Glauber Rocha

Article Bio Works
additional name:
Glauber Pedro de Andrade Rocha
crossroads:
Kolonialismus, Mythos
genre(subgenre):
Film (Cinema Nuevo, Spielfilm)
region:
America, South
country/territory:
Brazil
city:
Rio de Janeiro
created on:
May 27, 2003
last changed on:
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Article

Mit der Idee im Kopf und der Kamera in der Hand

Der 1938 in Vitoria-de-Conquista, Brasilien, geborene Glauber Rocha gilt mit seinen in den sechziger Jahren entstandenen Filmen heute als herausragender Vertreter und Klassiker des brasilianischen "Cinema Novo". Mit poetisch-metaphorischen Bildsequenzen und dem Rückgriff auf Motive, Legenden und Rituale der Volkskultur strebte er einen eigenständigen kulturellen Ausdruck an. 1981 starb er 43-jährig an einem Lungenleiden.
Eine "Idee im Kopf und die Kamera in der Hand", das sollte ausreichen, um Filme zu machen, postulierte der 1938 in Vitoria-de-Conquista geborene Glauber Rocha das Credo des brasilianischen "Cinema Novo". In Abgrenzung gegen das an Hollywood orientierte kommerzielle Kino begannen einige junge brasilianische Filmemacher die Produktion und Finanzierung ihrer Filme selbst in die Hand zu nehmen. In ihren mit minimalen Mitteln realisierten Produktionen stellten sie Armut, Gewalt und die sozialen Gegensätze des Landes in den Mittelpunkt, im Gegensatz zu den Filmen der großen Studios, die Brasilien als tropisches Paradies in der Welt der Oberschicht zeigten.

Glauber Rocha, der nach einem kurzen Jurastudium zuerst als Journalist und Filmkritiker arbeitete, ist neben Nelson Pereira dos Santos der herausragendste Vertreter dieser neuen Bewegung. Nelson Pereira Santos hatte Rocha bereits 1957 bei den Dreharbeiten zu dessen "Rio 40 Graus" ("Rio bei vierzig Grad") , kennen gelernt. Der Film schildert das Leben in einer Favela (Armenviertel) und gilt als Wegbereiter des "Cinema Novo". 1958 versuchte sich Rocha in dem experimentellen Kurzfilm "Pátio" und dann 1959 mit "Cruz na Praça" erstmals selbst als Regisseur.

In seinem 1962 entstandenen ersten langen Film "Barravento" ("Sturm") behandelt Rocha Aberglauben und soziale Konflikte in einem brasilianischen Fischerdorf. Auserwählt von der Seegöttin Yemanja verfügt der junge Aruan über magische Kräfte - unter der Bedingung, dass er keinen Geschlechtsverkehr hat. Firmino, ein Schwarzer, der aus der Stadt in das Dorf zurückgekehrt ist, will beweisen, dass Aruan dennoch ein ganz gewöhnlicher Mensch ist. Er heuert eine Prostituierte an, die ihn verführen soll. Das gelingt auch, jedoch verliert Aruan augenblicklich seine magischen Kräfte und bringt Unglück über seine Familie. Daraufhin zieht er in die Stadt, die Prostituierte bringt sich um. Bereits in "Barravento" finden sich neben realistischen die für den Regisseur typischen poetisch-mythologischen Elemente.

Auch in seinem folgenden Spielfilm "Deus e o Diabo na Terra do Sol" ("Gott und Teufel im Land der Sonne") mit der Originalmusik von Heitor Villa-Lobos beschäftigt sich Glauber Rocha mit dem Einfluss des religiösen und politischen Fanatismus in Brasilien. Der Film spielt genauso wie der 1962 entstandene "Vidas Secas" von Nelson Pereira Santos im Nordosten Brasiliens. "Deus e o Diabo na Terra do Sol" erhält 1964 den Preis der internationalen Filmkritik in Cannes und etabliert Rocha international als führenden brasilianischen Filmemacher.

Der Hirte Manuel und seine Frau Rosa sind auf der Flucht. Das Paar schließt sich einer Gruppe von Mystikern um einen Schwarzen an, der einen apokalyptischen Aufstand prophezeit, der das Sertão, den kargen Nordosten Brasiliens, in ein Meer und das Meer in das Sertão verwandeln werde. Nach einem gewaltsamen Bruch mit den Mystikern treffen sie auf die Reste einer Gruppe von Banditen, die das Sertão dem Erdboden gleichmachen wollen. Die Lösung wird Manuel von einem Blinden und einem Chor offenbart: die Erde gehört weder Gott noch dem Teufel.

Auch wenn es der Plot nahe legen würde, Glauber Rocha erzählt diese Geschichte nicht im Stil des Neorealismus. Ab "Deus e o diabo na terra do sol" versetzt er seine Landschaften, in denen sich Gott und Teufel bekämpfen, in Trance. Seine Figuren werden Embleme der Politik und Geschichte Brasiliens: die Banditen und Großgrundbesitzer des Sertão; die ländliche Welt mit ihren Hirten und ihrem Mystizismus; die Stadt als Symbol der Macht, des Faschismus, der Demagogie, der Diktatur und des Imperialismus, aber auch der Liebe und des Selbstmordes. Und am Ende die Wiederauferstehung und Versöhnung der Widersprüche in der Poesie.

Rochas Film "Terra em transe" ("Land in Trance", 1967), ein Werk über den Staatsputsch und seine Nachwehen, ist in Form einer barocken Allegorie gestaltet, die die weiße Elite Brasiliens in den Vordergrund der Geschichte stellt. Die Ereignisse finden in dem imaginären Staat Eldorado statt. Felipe Viera, Gouverneur der Provinz Alecrim, lehnt es ab, dem von Porfirio Diaz geführten Staatsstreich Widerstand zu leisten. Nach einer zornigen Diskussion mit Viera flieht der Erzähler-Protagonist, der Dichter Paulo Martin, begleitet von Vieras Sekretärin Sara, aus dem Gouverneurs-Palast. Bei diesem Fluchtversuch wird er tödlich von der Polizei verwundet. Kurz vor seinem Ableben lässt der Dichter, mit dem Rocha ein kritisches Porträt einer ganzen Generation von weißen linken Intellektuellen darstellt, die Ereignisse, die zu seiner persönlichen und politischen Niederlage geführt haben, Revue passieren.

1969 entsteht der brasilianische Western "O Dragão da Maldade Contra o Santo Guerreiro", der Rocha den Regiepreis in Cannes einbringt, wo schon "Gott und Teufel" 1964 im Wettbewerb lief und den Kritikerpreis gewann. Der Auftragskiller Antonio das Mortas kommt nach Jardim, um die Bande von Coirana zu eliminieren. Dabei trifft er auf die größenwahnsinnige Verrücktheit Coiranas, die politischen Ambitionen des Polizeiinspektors, einen desillusionierten Lehrer, die Einsamkeit Lauras und die mystische Krise des Priesters. Er versucht im Einklang mit seinen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Ethik zu handeln. Doch die Realität überwältigt ihn.

Mit dem Geld des Regiepreises von Cannes realisiert Rocha "Der Leone Have Sept Cabeças" (1970), eine französisch-italienische Koproduktion, die in Afrika gedreht wurde und 1970 "Cabeças Cortadas", den er in Spanien aufnahm. Doch mit diesen beiden Filmen erreichte Rocha nicht mehr den Erfolg früherer Jahre. Für den Kurzfilm "Di Cavalcanti" über seinen Freund, den Maler Di Cavalcanti, erhält er 1977 den Kurzfilmpreis beim Filmfestival in Cannes.

Auch wenn er internationale Erfolge für Brasilien erringt, hat Glauber Rocha als politischer Filmemacher mit der Zensur des brasilianischen Militärregimes zu kämpfen. Viele Kritiker sehen den Rückgriff auf metaphorische Stilmittel und surrealistische Bildwelten der Vertreter des "Cinema Novo" auch als einen Versuch, der Zensur zu entkommen. 1964 hatte das Militär in Brasilien die Macht ergriffen. Der 1970 gedrehte "Cabeças Cortadas" wird erst 1978 von der Zensur freigegeben. Die Zensoren verbieten zwei Monate lang die Ausstrahlung von "Terra em transe" (1967) mit der Begründung, der Film sei subversiv und despektierlich.

Nicht nur in seinen Filmen wirkt Rocha politisch. Nachdem er die Ziele des "Cinema Novo" 1963 in seinem Buch "Revisão Critica de Cinema Brasileiro" bekannt machte, fasst Glauber Rocha im Januar 1965 auf dem Flug von Rio nach Mailand in "A Estética da Fome" ("Die Ästhetik des Hungers") die Prinzipien des "Cinema Novo" und des brasilianischen Kinos zusammen. Dieser Text und die Veröffentlichung des Drehbuchs von "Gott und Teufel" bringen ihm internationale Anerkennung ein.

Im November 1965 wird Rocha verhaftet, als er mit anderen Intellektuellen vor einem Hotel in Rio de Janeiro demonstriert, wo eine Tagung der OAS, der Organisation Amerikanischer Staaten, stattfindet. 1971 verlässt er Brasilien aus Protest gegen das Militärregime. Erst 1976 kehrt er zurück. Seine Hoffnung, von einem liberaleren Flügel der Militärdiktatur in seinen Entfaltungsmöglichkeiten nicht mehr so eingeschränkt zu werden, erfüllt sich nicht. 1978 kandidiert er bei den Wahlen für den Bundesstaat Bahia.

In seinen letzten Lebensjahren beschäftigt er sich vor allem mit dem monumentalen Epos von der Geburt Brasiliens "A idade da terra" ("Der Zustand der Welt") , das 1980 in Venedig gezeigt wird. Weil der Film mit Metaphern, Symbolen und Allegorien überladen ist, stösst er bei Publikum und Kritik auf wenig Verständnis. Rocha antwortet mit einer kategorischen Verteidigung seiner filmischen Prinzipien: "Das Fest der Metaphern, der Allegorien, der Symbole ist kein Karneval der Subjektivität, es ist die Verweigerung der rationalen Analyse einer von der europäischen Kultur deformierten und vom nordamerikanischen Imperialismus erstickten Wirklichkeit. Ich mache ein Kino, das sich der Klassifikation der kolonialistischen Anthropologie widersetzt..." (NZZ v. 27.8.81)

Am 22. August stirbt Glauber Rocha nur 43-jährig in Rio de Janeiro an den Folgen eines Lungenleidens.

Oktober 1993
Author: Ulrich Jossner

Bio

Glauber Pedro de Andrade Rocha wurde am 14. März 1938 in Vitoria-de-Conquista geboren. Schon mit 16 Jahren begann er erste Filmkritiken zu verfassen. 1958 wurde er Polizeireporter bei der Zeitung "Jornal da Bahia", wo er bald auch Filmkritiken zu schreiben begann. Schon zwei Jahre vorher hatte er an dem Kurzfilm "Um Dia na Rampa? (1956) von Luiz Paulinho dos Santos mitgewirkt. 1958 entstand sein erster Kurzfilm "O Patio", dem ein Jahr später "Cruz na Praça" folgte. 1959-61 begann er ein Jurastudium, das er abbrach, um sich fortan ganz der Arbeit als Regisseur, Filmtheoretiker und Kritiker zu widmen. Schon für seinen ersten langen Spielfilm "Barravento" (1962) erhielt er einen Preis auf dem Filmfestival in Karlovy Vary (Tschechoslowakei).

1963 veröffentlichte Rocha "Revisão Crítica do Cinema Brasileiro", das Standardwerk zur brasilianischen Filmgeschichte, in dem zum ersten Mal der Begriff "Cinema Novo" erläutert wird. "Deus e o diabo na terra do sol? aus dem Jahr 1964 mit der Originalmusik von Heitor Villa-Lobos war sein erster großer internationaler Erfolg. Der Film errang Preise in Mexiko, Italien und Argentinien und wurde für den Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes ausgewählt. In dem 1965 geschriebenen "A Estética da Fome? / "Die Ästhetik des Hungers"), fasst Rocha die Prinzipien des "Cinema Novo" und des brasilianischen Kinos zusammen.

Noch erfolgreicher als mit "Gott und Teufel" war Rocha 1967 mit "Terra em transe" / "Land in Trance"), der u. a. den Buñuel-Preis und den Preis der Internationalen Filmkritik in Cannes sowie den Großen Preis und den Preis der Filmkritiker in Locarno erhielt. 1969 gewann er mit "O Dragão da Maldade Contra o Santo Guerreiro" / "Antonio das Mortes?) den Regiepreis in Cannes.

Aufgrund seiner politischen Haltung geriet Glauber Rocha oft in Konflikt mit den brasilianischen Militärs, die 1964 die Macht ergriffen hatten. Die Aufführung von "Terra em transe" (1967) und "Cabeças Cortadas" (1970-1978) wurden vorübergehend verboten. Im November 1965 wurde Rocha verhaftet, als er mit anderen Intellektuellen vor einem Hotel in Rio de Janeiro demonstrierte, wo eine Tagung der OAS, der Organisation Amerikanischer Staaten, stattfand. 1971 verließ er Brasilien aus Protest gegen das Militärregime. Die Filme "Leone Have Sept Cabeças" (1970), "Cabeças cortadas" (1970), "O Câncer" (1974) und "Claro" (1976) entstanden alle außerhalb Brasiliens. Erst 1976 kehrte er in seine Heimat zurück. 1978 kandidierte er bei den Wahlen für den Bundesstaat Bahia.

1977 erhielt er für den Kurzfilm über seinen kurz vorher verstorbenen Freund, den Maler Di Cavalcanti, einen weiteren Preis in Cannes. Sein letzter großer Spielfilm "A idade da terra" ("Der Zustand der Welt"), der nach vierjähriger Arbeit in Venedig aufgeführt wird, stieß weitgehend auf Unverständnis. Im August 1981 kehrte Rocha aus Portugal nach Rio de Janeiro zurück, wo er am 22. desselben Monats an einer Lungenkrankheit im Alter von 43 Jahren stirbt.

Works

Deus e o diabo na terra do sol / Gott und Teufel im Land der Sonne

Film / TV,
2003

A idade da terra / Der Zustand der Welt

Film / TV,
1980

Di Cavalcanti

Film / TV,
1977

Claro

Film / TV,
1975

O Câncer / Der Krebs

Film / TV,
1974
1968-1974

História do Brazyl

Film / TV,
1974

Leone Have Sept Cabeças / Der Löwe hat sieben Köpfe

Film / TV,
1970

Cabeças cortades/ Abgeschlagene Köpfe

Film / TV,
1970

O Dragão da Maldade Contra o Santo Guerreiro / Antonio das Mortes/ Der Drachen der Bosheit gegen den heiligen Krieger

Film / TV,
1969

Terr em transe / Land in Trance

Film / TV,
1967

Amazonas

Film / TV,
1966

Barravento / Sturm

Film / TV,
1962

O Pátio

Film / TV,
1959