Gavin Jantjes

Article Bio Works Projects
crossroads:
Apartheid, Exil
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Grafik, Malerei)
region:
Africa, Southern, Europe, Western, Europe, Nordic
country/territory:
South Africa, England (UK), Norway
city:
Cape Town
created on:
June 21, 2003
last changed on:
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Malen nach Zahlen

Der südafrikanische Künstler Gavin Jantjes bezog mit seiner Kunst in den siebziger Jahren unmissverständlich Position gegen die Politik der Apartheid. Vor allem mit seinem „South African Colouring Book“ (1974/1975) schuf er eine radikale Zustandsbeschreibung der südafrikanischen Realität, die Dokumentation und Anklage zugleich war. Das Regime ließ mit einer Antwort nicht auf sich warten: Die Bilder wurden zensiert, Jantjes’ gesamtes Werk in Südafrika verboten. Dem Künstler blieb nur der Weg ins Exil.
Das „South African Colouring Book“ (1974/75) ist Gavin Jantjes bekannteste Arbeit geblieben. Sie besteht aus elf Serigrafien in einer Mappe (je 45 x 60cm), die Auflage beträgt 20 Stück.

Die Blätter zeigen jeweils Fotografien, Zeichnungen oder Texte, die das Unrechtsregime dokumentieren und illustrieren. Wie ein Logo befindet sich auf jedem Blatt ein Streifen mit sechs nebeneinander angeordneten Farben sowie der Aufdruck eines Tuschkastens mit jeweils unterschiedlichen Aufforderungen, an der Gestaltung des Bildes mitzuwirken. Das harmlose Spiel „Colouring by Numbers“ („Malen nach Zahlen") ist hier mit bitterem Sarkasmus auf die tragische Situation der nicht-weißen Bevölkerung Südafrikas übertragen.

„Colour these Blacks White“ heißt es auf einem Blatt. Zu sehen sind die Negative zweier Fotografien. Die eine zeigt eine Hochzeit – auf dem Negativ wirkt sie wie eine Beerdigung, denn die Braut trägt schwarz – die andere eine Misswahl. Mit einem Zitat Frantz Fanons illustriert Jantjes die Anpassung der schwarzen Bevölkerung an die Gebräuche der weißen: „Nachdem er über seine Kultur, seine Sprache, seine Essgewohnheiten, sein Sexualleben, seine Art sich zu setzen, zu ruhen, zu lachen, sich zu amüsieren, geurteilt, sie verurteilt und sie aufgegeben hat, wirft sich der Unterdrückte auf die ihm aufgezwängte Kultur mit der Verzweiflung eines Ertrinkenden.“

Ausgangspunkt einer anderen Grafik ist Gavin Jantjes’ Personalausweis, der ihn als „Cape Coloured“ bezeichnet. „Cape Coloured“ waren nach dem absurden Rassen-Klassifizierungs-System des Apartheid-Regimes die Nachfahren der rassengemischten Sklavenbevölkerung, die neben afrikanischen oder indischen auch weiße Vorfahren hatten. „Classify this Coloured“ heißt es in der Aufforderung zu diesem Blatt und so stempelte Jantjes über die Kopie seines Ausweise das Wort „Classified“. In einem handschriftlichen Zusatz erklärt er die Bedeutung der Klassifizierungen: „Das Rassenetikett, mit dem ein nicht-weißes Kind bei seiner Geburt bezeichnet wird, ist nicht nur ein Kennzeichen seiner Rasse, es ist eine permanente Brandmarkung der Minderwertigkeit, eine Brandmarkung des Klassenunterschiedes. Sein ganzes Leben hindurch wird dieses Rassenetikett alle Betroffenen warnen, welche Türen dem Kind offen stehen und welche verschlossen sind.“

Andere Blätter nehmen auf die Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung Bezug – „Colour this Labour Dirt Cheap“, „Colour this Slavery Golden“ – sowie auf das Sharpeville-Massaker – „Colour these People Dead“. Auf einer Grafik mit der Aufforderung „Colour this Whites Only“ verschmilzt das Gesicht des südafrikanischen Premierministers Vorster mit dem Adolf Hitlers.

Die Arbeiten des „South African Colouring Book“ gewinnen ihre außerordentliche Qualität durch die Mischung aus schonungsloser Dokumentation, Aufklärung und dem bitteren Sarkasmus des unter dem menschenverachtenden System leidenden Künstlers. Auch die grafische Qualität dieser Arbeit ist bestechend. Sie erinnert – auch durch die gleiche Wahl des Malen-nach-Zahlen-Motivs – an die Arbeiten Andy Warhols.

Neben seinen grafischen Arbeiten beschäftigt sich Gavin Jantjes auch mit Malerei. Seine Ölbilder der neunziger Jahre zeigen Einflüsse archaischer Kunst, sie erinnern zum Teil an Höhlenmalerei. Ein Bild ohne Titel (1990) zeigt drei Zwitterwesen mit menschlichen Körpern und den Schwänzen von Tieren. Die drei stehen im Freien vor einem Sternenhimmel. Ihre länglichen, deformierten Köpfe strecken sie dem Himmel entgegen. Die Arme haben sie leicht ausgebreitet, so als erwarteten sie – wie bei einer Kulthandlung – den Empfang des Göttlichen aus der Natur. Die Komposition beeindruckt durch ihre große Einfachheit: Die Farben sind auf Schwarz und Weiß beschränkt, die Figuren jeweils nur durch eine Umrisslinie gezeichnet. Eine sanfte Wellenbewegung, die ihren Anfang in der linken Figur nimmt, geht durch das ganze Bild.

Eine sehr viel malerischere Arbeit, ebenfalls ohne Titel (1990), zeigt eine über mehrere, schief nebeneinander angebrachte Leinwände gemalte Schlange, die sich auf einem weißen Untergrund fortbewegt. Von dem Bild geht durch die scheinbar zufällige Anordnung der Bildträger eine starke, spielerische Dynamik von rechts unten nach links oben aus. Die Schlange scheint sich weiter fortbewegen zu wollen, eine unendliche Fortsetzung mit weiteren Leinwänden, die ihr den Untergrund für ihre Bewegung bieten, scheint möglich.

Wegen seiner zahlreichen Aktivitäten als Dozent, Autor – z.B. von „Fruitful Incoherence: Dialogues with Artists on Internationalism“ – und Kurator – er ist künstlerischer Direktor des Henie Onstad Kunstsenter, Oslo – ist Gavin Jantjes’ künstlerisches Schaffen in den letzten Jahren weniger geworden.
Author: Petra Stegmann

Bio

Gavin Jantjes wurde in Kapstadt geboren. Er studierte bis 1969 an der Michaelis School of Fine Art, University of Cape Town. Das Studium setzte er an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg, fort, wo er 1972 seinen Magister erhielt. 1970 hielt er sich mit einem DAAD-Stipendium in Berlin auf.

1982 ging Gavin Jantjes ins Exil nach Großbritannien. Von 1986 bis 1990 war er Mitglied des Arts Council of Great Britain. 1992 war er Berater des Arts Council bei der Gründung des Institute on New International Visual Art (INIVA). Von 1992 bis 1995 war er Berater der Tate Gallery. 1995 war Jantjes Dozent für Bildende Kunst am Chelsea College of Art and Design, Liverpool, und von 1995 bis 1998 Kurator der Serpentine Gallery, London. Seit 1998 ist Gavin Jantjes künstlerischer Direktor des Henie-Onstad Kunstsenter in Oslo.

Seine Arbeiten befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen, z.B. Victoria and Albert Museum, London; Arts Council of Great Britain, London; Wolverhampton City Art Gallery und Coventry City Museum, Großbritannien; National Museum of African Art des Smithsonian Institution, Washington D.C., USA.

Gavin Jantjes lebt und arbeitet in Christian Malford, North Wiltshire, und in Oslo.

Works

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Back to Black”, Whitechapel Art Gallery, London, Großbritannien 2004 „Insights”, National Museum of African Art, Washington, USA 2003 „M_ARS – Kunst und Krieg”, Neue Galerie, Graz, Österreich 2001 „Head North“, Bildmuseet, Umea, Schweden „The Short Century”, Museum Villa Stuck, München „The Short Century”, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „The Short Century”, Museum of Contemporary Art, Chicago, USA „The Short Century”, P.S.1 Contemporary Art Center and the Museum of Modern Art, New York, USA 1996 „Art Contra Apartheid“, South African Hose of Parliament, Johannesburg, Südafrika 1994 Havanna Biennale, Havanna, Kuba 1990 Edward Totah Gallery, London, Großbritannien 1986 „From Two Worlds”, Whitechapel Art Gallery, London, Großbritannien

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Short Century

Independence and Liberation Movements in Africa

(18 May 01 - 29 July 01)