Lina Do Carmo

Article Bio Works
crossroads:
Körper, Mystik, Ritual
genre(subgenre):
Performing Arts (Tanz)
region:
America, South, Europe, Western, Africa, Western, Europe, Western
country/territory:
Brazil, Germany, Nigeria, England (UK)
created on:
June 28, 2003
last changed on:
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Lina Do Carmo
Lina Do Carmo

Article

Die Seele und der Tanz

Die seit 1988 in Deutschland lebende brasilianische Choreographin und Tänzerin Lina do Carmo gilt als Brasiliens wichtigste Repräsentantin des Körpertheaters. Die Schülerin Marcel Marceaus vereint Tanz und Pantomime zu einem expressiven Tanztheater, das inspiriert ist von Magie, Mystik und Ritualen.
Body and Soul – das sind die Pole des expressiven Tanztheaters, mit dem die seit 1988 in Europa und vor allem in Deutschland lebende brasilianische Choreographin und Tänzerin Lina do Carmo die Zuschauer auf der ganzen Welt in ihren Bann zieht. Obwohl sie nach einer Ausbildung als Schauspielerin und Tänzerin in Brasilien und den USA bei Marcel Marceau in Paris Pantomime studierte, ist ihr Körpertheater mit dem Begriff Pantomime nur unzureichend bezeichnet. Sie formt tänzerische Elemente und eine fast akrobatische Körperbeherrschung zu choreographischen Bildern, in die immer auch ein Hauch von Erotik und Ekstase einfließen.

Mit über hundert Gastspielen im In- und Ausland ist „Victoria Regia – A Fiction from Amazonas“ Lina do Carmos bisher erfolgreichste Soloproduktion. Die Mythen und Legenden, die sich um die wundersame Pflanze Victoria Regia im Amazonasgebiet ranken, bilden den Stoff für eine phantastische Reise von der Zivilisation in den Zauberwald, den Lina do Carmo wie eine Symphonie aus Bildern und Musik inszeniert. Darin kontrastiert sie effektvoll eine tollpatschige Wissenschaftlerin mit einem nur aus Muskeln, Haut und Bewegung entstehenden menschenfernen sinnlichen Wesen.

Auch in der „Capivara“-Produktion über den magischen Ort in der trockenen Buschlandschaft im Nordosten Brasiliens aus dem Jahr 1998 begibt Lina do Carmo sich auf die Suche nach der Seele der Wildnis und zeigt die Schönheit archaischer Ausdrucksformen. Erst vor kurzem wurden an jenem Ort die ältesten Spuren menschlicher Besiedlung auf dem amerikanischen Kontinent entdeckt. Die zahllosen exotischen Inschriften und Wandmalereien, die dabei gefunden wurden, animierten Lina do Carmo zu einem Tanz der Symbole, der die Fährten menschlicher Existenz zu ihrem Ursprung verfolgt.

Doch die brasilianische Tänzerin bleibt mit ihren Produktionen nicht im heimischen Urwald. Auch vor den Ikonen der europäischen Klassik macht sie nicht Halt. Lina do Carmo ist die erste Choreographin, die die komplette „Kunst der Fuge“ von Johann Sebastian Bach choreographisch gestaltete. In „Fugitus“ setzt sie die Mittel poetischer Körpersprache zu einer geistigen und philosophischen Auseinandersetzung mit dem Thema ein. „Fuga“ (lat. für Flucht) begreift sie als den ewigen Strom des Lebens. So erzählt Lina do Carmo in ihrem tänzerischen Monolog von den ersten tastenden Schritten des Menschen in die Welt, von der ständigen Weiterentwicklung, dem Fluss der Existenz als ewigen Kreislauf. Dabei tritt die tänzerischen Darbietung in einen Dialog mit der live auf Cembalo, Klavier oder Orgel gespielten musikalischen Begleitung. Dem sakralen Aspekt der Thematik zollt sie Tribut, indem sie das Stück nicht nur in herkömmlichen Theatern, sondern auch in Kirchen aufführt.

In ihrer ersten Ensembleproduktion "Aruanãzug" bringt Lina do Carmo 1999 die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, das Nebeneinander von Archaik und Moderne auf die Bühne, untersucht sie die Parallelität von Ritual und Rave. Als Brasilianerin, die seit langem außerhalb ihres Landes lebt und arbeitet, steht Lina do Carmo zwischen zwei kulturellen Identitäten: auf der einen Seite die turbulente Welt des zeitgenössischen europäischen Tanzes, auf der anderen die archaische Welt der Rituale der überlebenden Indianer ihrer Heimat. Diese zwei Pole prägen auch Aruanãzug. Der „Aruanã-Tanz“ , das wichtigste Ritual der Karajá-Indianer aus Zentral-Brasilien, wurde von der brasilianischen Musikwissenschaflerin Suely Br´gido in ihrer Arbeit „Bilder des Ursprungs“ dokumentiert. Er erzählt die Schöpfungsgeschichte des Kosmos als Botschaft übernatürlicher, unter Wasser lebender Wesen. Dargestellt von maskierten Tänzern des Karajá-Volkes, materialisieren sich diese „Aruanã“ während des Rituals.

Lina do Carmos Choreographie konfrontiert dieses archaische Ritual mit den Alltagsritualen der „zivilisierten“ Welt. Denn bei ihrem Besuch der Karajá-Indianer erlebte sie selbst, wie dort Aruanã-Tanz und Transistorradio, Kollektiv und Computer nebeneinander existieren. Durch diese Begegnung mit der Gleichzeitigkeit von Mythos und Moderne wurde sie zu den Bildern inspiriert, mittels derer sie in „Aruanãzug“ nach der Identität in unserer fragmentierenden Gesellschaft fragt. Sie hofft, dem „westlichen“ Publikum mit dieser Choreographie etwas von der Bedeutung des Mythos vermitteln.

Den zweiten thematischen Aspekt umschreibt das Wort Zug: das Wandern als ursprüngliches Charakteristikum der Menschheit. Früher wanderten Völker, heute vor allem Individuen. Lina do Carmo lässt ihre Tänzer eintauchen in den
ununterbrochenen Fluss einer Bewegung, die sie mit steigender Geschwindigkeit immer tiefer in das Unbewusste der Zeit zieht. Migration und Mythos werden eins im Strom der Bilder. „Flucht und Suche finden sich in jeder Version der Schöpfungsgeschichte, ihre Dualität ist der Anfang aller Kunst. Das poetische Mysterium bewegt sich ständig in unseren träumenden Seelen“, sagt Lina do
Carmo.

Im Jahr 2000 feierte Brasilien sein 500-jähriges Bestehen. Lina do Carmo versteht ihr Projekt als Hommage an die Einwohner Brasiliens, die schon weit länger als 500 Jahre dort leben. „Aruanãzug“: woher und wohin? In einer fröhlichen Utopie gelingt es der Choreographin, begleitet von den aufregenden Videographien von Inge Kamps, zu der Musik von Henry Torgue die Welt in einem Tanzabend zu umspannen.

In ihrer aktuellen Produktion, dem Tanzduo mit Rebekka Schaefer „Flamme des Augenblicks“, nach einem Text von Paul Valéry in der Textübertragung von Rainer Maria Rilke fragt Lina do Carmo nach dem Stellenwert des Tanzes als Bühnenkunst in einer Zeit in der ein allgegenwärtiger Körperkult in Sport, Body Building Studios, Solarien und Tanzstudios blüht oder in industriellen Tanzproduktionen wie „Riverdance“ zelebriert wird. Anhand von Valérys Prosastück „Die Seele und der Tanz“ will Carmo die Frage beantworten, ob Tanz mehr als pures Entertainment durch körperliche Exaltation sein kann. Ihre Choreographie konstruiert ein Duett, bei dem Rebekka Schaefer (die auch schon in „Aruanãzug“ mitgetanzt hatte) und Carmo in einem sich ständig wandelnden Boxring in einen tänzerischen Schlagabtausch treten. Die Inszenierung wird zu einem Körperdiskurs zwischen Subjekt und Objekt, in dem sich Sinnlichkeit und Spiritualität gegenseitig beseelen.
Author: Ulrich Joßner

Bio

Die brasilianische Tänzerin und Choreographin Lina do Carmo erhielt eine Schauspielausbildung in Brasilien und den USA, bevor sie für eine Pantomimeausbildung zu Marcel Marceau nach Paris ging. In Brasilien machte sie sich schnell einen Namen als Performerin und Choreographin und arbeitete als Theater- und Fernsehproduzentin. Seit 1988 lebt sie in Europa und wohnt heute in Köln. Seitdem hat sie mehrere abendfüllende Solo-, Duett- und Ensembletanzproduktionen entwickelt.

Works

Most important work (choice)

Production / Performance,
2003
Body Images Victoria Regia (1991) Capivara (1998) Fugitus Aruanãzug (1999) Flamme des Augenblicks (2001)