Ziba Mir-Hosseini

Article Bio Works Projects www
crossroads:
Familie, Gender, Geschichte, Menschenrechte, Moderne, Politik, Religion, Tradition
genre(subgenre):
Film (Dokumentarfilm)
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Debatte)
region:
Middle East, Europe, Western
country/territory:
Iran (Islamic Republic of), England (UK)
created on:
May 8, 2006
last changed on:
Please note: This page has not been updated since August 28, 2006. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:

Article

Die Stimme des Feminismus iranischer Art

Wie viele iranische Frauen unterstützte Ziba Mir-Hosseini 1979 die Islamische Revolution. Nach einem Studium der Sozialanthropologie in England kehrte sie 1980 in ihr von der Revolution geprägtes Heimatland zurück. Dort galt sie als „jung und modern“ und wurde als Lehrkraft an der Teheraner Universität abgelehnt. 1984 ging sie erneut nach England, wo sie heute noch lebt. Mir-Hosseini begreift sich als Stimme einer neuen iranischen Generation, die Traditionalismus mit Modernismus, muslimischen Glauben mit Demokratie und Feminismus versöhnt. 1998 und 2001 erschienen ihre gemeinsam mit Kim Longinotto produzierten preisgekrönten Dokumentarfilme „Scheidung auf Iranisch“ und „Runaway – Davongelaufen“.
Ziba Mir-Hosseini liebt ihre Heimat. Ihr Haus ist voller persischer Miniaturen und Teppiche. Geranien erinnern sie an den Duft Teherans im Sommer. Sie kocht leidenschaftlich gern iranische Gerichte. „So viel Liebe geht da hinein“, sagte sie in einem Interview mit der BBC, „man muss wirklich auf das aufpassen, was man da tut. Ich liebe es \persisch zu kochen\1.

Wie viele junge Iranerinnen ihrer Generation ging Mir-Hosseini nach England, um dort Englisch zu lernen und um eine angesehene Ausbildung zu erhalten. Wie viele iranische Frauen unterstützte sie 1979 die Islamische Revolution. Als sie nach sechs Jahren Englandaufenthalt ihr Diplom der Sozialanthropologie in der Tasche hatte, hatte die Islamische Revolution gesiegt. 1980 verließ sie England. Sie fühlte sich auf der Siegerseite und hoffte auf eine Karriere im Heimatland.

„Es war eine schwierige Zeit“, sagt sie heute. Die ersten zwei Jahre waren von gewalttätigen Ausschreitungen geprägt. Die Universitäten schlossen. Als sie wieder öffneten, erkannte sie, dass die Islamische Republik sie ablehnte. Sie hatte eigenständig in London gelebt und trug kein Kopftuch. Mir-Hosseini erklärt nicht, ob ihre Weigerung, ein Kopftuch zu tragen, mit dieser Einsicht einher- oder ihr vorausging. „Es gab“, sagt sie, „für junge Frauen in Iran \damals zwei Möglichkeiten – jung und modern zu sein oder Muslim zu sein und \der Religion zu folgen“ \2. Eine akademische Karriere in Iran war mit Mir-Hosseinis westlicher Ausbildung unmöglich. Sie, die die Religion auf ihre Fahnen geschrieben hatte, gehörte in ihrer Heimat plötzlich zu denjenigen, die „jung und modern" waren und damit eine Bedrohung für den traditionalistischen Islam darstellten.

Mir-Hosseinis weiteres Leben, ihre politischen Haltungen und Thesen lesen sich wie ein Versuch, diesem Entweder-Oder andere Entwürfe entgegen zu setzen. Sie wird nicht müde zu betonen, dass sie die Stimme einer neuen iranischen Generation sein will, die Traditionalismus mit Modernismus, muslimischen Glauben mit Demokratie und Feminismus versöhnt.

Auch ihr Geschichtsverständnis kann unter diesem Vorzeichen verstanden werden. Sie meint, dass die Islamische Revolution zu einem neuen Geschlechterbewusstsein geführt und zahlreiche positive Veränderungen in der iranischen Gesellschaft bewirkt habe\3. Ab den 80’er Jahren sei paradoxerweise mit dem politischen Islam ein „in der eigenen Kultur verwurzelter“ Feminismus entstanden, der „in seinen Zielen und Forderungen ‚feministisch’, \… hinsichtlich seiner Sprache und Legitimationsquellen ‚islamisch’“ sei“ \4. Die Islamisten, argumentiert sie, lehnen diesen neuen Islamischen Feminismus ebenso ab wie die Modernisten, die hierin ein Vermächtnis der Kolonialzeit sehen. Dass er weder von den traditionalistischen noch den modernistischen Kräften angenommen wird, begreift Mir-Hosseini als Dilemma. Sie nimmt die Religion sehr ernst: „Nicht nur weil ich gläubige Muslimin bin. Sondern weil in der muslimischen Welt der religiöse Diskurs vorherrschend ist. Man muss sich mit ihm auseinander setzen“ \5. Mir-Hosseini propagiert diesen versöhnten Islamischen Feminismus nicht nur. Sie lebt ihn.

1984 verließ sie den Iran nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, und kehrte nach England zurück. Nach einer weiteren Scheidung verliebte sie sich in einen Engländer, heiratete zum dritten Mal und adoptierte eine Tochter. Parallel dazu verwirklichte sie ihren Traum von einer akademischen Karriere als freischaffende Dozentin an der renommierten School of Oriental and African Studies (SOAS) in London.

Ihre weiteren Aktivitäten sind eng verwoben mit ihren politisch-reformerischen und feministischen Ansätzen. So übersetzte Mir-Hosseini ihre akademischen Erfahrungen in den 1998 erschienenen Dokumentarfilm „Scheidung auf Iranisch“, in dem sie gemeinsam mit Kim Longinotto drei Prozesse in einem Teheraner Familiengericht verfolgt. Der Film geriet trotz der Frauen benachteiligenden Rechtssprechung zu einem Film über starke Frauen, die dem Richter Durchhaltevermögen, List und Charme entgegen setzen. 2000 folgte ein Buch zu diesem Thema. „Marriage on Trial – A Study of Islamic Family Law" untersucht die Wege, die Frauen gehen, um innerhalb der vorherrschenden Strukturen das islamische Recht zu ihren Gunsten zu wenden. Zugrunde liegt dem Film Mir-Hosseinis Beobachtung, dass nach der Islamischen Revolution die Frauen der unteren Schichten politisiert wurden. Diese Frauen, die „die religiöse Sprache und die traditionellen Diskurse beherrschen“, sagte sie in einem Interview, „begannen diese zu nutzen, um ihre Rechte einzufordern“ \6.

Ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Loginotto begleitet Mir-Hosseini in „Runaway – Davongelaufen“ (2001) junge Mädchen in einem Teheraner Heim, das ihnen als temporäre Zuflucht vor häuslichem Missbrauch, erzwungenen Eheschließungen und anderen Streitigkeiten dient. Die Mädchen müssen einen Kompromiss finden, denn sie kehren in ihr familiäres Umfeld zurück. Hier gibt es keine Lösungen, aber da die Familien die Mädchen abholen und mit deren Problemen konfrontiert werden, entsteht Hoffnung auf minimale Veränderungen. Trotzdem bleibt dieser Film, laut einer Ankündigung des WDR „illusionslos“, denn: „Die zahlreichen zur Sprache kommenden Einzelheiten sind einfach zu deprimierend und die Aussichten bleiben zweifelhaft“ \7.

Vielleicht ist Ziba Mir-Hosseini zu optimistisch, um kleine Schritte für hoffnungslos zu halten. Auch nach dem Sieg der konservativen Hardliner in Iran zeigt sich die Reformerin keineswegs entmutigt. Stattdessen setzt sie auf den Lernprozess. „Das Ergebnis der Wahlen“, sagte sie in einem Interview mit der Zeitschrift für Kulturaustausch, „spiegelt den massiven Riss zwischen Reich und Arm im Iran.“ Die Wahl zeige, fährt sie fort, dass „die Reformbewegung dem Thema soziale Gerechtigkeit ebenso viel Aufmerksamkeit hätte schenken müssen wie dem Thema Freiheit und Demokratie“ \8. Es gibt eine Zeit nach Ahmadinejad, möchte man hinzufügen.

Mir-Hosseini hat die alte mit der neuen Heimat versöhnt. Während sie Geranien gießt und persisch kocht, gibt sie anderen Hoffnung auf eine Demokratie und einen Feminismus „Iranian Style“. Anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises an Shirin Ebadi schrieb sie einen Artikel, in dem sie ein weiteres Motiv ihrer Arbeit offenbart. Dass Ebadi diesen Preis erhalten hat, schließt sie, mache es „der Welt einfacher, die Stimmen und die Pein jener iranischen Frauen zu erfahren, deren Geschichten erst noch erzählt werden müssen“ \9.



\1 BBC World Service www.bbc.co.uk/worldservice/specials/1526_passportplease/page3.shtml
\2 ebda
\3 siehe Iran Press Service, „Women and the Elections in the Islamic Republic of Iran“, www.iran-press-service.com/articles/elections_mirhosseini_13200.htm
\4 zitiert aus: „Neue Überlegungen zum Geschlechterverhältnis im Islam – Perspektiven der Gerechtigkeit und Gleichheit für Frauen“, in: Ute Gerhard, Mechtild M. Jansen, Mechthild Rumpf \Hg., Facetten islamischer Welten, 2003
\5 zitiert aus: Zeitschrift für KulturAustausch 2/2005
\6 ebda
\7 siehe www.lernzeit.de/sendung.phtml?detail=169147
\8 zitiert aus: Zeitschrift für KulturAustausch 2/2005
\9 zitiert aus: Middle East Report Online: „Shirin Ebadi’s Nobel Peace Prize Highlights Tension in Iran", www.merip.org/mero/mero102703.html
Author: Heike Gatzmaga

Bio

Ziba Mir-Hosseini, ist unabhängige Beraterin, Wissenschaftlerin und Autorin zu Nah-Ost-Themen, speziell Gender, Verwandtschaftsbeziehungen und Islamisches Recht. Sie ist leitendes Mitglied am London Middle Eastern Institute, SOAS, an der University of London. Sie schloss mit einem BA in Soziologie an der Tehran University (1974) ab und mit einem PhD in Sozialanthropologie an der University of Cambridge (1980). Sie erhielt zahlreiche Forschungsstipendien, Fellowships und Gastprofessuren, zuletzt: (2004-5) Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin; 2002, 2004, 2006, Gastprofessuren in Hauser Global Law an der School of Law, New York University. Ausgewählte Veröffentlichungen: Marriage on Trial: A Study of Islamic Family Law in Iran and Morocco (I. B. Tauris, 1993, 2002), Islam and Gender: The Religious Debate in Contemporary Iran (Princeton University Press, 1999; I. B. Tauris, 2000), and (with Richard Tapper) Islam and Democracy in Iran: Eshkevari and the Quest for Reform (I. B. Tauris, 2006). Zusammen mit Kim Longinotto drehte sie zwei preisgekrönte Dokumentarfilme zu aktuellen Themen in Iran: "Divorce Iranian Style" (1998) und "Runaway" (2001).

Works

Islam and Democracy in Iran: Eshkevari and the Quest for Reform

Published Written,
2006
Studie. With Richard Tappe. I. B. Tauris: London

Runaway

Film / TV,
2001
Dokumentarfilm. Gemeinsam mit Kim Longinotto.

Islam and Gender: The Religious Debate in Contemporary Iran

Published Written,
1999
Princeton University Press: Princeton (2. Auflage I. B. Tauris, 2000)

Divorce Iranian Style

Film / TV,
1998
Dokumentarfilm. Gemeinsam mit Kim Longinotto.

Marriage on Trial: A Study of Islamic Family Law in Iran and Morocco

Published Written,
1993
Studie. I. B. Tauris: London (2nd edition 2002)

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Bilderkriege - Bruchstellen der Moderne

Internationale Konferenz

(01 May 06 - 01 May 08)

Www

Interview auf Countercurrents.org

Understanding Islamic Feminism:
Interview With Ziba Mir-Hosseini
(7. Februar 2010)

Interview auf Qantara.de

"Wir müssen die alten Dogmen überdenken" (2010)