Samira Makhmalbaf

Article Bio Works Video
crossroads:
Flucht, Gender, Islam
genre(subgenre):
Film (Doku-Fiktion, Dokumentarfilm, Spielfilm)
region:
Middle East
country/territory:
Iran (Islamic Republic of)
city:
Tehran
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created on:
May 26, 2003
last changed on:
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Samira Makhmalbaf

Article

Eine dritte Wirklichkeit

Der 1980 geborenen, iranischen Regisseurin Samira Makhmalbaf gelang im Alter von nur 17 Jahren mit der Doku-Fiction „Sib" / „Der Apfel" ein beeindruckendes Filmdebut, in dem sie die Situation iranischer Frauen reflektiert. Samira Makhmalbaf ist die Tochter von Mohsen Makhmalbaf, einem der bekanntesten iranischen Filmemacher.
Die 1980 geborene Samira Makhmalbaf, Tochter des bekannten iranischen Filmemachers Mohsen Makhmalbaf, wurde zu ihrem ersten eigenen Film durch eine Fernseh-Reportage angeregt. „Sib“ / „Der Apfel“ erzählt die wahre Geschichte eines Ehepaares, das seine zwölfjährigen Zwillingstöchter seit ihrer Geburt ins Haus einsperrte. Samira Makhmalbaf nahm Kontakt zu dieser Familie auf und überzeugte die Beteiligten, ihre Geschichte vor der Kamera nachzuspielen. So entstand in nur elf Tagen Drehzeit Samira Makhmalbafs Filmdebut: "Was der Film erzeugt, ist eine dritte Wirklichkeit, weder Fiktion noch Dokumentation" (Samira Makhmalbaf). Als sachliche Beobachterin folgt die Videokamera dem Tagesablauf der Familie Naderi, nicht im Dokumentarfilmduktus, sondern mit einfachen, poetisch-schönen Bildern und Symbolen.

In ruhigen Sequenzen beginnt der Film über das Zwillingspaar. Ihr alter, tief religiöser Vater hat sie eingeschlossen, denn seine Frau ist blind – und allein läßt er die Mädchen nicht hinaus, wenn er unterwegs ist, um gegen ein kleines Entgelt Gebete zu sprechen für andere Leute: „Wenn einer der Jungen aus der Nachbarschaft sie anfassen würde, wäre ich entehrt.“ Die blinde und ebenfalls streng religiöse Mutter unterstützt ihren Mann. Die Nachbarn, die lange Zeit zu dem Elend der Zwillinge geschwiegen hatten, schreiben schließlich einen Brief an die staatliche Fürsorgestelle. Die herbeigerufene Sozialarbeiterin versucht den Vater zunächst gütlich zu überreden, die Mädchen aus ihrer Gefangenschaft zu entlassen.

Doch der Vater wiederholt starrsinnig immer nur die Worte: "Meine Töchter sind wie Blumen. Sie dürfen nicht ins grelle Sonnenlicht, sonst verwelken sie..." In dieser Situation greift die Sozialarbeiterin mit Hilfe von Nachbarinnen zu einer Zwangsmaßnahme: sie sperrt den Vater ins Haus und führt die Mädchen auf die Straße nach draußen. Unsicher, tastend, aber mit glücklichem Lächeln erkunden Massoumeh und Zahra eine für sie völlig neue Welt außerhalb ihres Hauses, treffen auf andere Menschen, lernen erstmals in ihrem Leben ein Gefühl von Freiheit kennen.

Samira Makhmalbaf war es wichtig, nicht einen Skandal auszuschlachten, sondern das Regelwerk einer Gefangennahme sichtbar zu machen, die den Normalfall weiblicher Rechtlosigkeit im Iran nur ins grelle Licht des Extrems rückt. Die junge Filmemacherin fällt kein Urteil über die Eltern, die ihre Töchter einsperren. Sie zeigt eine auch im Haus stets tief verschleierte Mutter, die blind ist, und einen Vater, den seine elende Lage und die starren Regeln einer patriarchalischen Kultur blind gemacht haben. Über die Reaktionen, die ihr Film im Ausland hervorrief, erzählt Samira Makhmalbaf: "Viele Ausländer haben mich gefragt, ob der Iran ein Land ist, wo zwei elfjährige Mädchen einfach weggesperrt werden, wo man ihr Leben verstümmelt, um es nicht den Gefahren des Lebens auszusetzen – oder ob es ein Land ist, wo ein 17-jähriges Mädchen darüber einen Film drehen kann. Ich habe denen gesagt: Es ist Ort für beides."

Der 1998 erstmals beim Filmfestival in Cannes vorgestellte Film wurde in der „Le Monde“ als wichtigste Entdeckung des Festivals bezeichnet. In Locarno erhielt der Film im gleichen Jahr den Sonderpreis der Jury.

Durch ihren großen Erfolg wurde sie zu mehr als 100 Filmfestivals eingeladen. Ihr zweiter Film „The Blackboards“ gewann 2000 den Jury-Preis beim Filmfestival in Cannes. Er handelt von einer Gruppe von Lehrern, die mit Schultafeln ausgerüstet sind, um in Kurdistan, nahe der irakischen Grenze, lernwillige Schüler zu suchen. In dem Film „5 in the Afternoon“ (2003) wird die Lebenssituation eines jungen Mädchens nach dem Fall des Taliban-Regims geschildert.
Author: Leyla Bouzid-Discatiacci 

Bio

Samira Makhmalbaf, 1980 geboren, ist die Tochter des berühmten Regisseurs Mohsen Makhmalbaf („Gabbeh", „Die Stille"). Bereits im Alter von acht Jahren überredete sie ihren Vater, ihr eine kleine Rolle in seinem Film "Der Radfahrer" zu geben. Schon damals stand ihr Wunsch, selber Regisseurin werden zu wollen, fest. Von 1994 bis 1997 besuchte sie Filmkurse an einer privaten Schule in Teheran und drehte die beiden Kurzfilme „Desert" und „Art Schools". Mit „Der Apfel" ist ihr 1997 im Alter von siebzehn Jahren ein beeindruckendes Filmdebut gelungen.

Works

Art Schools Sib / Der Apfel

Film / TV,
1997

Desert

Film / TV,
1994
Kurzfilm
video

Filmausschnitt

aus: "Der Apfel" / "Sib" / "La Pomme" (1997)
Kairos-Filmverleih
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