Mira Nair

Article Bio Works Merits www
crossroads:
Gender, Identität
genre(subgenre):
Film (Dokumentarfilm, Drehbuch, Spielfilm)
region:
Asia, Southern and Central, Africa, Eastern, America, North
country/territory:
India, Uganda, United States of America
city:
Bubaneshwar (Orissa), Boston, Kampala, New Delhi,
created on:
May 15, 2003
last changed on:
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Article

„Mein Blick ist realistisch“

Mira Nair, Indiens erfolgreichste Hollywood-Regisseurin, wurde 1957 in einer kleinen Stadt in Orissa geboren, studierte in New Delhi und Harvard Soziologie und Theater und macht seit 1979 Filme - zunächst dokumentarische, 1988 mit “Salaam Bombay” ein mit 23 Preisen ausgezeichnetes Doku-Drama, dem bislang sechs weitere Spielfilme folgten, die Themen wie Flucht und Vertreibung, Rassismus, Krankheit, Ehe und Familie, Eros und Ausbeutung kurzweilig und vielschichtig in gekonnt erzählten Geschichten diskutieren.
Mira Nair wurde am 15. Oktober 1957 als dritte Tochter eines Beamten in Bhubaneshwar im Bundesstaat Orissa in Indien geboren, besuchte die Irisch-Katholische Schule in Simla, danach die Universität in Neu Delhi, wo sie Soziologie und Theater studierte. 1976 bekam sie ein Stipendium für Harvard, studierte weiter Soziologie, fand jedoch das Theater - entgegen ihren Erfahrungen mit experimentellem Theater in Indien - als zu konventionell und statisch. Und so entschied sie sich für den Film, weil ihr dadurch die Kontrolle über die Geschichte, das Licht, die Gesten und den Rahmen gegeben sei: “Kreative Freiheit ist für mich unerlässlich”, sagte sie 1998 in einem Interview mit dem UNESCO Courier, dem sie auch anvertraute, dass sie von Ideen, die Menschen provozieren, angezogen werde, und dass sie diese dazu bringen wolle, die Welt anders wahrzunehmen durch Geschichten, die aus ihrem Teil der Welt stammten.
Und auf die Frage, was in ihren Filmen gegen die Normalerwartungen eines indischen Publikums verstoße, antwortet sie: „Alles. Mein Blick, schon vom ersten Moment an. Mein Blick ist nicht operettenhaft, sondern realistisch“ (zit. nach: Der Spiegel, 16. April 2002).

Zunächst drehte Mira Nair Dokumentarfilme. Ihr erster Film war Teil ihrer Magisterarbeit in Soziologie und fasste ihre Beobachtungen in einer muslimischen Gemeinschaft in Delhi zusammen. Sie arbeitete mit Filmemachern wie Alfred Guzzeti, Richard Leacock und D.A. Pennebaker zusammen und untersuchte den Einfluss von Kultur und Tradition Indiens auf das Leben einfacher Leute. So z.B. die Auswirkungen der gewaltigen räumlichen Trennung, die die Ehe eines indischen Zeitungsverkäufers in New York zu verkraften hatte, dessen Familie weiter in Indien lebte. “India Cabaret”, ein Film über Stripperinnen in Bombay, gewann 1985 den Preis für den besten Dokumentarfilm beim American Film Festival. In ihrem Film “Children of Desired Sex“ (1987) widmete sich Mira Nair den Gewissensnöten indischer Mütter, die erfahren, dass das Kind, mit dem sie schwanger sind, nicht das “richtige” Geschlecht habe.

1988 dreht sie mit “Saalam Bombay” einen dokumentarischen Spielfilm über das harte, aber selbstbestimmte Leben von Straßenkindern in Bombay. Der Film, für den sie drei Monate lang mit Kindern und Jugendlichen aus den Slums arbeitete, bevor sie zu drehen begann, gewann 23 Preise und Auszeichnungen auf der ganzen Welt, eine Oscar-Nominierung eingeschlossen. Die Geschichte von Chaipau/Krishna, der sich als Tee-Austräger seinen Lebensunterhalt in den Straßen von Bombay verdient, seinen Freunden und Widersachern, berührte die Herzen, und die authentische Umgebung der Slums lieferte ungeschönten Realismus. Das war eine neue Filmsprache, die sofort und in aller Welt verstanden und zustimmend aufgenommen wurde. Vom Erlös des Films und aus den Preisgeldern richtete Mira Nair eine Stiftung ein, die es Straßenkindern in Bombay ermöglicht, eine Ausbildung zu absolvieren.

Ihren Film “Mississippi Masala” drehte Mira Nair 1991 für Hollywood in Uganda und Mississippi. Sie erzählt darin die Geschichte indischer Einwanderer im Süden der USA, die, 1972 aus Uganda ausgewiesen, mit den Vorurteilen des erfahrenen und des reproduzierten Rassismus zu kämpfen haben. Die Liebesgeschichte der Tochter mit einem Schwarzen ruft alle Merkmale des Konfliktes hervor, der ironisch geschildert und ernst behandelt wird. Roger Ebert resümiert: “Es war selbstverständlich Rassismus, der die Inder zuerst nach Afrika führte, wo sie Eisenbahnen bauten, und aus Rassismus warf man sie dort hinaus. Und Rassismus brachte die Afrikaner nach Amerika. Aber das Opfer des Rassismus von anderen geworden zu sein, impft keinen gegen die Vorurteile, die im eigenen Herzen wachsen.”

Mit Anjelica Huston, Chazz Palminteri, Alfred Molina und Marisa Tomei besetzte Mira Nair ihren Film über kubanische Emigranten in Florida und erntete Protest - aber “The Perez Family” gewann die Herzen der Zuschauer über die schnellen, witzigen Dialoge und unerwarteten Wendungen in dieser eher romantischen Komödie, die mit der Häufigkeit eines Nachnamens spielt und die Einzelschicksale einfühlsam, aber unsentimental erzählt. Genüsslich leuchtet Nair die grotesken Seiten des amerikanischen Einwanderungsgesetzes aus und gibt sie der Lächerlichkeit preis, nicht aber die Wunschträume und die Hoffnungen der Charaktere.

Auch der nächste Film von Mira Nair wurde sehr kontrovers diskutiert: mit “Kama Sutra - A Tale of Love” wandte sie sich 1996 wieder einem indischen Stoff zu und erzählte die Geschichte der Prinzessin Tara und ihrer Dienerin Maya, die im Indien des 16. Jahrhunderts um die Liebe des Königs Raj Singh kämpfen. Offen werden Liebe und Leidenschaft in den schwelgerischen Kostümen, Farben und der reichen Architektur eines untergegangenen Indien ohne Prüderie und Selbstbeschränkung diskutiert, wobei der Stil nie ins Pornografische entgleitet und doch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Roger Ebert erkennt in seiner Filmkritik in der Chicago Sun an, dass die erotischen Szenen von beeindruckender Schönheit und würdevollem Ernst seien, die beiden Hauptdarstellerinnen durch Figur und Ausdruck überzeugten, doch er bemängelt, dass die Geschichte nicht überzeugend und die Psychologie schal sei, und dass die Momente der Wahrheit denen der Schönheit zum Opfer gefallen seien. In Indien setzte die Regisseurin nach etlichen Einschnitten durch die Zensur durch, dass der Film an drei Vormittagen in der Woche nur vor einem weiblichen Publikum gezeigt wurde.

Mit “Monsoon Wedding” gelang Mira Nair 2001 eine turbulente Komödie um die in letzter Minute in Delhi arrangierte Hochzeit in einer gutsituierten Familie aus dem Punjab, zu der die Gäste aus aller Welt anreisen. Die Welt der Reichen, Schönen und Eitlen spiegelt sich in der Welt der Angestellten, Abhängigen und Kaum-Wahrgenommenen. Bei der Biennale in Venedig gewann sie dafür den Goldenen Löwen. Befragt, wie sie ihre Filme finanziere, antwortete Mira Nair in einem Interview: “Ich bin froh, dass meine Filme tatsächlich denen, die in sie investieren, Geld einbringen. Für mich ist es das Allerwichtigste, völlige Freiheit für die Filmarbeit zu haben. Es ist jedoch sehr schwierig, meine Art von Arbeit in Indien zu finanzieren. Deshalb vertraue ich auf eine Mischfinanzierung durch internationale Verleiher, vor allem aus Japan, Europa und einigen aus Indien. Ich möchte nicht die Gesamtkosten von einer Person oder einer Filmgesellschaft aufgebracht sehen, denn das würde zu einer Menge Beschränkungen und zu Abhängigkeiten führen. Ich müsste den Film dann nach den Bedürfnissen und Interessen des Finanziers ausrichten, statt den Film zu machen, den ich machen möchte. Ich glaube, ich habe sehr viel mehr Freiheit mit 56 Millionen Dollar, die ich unabhängig aufgebracht habe als mit 50 Millionen Dollar von einem einzelnen Studio.”

In ihrem neuen Film, “Hysterical Blindness”, der in diesem Jahr noch in die Kinos kommen soll, spielen Uma Thurman und Gena Rowlands in einer Geschichte aus der Arbeiterklasse der USA. In einem Interview mit Geoffrey Macnab vom Guardian nach “Monsoon Wedding” gestand Mira Nair, dass ihre Filme sich immer als sehr kompliziert herausstellten: “Jedesmal, wenn ich einen Film beginne, sage ich, dass ich ihn einfach halte. Und jedesmal lande ich in so einem Zirkus.”

Author: Beate-Ursula Endriss

Bio

Mira Nair wurde am 15. Oktober 1957 in Bhubaneshwar, im indischen Bundesstaat Orissa als dritte Tochter eines Beamten geboren, studierte in Neu Delhi Soziologie und spielte Theater. Sie bekam 1976 ein Stipendium für Harvard und schloss dort 1979 ihr Soziologiestudium mit einem Dokumentarfilm über eine muslimische Gemeinschaft in Alt-Delhi ab. Zur Kamera hatte sie gegriffen, weil ihr die Theaterarbeit an der Harvard-University zu langweilig war. Ihrem ersten Dokumentarfilm folgten drei weitere: über einen indischen Zeitungsverkäufer, der in New York lebt, seine Familie jedoch in Indien (“So Far from India”, 1982), über indische Striptease-Tänzerinnen in Bombay (“India Cabaret”, 1985) und über den Konflikt werdender Mütter in Indien, die erfahren, dass ihr Kind ein Mädchen wird (“Children of a Desired Sex”, 1987).
Weltruhm erlangte Mira Nair mit ihrem dokumentarischen Spielfilm “Salaam Bombay” (1988), in dem sie mit Straßenkindern aus Bombay die anrührende Geschichte von Chaipau/Krishna erzählt, der mit Freunden und Widersachern in den Straßen der Slums von Bombay um seine Form des Überlebens kämpft. Für diesen Film erhielt Nair 23 internationale Auszeichnungen, darunter die Goldene Kamera, den Publikumspreis in Cannes und die Nominierung für einen Oscar.

1991 erzählt Mira Nair in “Mississippi Masala” von indischen Einwanderern, die 1972 aus Uganda vertrieben wurden und in die Südstaaten der USA auswanderten. Dabei spiegelt sie das Thema Rassismus auf allen Ebenen ihres Films. Der Mord am südafrikanischen Führer der Kommunistischen Partei, Chris Hani, führte 1993 zu dem Videofilm “The Day the Mercedes became a Hat”. Und “The Perez Family” (1995) erzählt eine vertrackte Liebesgeschichte von kubanischen Flüchtlingen, die zu unterschiedlichen Zeiten in Florida landen. In “Kama Sutra: A Tale of Love” dekliniert Nair 1996 die Liebeskunst in ihren erotischen Aspekten als eine Kunst der Lebensführung durch; sie musste in Indien den Filmstart vor dem höchsten Gericht durchsetzen.

Mit den Problemen von Identität und den Hintergründen und Drangsalen von Aids beschäftigte sich Nair 1998 in “My Own Country”, in dem sie von einem indischen Arzt, in Äthiopien geboren und in Tennessee praktizierend, erzählt. In Delhi drehte sie 2001 “Monsoon Wedding”, eine turbulente Tragikomödie um eine Familie aus dem Punjab, die für eine arrangierte Hochzeit aus aller Welt nach Indien zurückkommt und den Schatten ihrer Vergangenheit nicht entgehen kann. Und in “Hysterical Blindness”, ihrem neuesten Film, der 2002 in die Kinos kommt, wird Mira Nair dann eine Geschichte aus der Arbeiterklasse New Jerseys erzählen.

Im Jahr 2002 war Mira Nair Präsidentin der Internationalen Jury der 52. Berlinale.

Mira Nair hat drei Wohnsitze: New York, wo Sie als Dozentin an der Columbia University unterrichtet, Uganda, wo Ihr Mann aufgewachsen ist, und Neu-Delhi, wo Eltern und Geschwister leben. Sie lebt in zweiter Ehe mit ihrem Mann, dem Politikwissenschaftler Mahmood Mamdani, und ihrem Sohn Zohran zusammen.

Works

Amelia

Film / TV,
2009

New York, I love you

Film / TV,
2009

Namesake – Zwei Welten, eine Reise (The Namesake)

Film / TV,
2006

Vanity Fair

Film / TV,
2004

11´09"01 – September 11 (Episode India)

Film / TV,
2002

Hysterical Blindness

Film / TV,
2002

Monsoon Wedding

Film / TV,
2001

The Laughing Club of India

Film / TV,
1999
TV

My Own Country

Film / TV,
1998

Kama Sutra: A Tale of Love

Film / TV,
1996

The Perez Family

Film / TV,
1995

The Day the Mercedes Became a Hat

Film / TV,
1993
Video

Mississippi Masala

Film / TV,
1991

Saalam Bombay

Film / TV,
1988

Children of a Desired Sex

Film / TV,
1987
Dokumentarfilm

India Cabaret

Film / TV,
1985
Dokumentarfilm

So Far From India

Film / TV,
1982
Dokumentarfilm

Jama Masjid Street Journal

Film / TV,
1979
Dokumentarfilm

Merits

1985 den Preis für den besten Dokumentarfilm beim American Film Festival und beim Global Village Film Festival für “India Cabaret”
1988 die Goldene Kamera und den Publikumspreis in Cannes; eine Nomination für den Academy Award; den Preis der Vereinigung der Filmkritiker in Los Angeles; den Preis der Jury des Montréal Film Festival; den BAFTA-Filmpreis u.v.a.m. für “Saalam Bombay”
1991 den Kritikerpreis des Internationalen Filmfestivals in São Paulo für “Mississippi Masala”
1993 Independent Spirit Award für “Mississippi Masala”; 1996 die Goldene Seemuschel des Internationalen Filmfestivals in San Sebastiàn für “Kama Sutra: A Tale of Love”; 2001 den Goldenen Löwen in Venedig für “Monsoon Wedding”.

Www

The Fabulous Picture Show

Master Class of the Film Festival in Doha

Homepage der Künstlerin