Hanne Darboven

Article Bio Works Projects Images
crossroads:
Alltag, Dekonstruktion, Identität, Raum, Ritual, Wahrnehmung, Zeit
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Collage, Konzeptkunst, Text)
region:
Europe, Western
country/territory:
Germany
created on:
October 30, 2008
last changed on:
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Article

Disziplin und Obsession

Hanne Darbovens Werke sind für den Betrachter eine Herausforderung. Sie bieten nur reduzierte visuelle Reize, spröde reiht sich ein Blatt an das andere. Sie gehorchen einer Ordnung, die sich nur schwer erschließt, einer stringenten Logik der Künstlerin, die kein allgemeinverständliches logisches System repräsentiert. Mit ihren Aufzeichnungen, ihren zahllosen Notationen auf hunderttausenden Blättern schafft Darboven einen Parallelkosmos, in dem sie Zeit in Raum und – seitdem sie ihre Werke auch musikalisch umsetzt – Raum in Zeit verwandelt.
Die 1941 geborene Künstlerin wächst in einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie in Hamburg-Harburg auf. 1966, noch während ihres Studiums der bildenden Künste, geht sie für zwei Jahre nach New York und lernt dort Sol LeWitt, Lucy Lippard und Kasper König kennen, die sie in ihrer künstlerischen Arbeit unterstützen. In New York, wo sich zu dieser Zeit Konzeptkunst und Minimal Art entwickeln, entstehen ihre ersten geometrischen Konstruktionen auf Millimeterpapier. 1968 beginnt Darboven mit Zahlenadditionen nach Kalenderdaten. Als Ausgangspunkt dafür nimmt sie die Quersumme des Datums, den so genannten „K-Wert“, der nach der Konstruktion und den Kästchen, die diesen Wert visualisieren, benannt ist.

Ihre Arbeiten sieht Darboven in der Tradition von Schrift und Buch und in einem deutlichen Gegensatz zur bildenden Kunst. Handschriftlich oder mit der Schreibmaschine schreibt sie Werke, die viele Tausende einzelner Blätter umfassen können. 1974 beginnt sie mit den Arbeiten ihrer umfangreichen „Schreibzeit“, die mit vorgefundenen und abgeschriebenen Texten aus Literatur, Politik und Philosophie die Verbindungen von Kunst und Politik untersuchen. In der gleichermaßen groß angelegten, von 1980 bis 1983 entstandenen „Kulturgeschichte“ verarbeitet sie vor allem visuelle Materialien - Fotos, Zeitschriften, Postkarten und Plakate. Seit dieser Zeit widmet sie auch Wissenschaftlern (Alexander von Humboldt, Gottfried Wilhelm Leibniz), Musikern (Ludwig van Beethoven), Schriftstellern (Allfred Döblin, Gertrude Stein), Politikern (Friedrich der Große, Otto von Bismarck), Künstlern (Pablo Picasso) oder Themen wie „Erfindungen, die uns verändert haben“ oder den „Kindern dieser Welt“ ihre Werke. 1980 beginnt Darboven, ihre Zahlenkombinationen nach einem einfachen Prinzip in Musik umzusetzen: Die Zahl 0 steht für die Note d, die 1 für e, die 2 für f, die 3 für g usw.

Darbovens Arbeiten sind puristisch. Sie beschränken sich formal auf die primären Kulturtechniken Schreiben und Rechnen. Auch ihr Arbeitsmaterial ist schlicht: Bleistift, Schreibbögen, Schulhefte. Tag für Tag erledigt die Künstlerin ein Pensum an Schreibarbeit für ihre parallel entstehenden Arbeiten. Diese verlangen, nachdem das Konzept einmal festgelegt ist, keine Innovation, sondern eigentlich eine Sachbearbeitung, die konsequente und konzentrierte Durchführung einer Operation. Darboven spricht bei ihrem Werk so auch von „Tun“ und Pflichterfüllung, nicht von Kreation: „Ich habe ein gutes Gewissen; ich habe meine Tausende von Zetteln geschrieben. Im Sinne dieser Verantwortung – Arbeit, Gewissen, Pflichterfüllung – bin ich kein schlechterer Arbeiter als jemand, der eine Straße gebaut hat.“

Dieses „Tun“ gibt der Künstlerin eine große Sicherheit hinsichtlich dessen, was täglich zu erledigen ist. Die Erfüllung ihres täglichen Pensums ist eine Verpflichtung, die ein streng strukturiertes und diszipliniertes Leben voraussetzt. Dieser Fokus auf das spezifische „Tun“ zu einer festgelegten Zeit wirft die Frage auf, ob Darboven mit dieser Arbeit nicht auch Aktionskunst schafft. Jedes einzelnen Blatt ist einmalig, es wird an einem festgelegten Tag produziert, der als „heute“ identifiziert und schließlich durchgestrichen wird. Ihr „Tun“ scheint damit gleichermaßen auf die Aktion und die zeitliche Einmaligkeit wie auf das materialisierte Endergebnis gerichtet. Bewusst hat sich Darboven gegen ein gefühlsbetontes Schaffen entschieden: „Emotionale Kunst kann ich nur machen, wenn ich mich ständig irgendeinem Rausch aussetze – und diese künstliche Form verweigere ich.“

Mit ihrem Fokus auf die räumliche Visualisierung vergehender Zeit steht sie dem Schaffen Roman Opa?kas oder On Kawaras nahe, die ebenfalls seit der Mitte der 1960er Jahre mit sehr konsequenten Projekten versuchen, Zeit zu erfassen und darzustellen. Der polnisch-französische Künstler Opa?ka setzt seit dieser Zeit seine Arbeit „1965/1-?“ fort, in der er ab der Zahl 1 zählt und die Zahlen auf stets gleich große Leinwände malt. Simultan dazu spricht er die jeweils gemalte Zahl in polnischer Sprache und nimmt diese auf Tonband auf. Der japanische Konzeptkünstler On Kawara begann 1966, also etwa zeitgleich, mit seinen „Date Paintings“: einer fortlaufenden, zumindest theoretisch zeitlich unbegrenzten Serie von Tagesdaten, die er täglich und so abgekürzt, wie es im jeweiligen Entstehungsland üblich ist, malt.

Als typisches Werk von Darboven können die „Kalendergeschichten (Kalender 1976 b)“ von 1976 gelten. Die Arbeit besteht aus 46 Tafeln mit insgesamt 183 Bögen, auf denen sich jeweils zwei Tage des Jahres 1976 mit der dazugehörigen Quersumme befinden (z.B. 5+1+7+6=19 für den 5. Januar oder 14+1+7+6=28 für den 14. Januar). Diese Quersumme stellt sie auch in Fünferschritten dar. Ein Stempel „2=1,2; 1+1=1,2 etc.“ – eine von Darboven häufig wiederholte Formel – ergänzt jeden Eintrag. Zu beiden Seiten dieser Tagesrechnungen finden sich Kolumnen, die mit ihren typischen Schreibbögen gefüllt und vollständig durchgestrichen sind.

Darbovens auf den ersten Blick so rational wirkende Arbeit wirft viele Fragen auf: Was will sie vermitteln? Ist dieses „Tun“ tatsächlich vernünftig – oder nicht Ausdruck einer ungeheuren Obsession? Sicherlich folgen ihre Operationen einer inneren Logik – wo aber ist ihre Relevanz außerhalb des Mikrokosmos der Künstlerin? Und wie lassen sich diese Arbeiten überhaupt rezipieren – oder besser: Lassen Sie sich rezipieren? Müsste der Betrachter nicht, um eine Vorstellung des Werks zu erhalten, ebenfalls eine Echtzeit-Erfahrung machen? Diese wäre aber nicht mehr möglich, denn die Zeit, auf die sich die Arbeiten beziehen, ist bereits abgelaufen. Oder lassen sich die Daten möglicherweise als die „Emanzipation“ jedes einzelnen Tages verstehen oder sogar als eine Demokratisierung der Geschichte – stehen doch historische Daten neben „normalen“ Tagen, die ihre Bedeutung nur für den Einzelnen haben?
Author: Petra Stegmann

Bio

Hanne Darboven wird 1941 in München geboren. Sie wächst in Hamburg-Harburg auf. Darboven studiert ab 1962 an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste bei Wilhelm Grimm und Almir Mavignier und geht 1966, noch während des Studiums, für zwei Jahre nach New York. Im Anschluss kehrt sie nach Hamburg zurück, wo sie auch heute lebt und arbeitet.

Darboven ist Preisträgerin des Edwin-Scharff-Preises (1986) und des Lichtwark-Preises (1994) der Freien und Hansestadt Hamburg sowie des Internationalen Preises des Landes Baden-Württemberg für bildende Kunst (1995).

Seit 1997 ist sie Mitglied der Akademie der Künste, Berlin und seit 2000 Ehrenprofessorin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Im Jahr 2000 gründete sie die Hanne-Darboven-Stiftung, die ihr Schaffen bewahren soll und Nachwuchskünstler fördert.

Works

Group Exhibitions (Selected)

Established,
2008
2007 25 Jahre GALERIE CRONE GALERIE CRONE Berlin, Germany PERSONAL STRUCTURES Galerie Hafenrichter & Flügel, Nürnberg, Germany Das abc der Bilder Pergamonmuseum, Berlin, Germany Numerica Palazzo delle Papesse, Siena, Italy Das schwarze Quadrat, Kunsthalle Hamburg, Germany Klang im Bild, Opelvillen Rüsselsheim, Germany Mapas, Cosmogonias e Puntos de Referencia CGAC, Santiago de Compostela, Spain MAGICLINE Museion, Bozen 2006 Matière Grise, Curated by Joseph Kosuth, Galerie Almine Rech, Paris, France 2005 Künstlerische Konzepte als Druchsache Katalog Künstlerbuch Objectbuch Postcarte Plakat, Galerie M + R Fricke, Berlin, Germany 2003 The DaimlerChrysler Collection, more than 80 artists out of more than 60 years, Museum für neue Kunst zkm Karlsruhe, Germany 2002 Markings, Constructing Form through Drawing, MAK, Austrian Museum of Applied Arts, Vienna, Austria The Collective Unconsciousness, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zurich, Switzerland 2000 - 2001 Many Colored Objects Placed Side by Side to Form a Row of Many Colored Objects, Collection of Annick and Anton Herbert, Casino Luxembourg, Forum d´Art Contemporain Beyond Preconceptions: The Sixties Experiment, Curated by Milena Kalinovska, National Gallery in Prague, Czech Republic 2000 Illuminations, Art from two milleniums, Museet for Samtidskunst, the National Museum of Contemporary Art, Oslo, Norway Galerie Meert Rihoux, Brussels 1999 - 2000 Carnegie International 1999/2000, Carnegie Museum of Art, Pittsburgh, USA 1999 Musikwerke Bildender Künstler, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin; Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, Germany 1996 Hanne Darboven: Evolution Leibniz 1986, Sprengel Museum, Hannover, Germany 1990 Hanne Darboven: Primitive Zeit/Uhrzeit, Primitive Time/Clock Time, Goldie Paley Gallery/Moore College of Art & Design Philadelphia, USA 1987 Hanne Darboven: Theatre 1985, Elisabeth Kaufmann, Zurich, Switzerland 1980 Hanne Darboven: Schreibzeit 75-80, InK, Halle für internationale neue Kunst, Zurich, Switzerland

Solo Exhibitions (Selected)

Established
2008 Hanne Darboven: Editionen Klosterfelde Berlin, Germany 2007 Hanne Darboven / Claudia Wieser Galerie Elisabeth Kaufmann, Zürich, Switzerland Galerie Greta Meert, Brussels, Belgium 2006 Hanne Darboven - Diary, 1987, Martine Aboucaya, Paris, France Hommage à Picasso, Deutsche Guggenheim Berlin, Germany Ein Jahrhundert ABC, Galerie Crone, Andreas Osarek, Berlin, Germany 2005 Klemens Gasser & Tanja Grunert, inc., New York, USA 2004 Querschnitt. Hanne Darboven in den Phoenix-Fabrikhallen, Phoenix Kulturstiftung, Hamburg, Germany Hanne Darboven – Ein Jahrhundert ABC, Kestnergesellschaft, Hannover, Germany Phoenix Art, Hamburg, Germany 2003 Hanne Darboven: Bücher, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Vienna, Austria Hanneles Tierleben, Galerie Elisabeth Kaufmann, Zurich, Switzerland Haus Konstruktiv, Zurich, Switzerland Galerie Meert Rihoux, Brussels, Belgium 2002 Hanne Darboven - Kosmos - ?85 - Weltreise - In Gedanken an Humboldt - Kosmos, Galerie Jule Kewenig, Frechen, Germany Hanne Darboven: Bücher, 1966-2002, Westfälisches Landesmuseum, Münster, Germany Hanne Darboven: Bücher, 1966-2002, Ein Jahrhundert, Galerie Ascan Crone, Berlin, Germany 2000 De Zonnehof, Amersfoort, The Netherlands Menschen und Landschaften, Schaffhausen Hallen für Neue Kunst Galerie Klosterfelde, Berlin, Germany Leben, leben / Life, living, Carnegie Museum of Art, Pittsburg, Pa., USA Hanne Darboven. Ein Jahrhundert- JohannWolfgang von Goethe gewidmet. Museum für Moderne Kunst. Frankfurt a. M. , Germany Das Jahr 1974, Regen Projects, Los Angeles, USA Hanne Darboven. 9 x 11 = 99, Konrad Fischer Galerie, Düsseldorf, Germany Diary 1993, Galerie Klosterfelde, Berlin, Germany Museet for Samtids Kunst, Oslo, Sweden 2000/1999 Hommage à Picasso, Deichtorhallen, Hamburg, Germany Das Frühwerk, Hamburger Kunsthalle, Germany 1995 Galerie Meert Rihoux, Brussels, Belgium 1989 Galerie Meert Rihoux, Brussels, Belgium

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Rational/Irrational

(08 November 08 - 11 January 09)
images
Kalendergeschichten (Kalender 1976 b)