Szabolcs KissPál

Article Bio Works Merits Projects Images
crossroads:
Realität, Wahrnehmung
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation, Videokunst)
region:
Europe, Eastern
country/territory:
Romania
created on:
December 17, 2007
last changed on:
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Article

Zusammenfallen zweier Welten

Was ist Realität? Was kann Wirklichkeit sein - und wie weit können wir unsereren multimedial beeinflussten und gesteuerten Sinneseindrücken vertrauen? Diesen Fragen geht der ungarische Künstler Szabolcs KissPál nach. Er bedient sich dabei modellhafter Versuchsanordnungen, die – spielerisch arrangiert – durch ihre perfekte Umsetzung beeindrucken, dabei kühl und poetisch zugleich sind. Bestechend an seinen Arbeiten ist die Vermischung von Low und High Tech mit Gegenständen oder Aktionen, die auf eine vorsichtig-subtile Art emotional sind. So muten sie auf den ersten Blick wie technoide Spielereien an. KissPál nimmt dabei in vielen seiner Werke Bezug auf die Technik- oder Kulturgeschichte.
So auch in "L´Autre Monde" (1998), einer Arbeit, die konsequent die Erwartungshaltung des Betrachters unterläuft. Hier verwendet er gefundenes Super-8-Material, etwa Aufnahmen eines sommerlichen Blumengartens und einer Frau, unterlegt mit stimmungsvoller Musik für Klavier und Orchester. Aber der Film ist beschädigt und die harmonischen Sequenzen werden erst punktuell, dann immer stärker mit an Maschinengewehrsalven erinnernden Geräuschen durchsetzt. Erst zum Schluss erfährt man, dass es sich nicht um das imaginierte Horrorszenario handelt: Das Geräusch stammt vom Rattern einer Nähmaschine. Schließlich fallen beide Sequenzen zusammen: Die Nähmaschine durchlöchert den Film. Sie also ist verantwortlich für die Beschädigung des Filmmaterials.

Zugleich spielt der Titel "L´Autre Monde" auf den Dichter Lautréamont (eigentlich Isidore Ducasse, 1846-1870) an, der die Schönheit einer zufälligen Begegnung von Nähmaschine und Regenschirm auf dem Seziertisch verkündete und später die Surrealisten so faszinierte. Ganz in diesem Sinne zeigt "L’Autre Monde" die Schönheit einer nicht ganz zufälligen Begegnung von Filmspule und Nähmaschine.

Tatsächlich liegt ein zufälliges Zusammentreffen dem Video "Shards of Glass" (2003) zugrunde - eine Ausnahme in KissPáls sonst in Form und Sujet ausgeklügelt arrangierten Werken. Bei der Suche nach dem Grab des Physikers und Philosophen Ludwig Boltzmann auf dem jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs bemerkte er einen Hirsch. Der Künstler und das Tier erschraken bei ihrer unerwarteten Zusammenkunft gleichermaßen. KissPál begann, das Tier mit seiner Kamera zu filmen und wie ein Jäger zu verfolgen, bis der Hirsch – wie der Zauberhirsch (Csodarszavas) aus der ungarischen Volkslegende – verschwand. Erst nach diesem Friedhofsbesuch wurde dem Künstler bewusst, dass die Begegnung am 65. Jahrestag der Reichskristallnacht stattfand. Das Video unterlegte er später mit Textfragmenten über den wundersamen Hirsch.

Die Videoarbeit "The Dance" (2001) zeigt Aufnahmen zweier Tanzender für einen Historienfilm. Was sonst eine halb-intime Begegnung zwischen Mann und Frau darstellt, entpuppt sich hier als ein Zusammenspiel vieler Akteure. Die Tanzpartner tanzen nicht miteinander, sondern sind in mit der Kamera verbundene Geschirre eingespannt. Nicht nur die Schauspieler, das ganze Filmteam muss den Bewegungen der Musik folgen. Ein seltsamer neuer Tanz entsteht. Die Arbeit zeigt nicht nur den großen Anteil der Technik in der Entstehung eines Films, sondern auch, dass Filme das Ergebnis einer fein abgestimmten Teamarbeit sind. Außerdem verdeutlicht sie die Manipulation, der der Zuschauer ausgesetzt ist, der an das Dargestellte glauben will, sich ihm freiwillig ausliefert. Bei "The Dance" entscheidet er bewusst, ob er sich der Verführung durch die Musik hingibt und die Arbeit als einen Tanz erlebt, oder ob ihn die bloßgelegte technische Umsetzung zu einer distanzierten, kritischen Reflexion bewegt.

In der Installation "Siliconvalse" (2001) irritiert KissPál durch Gegenstände, die perfekt identische Repliken sind. So zeigt er zwei heruntergebrannte Kerzen. Das Wachs scheint an beiden beim Zerfließen den gleichen Weg genommen zu haben, auch die Dochte sind nicht zu unterscheiden.. Zumindest eine der Kerzen muss eine Kopie sein. Oder sind sie beide Kerzen die Kopien eines fiktiven oder nicht mehr existenten Originals? Welchen Sinn macht das Klonen von Zerstörtem und Gebrauchten? Ein paradoxer, fast gespenstischer Effekt entsteht, denn stets wird doch versucht, Perfektion und Exzellenz zu duplizieren – nicht aber Zerstörtes, Verschlissenes, Gebrauchtes. In KissPáls Installation aber gibt es neben den abgebrannten Kerzen exakt identisch zerbrochene Fensterscheiben und die Zwillingscherben von Blumentöpfen. Der Titel "Siliconvalse" spielt mit der Romantik des Walzers – so könnten Kerzen aussehen, die im Ballsaal von herumwirbelnden Paaren in Bewegung gesetzt wurden. Andererseits holt das Wort Silikon, zum Inbegriff alles Künstlichen geworden, uns wieder in die Realität zurück. Silikon wird – neben seiner Verwendung bei Schönheits-OPs und als Dichtungsmaterial – auch als vielseitig einsetzbarer Werkstoff für Gussformen benutzt, mit deren Hilfe sich perfekte Abbilder herstellen lassen.

KissPáls Arbeiten kreisen um Doppelungen und Dualitäten, Positiv und Negativ, die zwei Erscheinungsformen eines Gegenstands. So auch die mehrteilige und vielschichtige Arbeit "Rever", zu der eine Serie von Installationen gehört, die KissPál in Ungarn, Deutschland, der Slowakei, Moldawien, Rumänien, Finnland und in den Niederlanden realisierte. Zur „Rever“-Installation gehört eine Flagge außerhalb eines Galerieraums sowie ihre Projektion in den Galerieraum hinein. Die Flaggen erinnern formal an die jeweiligen Landesflaggen, doch ihre Farbigkeit irritiert zunächst. Erst ihre Negativprojektion im Galerieraum lässt sie in richtiger Farbigkeit erscheinen, nun allerdings verwirrt die Umgebung, die durch die Projektion invertiert wurde. Dieses Verfahren wendet KissPál in Installationen, Videos und Fotografien an. Flaggen, Bälle und Ampeln dienen ihm als Studienobjekte der menschlichen Wahrnehmung. KissPáls Arbeit wirft Fragen auf nach den Möglichkeiten von Wahrnehmung.
Author: Petra Stegmann

Bio

KissPál wurde 1967 in Marosvásárhely, Rumänien, geboren. Von 1986 bis 1992 besuchte er die Akademie für visuelle Kunst in Cluj, von 1993 bis 1994 studierte er Malerei, 1997 bis 1998 Intermedia an der Akademie der bildenden Künste in Budapest. 2001 wurde er in Budapest promoviert. Szabolcs KissPál lebt und arbeitet in Budapest.


Education
2001
DLA doctorship Budapest
1997-1998
Academy Of Fine Arts, Budapest (postgradual), Dpt of Intermedia
1993-1994
Academy Of Fine Arts, Budapest (postgradual), Dpt of Painting
1992
Academy of Visual Arts, Cluj, Rumania, MA degree
1986-1992, Academy of Visual Arts, Cluj, Romania

Works

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2006 Regardless of the Weather, Karton Galéria & Museum, Budapest, Ungarn Re_dis_trans; Voltage of Relocation and Displacement, Apex Art, New York, USA 2005 Directors Lounge, Club el Cultrún, Berlin Kunst en Passant, Collegium Hungaricum Wien, Österreich Longtime, Trafó Gallery Budapest, Ungarn 18th Stuttgarter Filmwinter Exhibition, Stuttgart Gage Festival HAL, Hull, Großbritannien 2004 3rd Seoul Biennial, Süd-Korea Travelling Without Moving, W139, Amsterdam, Niederlande To Far, Too Close, IG Bildende Kunst, Wien, Österreich Freedom Borders, Galerie Van Gelder, Amsterdam, Niederlande EU Positive, Akademie der Kunste Berlin Nam June Paik Award show, Hartware Dortmund Softmanipulations, Budapest Galéria, Ungarn Revolutions Reloaded, Artra Milano, Italien Play, Gallery Berlin 2003 Softmanipulations, Atelierraum Martin Vesely, Wien, Österreich Poesis, Kunsthalle Budapest, Ungarn ID Vaasa, Finnland Prague Biennial, Tschechien Unnoccupied Territories, K&S Gallery Berlin (Beitrag) 2002 Vision, Kunsthalle Budapest, Ungarn Unstable Narratives, HartwareKunstverein Dortmund On my way to Timbuctoo, IFA, Berlin, Bonn KMKK (with Julien Maire), Budapest, Ungarn 2001 Mind The Gap, Studio Gallery Budapest, Ungarn Klima, Kunsthalle Budapest, Ungarn Context - 49, Venice Biennial Romanian Pavillon, Italien The unique way of reading, Artpool Gallery Budapest, Ungarn 14. Stuttgarter Filmwinter, Stuttgart Media Model, Kunsthalle Budapest, Ungarn Unplugged, Marosvásárhely, Rumänien "Mimi...", Trafó Contemporary Art House Budapest, Ungarn Alapzaj 7, Dunaújváros, Ungarn Kurskurrektur-Qualitätsicherung (with G. Winter) , Staadtbucherei + IFA Stuttgart Solitude in Museum (K. Sander), Staatsgalerie Stuttgart Musee d`Art Moderne de Saint Etienne, Frankreich Medzi International Media Festival, Skalica, Slowakei 2000 Intermedia/Inventions/Innovations, Kunsthalle Budapest, Ungarn ´New Topics´, Kunstverein Neuhausen, Stuttgart 1999 Break 21 International Festival of Young Independent Artists, Ljubljana, Slowenien Perspective,Kunsthalle Budapest, Ungarn 1998 ROOT Festival, HTBA Hull, Großbritannien 1997 Drug, Bartók 32 Gallery Budapest, Ungarn 1993 Ex Oriente Lux, SCCA ,Bucharest, Rumänien 1991 State whithout title, Timisoara, Rumänien 1989 First Triennal of Graphic Art, Vaasa, Finnland 1989 "Atelier 35", Marosvásárhely, Rumänien Screenings 2005 Artissima 12/Galerie van Gelder, Turin, Italien 2004 Taste Vienna, Österreich Kunst-En-Passant, Kunsthalle Wien, Wien, Österreich The Oneminutes Salto TV, Amsterdam, Niederlande Academie Libanaise des Beaux Arts, Beirut, Libanon Cubacine 2004, Kuba 2003 Videobrasil XVI., Sao Paolo, Brasilien A+A Gallery Venice, Italien IntVs03 Vaasa, Finnland Odeon Art, Budapest , Ungarn Emergeandsee, Budapest, Ungarn Trafó, London, Curzon Soho Cinema, Großbritannien 2002 Video 20xx Deak Erika Gallery, Budapest, Ungarn 2001 Csomópont Project, Budapest, Ungarn Maison Européenne de la Photographie, Paris, Frankreich 2000 TRANSMEDIA 2000, Toronto, Kanada 2000 Trampoline 2000, Nottingham, Großbritannien L´imagine leggera IV., Palermo, Italien CJC Paris, Frankreich 1999 EMAF ´99, Osnabrück Champ Libre, Montreal, Kanada Hull Screen, Großbritannien

Einzelausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2005 ´Backlit gaps´, Galerie van Gelder, Amsterdam, Niederlande Liget Gallery, Budapest, Ungarn 2004 KvadraT Gallery, St. Petersburg, Russland Gallery By Night, Studio Gallery Budapest (mit Beate Ratmayr), Ungarn 2003 Gastateliers KulturKontakt Austria, Wien, Österreich Vár Gallery, Duett Marosvásárhely, Rumänien 2002 Közelítés Gallery, Pécs, Ungarn 2001 Óbudai Társaskör Galéria Budapest, Ungarn French Institute Budapest, Ungarn 1999 Artec London, MAMU Gallery Budapest, Ungarn PPP Project, Budapest, Ungarn MAMU Galéria Budapest, Ungarn Stúdió Gallery, Budapest, Ungarn 1998 ROOT festival, Hull, Großbritannien 1992-1995 My roads, 3-jährige Performance 1992 Museum of Art Cluj, Rumänien Museum of Donations Cluj, Rumänien 1991 ´Pseudo-reproduction´ performance Cluj, Rumänien 1983 Apolló Gallery (mit Pál Szacsva Y), Marosvásárhely, Rumänien

Screenings (Auswahl)

Exhibition / Installation
2005 Artissima 12/Galerie van Gelder, Turin, Italien 2004 Taste Vienna, Österreich Kunst-En-Passant, Kunsthalle Wien, Wien, Österreich The Oneminutes Salto TV, Amsterdam, Niederlande Academie Libanaise des Beaux Arts, Beirut, Libanon Cubacine 2004, Kuba 2003 Videobrasil XVI., Sao Paolo, Brasilien A+A Gallery Venice, Italien IntVs03 Vaasa, Finnland Odeon Art, Budapest , Ungarn Emergeandsee, Budapest, Ungarn Trafó, London, Curzon Soho Cinema, Großbritannien 2002 Video 20xx Deak Erika Gallery, Budapest, Ungarn 2001 Csomópont Project, Budapest, Ungarn Maison Européenne de la Photographie, Paris, Frankreich 2000 TRANSMEDIA 2000, Toronto, Kanada 2000 Trampoline 2000, Nottingham, Großbritannien L´imagine leggera IV., Palermo, Italien CJC Paris, Frankreich 1999 EMAF ´99, Osnabrück Champ Libre, Montreal, Kanada Hull Screen, Großbritannien

Merits

2004
Nomination for Nam June Paik Award
2003
KulturKontakt Austria, residency
2002
Henkel Youth Artist Prize
2002
SY stipendium, Nykarleby, Finland
2001
Association of Young Hungarian Artists´s yearly prize
2001
London-Budapest exchange programme
2000
NOVACOM Contemporary Art Prize, Hungary
2000
Hungarian Academy of Rome, residency, Italy
1999
EMARE residency ARTEC, London, United Kingdom
1999
SUBOTNIC Stipendium, Akademie Schloss Solitude, Ukio Camera Systems, Germany
1988
EMARE residency HTBA, Hull, United Kingdom

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Europe Now | Europe Next

(01 August 06 - 31 July 07)
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