Nossa Cara

Article Works
crossroads:
Gewalt, Kinder, Liebe, Sexualität, Tod
genre(subgenre):
Performing Arts (Theater)
region:
America, South
country/territory:
Brazil
city:
Salvador da Bahia
created on:
May 14, 2003
last changed on:
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Sein oder Nicht-Sein

„Nossa Cara“ ist eine Theatergruppe von Straßenkindern, die Anfang der neunziger Jahre im Rahmen des „Projeto Axé" in Salvador da Bahia gegründet wurde. Mit ihrem Stück „O Rei Do Trono Do Barro“, einer Hamlet-Adaption, tourte das Ensemble mit großem Erfolg durch Brasilien und Deutschland.
Selten ist die Frage nach dem „Sein oder Nicht-Sein“ dramatischer in einen neuen Zusammenhang übertragen worden als von dem 16-jährigen „Hamlet“ Fabui Tobias, der drei Jahre seines Lebens auf der Straße verbracht hat. Er und seine neun Mitstreiter gehörten zu den zahllosen obdachlosen Kindern, die in der 2,3 Millionen-Metropole Salvador da Bahia an Brasiliens Ostküste leben.
Diesen Kindern Unterstützung zu geben, hat sich das „Projeto Axé" – „Axé" bedeutet Power, Energie, Lebenskraft – zur Aufgabe gemacht. Cesar Florio da Rocca, Gründer des Projektes, berichtet über die Ziele der Arbeit: „Wir tun nichts für die Kinder, sondern suchen zusammen mit ihnen nach neuen Perspektiven. Das braucht Zeit. Wir wollen die Kinder nicht wie die Polizei von der Straße holen, sondern sie erst einmal über Alternativen zu ihrem bisherigen Leben informieren. Entscheiden müssen sie sich selbst." Zu einer der erfolgreichsten Initiativen des Projektes wurde die Theatergruppe „Nossa Cara", „Unser Gesicht".

Auf Anregung des Goethe-Instituts in Salvador da Bahia kam es zu einer Zusammenarbeit zwischen der Leiterin der Theatergruppe „Nossa Cara", Maria-Eugenia Milet, der Dramaturgin Vera Achatkin und dem Regisseur Volker Quandt. Gemeinsam mit den Kindern erarbeiteten sie das Theaterstück „O Rei do Trono de Barro", (zu Deutsch „Der König vom Lehmthron") – den „Straßen-Hamlet".

In ihrer „Hamlet“-Version spielen die jungen Künstler ihre Geschichte, ihre Erfahrungen und demonstrieren zugleich die Aktualität der Shakespeare-Vorlage. Gewalt, Macht, Verrat, Liebe, Tod und Sexualität behalten als Grundmotive ihre Gültigkeit – in den Beziehungen der brasilianischen Kinderbanden ebenso wie im dänischen Königshaus.

Das Bühnenbild ist aus der Realität der Kinder gegriffen: Müll, alte Autoreifen, die Wände mit Graffitis übersät. Den Rhythmus der Aufführung geben die Blechtonnen-Trommeln an. Und mit ihrem Gefühl für Körper und Bewegung sind die jugendlichen Darsteller in dieser Kulisse überwältigend präsent.

Zur Auswahl des Stoffes erläutert Volker Quandt: „Es war zwar eine frühe Überlegung, Hamlet als Ausgangspunkt für die Schilderung der Situation der Straßenkinder zu benutzen, aber Shakespeares Hamlet im Straßenkindermilieu Brasiliens – geht das? Zwischen Shakespeares Universum und der brasilianischen Wirklichkeit liegen doch Welten. Und Jahrhunderte! Und dennoch: Verrat bleibt Verrat, Rache bleibt Rache, und Mord bleibt Mord. Ganz egal, wo und wann. Die Morde an acht Straßenkindern in Rio einige Monate nach der Straßen-Hamlet-Premiere sind ein erschütterndes Indiz dafür."

Entscheidend für die endgültige Wahl der Vorlage waren dann die Erlebnisse, die die Jugendlichen während eines Workshops thematisierten: „Ein 17-Jähriger improvisiert einen seiner immer wiederkehrenden Träume. Sein Freund ist vor kurzem von der Polizei erschossen worden. Nun erscheint ihm im Traum der Geist seines Freundes und fordert Rache – Hamlets Geist!

Bei Rollenspielen über die Machtstruktur in einer Straßenbande kristallisiert sich schnell ein ‚Anführer-Pärchen´ heraus. Er bekommt den Namen Cabeça (Kopf), sie Rainha (Königin) – Claudio und Getrud!
Immer wieder stehen die Schicksale der Mädchen im Mittelpunkt der Improvisationen: wie sie auf der Straße gelandet sind, wie sie sich einer Straßenbande angeschlossen haben, welches Verhältnis sie zur Sexualität haben. Sexualität ist für sie oft synonym mit Gewalt. Einige der Mädchen spielen ihre Vergewaltigung durch – Ofélia!", berichtet Volker Qandt.

Der Zusammenstellung der Gruppe wurde bei der Bearbeitung des Stückes Rechnung getragen, ein Teil der Charaktere umgedeutet: „Der Konflikt zwischen der Jugendbande und der Polizei symbolisiert den Krieg zwischen Dänemark und Norwegen. Auf Darstellung von Gewalt wurde zwar verzichtet – aber sie ist visuell und akustisch allgegenwärtig – Sirenen, Rotlicht, Graffiti, Müll. Ein salvadorianischer Hamlet sollte es werden, weshalb aktuelle Bezüge in die Produktion einflossen" (Volker Quandt).

Die Aufführungen von „O Rei do Trono de Barro" in Rio de Janeiro, Salvador da Bahia, Frankfurt, Leipzig, Köln, Bonn, Neuss (Shakespeare-Festival) und Berlin fanden ein begeistertes Publikum. Die Berliner Morgenpost schrieb: „Was für ein Talent, was für ein Tempo, was für ein Temperament!"

1998 führte das „Harlekin-Theater“ in Leipzig die deutsche Erstaufführung auf; Vorstellungen in Köln und Bonn folgten.

(Der Text des Stückes, der von Volker Quandt aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt wurde, kann über den Verlag des Harlekin Theaters bezogen werden. www.harlekintheater.de)


Author: Beate Mielemeier

Works

O Rei Do Trono Do Barro

Production / Performance,
1994
22. – 25. September 1994 Straßenhamlet Gespielt von der Gruppe „Nossa Cara“ Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt in Zusammenarbeit mit Pachanga Promotions

O Rei Do Trono Do Barro (King on a Lime Throne)

Production / Performance,
1994
Thursday 22nd – Sunday 25th September, 1994 Straßenhamlet (Street Hamlet) performed by the group Nossa Cara Organiser: House of World Cultures together with Pachanga Promotions