Rawi Hage

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crossroads:
Bürgerkrieg, Gewalt, Konflikt
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Roman)
region:
Middle East, America, North
country/territory:
Lebanon, Canada
created on:
October 4, 2009
last changed on:
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Rawi Hage
Rawi Hage © Milosz Rowicki

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Ein makrokosmischer Blick

Rawi Hage ist ein Kriegskind. Als der Libanesische Bürgerkrieg sein Land in tausend bewegliche Fronten zerreißt, ist der Beiruter Junge gerade elf Jahre alt. Alt genug, um das Geschehen zu verstehen, aber zu jung, um es zu verarbeiten. Als junger Erwachsener schafft er den Sprung aus seinem zerrissenen Land über den Atlantik. Er geht nach New York, studiert Fotografie und katapultiert sich gleich mit seinem ersten Roman in den Literaturhimmel. „Als ob es kein Morgen gäbe“ ist nicht irgendein Debüt. Das Buch wurde schon 2008 mit dem höchst dotierten Literaturpreis der Welt, dem IMPAC-Award ausgezeichnet.
„Ein Buch mit vielen Ebenen“, so sein Autor, der die Knappheit liebt und sich nicht dazu versteigt, blumig und wortgewaltig über sein vielgepriesenes Werk zu sprechen. Irgendwann in den 80ern, sagt er nüchtern, findet es statt. Es geht um zwei Jungen, die in Kriegszeiten „aus zwei, drei Gründen, mit zwei oder drei Zielen“ Verbrechen begehen. Der eine, George, läuft zur christlichen Miliz über und beteiligt sich an Massakern. Und der andere wolle dann irgendwann das Land verlassen, weshalb das letzte Kapitel nicht mehr im Libanon spielt.

Von einem biografischen Inhalt dieser Geschichte distanziert sich Hage vehement. Der Roman sei eine kollektive Biografie, formuliert er bedächtig, die Geschichte einer Gemeinschaft im Krieg. Das Ganze sei eine Collage aus reiner Fiktion, aber auch aus Geschichten, die er irgendwann gehört und dann umgewandelt und weitergesponnen habe. Was hierzulande schon mal in der Sparte Kriminalroman besprochen wird, ist ein Roman, den sein Autor durchaus politisch verstanden haben will, aber auch philosophisch. Darin sieht er auch das Geheimnis seines Erfolgs: „Ich glaube, dieser Roman hat eine universelle Botschaft. Jeder, der Krieg oder Bürgerkrieg durchlebt hat, kann sich mit ihm identifizieren. Ich denke, der Erfolg des Romans liegt darin, dass er einen makrokosmischen Blick auf eine Gemeinschaft im Kriegszustand wirft. Und auf Menschen, die Not und Beschwernis durchlebt haben. Es ist kein Historien-Roman, also erklärt er den Libanonkrieg nicht. Er zeigt nur einen Schimmer davon, wie es ist, inmitten des Kriegs zu sein.“

Eine Aufgabe, die Hage nicht leichtfertig den Medien überlassen möchte. Den Journalisten, die kommen und nach ein paar Tagen wieder gehen. Es braucht die lokalen Stimmen, meint er. Stimmen von Menschen, die etwas durchlebt und darüber nachgedacht haben, die eine Perspektive von innen zeigen. „Dafür haben wir ja die Literatur“, sagt er. „Denn in der Literatur können wir das Philosophische mit dem Ästhetischen verweben, das Literarische mit der Realität.“

So kommt der Literatur in der globalisierten Welt eine besondere Rolle zu. Sie schafft auch dann, wenn sie mit Geografien spielt, ästhetische und fiktive Momente aufnimmt, eine andere Form der Authentizität. Regionale Konflikte, so Hage weiter, müssten global wahrgenommen werden. Die Übersetzung sei dabei ein bedeutender Faktor. Und Deutschland, schließt er, habe doch eine lange Tradition von Übersetzungen und dem Erhalt religiöser und historischer Schriften aus anderen Kulturen, besonders auch des Mittleren Ostens und der Islamischen Welt.

Übersetzt hat Gregor Hens sein Werk, das Englisch als „De Niro’s Game“ erschienen ist. Ein wortgewaltiger Roman, der unter die Haut geht. Auch sein zweites Werk erscheint bald auf Deutsch. Er arbeite, sagt er, auch schon an seinem dritten Roman. Aber darüber wolle er nun wirklich nicht schon jetzt sprechen.


Aus einem telefonischen Interview mit dem Autoren im September 2009.

Author: Heike Gatzmaga

Bio

Rawi Hage, 1964 geboren, aufgewachsen in Beirut und auf Zypern, erlebte den Libanesischen Bürgerkrieg am eigenen Leib. 1982 ging er nach New York, wo er Fotografie studierte. Seit 1991 lebt er als freischaffender Künstler und Autor in Montreal. Für „Als ob es kein Morgen gäbe“ wurde er 2008 mit dem höchst dotierten Literaturpreis der Welt, dem IMPAC-Award, ausgezeichnet. Im Herbst 2008 erschien in Kanada sein zweiter Roman, „Cockroach“. 2009 war er mit „Als ob es kein Morgen gäbe“ für den ersten Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und der Stiftung Elementarteilchen nominiert. Sein Werk schaffte es in die Shortlist der letzten sechs Autoren.

Works

Cockroach

Published Written,
2008
Anansi Press

De Niro’s Game

Published Written,
2006
Anansi Press

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Internationaler Literaturpreis

Haus der Kulturen der Welt

(01 January 09 - 30 September 09)