Jens Hillje

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crossroads:
Identität, Migration, Vielfalt
genre(subgenre):
Performing Arts (allgemein)
region:
Europe, Southern, Europe, Western
country/territory:
Italy, Germany
created on:
May 27, 2011
last changed on:
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Jens Hillje
Jens Hillje © Max Wendt

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Der Wegbereiter

Mailand. München. Landshut. Jens Hillje hatte eine bewegte Kindheit. Aber ist sie auch Erklärung für sein Interesse an dem Thema, das ihn dieser Tage umtreibt? „Bestimmt sogar“, meint der Dramaturg, der spätestens seit seinem diesjährigen Beitrag beim Berliner Theatertreffen als wichtiger Akteur der postmigrantischen Theaterszene gilt. „Ich bin als protestantischer Auslandsdeutscher in Italien aufgewachsen und zog danach mit meiner Familie nach Niederbayern. Das Gefühl des Nichtdazugehörens ist mir bestens bekannt“, erzählt Hillje.
In dem Stück „Verrücktes Blut“, das er mit dem türkischstämmigen Dramatiker und Regisseur Nurkan Erpulat geschrieben hat, blickt er nun auf eine vielfältige Gesellschaft, die irgendwie versucht miteinander zu leben. Mit dieser Geschichte über transkulturelle Jugendliche und vermeintlich aufgeklärte Deutsch-Deutsche richtet sich beim Theatertreffen erstmals ein vorsichtiger Blick aufs postmigrantische Theater. In Frankreich oder Großbritannien, also Ländern mit reger Kolonialgeschichte und entsprechendem Aufarbeitungswillen, wäre Hillje einer von vielen. In Deutschland ist er Vorreiter. Einer, der Themen ins Zentrum des Theatermainstreams stellt, die trotz hiesiger Einwanderungstraditionen bislang kaum Einzug auf heimischen Bühnen gefunden haben. Zwar gibt es gerade in Berlin, wo Hillje seit vielen Jahren arbeitet, Orte und Nischen für Dramatiker, Regisseure und Schauspieler mit Migrationshintergund. Dem Publikum der größeren Häuser aber werden sie gerade erst bekannt. Bei dieser Art von Aufklärungsarbeit hilft Hillje unter anderem mit seiner Popularität. Schließlich ist er dem breiteren Publikum vor allem durch seine Arbeit an den großen Häusern der Stadt bekannt. Nach dem Studium ging es schnurstracks an eine Nebenbühne des Deutschen Theaters, wo er mit einem alten Schulfreund zum dramatischen Traumduo der späten 90er Jahre avancierte. Von 1996 bis 1999 begeisterten Thomas Ostermeier und Jens Hillje ein überwiegend junges Theaterpublikum in der „Baracke“. Sie wurden wichtiger Bestandteil der deutschen Sprechtheaterszene und ihre Version von „Shoppen und Ficken“ ein kongenialer Hit.

Danach kam der Wechsel ans noch größere Haus. Zusammen mit Sasha Waltz und Jochen Sandig übernahmen Hillje und Ostermeier 1999 die Leitung der Schaubühne. Und auf einmal erreichten sie ein riesiges Publikum. Es war ein Luxus, dem sich Jens Hillje als Chefdramaturg des Hauses bis zum Jahr 2008 gern hingab. Dann folgte abermals ein Wechsel – in die freie Szene. Hillje ist heute nach wie vor für das Diskussionsforum Streitraum an der Schaubühne verantwortlich, denn den würde er schon aus Lust an der Auseinandersetzung nicht aufgeben. Doch heute gilt sein Interesse vor allem dem lokalen Theater in seinem direkten Kreuzberger Umfeld. Dort hat Hillje sich mit der Theatermacherin Shermin Langhoff zusammengetan, an deren Theater er immer öfter aktiv ist. „Für mich ist das sehr interessant“, sagt er, „am Ballhaus Naunynstraße zu arbeiten, an dem ich ausnahmsweise mal nicht zur Mehrheit gehöre.“

Am Haus der Kulturen der Welt, Hilljes nächster Station, muss er nun eher dafür sorgen, dem Publikum die Stücke von Performern aus aller Welt zu vermitteln. Dort, wo interkulturelle Verständigung auf höchstem Niveau betrieben wird, kuratiert Hillje dieses Jahr erstmals das Festival IN TRANSIT, das performative Aushängeschild des Hauses. Zusammen mit Irina Szodruch, einer ehemaligen Schaubühnen-Kollegin, will er bei der diesjährigen Ausgabe „Spectator“ den Blick auf den Zuschauer richten. Diese umgekehrte „Politik der Blicke“ ist nicht neu, aber sie wird in diesem Falle von Künstlern wie Ming Wong, Ann Liv Young oder Ivo Dimchev weitergedacht. Von Künstlern, die sich in den vergangenen Jahren sehr intensiv mit der Rolle des Zuschauers beschäftigt haben. Ob das Publikum damit umgehen kann, dass es zumindest inhaltlich in die Verantwortung gezogen wird? Das ist eine Frage, die Jens Hillje seit geraumer Zeit umtreibt. Ebenso wie die, wo Auseinandersetzung mit Kulturproduktionen greift, die jenseits der „normaldeutschen“ Verständnisebene entstehen. Aber da hat er mit seiner Kreuzberger Nachbarschaft ja bereits eine Antwort gefunden.
Author: Elisabeth Wellershaus

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

IN TRANSIT 2011

(15 June 11 - 18 June 11)

Www

Das Deutsche Theater ist zu weiß

Textarchiv der Berliner Zeitung, Michaela Schlagenwerth (17.02.2011)

Du kannst ja Deutch, du Muschi!

cult online. Von Patrick Bethke (14.02.2011)