Michael Lin

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crossroads:
Moderne, Popkultur, Schönheit, Tradition
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation, Malerei)
region:
Asia, Eastern
country/territory:
Taiwan
city:
Taipei
created on:
March 22, 2005
last changed on:
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information provided by:
Michael Lin
Fotografin: Cira Pérez Barés

Article

Die Geste der Gastfreundschaft

Gastfreundlich und großzügig sind die künstlerischen Gesten von Michael Lin: Er arbeitet mit großblumigen Mustern, die er aus seiner Kindheit in Taiwan in Erinnerung hat. Mit ihnen schafft er große Raumlandschaften, Fußbodenmalereien, Kissen, Möbelbezüge, Wandgestaltungen. Was zuerst vor allem wie die Gestaltung eines angenehmen Ortes wirkt, beinhaltet auch eine Reflexion über die Differenzen der Kunstbegriffe von Tradition und Moderne.
Es sieht so einfach aus und umfasst doch mehr als eine Welt: Die großflächigen Muster, die Michael Lin in seinen in-situ-Projekten über Wände, Fußböden und Sitzlandschaften fließen lässt, spannen weite Bögen zwischen verschiedenen Bedeutungsfeldern. Sie berühren die Geschichte der autonomen Kunst und Malerei aus der westlichen Moderne ebenso wie die Tradition der funktional gebundenen Form aus der Kunstgeschichte Japans und Chinas. Sie verbinden die Erinnerung an Handwerk und Handarbeit mit ihrem Verschwinden in der industriellen Produktion. Sie bringen die Großformen der Architektur und des öffentlichen Raums mit der Intimität des Geborgenseins in den eigenen vier Wänden zusammen. Nicht zuletzt tragen sie etwas von der Sehnsucht nach dem Land in den städtischen Raum. Das alles sieht und spürt man fast auf einen Blick.

Vor allem aber bestechen die Arbeiten von Michael Lin durch ihren einladenden und benutzbaren Charakter. Nicht nur die Augen sind mit ihnen beschäftigt, auch die Füße laufen oft darüber und nicht selten, wie in der Koproduktion mit Remy Markowitsch in Luzern (2003) oder in der Cafeteria des PS 1 in New York (2004) nimmt man in ihnen sogar Platz, ruht sich aus, hört zu oder betrachtet von dort aus weitere Werke. Die Installationen Lins drängen sich nicht gleich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, bleiben dafür aber umso konstanter gegenwärtig. Es ist dieser freundliche und bescheidene Gestus, mit dem man Michael Lin in Erinnerung behält. Am Ende hat man „in“ seinen Werken oft mehr Zeit zugebracht als mit denen anderer Künstler. Bei ihm fühlt man sich einfach willkommen und aufgehoben. Fast könnte man glauben, die Gastfreundschaft wäre sein eigentliches Thema.

Auch im Berliner Haus der Kulturen der Welt empfängt sein Bodengemälde im Foyer den Ausstellungs- und Veranstaltungs-Besucher von „Über Schönheit“. Lins auf Holz gemalte Blumen verbinden die verschiedenen Räume des Hauses und halten mit ihrer farbigen Pracht das Thema der Schönheit in der Schwebe. Die Säulen, die das Dach der ungewöhnlichen Architektur der Kongresshalle tragen, werden auf diesem blumigen Grund zu Stämmen. Rote, stilisierte Blüten, geäderte Blätter in grau, orange und pink, und ein Meer heller Punkte, darüber gestreut wie Blütenstaub, zitieren ein Muster, das in Taiwan in der Kindheit des Künstlers als Stoffmuster gebräuchlich war. „Ich habe viel Zeit auf dem Land mit meinem Großvater verbracht“, erzählte Lin in einem Gespräch, (in: ‚The Gravity of the Immaterial’, Ausstellungskatalog, Taipei, 2001). „Ich erinnere mich noch an bestimmte Textilien, die für Bettzeug und als Mitgift verwendet wurden. In meinen Augen stehen sie für eine Zeit, als Taiwan sich von der Handarbeit auf industrielle Fertigung umstellte, vom ländlichen zum städtischen Leben.“

Ebenso signifikant wie diese Herkunft aus der persönlichen Erinnerung ist die Verbindung seiner Kunst zur Pop-Art. Bevor Michael Lin mit seinen raumgreifenden Installationen begann, malte er die Muster blumiger Kissenbezüge, aber auch karierter Stoffe mit Öl auf Leinwand, zum Beispiel die Serie „Pillow“, 1998. Damit ist er der Haltung der amerikanischen Popkünstler nahe, die einzelne Elemente der Warenwelt isolierten, manchmal gar monumentalisierten und als ästhetische Form wieder entdeckten. Dieser Generation, die mit dem Vorgefundenen arbeitete und die Grenze zum Alltag so schmal wie eben möglich hielt, waren die Maler des abstrakten Expressionismus vorausgegangen. Ganz anders als die Popkünstler hatten diese sich eine Losgelöstheit ihrer Formensprache von Referenzobjekten erarbeitet, wodurch ihre Bilder das Gefühl eines „All-over“, einer aufgespannten Weite zu evozieren vermochten. Etwas von diesem Gestus der Expansion, der Ausdehnung der Malerei in der Fläche und der Betonung der Gleichwertigkeit aller Elemente, ist den Werken von Michael Lin ebenfalls eigen. Gerade das macht sie nachhaltig spannend im Diskurs zwischen verschiedenen Horizonten der Kunstgeschichte: dass Lin nicht nur die Tradition Taiwans mit der Gegenwart verbindet, sondern auch die verschiedenen Linien aus der Tradition der Moderne miteinander versöhnt.

Die großen Flächen, die er mit seinen Mustern bedeckt, verweisen weiterhin auf ein anderes Verhältnis zu Perspektive und Zeit als in der westlichen Bild-Tradition. Die chinesische Kunst kannte in den traditionellen Rollbildern schon lange vor der Erfindung des Films ein lineares Fließen der Bilder, ein Gleiten durch den Raum von Landschaften wie auf einem Fluss. Diese Bewegung des Blicks kennt weder die hierarchische Ordnung der Zentralperspektive, noch den Dualismus von Oberfläche und Tiefe. Lins Oberflächen fehlt nichts, sie haben nichts vom defizitären Beigeschmack des Oberflächlichen. Es ist diese andere Bewertung, die Michael Lin ins Bewusstsein hebt.

Micheal Lin wurde 1964 in Tokio geboren. Seine biografischen Angaben verzeichnen die beiden Großstädte Paris und Taipei als Lebensmittelpunkte. Doch zurzeit ist das Interesse an seinen Arbeiten so groß, dass der Künstler viel auf Reisen ist, um seine Projekte vor Ort zu realisieren. Er gehört zu den „global players“ des Kunstbetriebs. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Erfahrung ständigen Aufbruchs und Weiterreisens entstehen seine raumgreifenden Projekte: Er schafft mit ihnen paradiesische Inseln, eine heimatlich anmutende Landschaft und einen Ort des Aufgehobenseins. Sie wenden das Bild einer Identität, die in den Sog der Globalisierung gerät, in ein Beharren auf dem Eigenen, das zugleich in einen für jedermann zugänglichen Ort verwandelt wird.
Author: Katrin Bettina Müller

Works

GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

Established,
2005
2005 ´The Elegance of Silence´, Mori Art Mueum, Tokio, Japan 2004 ´Polyphony´, 21st Century Museum of Contemporary Art, Kanazawa, Japan ´Odyssey´, Shanghai Gallery of Art, Shanghai, China ´Floral Habitat´, Bury St.Edmunds Art Gallery, Suffolk, UK 2003 ´Wer Power/Lille 2004´, Palais des Beaux Art, Lille, France ´The Fifth System´, Shenzhen, China ´Tiger´s eye´, Proud Gallery, London, UK´ ´Painting 4´, The Rose Art Museum-Waltham, MA, USA ´Crossed-CCCB´, Barcelona, Spanien NMAC, Foundation-Cadiz, Spanien ´Chinese Contemporary Art/Subversion and Poetry´, Culturgest, Lissabon, Portugal ´Bibliotherapy´; (with Remy Markowitsch), Kunstmuseum, Luzern, Schweiz 2002 ´Urgent Painting´, Musee d´Art Moderne de la Ville de Paris, Paris, Frankreich ´Asianvibe´, Espai d´Art Contemporani de Castello (EACC), Castello, Spanien ´Pause´, Gwangju Biennial, Gwangju Biennial Hall, Gwangju, Korea ´Synthetic´, Gallery Zurcher, Paris, Frankreich ´How Big Is the World?´, O.K. Centrum für Gegenwartskunst, Linz, Österreich Asian Art Triennial, Queensland Art Gallery, Brisbane, Australien ´International 2002´, Liverpool Biennial, Liverpool, UK ´The Gravity of the Immaterial´, Total Museum, Seoul, Korea 2001 ´The Gravity of the Immaterial´, Institute of Contemporary Art, Taipeh, Taiwan 49th Biennial of Venice, Taiwan Pavilion, Venedig, Italien 7th Istanbul Biennale, Istanbul, Türkei ´ARS O1´, Kiasma Museum, Helsinki, Finnland ´Casino 2001´SMAK, Gent, Belgien ´Bibliotherapy´ (with Remy Markowitsch), Villa Merkel, Esslingen, Deutschland 2000 ´The sky is the limit´, 2000, Taipeh, Taiwan Biennale, Taipei Fine Arts Museum, Taiwan ´Sister space project´, Southern Exposure, San Francisco, CA, USA ´Very fun park´;, Hong Kong Art Center, Hongkong, China ´Festival of Vision/Berlin in Hong Kong´, Tamar Site, Hongkong, China 1999 ´Visions of pluralism´, China Art Museum, Beijing, China ´Magnetic writing/Marching ideas´, IT Park Gallery, Taipeh, Taiwan Fukuoka Triennale, Fukuoka Asian Art Museum, Fukuoka, Japan ´Khoj´, International Artist Workshop, Modinagar, Indien 1998 ´Tu parles/J´ecoute´, Taipei Fine Arts Museum, Taipeh, Taiwan ´Back from home´, The Bamboo Curtain Studio, Taipeh, Taiwan ´Tu parles/J´ecoute´, La Ferme du Buisson, Paris, Frankreich 1997 ´It Park Group exhibition´, Taipei Fine Arts Museum, Taipeh, Taiwan ´Allegoy and Simulacra´, Gallery Pierre, Taichung, Taiwan 1996 ´Perimeter 4´, Gallery 456, New York, NY, USA 1995 ´Transitional site´, IT Park Gallery, Taipeh, Taiwan 1994 ´Post Marshall Law´, Gate Gallery, Taipeh, Taiwan ´Art & Text´, National Normal College, Taipeh, Taiwan ´The indescribable unknown´, IT Park Gallery, Taipeh, Taiwan 1993 ´Zuzüglich´, Merz Akademie, Stuttgart, Deutschland 1992 ´Sharon Lockhart/Michael Lin´, Art Center College of Design, Pasadena, CA, USA 1991 ´Eart L.A.´, Scott Hanson Gallery, Los Angeles, CA, USA 1990 ´Law of desire´, Future Perfect Gallery, Los Angeles, CA, USA ´Provisional proof´, Opus Gallery, Los Angeles, CA, USA ´June fourth 1990´, Los Angeles, CA, USA Contemporary Exhibitions, Los Angeles, CA, USA ´Oltre il Muro´, Accademia di Belle Arti di Brera, Mailand, Italien

EINZELAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

Established,
2005
2005 Kunsthalle Wien, Wien, Österreich Contemporary Museum, Honolulu, Hawaii, USA 2004 ´Grind´, Asian Art Museum, San Francisco, CA, USA Contemporary Art Museum St. Louis, St. Louis, USA PS1 Contemporary Art Center, Long Island City, New York, USA 2003 ´Spring 2003´;, Palais de Tokyo, Site de Creation Contemporaine, Paris, Frankreich Moroso Showroom, Mailand, Italien ´Michael Lin´, Galerie Urs Meile, Luzern, Schweiz 2002 Palais de Tokyo, Site de Creation Contemporaine, Paris, Frankreich Michael Lin (mit Andy Collions), Galerie Ghislaine Hussenot, Paris, Frankreich ´Atrium Stadhuis den Haag´;, Stroom, Den Haag, Niederlande Galerie Tanit, München, Deutschland 2000 Privat Collection, Artstyl.com, Paris, Frankreich 1999 ´Here´, IT Park Gallery, Taipeh, Taiwan 1998 ´Comlimentary´;, Dimensions Endowment of Art, Taipeh, Taiwan 1996 ´Interior´;, IT Park Gallery, Taipeh, Taiwan 1994 ´Huh´, IT Park Gallery, Taipeh, Taiwan 1993 ´After´ , Art Center College of Design, Pasadena, CA, USA

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Über Schönheit

Ausstellung, Tanz, Workshops, Konferenz

(18 March 05 - 15 May 05)

Www

Ueber-Beauty.com

images
Palais des Beaux Arts (detail), 2004