Elias Khoury

Article Bio Works Projects www
crossroads:
Bürgerkrieg, Diktatur, Exil, Islam, Menschenrechte, Tod, Zensur
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Roman)
Performing Arts (Doku-Performance, Theater, Video-Performance)
region:
Middle East
country/territory:
Lebanon
city:
Beirut
created on:
June 4, 2003
last changed on:
Please note: This page has not been updated since December 21, 2005. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:
Elias Khoury
Elias Khoury

Article

(Bürger-)Krieg ohne Anfang und Ende

Der 1948 in Beirut, Libanon, geborene Elias Khoury ist einer der führenden arabischen Intellektuellen. Der studierte Soziologe entwickelte sich seit Mitte der siebziger Jahre vom palästinensischen militanten Freiheitskämpfer zu einem der bedeutendsten arabischen Autoren der Gegenwart. In seinen Romanen, Theaterinszenierungen und Performances sowie als Herausgeber der Kulturbeilage der libanesischen Tageszeitung al-Nahar setzt er sich kritisch und selbstkritisch mit den gesellschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnissen im Nahen Osten auseinander.
„Auf welches Jahr würden die Historiker diesen Krieg datieren? Begann der Krieg 1975, 1973, 1967, 1958 oder 1860? Ich weiß es nicht. Alle Daten können als Vorabend eines langen Krieges gelten, der alles zerstörte“, schreibt Elias Khoury in seinem Roman „Der geheimnisvolle Brief“, der 1992, zwei Jahre nach dem Ende des libanesischen Bürgerkriegs erschien und dessen Vorgeschichte er erzählt. Deutsche Rezensenten haben es ihm als Mangel angekreidet, dass er seinen Lesern hierauf keine eindeutige Antwort gibt, dass er sie stattdessen in der Vielzahl seiner Charaktere und einer avantgardistischen Formensprache auflöst.

Schon vor dem Beginn des Bürgerkrieges 1975 hatte Elias Khoury eine soziologische Dissertation über den Krieg von 1860 begonnen und dabei entdeckt, dass die Geschichte des Libanon seit diesem Zeitpunkt eine Kette von Bürgerkriegen war, auch wenn der Staat im Westen bis 1975 als Muster einer arabischen Demokratie mit einem Gleichgewicht verschiedener Ethnien, Glaubensrichtungen und Kräfte galt.

Khoury ist im Verlauf seines Lebens die Heilsgewissheit wie auch der Glaube, dass das sich immer wiederholende Leiden einen Sinn ergeben könnte, verloren gegangen. Auch er befürwortete ursprünglich den Bürgerkrieg, der in jedem seiner bisherigen Romane, seinen Theaterstücken und intellektuellen Interventionen die Hauptrolle spielt. „Ich war anfangs nicht gegen den Krieg. Wir fühlten 1975, dass Krieg unvermeidlich war. Wir kämpften freiwillig in diesem Krieg. Leute wie ich glaubten, dass eine Koalition von Libanesen und Palästinensern der Arabischen Welt etwas Neues geben würden. Wir versuchten einen neuen Typus einer demokratischen und säkularen Herrschaft in einer Region der Welt aufzubauen, die so etwas noch nie erfahren hatte. Es hat nicht funktioniert. Wir sind gescheitert, und Leute wie ich haben verloren. Im Libanon haben sowohl die Linken als auch die Rechten verloren.“ (BeirutReview Issue No.5 Index, Spring 1993, www.lcps-lebanon.org/pub/breview/br5/khourybr5.html)

Seit er sich 1976 vom bewaffneten Kampf abwandte, kämpft Khoury mit der Feder für die „Palästinensischen Angelegenheiten“. So etwa 1976 bis 1979 gemeinsam mit dem palästinensischen Lyriker Mahmud Darwisch - ist er doch einer der wenigen arabischen Intellektuellen, der Kritik an arabischen Diktaturen, Zensur und Bigotterien übt. Sein Roman „Yalo“ (2002) wurde in einigen arabischen Ländern von der Zensur verboten, denn in ihm geht es um arabische Gefängnisse und ihre Foltermethoden. In dem Zensurverlangen der arabischen Staaten sieht Khoury einen Terror gegen arabische Intellektuelle, der wiederum den Terrorismus nährt: „Die Wurzeln dieses Terrors sind die Militärregime und nicht der Islamismus. Betrachten wir nur einige Schriftsteller in Ägypten wie Sonallah Ibrahim und Youssef Idriss, so sehen wir, dass sie alle im Gefängnis waren. Der Roman in der arabischen Welt ist ein Kind des Gefängnisses. Die Machthaber terrorisieren die Intellektuellen, indem sie sie vor die Wahl stellen: Entweder befürworten sie das Militärregime, oder man droht ihnen mit der islamistischen Gefahr ... Die Aufgabe der Sicherheitsapparate ist es, demokratische und laizistische Strömungen auszumerzen, indem sie sich der Religion bedienen, um die Intellektuellen einzuschüchtern. Der Feind der Freiheit ist also die Diktatur, nicht der Islam. “ (DIE ZEIT, 26/2002)

Ähnlich arabisch-selbstkritisch verfährt Khoury gemeinsam mit dem Autor, Schauspieler und Regisseur Rabih Mroué in der Doku-Performance „Three Posters“ (2000), die 2001 im Berliner Haus der Kulturen der Welt im Rahmen des Festivals IN TRANSIT aufgeführt wurde und terroristische Selbstmordattentate scharf kritisiert. Im Gegensatz zu der herrschenden Vorstellung sind Selbstmordattentate ursprünglich keine Erfindung islamischer Fundamentalisten, sondern der säkularen nationalen libanesischen Linken. Das Stück sollte eine Diskussion darüber anstoßen, wie etwas, das im säkularen Freiheitskampf entwickelt wurde, als islamistische Strategie enden konnte.

Das Ergebnis ist für Khoury allerdings dasselbe: „Ich glaube, da gibt es überhaupt keinen Unterschied. Sogar für die Islamisten ist es eine militärische Taktik. Sie drückt die totale Hoffnungslosigkeit eines Volkes aus, das seit mehr als 30 Jahren unter der Besetzung leidet. Ich akzeptiere diese Hoffnungslosigkeit nicht. Politisch käme man da ganz einfach heraus, wenn man endlich zwei Staaten akzeptierte. Wenn das überhaupt noch Sinn macht in einer Situation, wo jeder schon alle Hoffnung verloren hat. Und das ist furchtbar, denn es könnte einen Krieg heraufbeschwören, der nie endet“, erklärt er anlässlich der Uraufführung von „Three Posters“ in Europa.

Khoury sieht nur eine Chance aus dem scheinbar endlosen Kreislauf der Gewalt herauszukommen: „Im Kampf zweier Völker in dem selben Land sind Israelis und Palästinenser der Spiegel füreinander geworden. Der erste Schritt zur Versöhnung wäre, dass die Israelis bereit sind, sich den palästinensischen Schmerz anzusehen und zu akzeptieren, dass auch die Palästinenser Opfer sind. Auf der anderen Seite müssen freilich auch die Palästinenser den jüdischen Schmerz und die Geschichte zur Kenntnis nehmen, wo Juden Opfer geworden sind. Wenn die beiden Opfer akzeptieren, dass sie einander spiegeln, kommen wir vielleicht einer Lösung näher.“

Die Performance „Three Posters“ hat das Videodokument eines Jamal Satti zur Grundlage, der sich 1985 vor dem israelischen Militärstützpunkt in Hasbayya in die Luft sprengte. Zwei Stunden zuvor gab er vor der Kamera eine Erklärung ab, die – wie damals üblich im libanesischen Fernsehen – ausgestrahlt wurde. Khoury und Mroué bleiben nicht bei einer einfachen Darstellung, moralischer Positionierung und der Kritik an einer fatalen politischen Strategie stehen, sondern ihr Stück enthält einen Diskurs über den Tod und spielt mit unterschiedlichen Ebenen von Realität und Fiktion, Wahrheit und Illusion, Dokumentation und Manipulation.

Durch einen Zufall war den beiden Autoren im Mai 1999 das ungeschnittene VHS-Videoband von Satti in die Hände gefallen, aus dem hervor ging, dass Satti immer wieder neu angesetzt hatte, um die bestmögliche Wirkung seiner Erklärung zu erzielen. „Was uns erstaunte, waren die Wiederholungen des Materials. Wir haben das Band mehrere Male gesehen und jedes Mal hat das Ausmaß der Wiederholungen gemischte Gefühle in uns hervorgerufen. Frage: Was sind die Grenzen zwischen Wahrheit und Repräsentation? Jamal Satti war kein Schauspieler. Vor der Kamera zu stehen war der politische Teil seines Kampfes. Seine Operation war ein Selbstmordattentat, das sein Schicksal besiegelte. Warum versuchte er zu schauspielern? Gibt es eine Beziehung zwischen Repräsentation und Tod? Jamals Band wurde nur einmal auf „Tele-Liban“ gezeigt. Könnte es sein, dass die Repräsentation dem Tod darin ähnelt, dass sie nur einmal erzählt wird? Dieses Band verwirrte uns.“ (www.kunstenfestivaldesarts.be/en/2002/spect/stl18.html)

Zuerst wollten Khoury und Mroué nur das ungeschnittene Video zeigen, dann wollten sie ein Video eines Bühnenschauspielers, der Satti nachspielt, filmen und auch dem Publikum die Möglichkeit geben, selbst in die Rolle des zukünftigen Attentäters zu schlüpfen. Schließlich entschieden sie sich für den folgenden Rahmen: „Er (der Film, d. Red.) enthält drei verschiedene Möglichkeiten, den Tod wahrzunehmen: die des Schauspielers, die des Widerstandskämpfers Jamal Satti und die eines Politikers. Der Schauspieler und der Politiker sind die unsichtbaren Gesichter im Archivmaterial. Wir haben versucht die drei Gesichter in einer Abfolge nacheinander zu fassen. Der Schauspieler betrügt uns am Anfang, aber enthüllt seine Wahrheit. Der Politiker erzählt eine andere Stimme der Geschichte: wie eine moralische Niederlage eine politische Niederlage hervorbringt. Der Schauspieler spielt nur, um dabei den Anteil seiner Vorstellung und ihre Begrenzung zu enthüllen. Was den Tod angeht, so kann er nur verstanden werden, wenn man ihn erfährt und wenn die Notwendigkeit des Ausdrucks sich verbraucht hat.“ (ibid.)

Auch in seinem 1998 ins Deutsche übersetzten Roman „Königreich der Fremdlinge“ verwischt Khoury die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion, Realität und Phantasie, Vergangenheit und Gegenwart, Erinnertem und Erzähltem. Hier sind alle Figuren Fremde, ob Flüchtlinge, Vertriebene, Verschleppte, Exilanten, Emigrierte oder Konvertierte. Mit einer der klassischen arabischen Erzähltradition entlehnten Montagetechnik webt er die Lebensgeschichten seiner Protagonisten in mehreren Handlungssträngen zusammen. Wie in allen seiner Romane ist die Stadt Beirut die eigentliche „Hauptperson“ seines Romans. Die libanesische Hauptstadt erscheint in Khourys Werken immer als Ort einander bekämpfender historischer und politischer Kräfte, als Schauplatz des israelisch-libanesischen Krieges, die an den Nahtstellen ihrer verschiedenen Ethnien, Sprachen und Religionen im Bürgerkrieg auseinander bricht. Dies gilt auch für die Geschichte von Abd al-Karim (Husn al-Ahmadi al-Mughayri) mit dem Spitznamen „Kleiner Gandhi“, in dem nur auf Englisch übersetzten Roman „The Journey of Little Gandhi“.

Der 1998 erschienene und noch im selben Jahr mit dem Palästina-Preis ausgezeichnete Roman „Das Tor zur Sonne“ thematisiert in einzigartiger Weise den palästinensischen Exodus und erzählt mit vielfach ineinander verschlungenen Handlungssträngen vom Leben der palästinensischen Flüchtlinge in den libanesischen Lagern.

Politik könne man von Literatur nur in der Theorie trennen, postuliert Khoury: „Aber wenn man in der Libanesischen oder Palästinensischen Gesellschaft lebt, ist es unmöglich, weil alles politisiert ist und neu durchdacht werden muss. Und wenn man die Gesellschaft neu denkt, kann man nicht sagen „Ich bin nicht politisch.“ (BeirutReview Issue No.5 Index, Spring 1993) Aber Literatur löst sich nicht in Politik auf: „Ich bin durch den Krieg gegangen und konnte es nicht vermeiden, darüber zu schreiben. Aber in der Literatur geht es darum, alles neu zu denken, Politik mit eingeschlossen. Es geht nicht vor allem um Politik.“ (ibid.)

Den Krieg bezeichnet Khoury als große Schule, in der er nicht nur viel über seine Gesellschaft und ihre Geschichte, sondern auch allgemein über die menschliche Erfahrung gelernt hat. Krieg und Bürgerkrieg haben die Literatur im Libanon entscheidend geprägt. War der Roman dort vorher anders als in Ägypten eher marginal und sehr intellektuell, vermochte er es danach, ein Spiegel der Gesellschaft zu sein und das reale Leben auszudrücken. „Ich glaube nicht, dass meine Literatur außerhalb des Libanon geschrieben werden könnte. Hier können wir die Beziehung zwischen dem Realen und dem Irrealen untersuchen, weil wir in gewisser Weise in einem wirklichen und einem unwirklichen Land leben. Libanon ist ein besonderer Fall. Der Krieg hat die literarische Sprache der gesprochenen Sprache geöffnet. Das ist die große Entwicklung, durch die die arabische Literatur gehen muss. Die arabische Nation ist der einzige Ort, wo die Sprache sich seit 1500 Jahren nicht geändert hat. Außer der unseren haben sich alle anderen Sprachen geändert, weil unsere Sprache sich aus dem Koran ableitet und auf das Heilige bezogen ist. Doch als Resultat dieser Tatsache sind wir durch Jahrhunderte der Stille gegangen. Für mich als jemand, der den Bürgerkrieg erlebt hat, war es sehr wichtig so zu schreiben, wie die Leute wirklich lebten und sprachen. Es gab nichts dergleichen in der modernen libanesischen Literatur. Das Wichtige, das der Krieg uns lehrt, ist, die Wirklichkeit auszudrücken, unsere Sprache zu verändern. Das soll nicht heißen, das klassische Arabisch aufzugeben. Ich glaube, wir müssen die Syntax des Alltags-Arabisch in die Syntax des klassischen Arabisch einbringen.“ (ibid.)

Vor allem aber lehrte der Krieg den Autor Elias Khoury eine bestimmte Haltung gegenüber dem Leben und dem Tod: „Auf literarischer Ebene war der Krieg eine wichtige Schule für mich. Während des Krieges ist alles zeitlos: Man lebt innerhalb ein und derselben Sekunde in der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft; man lebt und stirbt in ein und derselben Sekunde. Das ist etwas ganz Besonderes. Es gibt keine Zeit und doch ist Zeit der große Lehrer von allem. Sie lehrt uns, als Autoren bescheiden zu sein. Wenn man über den Tod schreibt, muss man sehr bescheiden sein.“ (ibid.)

Bio

Elias Khoury wurde 1948 im Ashrafiyyeh von Beirut geboren. Er studierte Geschichte und Soziologie in Beirut und Paris und wurde palästinensischer Militanter. Von 1973 bis 1979 arbeitete er am PLO-Forschungszentrum in Beirut. 1976 wandte sich Khoury vom bewaffneten Kampf ab und gab zusammen mit dem palästinensischen Lyriker Mahmud Darwisch bis 1979 die Zeitschrift „Su’un filastiniya“ („Palästinensische Angelegenheiten") heraus. Danach war er bis 1991 Herausgeber des Kulturteils der Zeitschrift As-Safir und Dozent für moderne arabische Literatur. Seit 1992 ist er Herausgeber der Kulturbeilage der Beiruter Tageszeitung an-Nahar und war von 1993 bis 1998 Direktor des Beiruter Theaters Masrah Bayrut.

Works

Das Tor zur Sonne

Published Written,
2004
Roman. Klett-Cotta: Stuttgart

Der geheimnisvolle Brief

Published Written,
2000
Roman. Beck: München

Königreich der Fremdlinge

Published Written,
1998
Roman. Das Arab. Buch: Berlin

Englischsprachige Titel siehe englische Textversion

Published Written

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

DisORIENTation

Contemporary Artists from Middle East

(20 March 03 - 11 May 03)

Politics of translation

Lectures on the "Politics of Translation"

(01 June 02 - 15 June 02)

IN TRANSIT 2002

Transforming the arts

(30 May 02 - 14 June 02)

Www

Artikel im Guardian

"A circle of madness" (28 July 2007) von Maya Jaggi

Interview - Lebanese Centre for Policy Studies

Politics and Culture in Lebanon