Anri Sala

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crossroads:
Ausgrenzung, Einsamkeit, Erinnerung, Heim, Kommunikation, Migration, Sprache
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Videokunst)
region:
Europe, Southern, Europe, Western
country/territory:
Albania, Germany
created on:
September 1, 2009
last changed on:
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Article

Da, wo Tiere miteinander sprechen

Anri Salas poetisch-politische Verunsicherungen

„Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen“ war der Titel der ersten großen, von Julia Garimorth und Hans Ulrich Obrist kuratierten Einzelausstellung Anri Salas, die 2004 in der nördlichen Deichtorhalle in Hamburg zu sehen war. Der 1974 im albanischen Tirana geborene, in Berlin und Paris lebende Sala ist tatsächlich ein Künstler, dessen Werk an einem so wundersamen Ort entstehen könnte: da, wo Tiere miteinander sprechen, wo sie sich eine gute Nacht wünschen.
Salas Werk: Das sind Zeichnungen, Fotografien und vor allem Videofilme, denen oft eine fotografische Handschrift nachgesagt wurde. Seine Themen findet er, wie im Pressetext zur Hamburger Ausstellung zu lesen war, an „den Rändern der westlichen Zivilisation“. Man begegnet wundersamen Menschen, Tieren und Dingen in diesen Fotografien und Videos.

Ein schlafender Obdachloser im Mailänder Dom, der sich der allgemeinen Hektik des Ortes verweigert. Ein ausgemergeltes Pferd an einer Autobahn in Tirana, das sich kaum auf den Beinen halten kann. Mal geblendet von vorbeifahrenden Autos, dann in der Dunkelheit verharrend. Krabben an einem südamerikanischen Strand, die mit dem Licht von Taschenlampen „gesteuert“ werden. Ein bedrohliches, aggressives Szenario – nachts gefilmt. All das ist in Salas Kunst zu entdecken, die bei der Biennale von Venedig, der Berlin-Biennale, der Manifesta 3 in Ljubljana und bei vielen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen war.

„Was man braucht, sind Momente der Freiheit, um nachzudenken“, sagt Anri Sala, der an der École Nationale Supérieure des Arts décoratifs in Paris und an der Nationalen Kunstakademie in Tirana studiert hat. Sala lenkt seinen Blick gerne auf das, was am Rande liegt. Seine Bilder sind ungewöhnlich, surreal und skurril, die Orte seiner Kunst oft nicht identifizierbar: Da ist ein Parkplatz, ein Strand, ein Plattenbau, eine Straße, ein Hochhaus in Marzahn. Es gibt keine Handlung im klassischen Sinn, es wird keine Geschichte erzählt. Die Filme haben einen sehr bedächtigen, langsamen Duktus. Sie verzichten manchmal sogar auf jede Bewegung der Kamera.

Bei früheren Videoarbeiten machte Sala oft das persönlich Erlebte zum Thema. In seinem ersten Video „Intervista“ aus dem Jahr 1998 entwickelte er ein dichtes Porträt seiner Mutter – vor dem Hintergrund der kommunistischen Geschichte seiner Heimat Albanien. Seine Vorlage war ein im Elternhaus gefundener Film ohne Tonspur, der die eigene Mutter als junge Kommunistin zeigt, die als Vorsitzende der „Jugend-Allianz“ im staatlichen Fernsehen ein Interview gab. Sala: „Ich habe mir überlegt: Wie kann dieser Film sich quasi in einen Mund verwandeln, einen Mund, der etwas erzählen kann.“ Dabei halfen ihm die Schüler einer Taubstummenschule, die das Gesagte rekonstruieren konnten. Aber konnten sie das wirklich? Sala zweifelt. Sein Film argumentiert anders: Sprache ist immer nur in dem System lesbar, in dem sie gesprochen wurde – sie ist unübersetzbar.

„Nocturne“ wurde 1999 auf 16mm gedreht. Der Film porträtiert zwei Männer, die einander nie begegnet sind und die jetzt die Kunst zusammenführt. Denis, der französische Söldner, hat auf dem Balkan gekämpft, Jacques dagegen ist Fisch-Sammler und vereinsamter Besitzer eines Aquariums. Beide Männer eint trotz ihrer so unterschiedlichen Biografien der Schmerz am Leben.

In dem Film „Byrek“ aus dem Jahr 2000 thematisiert Sala die Heimatlosigkeit des Immigranten: Die Arme einer Frau kneten den Teig des Byreks, überblendet von einem Rezept, das Salas Großmutter vor vielen Jahren aufgeschrieben hat. Ein Jahr zuvor entstanden ist das Video „Uomoduomo“, Salas Beitrag zur Biennale in Venedig. Der Film zeigt einen schlafenden Obdachlosen im Mailänder Dom. Es ist vor allem die fragile, verletzliche Intimität des Schlafs in der Öffentlichkeit, die der Videofilm auf symbolträchtige Weise zum Ausdruck bringt.

2001 fertigte Sala das Video „Arena“, das eine langsame, suggestive Kamerafahrt durch einen verwahrlosten Zoo in Tirana zeigt. Zu sehen sind verlassene Gehege, ein trostloser, im Verfall befindlicher Ort, den Sala als Spiegelbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Albanien verstanden wissen will. 2002 erarbeitete er neben dem Krabben-Video Ghostgames“ auch die surreale Fotoarbeit „No Barragán No Cry“: eine Auseinandersetzung mit einer verschollenen Skulptur im Garten des mexikanischen Architekten Luis Barragàn. „Three Minutes“ (2004) zeigt nicht mehr als ein Schlagzeug-Becken, dessen Oberfläche das Licht eines Stroboskops reflektiert.

In neueren Videoarbeiten werden Salas Sujets abstrakter, aber auch universeller, wie etwa in „Who is afraid of red, yellow and green“ (2008) oder auch in „Answer Me“ (2008), das in der großen Kuppel der ehemaligen NSA-Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg entstanden ist. Hier ist es eine Frau, die ein Gespräch mit ihrem männlichen Partner führen möchte, doch dieser wendet ihr den Rücken zu und spielt auf seinem Schlagzeug und macht sein Schweigen hörbar. Kommunikation und damit Nähe sind unmöglich.

Im Berliner Haus der Kulturen der Welt zeigt Anri Sala in „The Spirit of the Haus“ die Installation „Why the Lion Roars“, eine Auftragsarbeit der Stadt Paris, bei der die Reihenfolge der gezeigten Filme vom Berliner Wetter abhängt: „Jeder Film entspricht einem Grad der Temperaturskala. Ändert sich die Außentemperatur, so wird ein anderer Film im Auditorium gezeigt.“

Stets sind die Protagonisten des Künstlers Teil eines politischen, historischen und sozialen Kontextes, doch Salas visuelle Sprache der Erinnerung ist metaphorisch und auf poetische Weise verunsichernd. Ein besonderes Stilmittel Salas ist die Dunkelheit. Viele seiner Bilder findet er in der Dämmerung. In Übergangsmomenten zwischen Tag und Nacht. Oft an Orten, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Author: Marc Peschke

Bio

Born 1974 in Tirana, Albania. He lives and works in Paris.

Works

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2005 Situated Self, Museum of Contemporary Art, Belgrade 2004 Delay, Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam , Niederlande; Situations construites, attitudes espace d´arts contemporains, Geneva, Schweiz; utopia station: auf dem weg nach porto alegre, Haus der Kunst, München; Time Zones: Recent Film and Video, Tate Modern, London, Großbritannien; Point of View - An Anthology of the Moving Image, UCLA Hammer Museum, Los Angeles, USA; Point of View: An Anthology of the Moving Image, New Museum of Contemporary Art, New York, USA; Terminal 5, Saarinen-designed TWA Flight Center, JFK Airport, USA 2003 Fast Forward, ZKM | Museum für Neue Kunst, Karlsruhe; In den Schluchten des Balkan - Eine Reportage, Kunsthalle Fridericianum, Kassel; Dreams and Conflicts: the Dictatorship of the Viewer, Venedig Biennale, Venedig, Italien; Die Erfindung der Vergangenheit, Pinakothek der Moderne, München; Hardcore - vers un nouvel activisme/towards a new activism, Palais de Tokyo, Paris; Witness, The Curve, Barbican Centre, London, Großbritannien 2002 el aire es azul – the air is blue, Casa Museo Luis Barragán, Tacubaya, Mexiko; Missing Landscape, Galerie Johnen and Schöttle, Köln; In Search of Balcania, Graz, Österreich; The mind is a horse, Bloomberg Space, London, Großbritannien; Geschichte(n), Salzburger Kunstverein, Salzburg, Österreich; Haunted by Details, DeAppel, Amsterdam, Niederlande; Cardinales, Museo de Arte Contemporanea de Vigo, Vigo, Spanien 2001 Berlin Biennale, Berlin, Germany; Yokohama Biennale, Yokohama, Japan; Believe, Westfälischer Kunstverin Münster, Münster 2000 Media City Seoul 2000, Seoul Metropolitan Museum, Seoul, Korea; Geographies: Darren Almond – Graham Gussin – Anri Sala, Galerie Chantal Croussel, Paris, Frankreich; voilà- le monde dans la tête, Musée d’art moderne de la ville de Paris, Paris, Frankreich; Manifesta 3, Ljubljana, Slowenien; The world in mind, ARC, Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Paris, Frankreich; Wie Weg - Disappeared, Association for Contemporary Art, Graz, Österreich; Wider Bild Gegen Wart- Positions to a political discours, Raum Aktueller Kunst, Wien, Österreich; Man muss ganz schön viel lernen, um hier zu funktionieren, Frankfurter Kunstverein, Frankfurt 1999 After the wall, Museum of Modern Art, Stockholm, Schweden; Albanischer Pavillon, 47. Venedig Biennale, Venedig, Italien; 1997 Ostrenanije-97, Video Festival, Bauhaus, Dessau 1995 Tunnel 95, National Gallery, Tirana, Albanien; Spring 95, First Prize, National Gallery, Tirana, Albanien; Symposium Kultur Kontakt, Kunsthaus Horn, Österreich

Einzelausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
Dammi i Colori, DAAD-Galerie, Berlin; Videos, Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam, Niederlande; Long Sorrow, Nicola Trussardi Foundation, Milan, Italien; 2004 Alfonso Artiaco, Neapel, Italien; Anri Sala - Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, Deichtorhallen, Hamburg 2003 Blindfold, Galerie Johnen and Schöttle,Köln; Kunsthalle Wien, Wien, Österreich; Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Turin, Italien 2002 Programa, Mexiko, Mexiko; OPA (artist run space), Guadalajara, Mexiko 2000 De Appel Foundation, Amsterdam, Niederlande; Galerie Johnen and Schöttle, Köln (mit Martin Boyce) ; Galerie Rüdiger Schöttle, München (mit Torsten Slama) 2001 Galerie Chantal Croussel, Paris, France 2002 Hauser & Wirth, Zürich, Schweiz

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Spirit of the Haus (deutsch)

20 Jahre Haus der Kulturen der Welt

(02 September 09 - 30 September 09)

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