Amir Nour

Article Bio Merits Projects
crossroads:
Erinnerung, Identität, Zeit
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Bildhauerei, Installation)
region:
Africa, Northern
country/territory:
Sudan
created on:
July 1, 2003
last changed on:
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Schafe aus Stahl in Shendi

Der 1939 im Norden Sudans geborene Bildhauer Amir Nour ist nicht nur einer der herausragenden Künstler seines Landes, er hat auch international und vor allem in den USA, seiner zweiten Heimat seit 1974, für seine Werke höchste Anerkennung gefunden. Stilistisch auf den ersten Blick dem Minimalismus verpflichtet, verbergen sich hinter seinen raumgreifenden Arrangements von für sich allein genommen oft sehr schlichten Gegenständen die unterschiedlichsten kulturellen und individuellen Einflüsse und Assoziationen.
Wenn man weiß, dass der sudanesische Bildhauer Amir Nour die Schafe in der Wüste in der Nähe seiner Heimatstadt Shendi im Sinn hatte, als er 1969 die Skulptur „Grazing at Shendi“ schuf, dann mag man sich angesichts der über zweihundert am Boden aufgestellten, halbkreisförmig gebogenen Stahlrohre tatsächlich an eine grasende Tierherde erinnert fühlen. Diejenigen, die diese vom Künstler selbst stammende Erklärung nicht kennen, sehen in der überwältigenden Installation vor allem dies: die Variation des Immergleichen, ein Meisterwerk der Minimal Art, unterschieden nur durch Größe und Ausrichtung, ein die Sinne verwirrendes Arrangement aus wulstigen, irreal mattsilbrig schimmernden Rundbögen, in denen das biomorphe Organische und das Technoide sich innig vereinen.

Amir Nour wurde 1939 in Shendi, einer uralten Stadt im Norden Sudans geboren. Er begann seine künstlerische Laufbahn an der Hochschule für freie und angewandte Kunst in Khartoum, die damals eine Vorreiterrolle in der Förderung und Verbreitung zeitgenössischer afrikanischer Kunst innehatte. Obwohl selber gerade erst vierundzwanzig, übernahm er nach seinem Studium dort für drei Jahre, von 1963 bis 1965, die Leitung des Bereichs Bildhauerei. Zuvor hatte Nour vier Jahre lang in Großbritannien gelebt, war Stipendiat an der bekannten Slade School of Fine Art der London University und führte seine Ausbildung am Royal College of Art weiter. 1969 wurde ihm ein Stipendium der Rockefeller Foundation zugesprochen, woraufhin er in die USA übersiedelte und an der Yale University School of Art and Architecture seinen Master of Arts machte. Seit 1974 lebt der Künstler permanent in den USA, in Chicago. Neben seiner bildhauerischen Arbeit unterrichtet Nour am Truman College der Universität der Stadt am Michigan-See als Associate Professor of Art.

Die Skulpturen Nours, die man vielleicht besser Formenarrangements oder Installationen nennen könnte, zeichnen sich durch eine bestechende Klarheit und einen erhabenen Ernst aus. Die häufig sehr großen, sich über ganze Räume erstreckenden oder öffentliche Plätze füllenden Werke sind stilistisch gesehen am ehesten dem Minimalismus zuzuordnen, der seinen weltweiten Siegeszug Mitte der sechziger Jahre von der nordamerikanischen Ostküste aus startete. Einfache, schlichte Einzelteile, die oft nicht manuell, sondern industriell gefertigt erscheinen, werden von Nour so kombiniert, dass sie in der Masse eine ganz eigene ästhetische Wirkung erlangen.

Der Kunsthistoriker Barthosa Nkurumen schrieb in seinem Beitrag für die in Chicago erscheinende Encyclopedia of Sculpture einmal über seine Arbeiten, in ihnen offenbare sich „eine Zeitlosigkeit, die den Kulturraum, in dem sie entstanden, transzendiert“. Tatsächlich werden sich die verschiedenen Einflüsse, die sich in Nours Schaffen bündeln, kaum je eindeutig bestimmen lassen. Hier existiert alles gleichberechtigt nebeneinander: das Regionale und das Kosmopolitische, Abstraktion und Gegenständlichkeit, Herkunft, Erinnerung und Identität, vor dem geistigen Auge visionierte Bilder und das banale Alltägliche, welches erst durch des Künstlers Hand zu etwas Besonderem wird. Amir Nours Gesamtwerk hat weltweit große Anerkennung erfahren und wurde mit zahlreichen Preise geehrt. 1996 gehörte er zu jenen fünf Künstlern, die anlässlich der olympischen Spiele in Atlanta die „International Sculpture Exhibition“ bestritten. Nour präsentierte „Equation“, eine über acht Meter lange Skulptur, die normalerweise ihren Standort vor der Polizeistation des vierten Distriktes von Chicago hat – sie wurde eigens mit dem Flugzeug nach Atlanta geflogen.
Author: Ulrich Clewing

Bio

1939 geboren in Shendi
Besuch der Hochschule für freie und angewandte Kunst, Khartoum
1959-63 Besuch der Slade School of Fine Art, London, und des Royal College of Art, ebenfalls London
1963-65 Leiter der Abteilung Bildhauerei an der Hochschule für freie und angewandte Kunst, Khartoum
1969 Rockefeller Fellowship, weiterführende Studien an der Yale University School of Art and Architecture
Seit 1974 Lehrtätigkeit an verschiedenen City Colleges in Chicago, derzeit Associate Professor of Art am Truman College, Chicago

Merits

Auswahl:

1968 African Arts Magazine Prize for Graphic and Plastic Arts
1969 New Haven Festival of Art Prize

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Short Century

Independence and Liberation Movements in Africa

(18 May 01 - 29 July 01)