Walter Salles

Article Bio Works Video
crossroads:
Armut, Identität
genre(subgenre):
Film (Dokumentarfilm, Roadmovie, Spielfilm)
region:
America, South
country/territory:
Brazil
city:
Rio de Janeiro
created on:
May 27, 2003
last changed on:
Please note: This page has not been updated since May 9, 2006. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:
Walter Salles
Walter Salles © Video Filmes

Article

Das Andere kennenlernen

Heimatlosigkeit, Exil, Identität und die "Entdeckung des Anderen" sind die zentralen Themen der Filme des 1956 in Rio de Janeiro geborenen Walter Salles. Sein brasilianisches Roadmovie "Central do Brasil" erhielt viele internationale Preise.
"Das Kino ist eine wunderbare Form, das Andere kennenzulernen - erst unterscheidet es sich stark von dir, aber es ist dir viel näher, als sie uns glauben machen wollen." Dieser Satz Walter Salles’ gilt für alle seine Filme, besonders aber für sein 1997 entstandenes Werk "Central do Brasil". Auf einer Reise durch die brasilianische Gegenwart lernt sich ein sehr ungleiches Paar kennen und mögen.

Dora, eine pensionierte Lehrerin, die sich als Briefeschreiberin im Hauptbahnhof von Rio de Janeiro ihr Geld verdient, begibt sich mit dem verwaisten neunjährigen Josué auf eine Reise quer durch Brasilien auf die Suche nach dessen Vater. Zu Beginn der Reise können sich die beiden nicht ausstehen, im Laufe der Zeit jedoch entwickeln sie Zuneigung und Zärtlichkeit füreinander. Am Ende haben beide viel gelernt: Dora öffnet sich wieder ihren Mitmenschen, der Junge akzeptiert den Verlust des Vaters und findet seine Brüder. Salles stellt die Identitätsfindung seiner Protagonisten in den Mittelpunkt seines Films. Zugleich hat er sein pittoreskes Roadmovie aber auch als metaphorisches Bild seiner Heimat inszeniert.

In "Central do Brasil" erzählt Walter Salles in poetischen Bildern von der Armut seines Landes und vom Zustand einer Gesellschaft, die durch Eigeninteressen zerrissen ist. Auch für Dora zählt nur das Geld, das sie sich täglich erschwindelt. Josué jedoch berührt etwas in ihr, sie entschließt sich, ihm zu helfen. Ein Roadmovie, das die triste soziale Wirklichkeit Brasiliens angesichts des Neoliberalismus spiegelt und zugleich den Wandel seiner Protagonisten erfahrbar macht, die ihre Gefühlskälte ablegen und Mitmenschlichkeit erfahren. Ein über weite Strecken dokumentarisch anmutender Film, dessen sensible Darstellung einer ungleichen Freundschaft über die teils allzu märchenhafte Konstruktion hinweghilft.
Auch in Walter Salles’ letztem Film, "Meia Notte" bzw. "O Primero Dia", wie der Film zuerst hieß, den er für ARTE in der Reihe "2000 vu par..." zusammen mit Daniela Thomas gedreht hat, treffen zwei unterschiedliche Menschen und die Welten des armen und reichen Rio de Janeiro aufeinander. Auch hier versucht Salles wieder, Extreme miteinander bekannt zu machen. "Jede Seite tut so, als gäbe es die andere überhaupt nicht und nimmt sie auch tatsächlich nicht mehr wahr. Ab hier kommt es wirklich auf den Blick an. Es ist, als ob man schielen müsste, um die brasilianische Gesellschaft als Einheit zu sehen. Dadurch entsteht eine soziale Schicht, die sich nicht mehr mitteilt, auch wenn die Menschen in demselben geographischen Raum leben. In ‚Mitternacht‘ wollten wir erreichen, dass der eigentlich nicht mehr funktionierende Dialog in einem neuen Medium wieder in Gang kommt, dem Film."
In "Mitternacht" bekommt der Sträfling João eine neue Chance. Am letzten Tag des Jahres bringt ihn eine getürkte Flucht in die Freiheit - allerdings muss er dafür jemanden umbringen - ausgerechnet seinen alten Freund Chico. Währenddessen wird die junge Maria von ihrem älteren Freund verlassen. Verzweifelt rennt sie durch die Straßen, zertrümmert die Wohnung. In eindrucksvollen Montagen zeigt "Meia Notte" die Wege durch die Favelas der Megacity Rio de Janeiro. Über- und aneinander türmen sich die Elendshütten auf, dazwischen ein endloses Labyrinth von Treppen und Wegen. Die spätere Flucht vor den Auftraggebern, die nun auch den Killer umbringen wollen, bringt Maria und João zusammen. In einem berauschenden Finale, im Strudel von Licht, Schatten und Feuerwerk, wird der Killer zum Retter. Auch er glaubt jetzt im Rausch, dass alles wird, dass es im neuen Jahrtausend kein Töten mehr in dieser Stadt geben wird. Für einen kurzen Moment ...


Veranstaltungen im HKW:
14. August 1999
Cinema TriContinental
Die großen Regisseure Afrikas, Asiens, Lateinamerikas
Central do Brasil / Central Station
Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt

Bio

Der 1956 in Rio de Janeiro/Brasilien geborene Diplomatensohn Walter Salles dreht Dokumentar- und Spielfilme. Unter den jungen brasilianischen Regisseuren hat er die meisten Preise erhalten. Gemeinsam mit seiner engen Mitarbeiterin, Daniela Thomas, die sowohl im Theater- als auch im Filmbereich tätig ist, führte er bei "Mitternacht" Regie. Sein mit sieben internationalen Preisen ausgezeichneter Film "Terra Estrangeira" (1996), den er 1995 ebenfalls mit Daniela Thomas drehte, war ein Symbol für das Wiedererstarken des brasilianischen Kinos. 1996 wurde Walter Salles für "Soccorro Nobre", einen Dokumentarfilm, mit dem goldenen FIPA-Preis ausgezeichnet. Sein Fil "Central do Brasil" brachte viele internationale Preise, darunter den Goldenen Bären für den besten Film und den Silbernen Bären für die beste Darstellerin (Fernanda Montenegro) in Berlin, die beide auch eine Oscar-Nominierung erhielten. Der ebenfalls zusammen mit Daniela Thoams realisierte "Meia Notte" gewann 1999/2000 mehrere lateinamerikanische Filmpreise.

Works

O primero Dia – Meia Notte (Mitternacht)

Film / TV,
1998

Central do Brasil

Film / TV,
1997

Terra Estrangeira

Film / TV,
1996

Soccorro Nobre

Film / TV,
1996

Grande Arte – Exposure - Die Hohe Kunst des Tötens

Film / TV,
1991
video

Promotionsvideo

(Film "Central do Brasil", 1997)
Video Filmes
play video