Jane Alexander

Article Bio Works Projects
crossroads:
Apartheid, Geschichte, Identität, Multikulturalität
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Bildhauerei, Fotomontage, Installation, Videokunst, Zeichnung)
region:
Africa, Southern
country/territory:
South Africa
city:
Cape Town
created on:
July 7, 2003
last changed on:
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Article

African Metamorphoses

Scheinbar kitschig auf den ersten, monströs und mysteriös auf den zweiten Blick, sind die Kreaturen der Südafrikanerin Jane Alexander. Als hybride Wesen – Menschenkörper mit Tierköpfen – sind sie Repräsentanten menschlichen Handelns und Fühlens. Ihre Tierphysiognomien verkörpern die psychische Verfasstheit, die conditio humana, einer traumatisierten multikulturellen Gesellschaft in den Zeiten der Post-Apartheid. Simon Njami, Schriftsteller und Kunstkritiker, sieht die 1959 als Weiße in Johannesburg geborene Jane Alexander als „Mitwisserin einer Wahrheit und einer Geschichte, durch die sie mit oder wider ihr Einverständnis gezwungen ist, sich im Zusammenhang einer kranken Gesellschaft zu denken“.
„Butcher Boys“, eine Skulptur, die Jane Alexander 1985/86 schuf, ist ein frühes Schlüsselwerk, das mehrfach international ausgestellt wurde und großes Aufsehen erregte. Die Materialität – vorherrschender Arbeitsstoff ist Gips –, die (Nicht-)Farbigkeit und die Motivik sind Elemente, die auch die späteren Arbeiten von Jane Alexander bestimmen. Wie die drei chinesischen Affen sitzen drei kräftige Männer mit Hammelköpfen einträchtig auf einer Bank. Saturiert, beziehungslos und stumpfsinnig – lassen sie sich als eine Manifestation der Apartheidsgesellschaft interpretieren. Im Gegensatz zu den chinesischen Affen können alle drei weder sprechen noch hören, ihnen fehlt der Mund, der abgeschlagen scheint wie die Nasen antiker Skulpturen. Anstelle von Ohren sind lediglich Löcher zu sehen. Mit schwarzen Tieraugen blicken sie herausfordernd aber auch leidend um sich. Von hinten sieht man ihre offenen Rücken. Als grobschlächtige Wesen ohne Rückgrat scheinen sie ein Zeichen zum Kampf zu erwarten, in dem sie entschlossen ihre Pfründe verteidigen werden, einem Kampf aber, der sie zu Tätern und Opfern zugleich machen wird.

„Stripped (‚Oh Yes’ girl)“ von 1995 zeigt im Gegensatz zu „Butcher Boys“ eindeutig ein Opfer der Gewalt, eine kalkweiße, nackte Märtyrerin, eine „Schmerzensfrau“, die an den gemarterten Christus erinnert. Mit Nähten an Hals und Beinen ist sie eine für die Bestattung notdürftig zusammengeflickte Leiche. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit stehen weitere Werke aus den neunziger Jahren, in denen Alexander die Motive christlicher Kunst auf die Situation der südafrikanischen Gesellschaft bezieht. So stellt die Skulptur „Hit (poor Walter)“ (1995) einen Gekreuzigten – ohne Kreuz – im Anzug und mit Hut dar. Bei der schwangeren schwarzen Frau in Marienpose „Black Madonna“ (1991) und „Integration Programme: Man With Wrapped Feet“ (1993/94), das einen am Boden liegenden schwarzen Mann zeigt, umgibt Alexander ihre Figuren sogar mit Gloriolen.

In den späten neunziger Jahren bevölkern zunehmend kleinere Figuren, häufig mit Tiermasken, oft im Anzug wie Miniaturen Erwachsener aussehend, den Kosmos von Jane Alexander (z.B. „Bom Boys“, 1998; „Racework – in the event of an earthquake“, 1999). Einige dieser Mutationen treten ebenfalls im Zyklus „African Adventure“ auf, der die Künstlerin seit 1999 beschäftigt. Kernstück dieser komplexen Arbeit, deren Name auf Safarireisen anspielt, ist eine raumgreifende Installation. Auf rotem Sand befindet sich ein Ensemble von 13 Geschöpfen, deren Heterogenität, Beziehungs- und Bewegungslosigkeit, eine Herausforderung für den Betrachter darstellen.

Zentrale Figur ist ein halbnackter Mann mit fahler Hautfarbe und den Gesichtszügen eines Schwarzafrikaners. Um seine Hüften sind Bänder geschlungen, an deren Ende eine große Zahl verschiedener Gerätschaften befestigt ist. Sicheln, Messer, Miniaturen von Traktoren und Lastwagen wirken zugleich wie eine Schleppe und ein Pflug, in den der Mann eingespannt ist. So trägt er allein die gesamte Last körperlicher Arbeit in diesem „afrikanischen Abenteuer“, während die anderen, wesentlich kleineren Menschen- und Tierfiguren wie Statuetten auf Kisten und Tonnen stehen oder auf Stühlen sitzen. Weitere Arbeiten des Zyklus „African Adventure“ – sind Fotomontagen, in denen Alexanders Mutanten zu neuem, surrealistischen Leben erweckt, zu Protagonisten der Straßenszenen Kapstadts werden.

Während sich die meisten Werke direkt oder indirekt mit der südafrikanischen Situation auseinandersetzen, reflektiert Jane Alexander mit der sehr persönlichen, biografischen Arbeit „Erbschein: An den Bergen“ (1995) einen Teil ihrer Familiengeschichte. Die Baukräne des gegenwärtigen Berlins umgeben einen Kubus, in dessen Inneren ein Bild des Hauses zu sehen ist, das Jane Alexanders Vater in Berlin bewohnte, bevor er 1936 als Jude aus Deutschland emigrieren musste. Vor dem Haus befindet sich die Miniatur eines Denkmals, die das jüdische Volk mit einer reptilienartigen Bestie gleichsetzt, die von den deutschen Ariern bezwungen wird. Auf dem Kubus marschiert im Stechschritt zwischen den Kränen, an denen geheimnisvolle dunkle Bündel hängen, ein Zwitter aus Mensch und Greifvogel à la Max Ernst. Insignien der DDR, ein Trabant und ein Ampelmännchen, bekräftigen den Eindruck der Verwebung und Kontinuität vergangener Epochen. Zeitalter, die in die Gegenwart fortwirken, in Deutschland – und in Südafrika.
Author: Petra Stegmann

Bio

Jane Alexander wurde 1959 in Johannesburg geboren; die Familie ihres Vaters stammt aus Berlin. Alexander studierte Kunst an der University of Witwatersrand, Johannesburg. 1982 erhielt sie den Bachelor of Arts und 1988 den Master of Arts in bildender Kunst. 1982 wurde sie mit dem Martienssen Student Prize der University of Witwatersrand ausgezeichnet.

Ab 1987 unterrichtete Jane Alexander Englisch in Namibia; 1988 bis 89 war sie Kunstlehrerin an einer Realschule in Kapstadt. Von 1990 bis 1997 arbeitete sie zeitweise als Kuratorin am Irma Stern Museum der University of Cape Town. 1994 begann ihre internationale Karriere mit der Teilnahme an der Biennale in Havanna, gefolgt von der Biennale in Venedig 1995. In diesem Jahr erhielt Jane Alexander auch den Standard Bank Young Artist Award, 1996 den FNB Vita Art Now Award. 1996 und 1997 lehrte sie zeitweise an der Michaelis School of Fine Art der University of Cape Town. 2002 erhielt sie den DaimlerChrysler Award for South African Sculpture.

Jane Alexander lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin und als Dozentin für Bildhauerei, Fotografie und Zeichnen an der Michaelis School of Fine Arts, University of Cape Town in Kapstadt.

Works

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2006 „Singapore Biennale 2006”, Singapur Biennale, Singapur, Singapur „Africa Remix”, Mori Art Museum, Tokio, Japan 2005 „Africa Screams – Das Böse in Kino, Kunst und Kult" Museum der Weltkulturen, Frankfurt „Africa Remix“, Centre Pompidou, Paris, Frankreich „Africa Screams – Das Böse in Kino, Kunst und Kult", Münchner Stadtmuseum, München „Africa Remix”, Hayward Gallery, London, Großbritannien 2004 „Photography, Video, Mixed Media II”, Daimler Chrysler Contemporary, Berlin „Africa Screams - Das Böse in Kino, Kunst und Kult", Kunsthalle, Wien, Österreich „New Identities / Südafrika“, Museum Bochum, Bochum „Afrika Remix“, Museum Kunst Palast, Düsseldorf „Africa Screams – Das Böse in Kino, Kunst und Kult", Iwalewa-Haus, Bayreuth „DaimlerChrysler Collection for South Africa”, Pretoria Art Museum, Pretoria, Südafrika „DaimlerChrysler Collection for South Africa”, Museum Africa, Johannesburg, Südafrika 2002 „Zeitgenössische Kunst aus Südafrika”, Kunst:Raum Sylt-Quelle, Rantum „Zeitgenössische Kunst aus Südafrika”, Kunstverein Zehntscheuer, Rottenburg/Neckar „Dis/Location, Photo Espana 2001”, Circulo de Bellas Artes Madrid, Madrid, Spanien 2001 „Head North, Visual Cultures Dialogue”, Bildmuseet, Umea, Schweden „The Short Century”, Museum Villa Stuck, München „The Short Century”, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „Africa Today, the Artist and the City”, Barcelona Center for Contemporary Culture, Barcelona, Spanien 2000 „7th Havana Biennial“, Wilfredo Lam Centre, Havanna, Kuba „Voices of Southern Africa“, British Museum, London, Großbritannien „A.R.E.A.“, Kjarvalsstadir, Reykjavik, Island „Retreks:unSUNG City, How the other half…”, Kings Parkade, Eloff Street, Johannesburg, Südafrika „Secure the Future: Care and Support for Women and Children with HIV/Aids in Africa”, International Aids Society Conference Durban, Washington, USA „Partage d’exotismes/Sharing Exoticisms”, 5. Lyon Biennial, Lyon, Frankreich „South Meets West“, Kunsthalle Bern, Bern, Schweiz 1999 „Global Art“, Galerie Seippel, Köln „South Meets West“, National Museum, Accra, Ghana „Lines of Sight“, South African National Gallery, Kapstadt, Südafrika „Triennale der Kleinplastik“, SüdwestLB Forum, Stuttgart „Africa Africa”, Tobu Museum of Art, Tokio, Japan „Bringing up Baby”, The Castle of Good Hope, Kapstadt, Südafrika „DAK’Art Biennale de l’art africain contemporain“, Dakar, Senegal „Showing and Telling“, Centre for the Study of Violence and Reconciliation, Johannesburg, Südafrika 1997 „Lifetimes”, Out of Africa Kulturfestival, München 1996 „Contemporary South African Art 85-95 from the South African National Gallery Permanent Collection”, South African National Gallery, Kapstadt, Südafrika „Fault Lines”, Castle of Good Hope, Kapstadt, Südafrika „Colours – Kunst aus Südafrika“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „First National Bank Vita Art Now”, Johannesburg Art Gallery, Johannesburg, Südafrika 1995 „Identita e Alterita”, Biennale di Venezia, Palazzo Grassi, Venedig, Italien 1994 „Un Art contemporain d’Afrique du Sud“, Galerie d’Esplanade, Paris, Frankreich „5th Havana Biennial”, National Museum of Fine Arts, Havanna, Kuba „Xit, Election Exhibition”, South African Association of Arts, Metropolitan Life Gallery, Kapstadt, Südafrika

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2004 „Jane Alexander“, SANG Iziko Museum - South African National Gallery, Kapstadt, Südafrika 2003 South African National Gallery, Kapstadt, Südafrika 2002 Pretoria Art Museum, Pretoria, Südafrika „Jane Alexander - Sculptures, Collages“, DaimlerChrysler Contemporary, Berlin 2000 „Jane Alexander“, Gasworks, London, Großbritannien 1999 „Bom Boys and Lucky Girls”, University of Cape Town, Kapstadt, Südafrika 1986 „Sculpture and Photomontage“, Market Gallery, Johannesburg, Südafrika

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Short Century

Independence and Liberation Movements in Africa

(18 May 01 - 29 July 01)