Leila Haddad

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crossroads:
Gender
genre(subgenre):
Performing Arts (Tanz / orientalisch)
region:
Africa, Northern, Europe, Western
country/territory:
Tunisia, France
city:
Paris
created on:
May 23, 2003
last changed on:
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Leila Haddad
Leila Haddad © Lutz Deppe

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„Für mich fängt alles beim Respekt an“

Die in Tunesien geborene und in Paris lebende Tänzerin Leila Haddad arbeitet seit Jahren erfolgreich daran, den orientalischen Tanz aus der Ecke der Clubs auf die Bühne der internationalen Festivals zu führen. Sie hat sich vom Ballett und Modern Dance dazu inspirieren lassen, auch mit dem in der arabischen Welt „Raqs Sharqi“ genannten Bauchtanz Geschichten zu erzählen.
Als die in Tunesien als Tochter einer Tunesierin und eines Syrers geborene Leila Haddad vor 17 Jahren nach Frankreich kam, war der orientalische Tanz dort noch nicht als Kunstform anerkannt. Leila Haddad war die erste Frau, die eine orientalische Tanzklasse in Paris unterrichtete. Obwohl Tanz in ihrer Familie immer eine zentrale Rolle spielte, begann sie erst nach einem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und des Italienischen in London und Paris sich ganz dem Tanz zu widmen. Als sie mit ihrer damaligen Tanztheatergruppe Zulu Theatre Anfang der achtziger Jahre von London nach Paris kam und vorschlug, ein Stück mit Raqs Sharqi aufzuführen, stieß sie nur auf Ablehnung dieses „Bauchtanzes“. Seit dieser Zeit kämpft sie für die Anerkennung des orientalischen Tanzes als eine gleichberechtigte Kunstform.

Leila Haddad, die am Konservatorium in Tunis studierte, hat sich vom Ballett und Modern Dance dazu inspirieren lassen, mit ihrem Tanz Geschichten zu erzählen. Darüberhinaus gehören auch traditionelle Tänze aus Tunesien, Marokko und Algerien zu ihrem Repertoire. „Unglaublich unanständig“ entsetzte sich schon Flaubert auf seinen Reisen über den orientalischen Tanz. Seither ist der traditionelle arabische Tanz ein gebranntes Kind: Er wurde ins Bordell verbannt, wo er zu dem verkam, was man heute landläufig als Bauchtanz bezeichnet.

Auch in Tunesien ist der Raqs Sharqi nicht öffentlich respektabel. „Dort haben wir den Modern Dance und klassisches Ballett, den Raqs Sharqi gibt es in Cabarets und Restaurants. Es gibt keine Schulen dafür. Am Konservatorium gibt es meines Wissens traditionelle tunesische Tänze. Der Raqs Sharqi gehört in den privaten Bereich“, klagt Leila Haddad. „Ich glaube, auf der ganzen Welt gibt es keinen Raqs Sharqi an einem offiziellen Konservatorium.“ Immerhin tritt sie inzwischen auf dem Festival von Roveretto in Italien neben Pina Bausch auf. Meist arbeitet sie solo. Sie hat aber auch schon komplett choreografierte Shows für 16 Tänzerinnen auf die Bühne gebracht.

Leila Haddad hat mit großer Hartnäckigkeit den orientalischen Tanz aus den privaten Winkeln der Cabarets und Klubs ins Theatre Des Bouffes du Nord, das Theatre du Rond Point Des Champs Elysees, das Institut du Monde Arabe und auch in das Haus der Kulturen der Welt getragen. Sie tanzt inzwischen regelmäßig auf Festivals in Paris, Lissabon, Neapel, Roveretto, aber auch beim „Festival de Hamamet“ und in Beirut. Mit ihren Auftritten hat sie die Würde und Tradition des Bauchtanzes neu aufleben lassen und dabei weiter vermittelt, was in ihm steckt: Sinnlichkeit und ein neues Körperbewußtsein. Leila Haddads Tanz ist eine Hommage an die Weiblichkeit und hat für sie ganz und gar nichts mit einer Unterwerfung unter männliche Frauenbilder zu tun.

„Ich bin eine Kämpferin,“ sagt sie in einem Interview mit der Zeitschrift TanzOriental. „Ich weiss, dass das, wofür ich kämpfe, schwierig zu erreichen ist ... Ich habe keine dummen Träume. Politisch, kulturell bin ich bewusst. Ich lese, ich lerne, ich kenne die Situation der Frau – nicht nur im Osten, im Westen ebenso. Auch hier haben die Frauen oft die Nase voll vom Feminismus. Wir müssen uns über uns selbst bewusst werden, den Intellekt, die Emotionen, die Physis. Warum kann ich nicht weiblich sein und frei? Ich kann studieren, ich kann lesen, ich kann diskutieren und doch Frau bleiben.“

Leila Haddad kämpft nicht nur für die Anerkennung des Orientalischen Tanzes in Europa und der westlichen Welt. Sie fordert auch Respekt für die arabische Welt. „Die Menschen müssen sich kultivieren. Ich habe es satt, dass Leute meinen, die Araber seien alle ein Volk, irgendetwas Gleichförmiges. Wir sind 22 Länder, wir sind Berber, wir sind Araber, wir haben Beduinen, wir haben viele verschiedene Völker, Sprachen, Traditionen. Es gibt auch Zigeuner in der arabischen Welt. All das vermischt sich. Unsere Kultur ist also immens reich. Es ist sehr wichtig, dass die Leute uns respektieren. Für mich fängt alles beim Respekt an.“ Nach Tunesien will sie nicht ziehen. „Meine Geschichte ist Frankreich.“


Veranstaltungen im HKW:
4. April 1992
Schon ihr Gehen ist göttlich
Tanz der sieben Schleier
Orientalischer Tanz von Leila Haddad
Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt

Die beteiligten Künstler:

Leila Haddad – Tanz
Julien Weiss – Kanun
Mohamed Saada – Flöte
Adel Shamseddine – Perkussion

Bio

Leila Haddad wurde in Tunesien als Tochter einer Tunesierin und eines Syrers geboren. Sie studierte Vergleichende Literatur und Italienisch in London und Paris. Seit 17 Jahren lebt und lehrt sie in Paris.
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Werk: Titel unbekannt