Irwin

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crossroads:
Erinnerung, Geschichte, Trauma
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation)
region:
Europe, Southern
country/territory:
Slovenia
created on:
February 5, 2007
last changed on:
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Article

Spiel mit Faschismus und Avantgarde

Aktionen, Performances und Bilder mit vorgefundenen Elementen, Kunstgeschichte als „objet trouvé“, das Spiel mit totalitärer Symbolik und dabei eine eigensinnige Vermischung der Ästhetiken von Faschismus und Avantgarde prägen die Arbeiten der slowenischen Künstlergruppe Irwin. Sie beschränkt sich bewusst auf den vorhandenen Bilderkanon der Kunstgeschichte, der als Sampling-Material dient und verzichtet bewusst darauf, eigenständig neue Formen zu schaffen. So entstehen Assemblagen mit Ikonen der Avantgarde wie der Blubo-Kunst, kirchlichen Symbolen und Opferkitsch, mit Hirschen, Kreuzen, Adlern, Sämännern in traditioneller Maltechnik und in wuchtigen Rahmen.
1983 wurde die Gruppe als Rrose Irwin Sélavy von Dusan Mandic, Miran Mohar, Andrej Savski, Roman Uranjek und Borut Vogelnik gegründet und knüpfte damit an eines der weiblichen Pseudonyme Marcel Duchamps an, der seit 1920 den Namen Rrose Sélavy (c’est la vie) verwandte. Die fünf Künstler der Gruppe kamen aus der Punk- und Graffiti-Szene Ljubljanas. Sie verkürzten ihren Gruppennamen im Laufe der Zeit auf R Irwin S und schließlich auf Irwin – das war 1984 nach Gründung des Künstlerkollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK), zu dem außer Irwin auch die Musikgruppe Laibach oder Laibach Kunst, das Theater der Schwestern Scipio Nasicas (inzwischen das Kosmokinetische Kabinett Noordung) und die Designabteilung Neuer Kollektivismus gehören.

Irwins erstes Projekt „Back to the USA“ war eine vollständige Appropriation der gleichnamigen Ausstellung US-amerikanischer Künstler, die zu dieser Zeit durch Europa tourte. Die radikale Kopierpraxis sollte zum Grundprinzip vieler folgender Projekte werden. Die wichtigste Grundlage ihrer Kunst ist das 1984 in einem Manifest entwickelte „Retroprinzip“: „Es basiert auf Re-Interpretation, Re-Kreation früherer Modelle, bei gleichzeitiger Distanzierung zu anderen Strömungen. \... Das Retroprinzip unterstützt eine konstante Veränderung von Sprache und ein Hinübergleiten von einer bildnerischen Ausdrucksweise in eine andere. Es verweist eklektisch in die Kunstgeschichte, die zusammen mit der gesamten kulturellen Sphäre als Operations-Feld dient. \... Die dem Bild eigene Expressivität wird eliminiert und eine Tendenz hin zum Unpersönlichen entsteht, wobei bereits existierende persönliche Ausdrucks- oder typische (stilistische) Vorgehensweisen ausgenutzt werden.“ Die von Irwin aufgenommenen Elemente – z.B. der russischen Avantgarde – stehen dabei einerseits für eine künstlerische Utopie, andererseits verweisen sie immer auch auf das Scheitern von Utopien im totalitären Kontext.

1991 gründete Irwin parallel zur Unabhängigkeitserklärung Sloweniens den „NSK-Staat in der Zeit“. Das künstlerische Staatsgebilde kommt ohne reales Territorium und Nation aus und konstituiert sich mit temporären Konsulaten oder Botschaften (z.B. 1992 in Moskau, 1993 in der Berliner Volksbühne), die auf Antrag fiktive Reisepässe ausstellen, eine „confirmation of temporal space“.

In einer Aktion vom 6. Juni 1992 breiteten Irwin zusammen mit russischen und ex-jugoslawischen Künstlern und Theoretikern ein 22 x 22 m großes schwarzes Quadrat auf dem Roten Platz in Moskau aus: „Black Square on Red Square“. Zahlreiche zunächst unbeteiligte Zuschauer halfen beim Entrollen des Tuches. Entgegen den Befürchtungen der Künstler verhinderte die Miliz auf dem historischen Platz, der ein Ort für Militärparaden und Staatsbegräbnisse ist, nicht den Entstehungsprozess des Werks. Malevi?s ikonisches Quadrat findet sich in mehrfacher Ausführung und kleiner Größe auch auf der Fotografie „Mystery of the Black Square“ mit Andres Serrano. Es wird hier zu einem an Hitler und Chaplin zugleich erinnernden Schnurrbart, aber auch zu einer Art Siegel oder Schloss, das den Künstlern die Sprache zu verschlagen scheint.

Bei ihrer „Transnacionala“-Reise 1996 fuhr Irwin gemeinsam mit fünf weiteren Künstlern (Michael Benson, Alexander Brener, Eda ?ufer, Vadim Fiškin, Jurij Lejderman) in Wohnmobilen einen Monat unter klaustrophoben Umständen durch die USA: 10 Personen auf 10 Quadratmetern. Die Reise sollte Diskussionen über Kunst, Politik und Theorie bewirken und insbesondere die Frage, ob eine osteuropäische Identität in der Kunst möglich ist, reflektieren.

2001 erfolgte ein weiterer Schritt künstlerischer Aneignung. So ging Irwin mit der Installation „Was ist Kunst Slowenien“ dazu über, nicht mehr selbst produzierte Bilder mit Zitaten aus der europäischen Kunstgeschichte auszustellen, sondern die Originale anderer Künstler in die typischen Irwin-Rahmen zu fassen.

Seit 2002 sind Irwin vor allem mit einem provokanten zeitkunstgeschichtlichen Statement hervorgetreten. Als Initiatoren der „East Art Map“ erhellen sie in Zusammenarbeit mit Kunstwissenschaftlern aus Mittel- und Osteuropa schwarze Löcher auf der künstlerischen Landkarte Mittelosteuropas. In dem aufwändigen Ausstellungs-, Internet- und Publikationsprojekt sind eine Vielzahl künstlerischer Positionen versammelt, die international bis heute oft völlig ignoriert wurden. Ihr Anliegen ist es, die westlich dominierte Kunstgeschichte mit einem östlichen kunsthistorischen Narrativ zu durchbrechen. Dass das Monumentalunternehmen, in dem je Land (nur) 8 bis 10 künstlerische Positionen holzschnittartig umrissen werden, wegen seiner Tendenz zur Kanonbildung problematisch ist, ist Irwin bewusst. Sie sehen ihre Arbeit daher als ein Anfangs- und nicht als ein abschließendes Statement.

Neben „East Art Map“ demonstriert auch Irwins langjähriges Engagement für die Einrichtung von Sammlungen osteuropäischer Kunst auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens eines ihrer Ziele: Die osteuropäische Kunstgeschichte in den Blick zu nehmen und – „How the East sees the East“ – eine Auseinandersetzung osteuropäischer Kunstgeschichte mit sich selbst zu initiieren.
Author: Petra Stegmann

Bio

Die Künstlergruppe Irwin wurde in Ljubljana (Slowenien) gegründet; zu ihren Mitgliedern gehören Dušan Mandic (geboren 1954 in Ljubljana), Miran Mohar (geboren 1958 in Novo Mesto), Andrej Savski (geboren 1961 in Ljubljana), Roman Uranjek (geboren 1961 in Trbovlje) und Borut Vogelnik (geboren 1959 in Kranj). Zusammen mit der Musikgruppe Laibach, der Theatergruppe Kozmokineti?ni Kabinet Noordung, und der Designerschule Novi Kolektivizem gehört Irwin zum Künstlerkollektiv Neue Slowenische Kunst (NSK), das 1984 ins Leben gerufen wurde. Gemeinsam mit den anderen Gruppen der NSK ist Irwin Vertreter des so genannten Retro-Prinzips. So enthält die von Irwin in der 1980er Jahren entwickelte Bildsprache, vorwiegend Bildelemente, welche die west- und osteuropäische Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts zitieren. So werden Motive des Sozialistischen Realismus sowie der Kunst des Dritten Reichs ebenso aufgenommen wie solche der unterschiedlichen Avantgarden Europas, etwa des Dadaismus, des Futurismus und des Konstruktivismus.

Irwin sind Initiator des Projekts East Art Map, eines groß angelegten Versuchs, die bislang nur wenig bekannten Künstler Mittelost-, Ost- und Südosteuropas in den Kanon der europäischen Kunstgeschichte zu integrieren.

Works

Ausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2006 "Videozone 3", Videozone - International Video-Art Biennial, Tel Aviv, Israel "DREAMINSTIGATORS", House of the Lords of Kunštát, Brno, Tschechische Republik "Irwin - Like to Like", Moderna Galerija - Ljubljana, Ljubljana, Slowenien "Eye on Europe - Prints, Books & Multiples, 1960 to Now", MoMA - Museum of Modern Art, New York, NY, USA "Arteast Collection 2000+23", Moderna Galerija, Ljubljana, Slowenien "Politische Wahrheiten", heidelberger kunstverein, Heidelberg, Deutschland "Essence of Life Art", The Russian State Museum - Marble Palace, St. Petersburg, Russland "Trajectory 1 - The sun on the wall", Latvian Centre for Contemporary Art - LCCA, Riga, Lettland "Normalization", Rooseum Center for Contemporary Art, Malmö, Schweden "Kontakt - ... from the collection of the First bank group", MUMOK Museum Moderner Kunst, Stiftung Ludwig im MQ, Wien, Österreich "Interrupted Histories", Moderna Galerija, Ljubljana, Slowenien "ONESTAR STOP", Galerie Erna Hécey, Brussels, Belgien "On Difference #2", Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, Deutschland 2005 9th Istanbul Biennial, International Istanbul Biennial, Istanbul, Türkei "Essence of Life - Essence of Art", Ludwig Museum - Museum of Contemporary Art, Budapest, Ungarn "Re:MODERN", Künstlerhaus Schloß Balmoral, Bad Ems, Deutschland "Re:Modern", Künstlerhaus Wien, Wien, Österreich Sharjah International Art Biennial 7, Sharjah International Art Biennial, Sharjah, Vereinigte Arabische Emirate 2004 "Instant Europe - Photography and Videos from New Europe", Villa Manin. Centro d’arte contemporanea, Codroipo (UD), Italien "Cosmopolis 1 - Microcosmos x Macrocosmos", Greek State Museum of Contemporary Art, Thessaloniki, Griechenland "Beyond the Frame", City Art Museum Ljubljana - Bezigrad Gallery 2, Ljubljana, Slowenien "Art in Expanded Spaces", Moderna Galerija - Ljubljana, Slowenien "Passage d’Europe", Musée d’Art moderne de Saint-Etienne, Saint-Etienne, Frankreich "Irwin - Retroprincip 1983-2003", Museum of Contemporary Art Belgrade, Belgrad, Serbien "IRWIN: Like to Like", Cornerhouse, Manchester, Großbritannien 2003 "Berlin-Moskau Moskau-Berlin 1950-2000", Martin-Gropius-Bau, Berlin, Deutschland "IRWIN Retroprincip 1983-2003", Künstlerhaus Bethanien, Berlin, Deutschland "In den Schluchten des Balkan - Eine Reportage", Kunsthalle Fridericianum, Kassel, Deutschland "Blut & Honig - Zukunft ist am Balkan", Sammlung Essl - Kunsthaus Klosterneuburg, Klosterneuburg, Österreich "M_ARS - Art and War", Neue Galerie Graz am Landesmuseum Joanneum, Graz, Österreich 2002 "In search of Balkania", Neue Galerie Graz am Landesmuseum Joanneum, Graz, Österreich "\ungemalt", Sammlung Essl - Kunsthaus, Klosterneuburg, Österreich 2001 "VULGATA - Kunst aus Slowenien", NBK - Neuer Berliner Kunstverein, Berlin, Deutschland "Acchrochage", Galerie Inge Baecker, Cologne, Deutschland 2000 "Art in Central Europe - 1949 - 1999", Fundación Joan Miró, Barcelona, Spanien "Das fünfte Element - Geld oder Kunst", Kunsthalle Düsseldorf, Düsseldorf, Deutschland 1998 "Freeze Frame", University of South Florida Contemporary Art Museum, Tampa, USA "Transnacionala Vienna", Galerie Grita Insam, Vienna, Österreich

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Europe Now | Europe Next

(01 August 06 - 31 July 07)

Www

East Art Map Website