Wu Hsing-Kuo

Article Bio Works Merits Projects
crossroads:
Interkulturalismus, Moderne, Tradition
genre(subgenre):
Performing Arts (Pekingoper)
region:
Asia, Eastern
country/territory:
Taiwan
created on:
May 11, 2006
last changed on:
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information provided by:
Wu Hsing-Kuo
© und Fotograf: Dirk Bleicker

Article

Innovativer, experimenteller Theatermacher

Wu Hsing-Kuo gehört zu den bedeutendsten innovativen Theatermachern Asiens. Das von ihm 1986 gegründete Contemporary Legend Theatre (CLT) hat sich kulturübergreifenden Theaterexperimenten auf höchstem Niveau verschrieben und gilt als das beste Theaterensemble Asiens. Wu Hsing-Kuos Begabung, höchste Perfektion in der Darstellungskunst der traditionellen Peking-Oper mit langer Erfahrung als moderner Solo-Tänzer des Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan und westlichem Schauspiel zu verbinden, ließ ihn zu einen einzigartigen Künstler heranreifen. Seiner Experimentierfreude verdanken sich viele Meilensteine interkultureller Theaterarbeit, die ihn weit über die Grenzen Taiwans hinaus berühmt machten. Eugenio Barba und Ariane Mnouchkine gehören zu seinen Bewunderern. Ein Höhepunkt der Schauspielkunst ist Wu Hsing-Kuos Solo-Performance „King Lear“, die 2001 in Taipei uraufgeführt wurde.
Wu Hsing-Kuos künstlerische Entwicklung ist eng mit dem Contemporary Legend Theatre (CLT) verbunden. Das CLT adaptiert westliche kanonische Werke mit den Mitteln der traditionellen chinesischen Oper und sucht das Vokabular zeitgenössischen westlichen Theaters mit der reichen Kultur Ostasiens zu verbinden. Dabei will das CLT eine neue Ästhetik der Bühnendarstellung schaffen und gleichzeitig den eloquenten Charakter von chinesischem Gesang, Tanz und Theater erhalten.

Dass die neuen dynamischen Entwicklungen in der Peking-Oper von Taiwan ausgingen, ist kein Zufall: Die taiwanesische Identität ist geprägt von politischen Umbrüchen. Taiwan war lange von den Japanern besetzt, dann von der Guomindang, als diese vom Festland fliehen musste. Wu Hsing-Kuos Eltern sind ebenfalls mit der Armee nach Taiwan gekommen. Er gehört zur so genannten „zweiten Generation“ der Festlandchinesen, die sich auf die Suche nach ihrer taiwanesischen Identität begaben. Ho P’ings Film „18“, in dem Wu Hsing-Kuo die Hauptrolle spielte, befasst sich genau hiermit. Durch ihre Identitätssuche ist diese „zweite Generation“ sowohl aufnahme- und begeisterungsfähig wie auch reflektiert und Neuem gegenüber aufgeschlossen. Die Geschichte der Peking-Oper in Taiwan ist eng mit diesen Entwicklungen verknüpft: Nach der Machtergreifung der Kommunisten war sie mit den Flüchtlingen vom Festland nach Taiwan gekommen. Es gibt daher keine originär „taiwanesische“ Peking-Oper. Ab den 70er Jahren nahm die Peking-Oper in Taiwan eine andere Entwicklung als auf dem Festland. Das CLT schlug hierbei den konsequentesten Weg ein und setzte auf ein neues Regiesystem, eine neue Bühnenästhetik und professionelles Marketing.

Das erste Stück des CLT war 1986 die Macbeth-Adaption „Kingdom of Desire“, bei der Wu Hsing-Kuo Regie führte und die Hauptrolle spielte. Die Verbindung von traditionellem Gesang, Schauspiel, Rezitation und akrobatischem Kampf mit dem westlichen Kanon ließ eine vollkommen neue Ästhetik östlichen Theaters entstehen. Das Stück gilt als ein Meilenstein des Welttheaters. Der Einfluss auf die Kunst- und Kulturschaffenden in Taiwan war immens. „Kingdom of Desire“ wurde 1990 vom Royal National Theatre nach London eingeladen und ist seitdem auf Welttournee. 1998 wurde es auf dem Theaterfestival in Avignon aufgeführt.

1991 brachte das CLT mit „Yin Yang River“ die erste traditionelle chinesische Oper auf die Bühne, in der das Ensemble mit neuen Formen des Ausdrucks experimentierte. Ein Jahr später gelang es ihnen mit der Produktion „The Last Days of Emperor Li Yu“, eine neue Form des chinesischen Theaters zu entwickeln, die sich weder als Bühnenstück noch als „neue chinesische Oper“ einordnen lässt. Mit dem Stück „Medea“ nach der griechischen Tragödie des Euripides (1993) schlug das CLT erneut eine andere Richtung ein. Das Ensemble entfernte sich noch weiter von der traditionellen Opernbasis und arbeitete einen sehr modernen, westlich orientierten Theaterstil heraus, der sich mit überwältigender Musik und spektakulären Kostüme präsentierte.

Höhepunkt und vorläufiger Abschluss dieser Suche war 1995 die „Oresteia“ nach Aischylos, bei dem Richard Schechner Regie führte. Das Stück nimmt Abschied von traditionellen Formen der chinesischen Oper in Sprache, Darstellung und Gesang, aber bezieht sich vielfach auf diese. Figuren des griechischen Originals wie auch moderne Taiwanesen erscheinen parallel auf der Bühne. „Oresteia“ gilt in der Theatergemeinde und in Kritikerkreisen als eine herausragende interkulturelle Produktion.

Wu Hsing-Kuo sieht seine sichere, unverrückbare Basis in der harten Schule der Peking-Oper. Sie ist, sagt er, ein Gesamtkunstwerk und eine Hochkunst. Die Anforderungen an die technischen Fähigkeiten in Gesang, Tanz, Gestik, Rezitation und Akrobatik der Darsteller seien immens. Deswegen müssten sie von Kind an eingeübt werden. Auch Wu Hsing-Kuo hat bereits als Kind mit der traditionellen Ausbildung begonnen. Dieser Grundlage fühlt er sich verpflichtet. Er meint, man kann Tradition nur überwinden, wenn man sie perfekt beherrscht.

Denn er empfindet die historische Form der Peking-Oper nicht als zeitgemäß. Die Bühne ist für ihn symbolisch für die dogmatische Autorität der Peking-Oper: ein Tisch und zwei Stühle, daran darf nicht gerüttelt werden. Die Peking-Oper hat sich über 200 Jahre hinweg entwickelt, ihre Geschichte wurde von Krieg und Umbrüchen begleitet. Aber die Ästhetik des „jingju", sagt er, sei stehen geblieben, die Verbindung zwischen der ästhetischen und der modernen Sprache sei abgebrochen. Es ist Wu Hsing-Kuos Ziel und sein Verdienst, diese zwei Sprachen wieder miteinander in Kontakt zu bringen, die Tradition der Peking-Oper mit der Avantgarde zu verbinden.

Wu Hsing-Kuo ist sich bewusst, dass es nicht ausreicht, lediglich den Stil zu verändern, um einer Tradition in der Gegenwart eine neue Bedeutung zu geben. Es bedarf hier, wie er betont, einer neuen Geisteshaltung, um die gegenwärtigen Strömungen in der Gesellschaft zu reflektieren und in und mit der Tradition eine dynamische Entwicklung voranzutreiben. Tradition und Gegenwart erscheinen so als keine gegensätzlichen Größen, sondern müssen in einem ständigen Prozess des gegenseitigen Austauschs und der Befragung stehen. Für ihn kann Kultur entspechend nur durch ihre ständige Wandlung überleben. Er verändert die Tradition, so Wu Hsing-Kuo, um eine neue Kugel in dieses Spiel dauernden Wandels zu werfen und damit neue Anstöße zu geben. Er möchte, betont er, der Peking-Oper eine Vielzahl neuer Möglichkeiten öffnen, aber sie nicht auf einen neuen Stil festlegen, der wieder Gefahr liefe, in Erstarrung zu enden.

Wu Hsing-Kuo vertritt eine selbstbewusste und kritische Haltung gegenüber dem westlichen Theater. Im modernen westlichen Theater sei es schwierig, so Wu Hsing-Kuo, eine hohe Qualität der Inszenierungen zu erreichen, weil viele Schauspieler Schwächen in der Beherrschung der Technik hätten. Moderne existiere immer auf der Grundlage der Tradition. Um die Tradition in Richtung einer Moderne überschreiten zu können, müsse man die Grundlagen der Tradition sehr gut beherrschen. Und das, meint Wu Hsing-Kuo, verlange eine kompromisslose Meisterung der Form, etwa in Gesang, Sprechtechnik, Kungfu und Akrobatik. Deshalb sei die Ausbildung für die Peking-Oper so langwierig. Die Stärke des westlichen Theaters liege dagegen eher im Analytischen, Psychologischen, Reflexiven, so der Künstler. Genau hier eröffneten sich neue Wege für die Peking-Oper.

Bewusst verfolgt er keinen eigenen künstlerischen Stil. Sein Credo ist es, immer weiter zu experimentieren und sich in jedem Kunstwerk neu zu erschaffen. Sein Antrieb kommt aus einer ewigen Unzufriedenheit mit sich selbst. Er strebt danach, als Künstler neugierig zu bleiben. Daher ist seine Sicht auf Kunst dem Individuellen verpflichtet. Kunst sei nicht dazu da, meint er, Kultur, Politik oder Gesellschaft zu bedienen. Kunst sei eine souveräne, nur sich selbst verantwortliche Größe und damit immer persönlich.

Dieses Postulat ist Wu Hsing-Kuos lebenspraktisches Fazit seiner Laufbahn als Künstler. Am Anfang seiner Karriere wurde er von Kritikern beleidigt und verspottet, weil er nicht konventionell spielte. Nach seinem unerwarteten, großen Erfolg mit „Kingdom of Desire“ wurde er überraschend mit Lob überhäuft. Plötzlich galt er als mutig und wie experimentell. Wie also Kunst gesehen wird, folgert Wu Hsing-Kuo, liege nicht an der Kunst als solcher, sondern lediglich an denjenigen, die sie beurteilen.

Durch finanziellen und bürokratischen Druck war er zeitweilig gezwungen, seine Karriere als Künstler zu beenden. Zwei Jahre lang stand er nicht auf der Bühne und war unsicher, ob er je wieder zur Bühne zurückkehren würde. Es war eine bittere Erfahrung, auf dem Höhepunkt der Schaffenskraft zum Aufgeben gezwungen zu sein. Er war voll von Wut und Enttäuschung, eine Empfindung, die er der Figur des „King Lear“ gespiegelt sah. Er äußerte seinen Zustand in dieser Zeit offen, erzählt er. So sagte er voll Wut: „Mein Land, meine Leute betrügen mich“. Seine Enttäuschung artikulierte er in sehr „chinesisch“ anmutenden Sätzen wie „Er sitzt mit kalten Augen und betrachtet schweigend den Mond“. Seine persönliche Erfahrung, fährt er fort, machte ihn reif für die Rolle des King Lear. Während eines Seminars in Paris traf er dann Ariane Mnouchkine und zeigte ihr einen kurzen Ausschnitt aus diesem Stück. Mnouchkine machte ihm Mut und drängte ihn, wieder auf die Bühne zu gehen. So entstand eine der spektakulärsten Produktionen der letzten Jahre, das Stück „King Lear“, das Wu Hsing-Kuo mit großem Verve wieder auf die Bühnen der Welt zurückbrachte.

Wu Hsing-Kuos Solo-Performance „King Lear“, die 2001 in Taipei uraufgeführt wurde, ist ein Höhepunkt der Schauspielkunst. Wu Hsing-Kuo stellt hier gleichzeitig zehn Figuren dar. Er setzt äußerst gekonnt Requisiten, Kostüm und verschiedene Arten des Gesangs aus der traditionellen chinesischen Oper ein, um die verschiedenen Charaktere auf der Bühne für das Publikum klar und prägnant sichtbar zu machen.

Aus einem Interview mit dem Künstler im April 2006
Author: Susanne Gruber-Göße/ Gao Yi

Bio

Schauspieler, Theaterregisseur, Tänzer, Associate Professor an der Taipei National University of the Arts

seit 1973 Erster Tänzer am Cloud Gate Dance Theater (Taiwan)/ zeitgenössischer Tanz
1977 Abschluß an der Fu-Hsing Chinese Opera School, Rollenfach „Männlicher Krieger" („wu sheng") und „Alter Mann" („lao sheng")
BA am Theatre Department der Chinese Culture University
1977-1992 Mitglied der Lu-Kuang Chinese Opera Company
1986 Gründung des Contemporary Legend Theatre in Taibei, Taiwan Künstlerischer Leiter, Schauspieler des CLT
1992 Förderung des Council for Cultural Affairs und ein Fulbright Scholarship für ein Studium in New York

Works

Waiting for Godot

Production / Performance,
2005
eine Adaption des Stückes von Samuel Beckett

The Tempest

Production / Performance,
2004
eine Adaption des Stückes von Shakespeare, Regie: Tsui Hark

A Play of Brother and Sister: A Hip Hopera

Production / Performance,
2003

The Hidden Concubine

Production / Performance,
2002

August Snow

Production / Performance,
2002
von Gao Xinjian, auf Einladung von Gao Xinjian (Nobelpreis 2000)

King Lear

Production / Performance,
2001
eine Adaption des Stückes von Shakespeare

Ah Q

Production / Performance,
1996
mit dem Fu Hsing Chinese Opera Theatre

Oresteia

Production / Performance,
1995
eine Adaption des Stückes von Aischylos, Regie: Robert Schechner

The Temptation of a Monk

Film / TV,
1994
Regie: Clara Law

The Lady of Loulan

Production / Performance,
1993
basiert auf der „Medea“ von Euripides, Regie: Lin Hsiu-Wei

Green Snake

Film / TV,
1992
Regie: Tsui Hark

Eighteen

Film / TV,
1992
Regie: Ho P’ing

The Last Days of Emperor Li Yu

Production / Performance,
1992

Yin Yang River

Production / Performance,
1991

War and Eternity

Production / Performance,
1990
eine Adaption des „Hamlet“ von Shakespeare

Kingdom of Desire

Production / Performance,
1986
eine Adaption des „Macbeth“ von Shakespeare

The Early Days of President Lee Den-Hui

Film / TV
Fernsehen

Merits

3 x Military Golden Award für den besten Schauspieler
1994 Hongkong Film Award für den besten Schauspieler für seine Rolle in „The Temptation of a Monk“

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

China - Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Ein Projekt zur zeitgenössischen Kunst Chinas

(24 March 06 - 14 May 06)