Qiu Zhijie

Article Bio Works Projects Images
crossroads:
Erinnerung, Geschichte, Körper, Scham
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation, Kalligraphie, partizipatorische Kunst, Performance, Text, Videokunst)
region:
Asia, Eastern
country/territory:
China
created on:
October 4, 2009
last changed on:
Please note: This page has not been updated since October 4, 2009. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:
Qiu Zhijie
Qiu Zhijie. Courtesy of the artist

Article

Archäologe von Tradition und Gegenwart

Seit geraumer Zeit erfahren die Arbeiten des chinesischen Künstlers Qiu Zhijie internationale Bekanntheit. Die Vielfalt seiner Techniken und Inhalte lässt sich anhand seiner Biografie nachvollziehen. Qiu Zhijie wurde 1969 während der Spätphase der Kulturrevolution in Zhangzhou im Süden Chinas geboren. Sein Großvater brachte ihm in jungen Jahren die Kunst der Kalligrafie bei, gleichzeitig fällt seine Jugend mit der Öffnung Chinas gen Westen in der Ära Deng Xiaopings zusammen. In dieser Zeit vertieft sich Qiu Zhijie in die Werke westlicher Philosophen wie Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Jean-Paul Sartre. Er begeistert sich auch für die Schriften des chinesischen Aktivisten und Philosophen Lu Xun, der als Begründer der modernen Literatur Chinas gilt und in seinen Werken die sozialen Konflikte der Gesellschaft hervorhebt.
1988 beginnt Qiu Zhijie sein Studium der Druckgrafik an der National Academy of Fine Art in Zhejiang. Bereits mit Verlassen der Akademie beginnt er, traditionelle Techniken in konzeptuelle Formen zu übertragen. So unterwandert er mit seiner Abschlussarbeit „Concern to the New Life“ (1992) – einer großflächigen Installationsarbeit – die Konventionen der Malerei: Er kombiniert 16 Glasplatten unterschiedlichster Größe, auf die er Texte und urbane Bildfragmente aufträgt, sodass die Besucher Teil eines städtischen Kosmos werden. Hier integriert er bereits das Publikum als Teil des Produktionsprozesses von Kunst.

In seinen gefeierten Fotografie-Serien, wie „Tatoo“ (1994), „Rainbow“ (1994), „Good“ (1997), „Intersection“ (2000) oder „Group Photo“ (2007) zeigt er, wie der Mensch als körperliches Wesen durch äußere Kräfte und soziale Bedingungen geformt wird. In „Public Space“ (1994) macht er das menschliche Schamgefühl zum Thema, wenn er eine öffentliche Toilette hinter Glas zeigt. Die Befragung von Körperlichkeit motiviert Qiu zusammen mit Wu Meichun, die Ausstellung „Post-Sense Sensibility: Alien Bodies“ (1999) zu kuratieren. Durch ihre radikale Infragestellung menschlicher Darstellungen wird die Ausstellung zum Meilenstein in der Geschichte der unabhängigen Kunstszene Chinas. Mit der darauf folgenden Aktion „Delusion and Post-Sense Sensibility: Spree“ (2000) entwickeln sie eine Live-Art-Arbeit, bei der das Publikum durch das Verschließen der Ausstellungstüren zum (ungewollten) Bestandteil einer exzessiven Performance samt Tierköpfen auf Silbertabletts und künstlichem Blut wird. Die Reaktion der Besucher wird live auf einen Bildschirm projiziert: Sie sind unwiederbringlich zu einem Teil und Mitproduzenten der Arbeit geworden.

Qiu Zhijie, der seit seiner Jugend in ständigem Kontakt mit den zeitgenössischen westlichen Diskursen steht, beginnt sich Ende der 90er Jahre auf die traditionelle chinesische Kunst zurück zu besinnen. Dabei eignet er sich weitere Techniken an und schreibt sie fort: „Schritt für Schritt habe ich meine Muster makro-kultureller Interpretation aufgegeben und mich auf mein Ureigenstes als Feld besonnen, in dem ich mich aktiv mit mikro-kulturellen Erfahrungen auseinandersetze. Darauf aufbauend begann ich, Mikro-Geschichten zu erzählen, mich mit bestimmten Räumen auseinanderzusetzen, mich für bestimmte Begegnungen und Erinnerungen, Oberflächenfarben und -formen zu interessieren.“

So nutzt er die Kunst der Kalligrafie als „Geheimwaffe“, um in “Copying a Thousand Times the Preface to the Gathering at Orchid Pavillion” (1992) eine Kalligrafie aus dem 4. Jahrhundert so lange zu kopieren, bis das Papier vollständig in Schwarz getaucht ist. Auch bei „Ten Tang Poems“ (2001) bezieht er sich auf eine jahrhundertealte Technik: Hier greift er die Dichtkunst der Tang Dynastie auf. Das Video, das den dichterischen Schreibprozess zeigt, läuft rückwärts. Auch hier arbeitet er mit der Auflösung: Die Gedichte verschwinden förmlich im Nichts.

Neben Einzelausstellungen im Shanghai Zendai Museum of Art, der Moskau Biennale (2002) und der São Paulo Biennale (2001) war Qiu Zhijie 2009 im Chinesischen Pavillon in Venedig vertreten. Seine Auseinandersetzung mit der Nanjing Yangtze Brücke in der mehrteiligen Arbeit „Twilight of the Idols/Götzendämmerung“ (2009) im Haus der Kulturen der Welt ist Teil seiner Beschäftigung mit dem Zerfall der „großen Erzählung“ sowie der Konfrontation von Historie und Gegenwart: „Es gibt eine Vielzahl von Bildern und diese Bilder verbinden die historische Erinnerung auf der einen und die heutigen Geschehnisse auf der anderen Seite.“ Indem Qiu Zhijie die ambivalente Geschichte dieser Brücke aufgreift, die zugleich maoistisches Wahrzeichen und Ort zahlreicher Selbstmorde ist, thematisiert er leise den Preis der chinesischen Modernisierungsprozesse.
Author: Anna Bartels/Christine Nippe

Bio

Born 1969 in Zhangzhou, Fujian Province, China. 1992 he graduates from the China Academy of Art, Hangzhou. The artist lives and works in Beijing.

Works

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2009 What is to Come, The Venice Biennale - Chinese Pavilion, Venedig, Italien; 2008 The Third Guangzhou Triennial, Guangzhou, China; 2008 FOTOFEST2008 - Photography from China, 1934 – 2008/Twelfth International Biennial of Photo-based Art, Texas, USA; New Photo - Ten Years, Carolina Nitsch Project Room, New York, USA; Practice: A Perspective from Chinese Video Art, Walsh Gallery, Chicago, USA; 2007 New Photo - Ten Years, Three Shadows Photography Art Center No.155, Beijing, China; Dragon´s Evolution, ChinaSquare New York, New York, USA; Sustainable Imagination, Arario Beijing Chaoyang Liquor Factory, Beijing, China; La primavera del drago - Zoom on China, Palazzo Loggia Wave Photogallery, Italien; Made in China, Louisiana Museum of Contemporary Art, Humlebaek, Dänemark; We are your Future – Special Project for the 2nd Moscow Biennale, Ethan Cohen Fine Arts, New York, USA; Between Past and Future: New Photography and Video from China; 2006 Santa Barbara Museum of Art, Santa Barbara/Kalifornien, USA; Personal Space, Thomas Erben Gallery, New York, USA; Ultra Peau, Palais de Tokyo, Paris, Frankreich; Zwischen Vergangenheit und Zukunft, Haus der Kulturen der Welt, Berlin; Between Past and Future: New Photography and Video from China, The Victoria and Albert Museum, London, Großbritannien; Regeneration: Contemporary Chinese Art from China and the U.S., Williams College Museum of Art, Williamstown/Massachusetts, USA; Monuments for the USA, White Columns, New York, USA; The Second Guangzhou Triennial, Guangdong Museum of Art, Guangzhou, China; 2005 Expo.05 - Photo Chinoise, Galerie Loft, Paris, Frankreich; Regeneration – Contemporary Chinese Art from China and the U.S., The Arizona State University Art Museum, Tempe/Arizona, USA; The Noorderlicht Photofestival 2005 - Traces and Omens, Stichting Fotografie Noorderlicht, Groningen, Niederlande; Fairy Tales Forever - An homage to H.C. Andersen, ARoS Aarhus Kunstmuseum, Århus, Dänemark; La Cina, Spazio Oberdan, Milan, Italien; A Strange Heaven – Contemporary Chinese Photography, Tennis Palace/City Art Museum, Helsinki, Finnland; Venedig Biennale – Between Past and Future: New Photography and Video From China, Venedig Biennale, Venedig, Italien; Contemporary Art from Greater China, Goedhuis Contemporary, New York, USA; Monuments for the USA, Wattis Institute for Contemporary Art/California College of Arts, San Francisco, USA; Trading Place: Contemporary Art Museum, Museum of Contemporary Art (MOCA), Taipeh, Taiwan; Between Past and Future: New Photography and Video from China, Seattle Art Museum, Seattle/Washington, USA; Living in Interesting Times – A Decade of New Chinese Photography, The Open Museum of Photography at Tel Hai, Tel-Hai, Israel; On the Edge: Contemporary Chinese Artists Encounter the West, Cantor Arts Center/Stanford University, Stanford, USA; Text Me - An Exploration of Body Language, Sherman Galleries, Sydney, Australien; 2004 Img.: Ma Liuming . Great Wall 1998, Photography, 200 x 127 cm, The Box, Singapur

Einzelausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2009 Archeology of Memory, Ullens Center for Contemporary Art UCCA, 798 Art District, Beijing, China; 2007 Long March Space, Dashanzi Art District, Beijing, China, Lunar Seasons, Chambers Fine Art, New York City, USA; UNESCO´s One Minute Videos For HIV Awareness, Timezone 8 Editions, Factory 798, Beijing, China; 2006; Let There Be Light, Grace Li Gallery, Zürich, Schweiz; Reinventing Books in Chinese Contemporary Art, China Institute Gallery, New York; 2005 Qiu Zhijie (Guangzhou Photo Biennial 2005), Guangdong Museum of Art, Guangzhou, China; 2005 Light and Words, HanArt TZ Gallery, Hongkong; Melancholy Man, Gallery Loft, Paris; Black and White Zoo, Gallery of Dartington Art academy, UK; 2004 Social Portrait, Courtyard Gallery, Beijing, China; Asian Parallel Times, Shenzhen Art Institute, Shenzhen; Asian Parallel Times, Hong Kong Art Museum, Hongkong, China; Asian Parallel Times, Casa Asia, Barcelona, Spanien; 2003 UFO:Qiu Zhijie Photography/Calligraphy, Gallery Loft, Paris, Frankeich; 2001 Invisibility: Qiu Zhijie, Ethan Cohen Fine Arts, New York, USA; 2000 Daily Touch, Orient Foundation, Macao, China; 1999 Innate Forces-mixed Media Works, Art Beatus Gallery, Vancouver, Kanada; 1998 Calendar 1998, Gallery of Central Academy of Fine Arts, Beijing, China

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Rasende Heimat

Kunst, Literatur, Musik

(08 October 09 - 01 October 10)
images
National Diploma with Image of the Nanjin Yangtze