André Lepecki

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crossroads:
Körper, Macht, Politik
genre(subgenre):
Performing Arts (Tanz / Choreografie)
region:
Europe, Southern, America, South, America, North
country/territory:
Portugal, Brazil, United States of America
created on:
January 14, 2008
last changed on:
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André Lepecki
Photo: Lepecki. Courtesy of the artist.

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Schizophrene Positionen

Der 1965 in Brasilien geborene Dramaturg, Autor, Kurator und Künstler André Lepecki ist einer der führenden Theoretiker, die Performance als politischen Akt im Spannungsfeld von Poststrukturalismus, Anthropologie und postkolonialer Theorie betrachten. Seine viel beachtete Abhandlung „Exhausting Dance” beschäftigt sich mit dem subversiven Potenzial der Werke von Choreografen wie Vera Mantero und Xavier Le Roy und fordert einen verstärkten Dialog zwischen künstlerischer Praxis und theoretischer Reflexion ein. Unter dem Titel „Option Tanz” erscheint das Buch im Mai 2008 erstmals in deutscher Übersetzung.
André Lepeckis Leben und Werdegang sind – wie er es selbst ausdrückt - von einer Vielzahl „schizophrener Positionen” geprägt. Als Sohn eines polnischen Atomphysikers und einer brasilianischen Professorin wird er 1965 in Brasilien geboren und emigriert nach der Trennung seiner Eltern als Fünfjähriger mit seiner Mutter nach Portugal. Schnell gewöhnt er sich daran, auf der Straße einen anderen Akzent zu verwenden als zuhause, als „Überlebensstrategie”, um nicht als unliebsamer Außenseiter gebrandmarkt zu werden. Inmitten der intellektuellen Aufbruchsstimmung nach dem Ende des Salazar-Faschismus beginnt er Anfang der 80er Jahre, Anthropologie zu studieren und schreibt schnell regelmäßig Artikel für verschiedene Magazine und Tageszeitungen. Es ist die Zeit, in der junge Choreografen wie Vera Mantero und Francisco Camacho in ihren Performances die koloniale Vergangenheit des Landes thematisieren und nach alternativen Körperbildern suchen. Lepecki, der die beiden bereits seit seiner Jugend kennt, wird von Camacho als Gesprächspartner eingeladen und entwickelt sich Schritt für Schritt zum Dramaturgen. Die Spannungssituation zwischen Wissenschaft und Kunst akzentuiert sich noch, als das populäre Punk-Magazin Blitz dem jungen Anthropologen eine regelmäßige Kolumne über zeitgenössischen Tanz anbietet: „Ich interessierte mich in meinen anthropologischen Forschungen besonders für non-verbale Kommunikation – es war also kein so großer Schritt für mich.” Die Zusammenarbeit mit den beiden Choreografen wird so intensiv, dass Lepecki für Vera Manteros Performance „Perhaps she should dance first and think later” das Bühnenbild entwirft. Bei einem Festivalauftritt in Belgien lernt er die amerikanische Choreografin Meg Stuart kennen, für die er alsbald als Dramaturg und Bühnenbildner arbeitet.

Gleichzeitig setzt er seine akademische Karriere fort: Nach seinem Abschluss in Anthropologie arbeitet er drei Jahre in der soziologischen Forschung, bis er auf einem Kongress von der Möglichkeit erfährt, an der New York University Performance Studies zu studieren. Seine dortige Begegnung mit Theoretikern wie Peggy Phelan beschreibt Lepecki als„den größten theoretischen Einschnitt in meinem Leben, da ich begann, mich mit Philosophie auseinanderzusetzen”. Obwohl bereits seine in Portugal erschienenen Schriften einen latent politischen Ansatz hatten, findet er erst in New York die theoretischen Werkzeuge, um die künstlerische Explosion im Portugal seiner Jugend als politischen Akt zu deuten. In seiner Dissertation beschreibt er nicht nur seine eigene Position in dieser Zeit, sondern vor allem die Art und Weise, wie Mantero und Camacho Choreografie als subversive Alternative gegen die Körperbilder und Machtpolitik ihres Landes einsetzten.

Im Gespräch weist Lepecki immer wieder auf die seltsame Schizophrenie hin, die sein Leben prägt: Einerseits fasziniert ihn die akademische Welt in New York, die ihm zum geistigen Zuhause geworden ist, andererseits kommt der Großteil der Kunst, die ihn begeistert, aus Europa. Dabei schockiert es ihn, dass außer Großbritannien kein anderes europäisches Land Theoretiker hervorgebracht hat, die sich kritisch mit der kolonialen Vergangenheit ihres Kontinents auseinandersetzen.

Neben seiner Forschungsarbeit ist Lepecki auch selbst als Künstler tätig, entwickelt Arbeiten mit seiner Frau, der brasilianischen Performance-Theoretikerin und Schauspielerin Eleonora Fabiâo. 2003 ist er Gast beim Festival IN TRANSIT und kuratiert im Jahr darauf auf Einladung von Johannes Odenthal den Festivalteil „The Lab“, in dem sich Künstler und Theoretiker zum gemeinsamen Austausch begegnen. 2007 stellt er am Haus der Kulturen der Welt das Performanceprogramm für „New York State of Mind” zusammen und übernimmt in den zwei kommenden Jahren die künstlerische Leitung von IN TRANSIT.
Lepecki lehrt in New York, seine Familie lebt in Rio de Janeiro, seine Mutter in Portugal – und ein Großteil seiner Arbeit führt ihn immer wieder nach Deutschland. Mag der ständige Orts- und Perspektivenwechsel im Alltag äußerst anstrengend sein, für die Arbeit erweist er sich als äußerst produktiv.

Author: Frank Weigand

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

IN TRANSIT 2009

Resistance of the Object - Widerstand des Objekts

(11 June 09 - 21 June 09)

IN TRANSIT 2008

Singularities | Einmaligkeiten

(11 June 08 - 21 June 08)

New York

Exhibition, Film Programme, Music, Conferences

(23 August 07 - 04 November 07)

IN TRANSIT 2004

The Third Body

(02 June 04 - 13 June 04)

IN TRANSIT 2003

Customs – Nothing to declare

(30 May 03 - 14 June 03)

Www

Das Alter des Zeigenössischen

André Lepecki und das Berliner Festival In Transit