Hanif Kureishi

Article Bio Works
crossroads:
Gender, Identität, Islam, Rassismus, Sexualität, Subkultur
genre(subgenre):
Film (Drehbuch, Spielfilm)
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Essay, Roman)
region:
Europe, Western
country/territory:
England (UK)
city:
London
created on:
May 23, 2003
last changed on:
Please note: This page has not been updated since December 22, 2005. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:
Hanif Kureishi
Hanif Kureishi © Richard Grupenhoff (www.rowan.edu/elan/ communic/rtf.htm)

Article

Die Zukunft ist gemischt

Der 1954 in Bromley, heute ein Stadtteil von London, geborene Hanif Kureishi ist neben Salman Rushdie der wichtigste britische Autor, Filmemacher und Intellektuelle asiatisch-britischer Herkunft. In seinen Drehbüchern, Romanen und Essays setzt er sich mit Rassismus, Identität, subkulturellen und postmodernen Lebensweisen auseinander.
„Von Beginn an habe ich versucht, mein pakistanisches Selbst zu verleugnen. Ich schämte mich. Es war ein Fluch, den ich loswerden wollte. Ich wollte sein wie jeder andere" schreibt Hanif Kureishi in den autobiografischen Notizen „The Rainbow Sign“ (in: „London Kills Me“, S. 4). Doch in dem Londoner Vorort Bromley war es dem Sohn einer weißen englischen Mutter und eines pakistanischen Vaters unmöglich, dem tief sitzenden Rassismus des Englands der sechziger Jahre zu entkommen. Ein Lehrer seiner Schule weigerte sich, ihn bei seinem Namen zu nennen und nannte ihn stattdessen „Paki-Pete“. Als Hanif ihn im Gegenzug nur noch mit dessen Spitznamen anredete, flog er von der Schule. Er hatte einen Skinhead zum Freund. Das realisierte er erst, als er ihn das erste Mal mit nach Hause brachte. Als er schließlich die Skinhead-Clique seines Freundes kennen lernte und feststellte, dass es ihr „Zeitvertreib“ war, „Pakistaner zu jagen und zu verprügeln“, trennten sich ihre Wege.

„Ich zog mich zurück, aus dem Park, von den Kumpels, zu einem sichereren Platz in mir selbst \... Ich wartete nur noch darauf abzuhauen, die Londoner Vorstädte zu verlassen, um ein anderes Leben zu führen, irgendwo anders, mit besseren Leuten" (ebenda, S. 5). Der junge Kureishi beginnt Pink Floyd und Cream zu hören und Reden rassistischer Politiker wie Enoch Powell aufzuzeichnen, während er darauf wartet, der Londoner Vorstadt zu entkommen. In dieser Zeit liest er James Baldwin und entdeckt die US-amerikanische Bewegung der Schwarzen. Als er die Black Panthers kennen lernt, tauscht er die Stones-Poster in seinem Zimmer gegen die Bilder der Ikonen der Panthers Eldridge Cleaver, Huey Newton und Bobby Seale. Kureishi setzt sich in der folgenden Zeit mit dem Islam auseinander, wie er in den USA durch die „Nation of Islam“ des Elija Muhammad vertreten wurde. Dessen schwarzen Separatismus und Rassismus lehnt er genauso ab, wie es der schwarze und schwule US-amerikanische Schriftsteller James Baldwin tat.

„Baldwin hatte gelitten \... war ganz Wut und Verständnis. Baldwin war beides: Intelligenz und Liebe" (ebenda, S. 8). Kureishi beginnt zu schreiben. „Vielleicht fing ich an zu schreiben, um starke Gefühle in schwache Gefühle umzuwandeln" (ebenda, S. 34). Seine Jugend im England der sechziger Jahre, seine Eltern, seine Freunde, seine Obsessionen und die Themen, mit denen er sich damals schon beschäftigte, und London, die Stadt, in der er lebt, wurden zum Material des Autors. Sein Skinheadfreund wird das Modell für John aus „Mein wunderbarer Waschsalon“, seinen Vater finden wir dort genauso wie in „Der Buddha aus der Vorstadt“ oder in seinem Film „London Kills me“ usw.

Mit dem Drehbuch für den Stephen Frears-Film „My Beautiful Laundrette" („Mein wunderbarer Waschsalon"), das er während eines Aufenthaltes bei seiner Familie in Pakistan schrieb (während er gleichzeitig „Mutter Courage" für die Royal Shakespeare Company adaptierte), machte sich Kureishi nicht überall beliebt, obwohl sein Drehbuch für den Oskar nominiert wurde und der Film enthusiastische Kritiken erhielt. Die pakistanische Community verübelte ihm, dass hier die Pakistaner nicht als Opfer oder Helden dargestellt werden. Pakistanische Organisationen warfen ihm vor, Pakistaner als Homosexuelle und Drogendealer porträtiert zu haben.

Und in der Tat macht Kureishi schon in der Eingangssequenz deutlich, dass er nicht gewillt ist, den Klischees vom armen Opfer und edlen Wilden zu folgen. Der pakistanische Geschäftsmann Salim, teuer gekleidet, aalglatt und etwas vulgär, vertreibt zusammen mit zwei Jamaikanern weiße Hausbesetzer aus einem Gebäude, das er gerade ersteigert hat. Kureishi fiktionalisiert hier, was er als soziale Realität wahrnimmt. „Unsere Städte sind voller asiatischer Läden \... Diese Pakistaner, die hart gearbeitet hatten, um ihre Geschäfte zu etablieren, wählten Tory und gaben Geld für die Konservative Partei.“ (ebenda, S. 28) Sie haben ihre Chance in England genutzt und Erfolg gehabt. Genauso wie Omar, Kureishis Protagonist. Der stolpert naiv durch die Konflikte seiner Verwandtschaft zwischen Geldverdienen, Tradition, Emanzipation und den rassistischen Übergriffen weißer Unterschichtjugendlicher. Und als wäre das alles noch nicht genug, muss Omar noch seine sexuelle Identität finden. Seine wahre Prüfung ist seine Beziehung zu seinem schwulen Skinhead-Freund John, der der Betreiber des Waschsalons wird. Auch John muss sich entscheiden zwischen seinen Kumpels und seinem Geliebten.

Auch wenn das alles nach sozialem Drama klingt, der Film ist in einem leichten, ironischen Ton gehalten. „Wir (Frears und Kureishi, Anm. des Autoren) entschieden, dass der Film Gangster und Thriller-Elemente enthalten sollte, weil der Gangsterfilm am ehesten zu der Stadt mit ihren Gangs und ihrer Gewalt passte. Und der Film sollte amüsieren, trotz der Bezüge zu Rassismus, Arbeitslosigkeit und Thatcherismus. Ironie ist die moderne Art, Kälte und Grausamkeit zu kommentieren, ohne verdrießlich und didaktisch zu klingen" (über „My Beautiful Laundrette”, in: „London Kills Me”, S. 113).

Diesen leichten Ton findet Kureishi auch in seinem ersten Roman „The Buddha of Suburbia" („Der Buddha aus der Vorstadt"). Wieder ist es ein naiver Held, Karim, in der Tradition des Schelmenromans, der seine Identität sucht zwischen der Welt seiner pakistanischen und englischen Verwandtschaft, zwischen der Tradition und der Londoner Kulturszene und zwischen Jamila, seiner Seelenverwandten und zeitweiligen sexuellen Partnerin, und Charlie, dem Sohn der Geliebten seines Vaters. Der Roman ist in den siebziger Jahren angesiedelt, in der Zeit des Übergangs vom naiven Hippietum zum Punk. „Ich heiße Karim Admir und bin ein waschechter Engländer – jedenfalls beinahe", („an Englishman born and bred, almost“) beginnt der semi-autobiografische Roman. In der Person des Karim finden sich die Träume des jungen Hanif, der der Vorstadt entfliehen wollte – nach London, „wo Kids in Samtmänteln ein freies Leben führten; wo es tausende Schwarze gab, so dass ich mich nicht wie ein Aussätziger fühlen würde \... wo es alle Platten, von denen du nur träumen konntest, in den Läden gab; wo es Parties gab, auf denen dich Mädchen und Jungen, die du gar nicht kanntest, nach oben aufs Zimmer nahmen; da wo es alle Drogen gab, die du nehmen konntest. Man sieht, ich wollte nicht viel vom Leben: das war alles, was ich wollte.“ Kureishis Protagonist bekommt das alles und noch viel mehr, als sein Vater Haroom zu seiner Geliebten Eva zieht und Karim sich bei den beiden einquartieren kann.

Karims Vater, eigentlich ein Angestellter, beginnt eines Tages eine Karriere als Guru. Ob er ein Scharlatan oder ein Betrüger ist, kann sein Sohn nicht entscheiden. Aber als er entdeckt, dass sein Vater eine Geliebte hat, entwickelt auch Karim Interesse an ihrer Familie, nicht zuletzt wegen Evas Sohn Charlie, der sehr selbstsüchtig und vor allem sehr, sehr schön ist. Karims Leben pendelt zwischen der indischen Kultur seiner Verwandten väterlicherseits und der der Verwandten seiner englischen Mutter: Onkel Anwar, der Eckladenbesitzer, seine Frau Prinzessin Jeeta und ihre Tochter Jamila. Und auf der englischen Seite Onkel Ted und Tante Jean, „zwei normale unglückliche Alkoholiker".

Mit Hilfe von Eva kommt Karim in Kontakt mit der smarten Londoner Kulturintelligenzija, deren subtiler Rassismus ihn verwirrt, weil er bis dato nur den offenen, brutalen Rassismus der Vorstadt kennen gelernt hatte. Er wird Schauspieler und bekommt eine erste Rolle als Mogli in einer Dschungelbuchaufführung, wohl weniger wegen seines Talents als aus Authentizitätsgründen. Auf einer Amerikatour trifft er Charlie, der inzwischen ein erfolgreicher Rockstar ist. Charlie versucht Karim zum Bleiben zu überreden und bietet ihm alles, was er einst wollte: Sex, Geld und Freiheit. Doch Karim kehrt nach London zurück.

Am Ende des Buches ist Karim Anfang 20 und kurz davor, reich und berühmt zu werden. Er spielt jetzt den rebellischen Sohn eines asiatischen Ladenbesitzers in einer Fernsehserie. Seine Mutter hat einen neuen Freund und sein Vater will Eva heiraten. Während sein Vater immer weltlicher wird, verwandelt sich Karim in den Buddha. Der sitzt mitten in der Stadt, die er liebt, unter den Menschen, die er liebt, und meditiert über die Unwägbarkeiten des Lebens. „Vielleicht in der Zukunft", überlegt er, „könnte ich tief schürfender leben."

Viele Erlebnisse, viele Personen im „Buddha" sind Teil von Kureishis Biografie. Eine Zeit lang war es ein beliebtes Londoner Gesellschaftsspiel zu erraten, welcher Charakter aus dem Buch welche Person im richtigen Leben war. Charlie ist nach dem Rocksänger Billy Idol modelliert, mit dem Kureishi zur Schule ging, den er jedoch nach seinem 16. Lebensjahr nicht mehr gesehen hat. „Natürlich ist das Buch in einigen Teilen autobiografisch", sagte Kureishi der New York Times, „das ist offensichtlich. Aber die Beziehung zwischen deinem eigenen Leben und deinem Werk ist sehr komplex. Es ist selbst für dich schwer herauszufinden, wie du einen Teil von dir selbst in die Charaktere, die du schaffst, transformierst“ (New York Times, 24. 5. 1990).

Kureishis zweiter Roman „The Black Album" („Das Schwarze Album", 1995) spielt in einer Zeit, zu der „die Menschen Bücher verbrennen und versuchen, in Auberginen zu lesen“, wie er einmal anlässlich eines Besuchs in Berlin sagte. Es ist die Geschichte von Shahid Hasan, der gerade an die Universität gekommen ist und in die Kreise islamischer Fundamentalisten gerät. Kureishi schildert seinen Protagonisten nicht als Opfer böser Machenschaften, sondern versucht nachzuvollziehen, warum jemand Fundamentalist werden will, welche Probleme jemand löst, indem er sich für den Fundamentalismus entscheidet.

Shahid entstammt einer muslimischen pakistanischen Oberschichtfamilie, deren Elitedenken für die Frömmigkeit ihrer armen Landsleute nur Verachtung übrig hat. Er ist jedoch von den Sicherheiten des Führers der muslimischen Studentengruppe an seinem College angezogen: „Neuerdings beharrte ja jeder auf seiner Identität – seine Zugehörigkeit als Mann, Frau, Schwuler, Schwarzer, Jude – sie fuchtelten wild mit allen Eigenschaften herum, die sich dazu eigneten. Auch Shahid wollte zu seinen Leuten gehören.“

Dass er es am Ende doch nicht tut, liegt an Deedee Osgood, seiner Cultural Studies-Professorin, mit der er eine Affäre beginnt. Shahid ist ein gieriger Candide des Londons der neunziger Jahre, der Beziehungen herunter schlingt, ohne darüber nachzudenken, wie gut sie sich vertragen. Es fällt ihm überhaupt nicht auf, dass seine Affäre mit einer Ecstasy schluckenden, Minirock tragenden, feministischen Professorin und seine Mitgliedschaft in einer fundamentalistischen islamischen Gruppe nicht zusammenpassen. Als die Islamisten auf dem Campus eine Verbrennung von Salman Rushdies „Satanischen Versen" organisieren wollen, muss Shahid Farbe bekennen. Wie alle Protagonisten in Kureishis Büchern und Filmen entscheidet auch Shahid sich für die Liebe und den Eros und das damit verbundene Abenteuer. „‚Bis es aufhört Spaß zu machen‘, sagte sie. ‚Genau, bis dann‘, sagte er.“

In den Kurzgeschichtensammlungen „Love in a Blue Time“ („Blau ist die Liebe") und „Midnight All Day“ („Dunkel wie der Tag“), aber auch in seinem dritten Roman „Intimacy“ („Rastlose Nähe“) beschäftigt sich Kureishi mit den Gefühlen von vorwiegend Männern, wenn die Liebe längst aufgehört hat, „Spaß zu machen“. Die Ekstase und das überschwängliche Leben der Jugend sind dem Blues des Alltagslebens einer langen Partnerschaft gewichen. Während es in dem von Kureishi selbst gedrehten Film „London Kills Me“ (1991) auch noch einmal um Jugend und Drogen gegangen war, porträtiert Kureishi ab Mitte der neunziger Jahre meist Protagonisten, denen es nicht so recht gelingt, ihre jugendlich subkulturellen Hoffnungen mit ihrem bleiernen Leben als Vater und Ehemann in Einklang zu bringen.

Kureishis der Jugend und Subkultur entwachsene Protagonisten sind melancholisch geworden. „Das Problem war, dass hinter Roys Weltsicht die Rolling Stones standen und der delinquente Traum seiner Jugend – die Idee, dass Stärke und Geist im Exzess lagen, in Authentizität und in der romantischen Entfesslung des Selbst“, schreibt Kureishi über Roy, seine Hauptfigur der Titelgeschichte von "Love in a Blue Time". Der Werbefilm-Regisseur wird bald Vater und brütet über die Last der Häuslichkeit und den Verlust seiner „alten Hoffnungen". Erlösung finden und suchen seine Helden allerdings immer noch (fast) immer in Liebe und Lust. Nur löst das keines der Probleme ihres erwachsenen Lebens.

Auch Bill, Kureishis Protagonist in „D’accord, Baby“ wird bald Vater. Seine schwangere Frau hat eine Affäre mit einem anderen Mann. Der gehörnte Bill will sich an seinem Rivalen rächen und plant, dessen Tochter zu verführen. Doch statt der Revanche bietet ihm das Stelldichein sogar einen beunruhigenden Einblick in ein kleines Zipfelchen vom Glück: „Er hatte noch nie jemanden so lange geküsst, bis er vergessen hatte, wo er war oder wer sie beide waren, und bis es nichts mehr gab, was sie wollten, und es nur noch totale Zufriedenheit und Frieden gab.“ Trotzdem reißt er sich los. Der namenlose geschiedene Erzähler aus „Nightlight" findet nur Trost in seinen mitternächtlichen Treffen mit einer geheimnisvollen Unbekannten, die nie mit ihm spricht. Die schweigsame, anonyme Affäre frustriert ihn, aber er bemerkt: „Was macht es schon. Solange es noch Begierde gibt, gibt es noch einen Puls. Du lebst. Verlangen heißt, über dich hinaus zu greifen, in die Welt, Finger für Finger.“ Ein Gespräch, ein Kontakt würden hier nur die Illusion der erotischen Erlösung zerstören.

In der Kurzgeschichte „My Son the Fanatic“ widmet sich Kureishi wieder den Themen Rassismus und Generationenkonflikte innerhalb pakistanischer Einwandererfamilien, kulturellen Missverständnissen und Gemengelagen. Die Geschichte wurde 1998 von Udayan Prasad verfilmt: Der anglizierte pakistanische Vater, der als Taxifahrer arbeitet und eine rührende Vorliebe für alte Swing-78er hat, muss feststellen, dass sein Sohn sich einer islamisch-fundamentalistischen Gruppe angeschlossen hat. Während ihm sein Sohn die wahre Lehre predigt, beginnt der Vater eine zarte Affäre mit einer englischen Prostituierten, und der Film steuert, zunächst noch recht komödienhaft, auf eine Katastrophe zu.

In „Intimacy“ seziert Hanif Kureishi die Agonie einer gescheiterten Liebe. Der kurze Roman gibt die Reflexionen und Erinnerungen eines Mannes in den mittleren Jahren wieder, der seine Freundin und seine beiden Söhne am nächsten Morgen verlassen wird. Bevor Kureishi jedoch seinen Protagonisten Jay in die Freiheit schickt, beschreibt er auf gnadenlosen 117 (dt. 160) Seiten den Hass und die Wut, die Verzweiflung und das Selbstmitleid eines Mannes, der sich alt fühlt, aber die Jugend noch nicht einmal überwunden hat; eines Mannes der die Liebe sucht, und immer Angst hat, sie dort, wo er gerade nicht ist, zu verpassen.

Das Buch berichtet von der letzten Nacht, die Jay bei seiner Familie verbringt, bei seinen Kindern, die er leidenschaftlich liebt und die er dennoch wütend ins Bett wirft und in die Windeln tritt, weil er sie in ihrer Ungeduld als Zumutung empfindet. Jay beschreibt auch die wenigen zärtlichen Stunden mit Susan, seiner Partnerin. Die kommt wie immer abends überarbeitet nach Hause, kocht Abendessen, wäscht ab und fragt dann auch noch, welche Eissorte Jay gerne hätte – während er doch am liebsten mit ihr auf dem Fußboden Liebe machen würde. Aber es ist schon lange her, dass sie miteinander geschlafen haben.

Im Gegensatz dazu steht seine Affäre mit Nina. Die hat er irgendwann einmal in einer Bar kennen gelernt und trifft sich seitdem mit ihr alle paar Wochen in seinem Büro. Mit ihr spürt Jay denselben wunschlosen Glückszustand wie Bill in „D’Accord, Baby“ – allerdings hat das in diesem Fall ganz andere Gründe: „Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass alles so war, wie es sein sollte und dass es nichts gab, was man zu diesem Glück und dieser Zufriedenheit hätte hinzufügen können ... Es konnte nur Liebe sein.“

Kureishi gewährt seinem Protagonisten keine Einsicht, warum er die Liebe zu Susan verloren hat. Er lässt ihm auch kein Rezept dafür finden, wie Liebe zu erhalten ist. „Man kann die köstlichsten Gaben – Liebe, Zuneigung, Kreativität, sexuelle Begierde, Inspiration – beschützen und stärken, aber man kann sie nicht beanspruchen. Man kann Liebe nicht zwingen, man kann nur fragen, warum man sie gerade beiseite gelegt hat.“

Viele Rezensenten und vor allem Rezensentinnen haben Kureishi vorgeworfen, mit „Intimacy" keine tief schürfende Analyse des Scheiterns einer Ehe zustande gebracht zu haben und stattdessen das selbstgerechte Lamento eines triebgesteuerten, verantwortungslosen Mannes ausgebreitet zu haben, der die wertvollsten Utensilien seiner Profession auf seine Flucht zu zukünftigem Sex und literarischer Selbstbehauptung mitnimmt. Sätze Jays wie „Sie denkt, sie ist eine Feministin, dabei ist sie nur schlecht gelaunt“, und ätzend verletzende Herabwürdigungen wie „fettes, vom Heulen gerötetes Gesicht" schrieben sie nicht dem Protagonisten, sondern dem Autor selbst zu. Hatte nicht auch Kureishi seine Lebensgefährtin und ihre beiden Kinder für eine zwanzig Jahre jüngere Frau verlassen, mit der er jetzt ein weiteres Kind hat?

Kureishi selbst erwidert darauf: „Der Protagonist des Buchs fühlt bestimmt grausam und verhält sich grausam, genau wie Paare, die in dieser Situation sind, sich gegeneinander sehr grausam benehmen. Ich wollte ein Buch schreiben, das das wiedergibt.“ (Observer, 25. 2. 2001) „Die Leute waren wohl wütend, weil das Thema wütend macht. Ich mag unaufrichtig erscheinen, wenn ich darüber spreche, aber ich glaube, das Thema, jemanden zu verlassen oder verlassen zu werden, ist sehr schmerzhaft, weil man das grausam findet und ablehnt. Ich habe ein Buch geschrieben, das bewusst schrecklich war. Ich wollte kein Buch schreiben, das die Dinge glättet" (ebenda).
Doch die Wogen um Kureishis Bücher sind nicht zur Ruhe gekommen. Frauen aus Kureishis Leben meldeten sich zu Wort: Die Schwester warf ihm vor, für den Erfolg seine Familie zu verkaufen; die Mutter beschimpfte ihn in Interviews als Rohling; und Tracey Scoffield, die verflossene Liebe, vermutete öffentlich böse Absicht: „Niemand glaubt ernsthaft, dass das Buch Fiktion ist. Das alles zeigt, wie wenig Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Kindern er besitzt."
Eine indirekte Antwort kam in der Kurzgeschichte „That was Then“, in der Natasha mit ihrem ehemaligen Lebensgefährten Nick darüber streitet, dass er ihre sexuelle – und damit private – Beziehung öffentlich ausgebreitet hatte. Worin die bestand, erfahren die Leser erst gegen Ende der Geschichte, als die beiden noch einmal miteinander schlafen. Nick wird sich wohl noch abends hinsetzen und wieder schreiben. Aber wird er auch über ihre Begegnung schreiben? „Denn ‚es gibt Welten und Welten und Welten in dir drin’ Aber der Unterschied würde ihr wohl wenig bedeuten.“
“That was Then“ ist eine von zehn Kurzgeschichten in „Midnight All Day" (1999), die zeitlich ein Jahr nach dem Romanende von „Intimacy“ spielen. Ihre Hauptpersonen – narzisstische, grausame Männer im mittleren Alter, Nietzsche lesende Nymphen und klammernde, Männer hassende Ehefrauen und gestörte Kinder geschiedener Eltern – gehen da weiter, wo „Intimacy" aufgehört hat, bei der Implosion der Liebe. Und deren Trümmer sind bis auf die letzte surrealistische Fabel „The Penis" melancholisch-depressiv beschrieben.

Mit dem Roman „Gabriel’s Gift“ (2001), kehrt Hanif Kureishi wieder auf das Terrain des „Buddha of Suburbia" sowie des „Black Album" zurück und nimmt zusätzlich das Thema des Scheiterns einer Ehe mit auf – diesmal allerdings aus der Perspektive des Sohnes. Flüchtlinge dieser Bücher wie Charlie Hero und Deedee Osgood bevölkern auch die Welt des 15-jährigen Gabriel, der erleben muss, wie die Ehe seiner Eltern auseinander bricht. Gabriel ist zwischen ihnen hin- und her gerissen, versucht sie wieder zusammenzubringen und das Paradies seiner Kindheit wiederherzustellen.

Als Gabriels Mutter Christine ihren Mann Rex rausschmeißt, wirft sie ihm noch nach: „Wenn du weg bist, Rex, dann wissen wir genau, was wir machen werden. Unsere Energie wird emporsteigen. Du bist der Ballast in unserem Ballon, Mann!" Für die Zeit, in der sie kellnert, engagiert sie das Au-pair-Mädchen Hannah. Rex kommt wieder mit Lester Jones, der Band, in der er früher gespielt hat, zusammen. Und Jones, ein Bowie-esker Star, erkennt in Gabriel einen Geistesverwandten und schenkt ihm ein Originalbild von sich, das sich auch seine Eltern gerne aneignen würden, böte es ihnen doch eine Möglichkeit, der Armut zu entkommen. Aber für Gabriel ist es eine Anerkennung seines Talents und daher unveräußerlich. Die Sicherheit des Bildes ist ihm mehr wert als die Versöhnung seiner Eltern. Und in diesem Moment seiner Unabhängigkeit liegt seine Rettung.
Eigentlich sollte „Gabriel’s Gift" ein Kinderbuch werden. David Bowie, der den Soundtrack zu „Buddha of Suburbia" beigesteuert hatte, fragte Kureishi, ob er nicht ein Buch schreiben könnte, das er illustrieren würde. Aber im Verlaufe der Arbeit wurde ein Buch für Erwachsene daraus. Und die David Bowie-Figur wurde Teil der Geschichte selbst. Bezüge zu seinen früheren Werken zu finden, fällt Kureishi nicht schwer: „Es handelt von Vätern und Söhnen, was mich immer interessiert hat, und auch davon, dass Söhne vielleicht talentierter sind als ihre Väter. Es geht um die Trennung zwischen Müttern und Vätern, die immer traumatisch ist. Und es geht um Leute, die in der Lage sind, ihr Leben zu ändern" (Observer, 25. 2. 2001).
In „Gabriel’s Gift" schlägt Kureishi wieder versöhnlichere Töne an. Er selbst sagt: "Ich wollte ein freundlicheres Buch schreiben. Es hat mir Spaß gemacht, den ,Buddha of Suburbia‘ zu schreiben. Die lustigen Bücher sind immer die Bücher, die zu schreiben am meisten Spaß macht“ (ebenda).

Author: Ulrich Joßner 

Bio

Der am 5. Dezember 1954 im Südlondoner Bromley geborene Hanif Kureishi erlebte in seiner Jugend viel von dem Rassismus und den (sub)kulturellen Auseinandersetzungen, über die er schreibt. Er war der einzige Asiate an seiner Schule und wurde Opfer des in den sechziger Jahren aufkommenden, berüchtigten „Paki-Aufschlagens" weißer Jugendlicher.

Der Sohn eines pakistanischen Vaters, der nebenberuflich als politischer Redakteur arbeitete, und einer englischen Mutter wollte schon früh Schriftsteller werden und schrieb schon als Teenager (unveröffentlichte) Romane. Er studierte Philosophie an der University of London und verdiente sich sein Studium, indem er unter dem Pseudonym Antonia French pornographische Texte schrieb.

Seinen Einstieg in die Theaterwelt begann er als Platzanweiser des Royal Theater in London, dessen „Writer in Residence" er 1982 wurde. Sein erstes Stück „Soaking Up the Heat" wurde 1976 im Londoner Theatre Upstairs aufgeführt. Mit seinem zweiten Bühnenwerk „The Mother Country" gewann er 1980 den Thames Television Playwright Award. Seinen Durchbruch auf der "großen" Bühne erzielte er mit „Borderline", das 1981 am Royal Court Theatre uraufgeführt wurde. Nach diesem Erfolg wurde sein im gleichen Jahr entstandenes „Outskirts" von der Londoner Royal Shakespeare Company gespielt. Als dort auch noch seine Adaption von Brechts „Mutter Courage" produziert wurde, hatte er die Londoner Kulturszene erobert, die er später in seinem ersten Romanbestseller „The Buddha of Suburbia" („Der Buddha aus der Vorstadt") so sarkastisch kritisierte. „Sie mochten mich, weil ich indischer Abstammung und untere Mittelklasse war. Das war chic. Und ich war hübsch – damals" (New York Times, 24. 5. 1990).

Während eines Aufenthaltes bei seiner Familie 1985 in Karachi (Pakistan) entstand das Drehbuch „My Beautiful Laundrette" („Mein wunderbarer Waschsalon"), das von Stephen Frears verfilmt wurde. Die Komödie über die Identitätssuche eines jungen Londoners asiatischer Abstammung und der verzweifelten Versuche seiner pakistanischen Verwandtschaft, in die gehobene englische Mittelklasse aufzusteigen, wurde für den Oscar nominiert und erhielt 1987 den New Yorker Kritikerpreis für das beste Drehbuch.

Auch mit dem Nachfolgefilm „Sammy and Rosie Get Laid" („Sammy und Rosie tun es") landete Stephen Frears 1988 einen großen Hit, zu dem Kureishi erneut das Drehbuch lieferte. Er suchte damals wie viele andere englische Intellektuelle, Theaterautoren und Filmemacher eine Antwort auf die verwirrende Gemengelage der britischen Insel und die Zerreißproben des Thatcherismus. England galt Kureishi damals als „engstirniges Rattenloch, in dem korrupte \... Vorstadtspießer den Ton angeben" (Der Spiegel, 4. 7. 1988). Nachdem Frears durch seine Erfolge zum Hollywood-Regisseur aufgestiegen war, führte Kureishi 1991 bei "London Kills Me" zum ersten (und einzigen) Mal selbst Regie.

Ein Jahr vorher war sein erster autobiografisch inspirierter Roman „The Buddha of Suburbia" („Der Buddha aus der Vorstadt") erschienen, der das Leben in der pakistanisch-britischen Migrantenkultur, den Pop-Underground sowie die britische Kultur- und Theaterszene respektlos aufs Korn nimmt. Das Buch erhält den Whitbread Prize und wird 1993 in einer vierteiligen Serie von der BBC verfilmt. Auch sein 1995 erschienener zweiter Roman „The Black Album" („Das Schwarze Album") handelt davon, wie der Protagonist zwischen den Zumutungen der britisch-westlichen und der moslemisch-pakistanischen Welt zerrissen wird. Im gleichen Jahr erscheint die von Kureishi zusammen mit dem Punk- und Pop-Historiker John Savage herausgegebene Anthologie „Faber Book of Pop".

1997 erscheint die Kurzgeschichtensammlung „Love in a Blue Time", gefolgt von Kureishis drittem Roman „Intimacy" (1998) und der zweiten Kurzgeschichten-Kollektion „Midnight All Day". Aus Themen und Motiven der letzten Bücher schneidert Patrice Chéreau den Film „Intimacy", der 2001 den Goldenen Bären der Berlinale gewinnt. Auch die Kurzgeschichte „My Son the Fanatic" aus „Love in a Blue Time" wird 1998 für einen Film adaptiert. 1999 wird sein Stück „Sleep with Me" am Royal National Theatre aufgeführt. Im September 2001 erschien sein Roman „Gabriel’s Gift" („Gabriels Gabe").

Works

Mein Ohr an Deinem Herzen. Erinnerungen an meinen Vater

Published Written,
2011
Fischer Verlag: Frankfurt am Main

Das sag ich dir

Published Written,
2008
Fischer: Frankfurt/Main

My Ear at his Heart: Reading my Father

Published Written,
2004
Memoiren. Faber and Faber: London

When the Night Begins

Published Written,
2004
Drehbuch. Faber and Faber: London

In fremder Haut

Published Written,
2003
Roman. Kindler: Berlin

The Mother

Published Written,
2003
Drehbuch. Faber and Faber: London

Dreaming and Scheming

Published Written,
2002
Essays. Faber and Faber: London

The Body

Published Written,
2002
Kurzgeschichten. Faber and Faber: London

Gabriels Gabe

Published Written,
2001
Roman. Kindler: Berlin

Dunkel wie der Tag

Published Written,
2000
Erzählungen. Kindler: München

Sleep with Me

Published Written,
1999
Drehbuch. Faber and Faber: London

Das unbestimmte Verlangen nach mehr

Published Written,
1999
Erzählungen. Droemer Knaur: München

Sleep With Me

Film / TV,
1999

Intimacy

Published Written,
1998
Erzählungen. Faber and Faber: London

My Son the Fanatic

Film / TV,
1998

Blau ist die Liebe

Published Written,
1997
Erzählungen. Kindler: München

My Son the Fanatic

Published Written,
1997
Drehbuch. Faber and Faber: London

Faber Book of Pop

Published Written,
1995
Essays. Faber and Faber: London

Das Schwarze Album

Published Written,
1995
Roman. Kindler: München

Buddha of Suburbia

Film / TV,
1993

Mother Courage

Production / Performance,
1993
Play.

London Kills Me

Published Written,
1992
Roman. Knaur: München

Outskirts and Other Plays

Published Written,
1992
Drehbücher. Faber and Faber: London

Mein wunderbarer Waschsalon

Published Written,
1991
Drehbuch. Droemer Knaur: München

London Kills Me

Film / TV,
1991
Director and Script

Der Buddha aus der Vorstadt

Published Written,
1990
Roman. Kindler: München

Sammy and Rosie Get Laid

Published Written,
1988
Drehbuch. Faber and Faber: London

My Beautiful Laundrette

Film / TV,
1985

Birds of Passage

Published Written,
1983
Drehbuch. Amber Lane Press: Oxford

Borderline

Published Written,
1981
Drehbuch. Methuen: London