John Bock

Article Bio Works Merits Projects
crossroads:
Überschreitung, Identität, Transformation, Umschwung, Wahrnehmung
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Action Art, Installation, Performance, Videokunst)
region:
Europe, Western
country/territory:
Germany
created on:
August 24, 2009
last changed on:
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John Bock
John Bock. Courtesy of the artist

Article

John Bocks surreales Welttheater

„Die abgeschmierte Knicklenkung im Gepäck verheddert sich im weißen Hemd“

„Ich bin wahrscheinlich der schlechteste Regisseur auf Erden, weil ich mich ausschweige“, sagt John Bock – einer der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler. Sein Werk changiert zwischen Video, Performance und Installationskunst. Ein Kreativ-Kreislauf mit stets offenem Ende – an der grünen Grenze von Sinn und Unsinn.
„Ich habe angefangen mit theoretischen, mathematischen Vorträgen und ich wollte gar nicht aktionistisch sein. Da rutscht man dann so rein, baut ein Kostüm, baut ein Objekt und dann sagt man sich: ja die weiße Wand reicht nicht mehr – also baut man sich ein Bühnenbild, dann eine Bühne – und so läppert sich das“, sagt der Aktionskünstler John Bock, der schon seit einigen Jahren zu den Kaschmirkindern deutscher Gegenwartskunst gehört.

Im Jahr 2007 zeigte die Schirn in Frankfurt die grotesk-ironisch-post-dadaistisch-humorige Filmkunst des documenta11- und Biennale-Teilnehmers: aufwändig inszenierte, mit Schauspielern gedrehte Filme, die ebenso surreal sind, wie sie sich einer rationalen Deutung entziehen. Zu sehen war etwa das in der eigenen Küche gedrehte Videodebüt „Porzellan-Isoschizo-Küchentat des neurodermitischen Brockenfalls im Kaffeestrudel“. Eigens für die Ausstellung in Los Angeles entstand der Gangsterfilm „Palms“ – aber auch ein französisches Schloss, ein Bunker oder ein norddeutscher Bauernhof taugen als Szenario. „Ich bin wahrscheinlich der schlechteste Regisseur auf Erden, weil ich mich ausschweige“, sagt Bock, der Film-Genres destruiert und das chaotische Ganze zu einem surrealen Welttheater verkittet.

Sein Lebensweg als Künstler war eigentlich gar nicht vorgesehen. Bock studierte Betriebswirtschaft in Hamburg, doch wechselte er später dort an die Hochschule für Bildende Künste. Heute ist er selbst Hochschullehrer. Er lehrt seit dem Wintersemester 2004/05 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe als Professor für Bildhauerei. Schon früh war es der Alltag, der ins Blickfeld des Künstlers geriet. Und die Fallen, die dieser Alltag stellt, die sind bis heute sein Thema.

In den frühen Neunzigern erfand er seine „Vorträge“: Kunstperformances, bei denen der Künstler Elemente akademischer Vorlesungen integrierte. Doch bald wurde John Bocks Werk raumgreifender: Es entstanden große Installationen aus Alltagsobjekten – aus Holz, Pappe, Lebensmitteln, Watte, Putzmitteln oder Rasierschaum, die dem Performer gleichzeitig auch als Bühne dienten. Filme von solchen Aktionen wurden wiederum in die Installationen eingespeist – ein Kreativ-Kreislauf mit stets offenem Ende.

Im Jahr 2000 überquerte Bock mit einem selbstgebauten Floß die Weser, 2001 realisierte er mit „Porzellan-Isoschizo-Küchentat des neurodermitischen Brockenfalls im Kaffeestrudel“ seine erste eigenständige Video-Arbeit: Ein rasanter Film, der einen 2minütigen Kampf des Künstlers mit lebendig gewordenen Lebensmitteln zeigt. Bei der documenta11 präsentierte Bock nur ein Jahr später, wie er es nannte, „eine Art Theaterstück“ inklusive öffentlicher Proben und Aufführungen. In einem Interview erklärte er: „Mir geht es um die Rezeption, um die Durchleuchtung des Entstehungsprozesses: An einer Stelle sieht man die Proben, daneben eine Videoprojektion davon. Nebenan werden die Darsteller in Ganzkörperanzüge eingenäht. Die Kostüme werden bei ´H & M´ gekauft, auch das gehört dazu.“

Und auch das gehört zum Alltag von Kunstausstellungen: dass Besucher gerade an Videoarbeiten und Filmen gerne vorbeilaufen und sich den Gemälden und Fotografien zuwenden – dem, was an der Wand hängt. Doch das, sagt Bock, sei gar kein Problem. Es soll kein Zwang zum Zuschauen entstehen. Jeder sei frei und solle es auch bleiben. Doch zumeist bleiben die Menschen stehen, wenn Bocks Filme zu sehen sind, wenn er Vorträge mit Titeln wie „Die abgeschmierte Knicklenkung im Gepäck verheddert sich im weißen Hemd“ hält, Theater macht, Installationen und Skulpturen zeigt – alles in neuartiger Weise miteinander zu einer Geschichte an der grünen Grenze von Sinn und Unsinn verwoben. Zu einer Geschichte in der Kunsthistorie (die Dadaisten, Surrealisten oder auch Beuys) zitiert wird – doch stets das „Ich“, das Unbewusste, das Subjektive im Vordergrund steht.

Auf der Biennale in Venedig war Bock 1999 und 2005 zu Gast. Auch bei der Manifesta 2004 in San Sebastian. Bedeutende Einzelausstellungen schlossen sich an. 2004 schuf Bock den Film „Gast“, bei dem er die Welt aus der Perspektive eines Hasen zeigt – ein faszinierender Kunstgriff, der das Vertraute der eigenen Wohnung fremd erscheinen lässt.

Vom Kurzvideo fand Bock in den vergangenen Jahren zu stärker narrativen Filmen wie „Meechfieber“ oder „Salon de Beton“, bei denen er auch Schauspieler einsetzt, deren Deutung doch stets vage bleibt: Es sind nicht die Eindeutigkeit, nicht die Kohärenz, die ihn interessieren, sondern das Hintergründige, Unbewusst-Subjektive.

Im vergangenen Jahr wurde Bock mit dem Arken-Preis des dänischen Arken-Museums geehrt, weil er, so die Jury-Begründung, „das Groteske, Absurde und Wahnwitzige wage“. Eine neue, für das Haus der Kulturen der Welt konzipierte Arbeit ist der „GlidderModderlauf der Quasi-Me´s“ („Umhüllungen knicken sich zu analytischen Diagrammen. Der Animalische Existo sprüht Schmierfunken“), bei dem John Bock seine eigenen Kleidungstücke auf einer „Laufkoppel“ präsentiert und Models „zu Quasi-Ichs“ mutieren. Auch das: ein Versuch, durch Kunst die Welt zu ordnen, eine neue Welt zu schaffen, absurd, skurril und dennoch, wie der Künstler sagt, voller Momente von Wahrhaftigkeit, „im spielerischen Ernst gleichsam versteckt“.
Author: Marc Peschke

Bio

1965 in Gribbohm geboren;
Studium an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg. John Bock lebt und arbeitet in Berlin.

Works

Exhibition / Installation,
2008
Film Retrospective, Mikrokosmos Cinema, Athens, Griechenland; PARA - SCHIZO ensnarled, IAS (Insa Art Space), Arts Council Korea, Seoul, Korea; Palms, REDCAT, Los Angeles, CA, USA; Martian Museum of Terrestrial Art, Barbican Art Gallery, London, Großbritannien; Laughing in a Foreign Language, Hayward Gallery, London, Großbritannien; Inside Beyond, GióMARCONI, Milan, Italien

Exhibition / Installation,
2007
Beyond the Country, Lewis Glucksman Gallery University College Cork, Irland; Artists as Collectors, Heidelberger Kunstverein, Heidelberg; The High Desert Test Sites, Los Angeles, USA; The Harder You Look, Eleni Koroneou Gallery, Athens, Griechenland; John Bock, Sadie Coles HQ, London, Großbritannien; John Bock, Regen Projects, Los Angeles, USA; Fit to Print: printed media in recent collage, Gagosian Gallery, New York, USA; Soufflé, eine Massenausstellung, Kunstraum Innsbruck

Exhibition / Installation,
2006
John Bock – Mit Schisslaveng, Anton Kern Gallery, New York, USA; Zero Hero, The Moore Loft, Miami, USA; Anstoss Berlin, Kunst Macht Welt, Haus am Waldsee, Berlin; Dada’s Boys, The Fruitmarket Gallery, Edinburgh, Scotland; John Bock’s Medusa im Tam Tam Club, Staatsoper unter den Linden, Berlin; John Bock: Lütte mit Rucola, Galerie Klosterfelde, Berlin; The Hugo Boss Prize 2006, The Solomon R. Guggenheim Foundation, New York, USA; Nöle, Schauspielhaus, Zürich, Schweiz; Surrogat, Netherlands Media Art Institute, Amsterdam, Niederlande

Exhibition / Installation,
2005
A-Buba, Stella Lohaus Gallery, Antwerp, Belgien; John Bock, Frac Provence-Alpes-Cote d’Azur, Marseille, Frankreich; Skipholt, Kling & Bang, Reykjavik, Iceland; PestKOP im black rebel motorcycle club, Hamburger Bahnhof Museum für Gegenwartskunst, Berlin; Girls on Film, Zwirner and Wirth Gallery, New York, USA; The Addiction, Gagosian Gallery, Berlin; Abnormal, Nyehaus, New York, USA; Dionysiac, Fondation Cartier Pour L’Art Contemporain, Paris, Frankreich; Venice Biennial 2005, Venice, Italy; 8th Biennale d’Art Contemporaian de Lyon, Lyon, Paris, Frankreich; Rough Diamond, Program, London, Großbritannien; Reykjavík Arts Festival 2005, Reykjavík Art Mueum, Reykjavík, Island

Exhibition / Installation,
2004
John Bock, Fondazione Nicola Trussardi, Milan, Italien; Klutterkammer, ICA, London, Großbritannien; Manifesta 5, European Biennial of Contemporary Art, Donostia-San Sebastian, Spanien

Merits

1999
“Ars Viva” prize, Germany

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Spirit of the Haus (deutsch)

20 Jahre Haus der Kulturen der Welt

(02 September 09 - 30 September 09)