert, indem man sie auf Codes reduziert, die nur einer Minderheit zugänglich sind, wird es leichter, Leute zum Schweigen zu bringen und sie auszubeuten."

In seinem einzigen Spielfilm "Clando" (1996) greift Jean-Marie Teno das Thema Unterdrückung und das Verhältnis von "dritter" und "erster" Welt aus der Perspektive eines illegalen Taxifahrers in Douala auf. Der Protagonist Sobgui wird verhaftet und gefoltert, weil er protestierenden Studenten geholfen hat. Er versucht, sein Glück in Deutschland. In Köln verliebt er sich in Irene, die politischen Flüchtlingen hilft. Aber die Erinnerungen an die Folter und sein Gefängnisleben verlassen ihn auch hier nicht. Und er beginnt darüber nachzudenken, wieder nach Kamerun zurückzukehren. Anhand seiner Person behandelt Jean Marie Teno die Themen Migration und politische Gewalt und stellt sich die Frage nach politischem Engagement und dessen Methoden: Ist es legitim, sich der Gewalt der Macht mit einer anderen Art von Gewalt zu widersetzen?

Mit "Clando" möchte Teno auch größere Zielgruppen in Europa erreichen. "Ich hoffe, der Film bewirkt, dass Leute merken, dass Immigranten häufig wegen der unerträglichen Zustände in ihrer Heimat fliehen. Dann könnten die Leute im Westen vielleicht ihre Regierungen dazu bringen, all diese Diktatoren in der Welt nicht länger zu unterstützen."

Aber natürlich zielt Teno mit diesem Film auch auf seine Landsleute. Wie immer möchte Teno sie dazu bewegen, über die Möglichkeiten einer positiven Veränderung nachzudenken. Ihn ärgert die Stagnation im post-kolonialen Kamerun. "Politik ist unser Leben", betont er. "Wir sind keine Schafe, wir sind Menschen. Trotzdem leben wir in einem Land, in dem wir nicht das Recht haben, darüber zu reden, was um uns herum passiert. Deshalb mache ich Filme - um zu beweisen, dass ich kein Schaf bin und damit Leute sich um ihr eigenes Schicksal kümmern." Dabei beschränkt sich der Filmemacher nicht auf die große Politik.

In seiner Video-Dokumentation "Chef!" (1999) untersucht Teno die Mikropolitik, die gar nicht nur informellen Herrschaftsstrukturen seines Heimatlandes. Dabei gelingt ihm eine Anklage der afrikanischen Autoritätshörigkeit und ein Plädoyer für Gleichberechtigung und Aufklärung. In jedem Dorf trifft die Kamera des Dokumentaristen auf Situationen, in denen nicht das Recht des Menschen, sondern das irgendeines Chefs gilt.

Ein junger Mann wird angeklagt, Hühner gestohlen zu haben. Hat er nicht vielleicht auch Enten geklaut? Eine Lynchsituation bahnt sich an, aus der der Hühnerdieb wahrscheinlich nur durch die Präsenz der Kamera lebend herauskommt. Auf solchen Szenen setzt Teno zu Reflektionen über die Ungleichheit in Kamerun an. Frauen im Hochzeitsstaat lauschen dem Standesbeamten, der sie zu Untergebenen ihrer Männer erklärt. Wenigstens zu Hause sind alle Männer Chefs, rechnet Teno mit dem Patriarchat ab! Doch nicht alle Chefs sind gleich in Kamerun, wie ein Interview mit Pius Njawé, dem Chefredakteur der Zeitung "Messager" zeigt. Njawé wurde ins Gefängnis geworfen, weil er es gewagt hatte, eine Information zu veröffentlichen, die dem Staatspräsidenten Biya nicht passte. Die Zustände im Gefängnis: Tuberkolose, Ratten, Korruption, Krankheiten, Tod... Teno überlässt es dem Kameruner Schriftsteller Mongo Beti "die praktische Straflosigkeit aller Diktatoren" zu denunzieren.

Nicht ganz so bitter und harsch fällt sein Urteil in seinem neuen Film "Vacances au pays" / "Ferien in der Heimat" (2000) aus. Hier wiederholt Jean-Marie Teno eine Reise, die er als Jugendlicher während der Sommerferien gemacht hatte. Sie führt ihn von der Großstadt Jaunde nach Bandjoun, ins Dorf seiner Eltern und Vorfahren. Die tagebuchartig gestaltete Reise ist eine persönliche Reflexion über den Drang zur Modernität und das zweifelhafte Entwicklungsmodell, das dem zu Grunde liegt. Mit spitzer Zunge, Ironie und auch einer gewissen Traurigkeit hinterfragt Teno den Entwicklungsbegriff, der in Afrika mit einer "tropischen Modernität" in Verbindung gebracht wird. Alles, was aus Europa oder Nordamerika kommt, ist modern - alles was heimisch ist und gleichzeitig archaisch, muss verschwinden. Nicht ohne Bitterkeit schildert er, dass mittlerweile Coca-Cola bis ins hinterste Dorf gedrungen ist, auch wenn dort Wasser immer noch vom Brunnen geholt wird und es zehn Jahre dauern kann, bis auch nur ein einziges Drahtseil für eine Fähre repariert wird, selbst wenn davon die Prosperität einer ganzen Region abhängt.

Sein altes Gymnasium gammelt heute dem Zerfall entgegen, das Viertel, in dem er wohnte, ist zum Autoschrottplatz verkommen. Zwar findet im Dorf seiner Großeltern, weiter im Westen, noch immer der große Jugendkongress statt, aber statt Gemeinschaftsaufgaben zu regulieren sind alle nur auf ein Besäufnis aus. Die potenziell modernen Institutionen, die in der afrikanischen Tradition bereits vorhanden waren - die gemeinschaftlichen Aussprachen und Arbeiten - sind dadurch ins Abseits geraten.

Der Kongress, früher von den Dorfbewohnern ausgerichtet, um den Kontakt zur in die Stadt abwandernden Jugend nicht abreißen zu lassen, ist heute zur reinen Kirmes verkommen. Diskutierte Teno in Chef! noch konkrete Politik, hat er in "Vacances au pays" den abstrakteren Begriff der Modernität im Visier seiner Kritik. "Für mich bedeutet Modernität das Streben danach, die gegenwärtigen Ungerechtigkeiten auszugleichen und die Schrecken der Vergangenheit wie Sklaverei und Kolonialisierung vergessen zu machen, damit kein Volk dieses Planeten mehr Not leiden muss."
Author: Ulrich Jossner

Bio

Jean-Marie Teno wurde am 14. Mai 1954 in Famleng (Kamerun) geboren und lebt seit 1977 in Frankreich. Er studierte audiovisuelle Kommunikation in Valenciennes (Frankreich), arbeitet seit 1985 als Filmkritiker für "Buana Magazine" und als Fernsehfilm-Cutter. Für seinen zweiten Kurzfilm "Hommage" (1987) erhielt er den Kurzfilmpreis des "Festivals Vues d´Afriques" (Montréal). Sein erster und einziger langer Spielfilm "Clando" (1996) war in dem selben Jahr in der Sparte bester Film auf dem Internationalen Festival des französisch-sprachigen Films in Namur nominiert. Teno lebt in Paris und fährt regelmäßig nach Kamerun, das er immer noch als seine Heimat betrachtet.

Works

Vacances au pays/ Ferien in der Heimat

Film / TV,
2000
Dokumentation

Chef!

Film / TV,
1999
Dokumentation

Clando

Film / TV,
1996
Spielfilm

La tête dans les nuages

Film / TV,
1994
Dokumentation

L´Afrique je te plumerais/ Macht der Wörter

Film / TV,
1992
Dokumentation

Mister Foot

Film / TV,
1991
Dokumentation

Le dernier voyage

Film / TV,
1990
Dokumentation

L´eau de misère/ Bikutsi water blues

Film / TV,
1988
Dokumentarfilm

La gifle et la caresse

Film / TV,
1987
Kurzfilm

Hommage

Film / TV,
1984
Dokumentation

Fièvre jaune taximan

Film / TV,
1984
Kurzfilm

Schubbah

Film / TV,
1983
Dokumentation

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

CINEMA AFRICA

FESPACO

(23 October 93 - 15 December 02)
video

Filmausschnitt

aus "Clando" (1996)
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